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Ansgar Heveling – Geschichte mit Anlauf

30 Jan

Der Handelsblatt-Gastkommentar wirft nicht nur die Frage auf, wieso eigentlich ausgerechnet Ansgar Heveling und Berti Vogts aus Korschenbroich kommen. Vor allem fragt sich der Leser, wie es ein Mensch des Jahrgangs 1972 schafft, eine so perfekte Kriegsrhetorik hinzukriegen. Sie ist deutlich, klar und kraftvoll und orientiert sich sicher nicht an dem im Text genannten Weimarer Geheimrat. Den hätten auch in den vierziger Jahren die Wenigsten verstanden. Er orientiert sich an einem Sprachgebrauch, der einst zur Aufwiegelung der Massen diente, an einer Redekunst, die Linguisten nur noch in besonders dunklen Ecken vermuten dürften.

Es geht, so viel wird gleich klar, um den befürchteten Untergang des Bildungsbürgertums, ach was – des Bürgers überhaupt. Der citoyen der französischen Revolution sollte das Idealbild des freien Menschen darstellen, selbstbestimmt und unabhängig von den bis 1789 herrschenden Klassen. Die Parole war allerdings nicht Freiheit, Demokratie und Eigentum, wie Heveling zitiert, sondern vielmehr Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Den so hochgelobten citoyens ging es gerade darum, den jahrhundertealten Begriff des Eigentums im Sinn der Besitzstandswahrung zu bekämpfen: Wenige haben viel, viele haben wenig. Es ging um einen Begriff, der in der französischen Revolution wie in der Netzgemeinde als hoch angesehen gilt: Um das gerechte Teilen.

Es ist verständlich, dass der geschichtsbewusste Politiker die Historie ein wenig eigenwillig interpretiert. Schließlich geht er davon aus, dass die Maschinen ihn nicht verstehen und die digitalen Horden dahinter es schon nicht so genau nehmen werden mit der ganz unbürgerlichen Zitationsunfähigkeit. Der hübsche freudsche Fehler Lavier statt Lanier ist ein passendes i-Tüpfelchen und bestätigt die alte These, dass man nur sieht, was man kennt. Die Einen handeln, die anderen lavieren. Jeder malt sich seine persönliche Apokalypse, so gut er kann. Wo gehobelt wird, fallen eben Späne. Bloß dumm, wenn sie direkt in den Antrieb fallen.

 

 
13 Kommentare

Verfasst von - 30. Januar 2012 in Kaffeesatz, Netzpolitik, Politik, Web 2.0

 

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13 Antworten zu “Ansgar Heveling – Geschichte mit Anlauf

  1. Angela

    30. Januar 2012 at 18:37

    Ansgar Heveling! :)
    Du bist gut in Form, @Vera. :)

     
  2. opalkatze

    30. Januar 2012 at 18:40

    Nö. Giftig.

     
  3. Sabine Engelhardt

    30. Januar 2012 at 18:51

    Angstgar Heveling.

    Und inzwischen hat er gelernt, daß es keine gute Idee ist, ein schwaches Paßwort für die eigene Website zu wählen, wenn man „dem Netz“ eine Kriegserklärung gibt. Man muß es nicht mal gut heißen, daß ihm die Website, ähm, umgestaltet wurde. Aber man sollte eben schon wissen, daß sowas einfach passiert, wenn man „das Netz“ trollt. Das trollt dann eben genauso einfach zurück.

     
  4. Oliver Leitner

    30. Januar 2012 at 18:52

    wie kann es ueberhaupt sein dass so einer über die zukunft eines landes, wenn auch nur als ein teil des ganzen, bestimmt?

     
  5. Lakritze

    30. Januar 2012 at 20:00

    Das macht er doch eigentlich ganz gut, oder? Gekonnte Selbstdemontage. Ich habe nur ein bißchen Angst vor denen, die ihn geschickt haben.
    Hier erntet er sogar Zustimmung: es ist ein Kampf. Und auf der einen Seite steht die Netzwelt. So klar hat das bislang noch kein Politiker, nicht mal von der CSU, gesagt.

     
  6. LinkedInsider

    1. Februar 2012 at 09:44

    Ich sehe das eher als wohldurchdachte Kampagne (egal ob vom Handelsblatt oder Heveling selber ist ja egal) zur Generierung von Reichweite. Werbekunden kommen durch Reichweite und nichts anderes. Und da das Handelsblatt eine Reichweite ähnlich der Bäckerblume besitzt, ist so etwas hochwillkommen….

    Thomas Knüwer (hast Du ja mit aufgezählt) hat das auch gut zusammengefasst.

    http://wp.me/pMCQH-13u

    lG
    Stephan

     
 
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