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Kleine Bilanz des #SOPA-Blackouts

19 Jan

Ein gutes Zeichen und ein Wegweiser: Im Rahmen der US-amerikanischen Blackout-Aktionen haben sich auch viele Menschen im deutschen Teil des Netzes die Mühe gemacht, gemeinsam gegen unsinnige Gesetzesinitiativen zu protestieren. Das ist ein erfreulicher Anfang, der zeigt: Es ist möglich.

Die großen Blätter und Sender haben hauptsächlich* über Wikipedia berichtet. Das ist verständlich, schließlich ist es bisher einmalig, dass ein Betreiber 25 Millionen Menschen einen ganzen Tag lang in die Röhre gucken läßt. Eines solchen Druckmittels bedurfte es, um u.a. sechs US-Senatoren – Befürworter – zu der Einsicht zu veranlassen:

We have increasingly heard from a large number of constituents and stakeholders with vocal concerns about possible unintended consequences of the proposed legislation.

Natürlich ist die Kuh damit nicht vom Eis. Hollywood hat aufgejault, um sich getreten und gebissen. Sie werden so schnell wie möglich versuchen, das Vorhaben unter anderem Namen erneut durchzubringen. Aber die Bosse haben heute etwas gelernt: Sie mögen noch so mächtig sein – es gibt eine Gegenöffentlichkeit, die überall ist und ihnen Paroli bieten will und kann. Das mag um so befremdlicher wirken, als derartige Solidarität seit den fünfziger Jahren nicht mehr in Mode war. Vermutlich löst das auch auf dem Capitol Hill Ängste aus, denn nach #occupy ist es ein weiteres, starkes Zeichen.

Anders als in den USA, verstehen unsere Politiker solche Aktionen nicht. Zu fremd, zu weit weg, ist dieses Internet. Das Bindeglied zur Netzwelt besteht für die meisten in ihrem Drucker, und die wichtigste Frage zum Smartphone lautet, „kann man damit auch telefonieren?“ Während sich für Netzmenschen beide Welten längst in Echtzeit durchdringen, wird in Berlin noch in Papierzyklen gedacht. Aktivismus aus dem Internet ist ein Sonderfall, der den Ablauf stört, und dessen Intentionen und Zielsetzungen schleierhaft bleiben. Wichtige Herren wie Hans-Peter Friedrich meinen zwar, sie könnten Google+ als Verlautbarungsorgan benutzen und dort – no fraternization! – ihre Pressemitteilungen abkippen. Die Angebote aus dem Netz werden verbissen ignoriert. Niemand weiß, wie Kommunikation auf diesem fernen Planeten funktioniert, und es interessiert auch keinen. Dass sich da eine Macht etabliert, würden viele für einen Witz halten. Der schleichende Kontrollverlust wird, wenn überhaupt, nicht bewusst wahrgenommen. Lieber macht man noch ein paar schöne Angstbeißergesetze, die auch die eigene Sicherheit suggerieren. Dass dabei Grundrechte verletzt und Chancen zerstört werden: Was juckt’s den Baum, wenn die Sau sich an ihm scheuert …

Übrigens hat Frank Schirrmacher heute endlich seinen Twitteraccount zaghaft zu benutzen begonnen, was getrost als Anzeichen für einen grundlegenden Wandel angesehen werden kann. Sein Kollege Wolfgang Blau bewegt sich schon seit einer Weile auf allen Kanälen. Seine Bereitschaft, sich auf die neuen Möglichkeiten einzulassen, hat ihm den Titel Chefredakteur des Jahres eingebracht. Nun ist ein Medienmensch in den meisten Fällen anders gestrickt als ein Politiker, dennoch müssten eigentlich beide neugierig sein und eine Nase für Zeitströmungen haben. Dann würde auch den Gesetzgebern in Berlin klar, woher der Wind weht: Dieses Internet wird nicht mehr weggehen. Die es für sich besetzt haben, werden es verteidigen, und sie beherrschen ihre Werkzeuge. Heute ist eines dazugekommen: Der Beweis, dass die Mobilisierung vieler klappt.

  • * Ärgerlich: ARD und ZDF haben ausschließlich über die Proteste in den USA berichtet. Dass uns diese Gesetze auch betreffen, dass in Brüssel ACTA auf dem Tisch liegt – inexistent in der Mainstream-Berichterstattung. Wie gehabt. Über jedes Sensatiönchen wird ein Brennpunkt gesendet, auch Ilse Aigners alberne Spiegelfechtereien finden ausführlich Erwähnung. Aber mit den Lobbies in Berlin und Brüssel will man es sich anscheinend nicht verderben. Sehr ärgerlich.
  • Gute Zusammenfassung in der HuffPo
  • Netzpolitik hat ein #Sopa und #Pipa – Archiv erstellt
  • Michel Reimon: SOPA und ACTA: Warum Europa schläft
  • Constanze Kurz: Der Aufstand der Nutzer

Zusammenfassung von Fight for the Future

Today was nuts, right?

Google launched a petition. Wikipedia voted to shut itself off. Senators‘ websites went down just from the sheer surge of voters trying to write them. NYC and SF geeks had protests that packed city blocks.

You made history today: nothing like this has ever happened before. Tech companies and users teamed up. Tens of millions of people who make the internet what it is joined together to defend their freedoms. The free network defended itself. Whatever you call it, the bottom line is clear: from today forward, it will be much harder to mess up the internet.

The really crazy part? We might even win.

Approaching Monday’s crucial Senate vote there are now 35 Senators publicly opposing PIPA. Last week there were 5 . And it just takes just 41 solid „no“ votes to permanently stall PIPA (and SOPA) in the Senate. What seemed like miles away a few weeks ago is now within reach.

But don’t trust predictions. The forces behind SOPA & PIPA (mostly movie companies) can make small changes to these bills until they know they have the votes to pass. Members of Congress know SOPA & PIPA are unpopular, but they don’t understand why–so they’re easily duped by superficial changes. The Senate returns next week, and the next few days are critical. Here are two things to think about:

1. Plan on calling your Senator every day next week. Pick up the phone each morning and call your Senators‘ offices, until they vote „no“ on cloture. If your site participated today, consider running a „Call the Senate“ link all next week.

2. Tomorrow, drop in at your Senators‘ district offices. We don’t have a cool map widget to show you the offices nearest you (we’re too exhausted! any takers?). So do it the old fashioned way: use Google, or the phonebook to find the address, and just walk in, say you oppose PIPA, and urge the Senator to vote „no“ on cloture. These drop-in visits make our spectacular online protests more tangible and credible.

That’s it for now. Be proud and stay on it!

–Holmes, Tiffiniy, and the whole Fight for the Future team.

___

P.S. Huge credit goes to participants in the 11/16 American Censorship Day protest: Mozilla, 4chan, BoingBoing, Tumblr, TGWTG, and thousands of others. That’s what got this ball rolling! Reddit, both the community and the team behind it, you’re amazing. And of course, thanks to the Wikimedians whose patient and inexorable pursuit of the right answer brought them to take world-changing action. Thanks to David S, David K, Cory D, and E Stark for bold action at critical times.

P.P.S. If you haven’t already, show this video to as many people as you can. It works!

 
14 Kommentare

Verfasst von - 19. Januar 2012 in Blogs, Netzpolitik, Politik, Web 2.0

 

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14 Antworten zu “Kleine Bilanz des #SOPA-Blackouts

  1. Till

    19. Januar 2012 at 07:44

    Hm, ist es so, dass die US-PolitikerInnen alle ganz arg doll internetaffin sind, und hier niemand etwas kapiert? Warum ist dann ein wichtiger Teil der US-Kampagne der *Anruf* im Kongress? Dass gruene.de samt Verweis suf ACTA gestern schwarz war, sei da nur am Rande erwähnt. Bitte etwas mehr Differenzierung statt Vorurteilspflege und -festschreibung!

     
  2. opalkatze

    19. Januar 2012 at 08:20

    Das hast du falsch verstanden. Im Gegensatz zu unseren Spezialexperten reagieren die Congressmen auf Proteste aus dem Netz, während das hier überhaupt nicht ernst genommen wird. Spielkram, so etwa.

     
  3. pantoufle

    19. Januar 2012 at 10:53

    In der Tat ärgerlich – den Aspekt, daß auch in Deutschland auf politischer Seite über das Thema nachgedacht wird, hat die Aktion verfehlt. Solange Leute wie Friedrich oder Uhl das Internet für einen erweiterten Telephondienst halten, bei dem man auf eBay Winterreifen bestellen kann, wird sich das auch nicht ändern. Leider ist es nicht das einzige Thema, bei dem man das Gefühl hat, daß führende Köpfe intellektuell im Zeitalter der Pferdekutschen steckengeblieben sind.

     
  4. opalkatze

    19. Januar 2012 at 11:15

    Mich ärgert auch sehr, dass die Sender die deutschen Aktionen – so weit ich es mitbekommen habe – mit keinem Wort erwähnten. Wikipedia en masse, Google en detail – das war’s Da muss was passieren. Heute und morgen sind Glanzlichter dran, dann denk ich mal nach, was man wirksam machen könnte. Diese unausgesetzte überhaupt-nicht-Berichterstattung geht jedenfalls nicht.

     
  5. VonFernSeher

    19. Januar 2012 at 18:43

    Für alle Spielkinder (also zu 100% aus eigenem Antrieb) habe ich einige Blackouts in einer Galerie gesammelt. Wer Popcorn mag: bitte hier entlang.

     
  6. Sarah

    24. Januar 2012 at 23:09

    Ich blogge über Kunst, Oper und Kochen und habe etwa 250 Blogs in meinem Blogroll – von denen an der Aktion jedoch (von den 5-6 Blogs auf meiner Liste, die sich generell mit Netzpolitik beschäftigen mal abgesehen) kein einziger, in welcher Weise auch immer, teilgenommen hat.

    Das hat sich jedoch im Laufe des Tages z.T. geändert. Das medienwirksame abschalten von Wikipedia hat am Abend auch bei vielen reinen Koch-, Kunst- oder Opernblogs für Diskussionen gesorgt. Die Aktion hat auf jeden Fall dazu geführt, dass die meisten (ich sag’s mal so salopp) unpolitischen Blogger ihre Blog-Gewohnheiten (Rezepte Verlinken, Koch-Events organisieren, etc.) in Gefahr sehen und sich nun näher mit dem Thema beschäftigen.

     
  7. opalkatze

    25. Januar 2012 at 13:37

    Trommle bitte dafür, je mehr Menschen begreifen, was da passiert, desto breiter und wirkungsvoller wird der Protest. Politik kann man nicht ausklammern, nirgends.

    Schönes Beispiel, gerne zur Weiterverbreitung:
    Wenn deine Freunde von den Kochblogs z.B. eine Colaflasche mit im Bild haben oder die Opernfans das Bild einer empfohlenen CD posten, reicht das für die Bestrafung schon völlig aus.
    Dass der Medikamententransfer* in Drittweltländer ebenfalls unterbunden wird, ist glaube ich mittlerweile bekannt und sollte jedem zu denken geben – ob Polit-, Koch- oder Opernblogger.

    * von 2010, aber in dieser Form aktuell
     
  8. Sarah

    26. Januar 2012 at 00:18

    Vielen Dank! Das sind echt gute Vergleiche, die benutze ich bei Gelegenheit sehr gerne….. :)

     
 
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