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Gnadenbrot für einen Präsidenten

04 Jan

„Amt des Bundespräsidenten tritt von Christian Wulff zurück“ – so titelt der Postillon überspitzt, aber zutreffend. Das Interview hört sich nicht an wie eine einigermaßen selbstbewußte Flucht nach vorn, sondern wie die Beschreibung eines bemitleidenswerten Opfers von außen. Er drückt auf die Knöpfchen, die bei einem Gros der Bevölkerung immer funktionieren: Mitleid mit seiner besonderen Lage, Verständnis für die „Angriffe“ auf seine Familie – was übrigens auch schon zu Guttenberg instrumentalisiert hat. Klar ist danach nichts.

Die Transparenz, die der Bürger verlangen kann, entsteht nicht einmal durch Nachfragen von Schausten und Deppendorf. Der Präsident fällt beinahe zwanghaft wieder in die Larmoyanz-Schleife zurück. Bis jetzt hat noch niemand gezählt, wie oft im Interview die Worte Freund oder Freunde fielen. Es hinterlässt den Eindruck, als sei Wulff nicht so sehr selbst Persönlichkeit, sondern hinge vornehmlich am Tropf anderer Personen. Der kaum mittelmäßige Selbstdarsteller Wulff ist mit seinem Versuch einer einleuchtenden Rechtfertigung gescheitert. Dem Politiküberdruss tut das gut, das Amt ist geschwächt und Deutschland verkommt zunehmend zur Lachnummer.

Wenn Wulff im Amt bleibt, nenne ich das Gnadenbrot. Womöglich muss er ein Stück davon mit Merkel teilen.

 
29 Kommentare

Verfasst von - 4. Januar 2012 in Kultur, Menschen, Politik

 

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29 Antworten zu “Gnadenbrot für einen Präsidenten

  1. Angela

    4. Januar 2012 at 21:09

    “ Die Transparenz, die der Bürger verlangen kann, entsteht nicht einmal durch Nachfragen von Schausten und Deppendorf.“
    Das hat mich am meisten geärgert. Wie Wulff drauf ist, war vorher klar. Gibt’s bei den öffentlich-rechtlichen Sendern keine Profis, die kompetent, knackig und charmant gute Fragen stellen und vor allem klug nachhaken? In anderen Berufen gibt’s doch Profis, die das können. Das Interview war nur teuer – die GEZ-Zahler latzen wieder einmal. Was für eine besch.., reumütige Show.

     
  2. noname

    4. Januar 2012 at 21:15

    es gab hier mal jemand, der Mimik interpretiert hatte (bei Guttenberg?)

    Wulff hat zu oft nach unten gesehen und / oder Augen zu gemacht.

    „“Ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von Freunden kein Geld mehr leihen kann“, sagt der Präsident.
    Man möchte ihm entgegenrufen: Wer will Bürger in einem Land sein, in dem der Präsident solche Sätze im Fernsehen sagt?“

    (SpOn)

     
  3. opalkatze

    4. Januar 2012 at 21:39

    Nein, das war im Rahmen. Den Hammer finde ich, dass es keine Pressekonferenz gab.

     
  4. opalkatze

    4. Januar 2012 at 21:40

    Das kannst du bei @EinAugenschmaus nachlesen, sie war das mit der Mimik.

     
  5. bee

    4. Januar 2012 at 21:44

    Selten hatte eine TV-Nummer so eine miserable Choreografie – es wäre auch nicht mehr verwunderlich, wenn demnächst der Fragenwunschzettel aus Bellevue durchgestochen würde. Wulff verzeiht sich? Er sollte sich verziehen.

     
  6. R@iner

    4. Januar 2012 at 21:46

    Die Analyse der Mimik gibt es auf der Online-Seite der Rhein-Zeitung.

     
  7. Angela

    4. Januar 2012 at 21:50

    (Auch) ein Hammer. Überrascht mich nicht. Derweil hüllt sich die Kanzlerin, das eigentliche Staatsoberhaupt, in Schweigen. Die heutige Show muss (ihr) reichen.

     
  8. opalkatze

    4. Januar 2012 at 21:56

    – und die Studiogestaltung. Kann man immer brauchen, sachichdoch.

     
  9. opalkatze

    4. Januar 2012 at 21:57

    Ah, danke. Ja, das ist @EinAugenschmaus.

     
  10. VonFernSeher

    4. Januar 2012 at 22:42

    Menschen, die nach unten schauen, könnten auch einfach nachdenken. Man kann es auch übertreiben mit der Spekulation. Wehner, Fischer, Schmitt – denen wurde/wird entsprechendes Verhalten auch nicht so ausgelegt. Mag man die Person: Er denkt nacht. Mag man sie nicht: Er zögert.

    Es gibt einen guten Grund, warum es damit nicht viel auf sich hat: Wulff ist von seiner Position überzeugt. Die Mimik verrät immer nur die innere Einstellung zu einer Aussage, nicht aber einen objektiven Wert.

     
  11. VonFernSeher

    4. Januar 2012 at 23:04

    Bis jetzt hat noch niemand gezählt, wie oft im Interview die Worte Freund oder Freunde fielen.

    2+4=6

    Und jetzt kümmert euch bitte wieder um relevante Themen. Die Mama geht jetzt.

     
  12. lioman

    5. Januar 2012 at 07:13

    Ich kam auf 19

     
  13. opalkatze

    5. Januar 2012 at 10:06

    Ja, danke, hab es bei @maha auch gesehen, wird korrigiert.

     
  14. Robson Bottle

    5. Januar 2012 at 10:54

    „trotzdem ist man Mensch und man macht Fehler“… „damit hat man dem Amt sicher nicht gedient …“
    (Wer war jetzt gleich dieser „man“?)

    Wenn „man“ mit dem Anruf bei Bild-Diekmann die Veröffentlichung keineswegs verhindern, sondern nur einen Tag verschieben wollte – was von Bild-Blome mittlerweile deutlich bestritten wurde – warum war das, wenn es wahr wäre, dann ein „schwerer Fehler“?

     
  15. opalkatze

    5. Januar 2012 at 11:28

    Man muss sich immer gewählt ausdrücken. Darum.
    http://t.co/yk5BQDZL

     
  16. VonFernSeher

    5. Januar 2012 at 14:51

    Ich finde das extrem seltsam. Ich habe die Transkripte vom verlinkten Piratenpad verglichen und komme weiterhin nur auf sechs Nennungen von ‚*freund*‘, dafür aber auf 19 von ‚*bank*‘.

     
  17. VonFernSeher

    5. Januar 2012 at 15:31

    Ok, ich weiß jetzt, wie man auf 19-mal Freunde kommt. Man muss einfach auch die Aufzählungen mitnehmen, wie in Zeile 78. Mea culpa.

     
  18. Angela

    5. Januar 2012 at 18:56

    Wirklich bemerkenswert, wie Wulff sich für Transparenz einsetzt:
    http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE80403Q20120105

    Hab ich mich gestern verhört? Das war wohl Satire. Oder? Oder ’ne Witzpille im TV?

     
  19. opalkatze

    5. Januar 2012 at 22:50

    Die Fallstricke des Presserechts … Das hat Thomas wirklich einleuchtend aufgedröselt.

     
  20. VonFernSeher

    5. Januar 2012 at 22:55

    Und was hat die Veröffentlichung einer Mailboxnachricht an einen Chefredakteur mit Transparenz zu tun? Das ist wirklich zu naiv.

    Erst wenn sich die Mitglieder der Bundespressekonferenz bis auf den Letzten bindend verpflichtet haben, nie wieder an einem Hintergrundgespräch teilzunehmen, erlaube ich mir, darüber nachzudenken, ob es eventuell unter Umständen eine Überlegung wert ist. Vielleicht.

     
  21. Angela

    5. Januar 2012 at 23:04

    @VonFernSeher: Es geht darum, ob Wulffs gestrige Angabe, er habe um Aufschub der Veröffentlichung gebeten, richtig oder falsch ist. Die Veroeffentlichung kann’s klarstellen.

     
  22. VonFernSeher

    5. Januar 2012 at 23:56

    Geht es nicht. Ein überaus bekannter Journalist, der ohne jeden Zweifel Herrn Wulff als Quelle betrachtet (ich habe die Mobilfunknummer von Kai Diekmann nämlich nicht), kann nicht im Nachhinein entscheiden, ob er jetzt mal gerade Lust auf Quellenschutz hat oder nicht. Bild hat angerufen, um etwas zu hören, und hat etwas zu hören bekommen. So und nicht anders funktioniert der ganze anrüchige Hauptstadtjournalismus. Politiker quatschen andauernd auf irgendwelche Mailboxen, treffen sich inoffiziell in nur dafür konzipierten gastronomischen Betrieben und lancieren als „unterrichtete Kreise“. Und die Schreiberlinge halten es nur allzu gerne so.

    Jedes überregionale Medienhaus hat seine „Kompromate“* gut sortiert vorliegen und setzt sie gegebenenfalls ein. Bei der Bild ist das halt nur alleinige Geschäftsgrundlage, während die anderen schon auch noch Journalismus anbieten, das eine mehr, das andere weniger.

    *Ich habe leider vergessen, wen ich da zitiere.

     
  23. Angela

    6. Januar 2012 at 09:45

    @VonFernSeher, es geht gar nicht mal um guten, schlechten Journalismus und die Verquickungen zwischen Politikern und Journalisten, die nicht unüblich sind.

    Wulff hat im Interview was gesagt. Die Bild-Zeitung behauptet was anderes. Es gibt ein Beweismittel: Wulffs Anruf auf die Mailbox. Der Bürger hat ein Interesse zu erfahren, ob der Bundespräsident was Richtiges oder Falsches gesagt hat. Bild kann (teilweise) den Mailboxinhalt veröffentlichen, mit einem gewissen Risiko. Wulff ist dagegen, obwohl er sich einen Tag vorher für Transparenz stark gemacht hat.

     
  24. VonFernSeher

    6. Januar 2012 at 11:23

    Die Verquickungen sind nicht unüblich. Vertrauliche Anrufe von Politikern bei Journalisten sind nicht unüblich. Anrufe von Politikern bei Journalisten, die ihnen soeben mitgeteilt haben, dass sie einen Artikel über ihn/sie bringen, sind mehr als üblich.

    Es besteht kein berechtigtes Interesse am Inhalt der Nachricht über das bereits von beiden Seiten Bestätigte hinaus. Es bestand nie ein berechtigtes Interesse am Wortlaut der Nachricht.Herr Wulff konnte in der Situation darauf vertrauen als Quelle Gehör zu finden (oder sich durchzusetzen oder sich zu blamieren, egal). Diese Nachricht hat nichts Konspiratives und auch keinerlei öffentlichen Gehalt. Der vermeintliche Skandal liegt einzig und allein darin, dass eine Seite sich aus Eigennutz aus einem Verhältnis gelöst hat, das von vornherein nur aus Eigennutz existierte.Oder einfacher:
    Das ist so nah am Enthüllungsjournalismus wie die Poolfotos von Scharping oder die Nacktfotos von Berlusconi.

    Andersherum kommt an der Sache schon näher:
    Dass man das talentlahme Bundesbambi erst von seiner Mutti weg in den Sumpf der Privatskandälchen treiben muss, um es dann, wenn es steckengeblieben ist, solange mit Steinchen zu bewerfen, bis es sich aus lauter Angst selbst zerbeißt, sagt wohl mehr über unsere Hauptstadt-Jägermeister als über das Provinzwild im großen Berliner Forst.

    Halali!

     
  25. Angela

    6. Januar 2012 at 11:48

    @VonFernSeher, wenn ich Thomas Stadler zitieren darf:
    „… Hieran besteht naturgemäß ein erhebliches und legitimes Informationsinteresse der Öffentlichkeit.

    Vor diesem Hintergrund gehe ich von einem Überwiegen des Informationsinteresses aus, weshalb die BILD den Wortlaut des Anrufs durchaus veröffentlichen dürfte.“ Ich schließe mich dem an.

    Nun iss aber jut. ;-)

     
  26. VonFernSeher

    6. Januar 2012 at 12:20

    Natürlich darf man. Ich könnte jetzt auch Max Steinbeis zitieren oder sonst einen bloggenden Juristen, der es anders sieht, sollte es doch kaum mehr einen von der Sorte geben, der noch nichts dazu geschrieben hat.

    Meine persönliche Sympathie für Herrn Wulff hält sich in sehr engen Grenzen. Aber man muss trotzdem ein Ränkespiel nennen, was ein Ränkespiel ist. Gegner, Ziel, Strategie – das stand schon alles. Der casus belli war nur noch reine Taktik. Und Döpfner und Diekmann haben ihren Macchiavelli gelesen.

    Tugend, Fügung, Ehrgeiz, Notwendigkeit – und eben Gelegenheit.

     
  27. Robson Bottle

    9. Januar 2012 at 13:29

    Schon gesehen?

     
  28. opalkatze

    10. Januar 2012 at 22:55

    Nein, danke dafür!

     
 
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