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Topfschlagen

06 Jan

Kommunikation ist ein eigenes Ding. Handlungen kommen nicht immer so an, wie sie gemeint sind, und oft klafft beim Rezipienten zusätzlich eine Lücke zwischen Empfinden und Entscheidung. Zum Beispiel scheint laut Deutschlandtrend Einigkeit über die sonderbare Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und Außenwirkung des Bundespräsidenten zu bestehen. Am Mittwoch hielten ihn nur 31 Prozent der Deutschen für ehrlich, trotzdem finden es 56 Prozent in Ordnung, dass er im Amt bleibt. 57 Prozent glauben, die Medien wollen Wulff fertig machen.

63 Prozent finden die Arbeit der Kanzlerin gut, damit hat Frau Merkel während der Wulff-Krise 9 Prozentpunkte zugelegt. Der Präsident und die Medien dagegen haben trotz ihres Aktionismus‘ schlechte Werte. Es gibt einen alten Spruch, wer nichts tue, könne auch keine Fehler machen. Daran könnte etwas sein. Jetzt allerdings scheint ein Wettbewerb zu beginnen. Politik findet nicht mehr statt, das beste Marketing zählt: Kommt Totstellen, entwaffnende Unehrlichkeit oder Schlammwerfen besser an? Wulff jedenfalls wird heute entzückende, familientaugliche Bilder mit den Sternsingern liefern. Im Kanzleramt werden, ganz nach Plan, die Tagesgeschäfte erledigt. Abweichungen sind nur im äußersten Notfall statthaft.

Bei Springers legt man sich unterdessen die Karten, wann der strategisch beste Zeitpunkt für die Freigabe des Anruftextes ist. Denkbar wäre eine nette kleine konzertierte Aktion am Sonntag: Frühstück mit BamS und FAS, wegen der Flächenabdeckung. Die entspannten Familien hätten Zeit, die Rettung der Demokratie sacken zu lassen. In den abendlichen Politsendungen und der Talkshow könnte der Fall des Bundespräsidenten gebührend zugrunde analysiert werden, einige Sondersendungen ließen sich auch bequem unterbringen. Vielleicht wäre dann ab Montag Zeit, sich endlich wieder mit Politik zu beschäftigen. Es sei denn, es gäbe einen neuen, maroden Saustall.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 6. Januar 2012 in Blogs, Journalismus, Medien, Politik, Web 2.0

 

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6 Antworten zu “Topfschlagen

  1. VonFernSeher

    6. Januar 2012 at 06:33

    Die Diskrepanz könnte auch einfach in einer schlecht formulierten Frage liegen. Wen halten wir überhaupt für ehrlich, und wo liegt der Schwellenwert? Bei einem bestimmten Schwellenwert halte ich mich mir gegenüber noch nicht einmal für ehrlich.

    Ehrlichkeit liegt sozialempirisch irgendwo in der Nähe von Sauberkeit und sexueller Aktivität.

    [Kommen die Listenpunkte unter dem Text noch aus der Weihnachtsdekoration oder gehört das schon zu Lichtmess?]

     
  2. VonFernSeher

    6. Januar 2012 at 06:38

    Apropos Topfschlagen: Mit den Piraten drin und der FDP draußen zeigt die Sonntagsfrage eine schicke Pattsituation (Rot-Grün 46:47) ohne klare Mehrheit. Am Ende gibt es dann wegen der Piraten noch eine quasi-erzwungene große Koalition – Kassandra, Kassandra, was für eine hervorragende Ausrede für die SPD.

     
  3. ninjaturkey

    6. Januar 2012 at 08:31

    Die Diskrepanz in der Wahrnehmung scheint eher bei Infratest dimap und unserer Journaille zu liegen. Da werden (ein paar?) tausend Leute gefragt (Telefon? Straße?), ein wenig herum gerechnet (wenn überhaupt) und dann soll angeblich die Mehrheit der Deutschen Wulff verzeihen wollen.
    In den Anklick-Umfragen bei Spiegel, Focus, Stern, etc. waren jeweils (!) 50.000-90.000 Beteiligte die sich zu rund 90% für einen Rücktritt aussprachen. Das nenne ICH repräsentativ.

     
  4. Penelope

    6. Januar 2012 at 11:54

    *~*

     
  5. ninjaturkey

    6. Januar 2012 at 15:47

    @opalkatze: Dass der Herr Schönenborn seine Statistiken aus 1000 zufällig Angerufenen verteidigt ist klar. Woraus die Kontrolle besteht, dass man damit alle „relevanten“ Bevölkerungsgruppen erwischt, ist mir ein Rätsel. Zudem muss man auch noch darauf achten, genug Dumme zu erwischen. Denn wie Schönenborn so schön sagt: „…Die Nutzer von tagesschau.de sind überdurchschnittlich politisch interessiert und überdurchschnittlich informiert…“ woraus er denn Schluss zieht, dass solche Leute „…sich über ein Thema besonders ärgern oder ereifern…“.
    Tja Pech, so ist das eben, wenn man informiert ist.

    P.S.: Neben Focus, Stern und Spiegel gibts nun auch eine Umfrage bei der Financial Times Deutschland. Sind zwar erst 25.000 Stimmen, aber der Rücktrittswunsch liegt schon bei 85%. Sind wohl auch wieder überdurchschnittlich Informierte und kein repräsentativ dumpfes Herdenstimmvieh.

     
 
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