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Piotr Czerski · Wir, die Netz-Kinder

24 Feb

Der polnische Dichter Piotr Czerski hat einen großartigen Text geschrieben, den Patrick Beuth und Andre Rudolph übersetzt haben. Die Übersetzung ist auf ZEIT Online erschienen und steht unter CC-BY-SA (hier auch zum Anhören). Der Text beschreibt (m)ein Lebensgefühl und vermeidet bewusst jede Verallgemeinerung wie den Begriff Netzgemeinde.

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Wir, die Netz-Kinder

Es gibt wohl keinen anderen Begriff, der im medialen Diskurs ähnlich überstrapaziert worden ist, wie der Begriff “Generation”. Ich habe einmal versucht, die “Generationen” zu zählen, die in den vergangenen zehn Jahren ausgerufen worden sind, seit diesem berühmten Artikel über die sogenannte “Generation Nichts”. Ich glaube, es waren stolze zwölf. Eines hatten sie alle gemeinsam: Sie existierten nur auf dem Papier. In der Realität gab es diesen einzigartigen, greifbaren, unvergesslichen Impuls nicht, diese gemeinsame Erfahrung, durch die wir uns bleibend von allen vorangegangenen Generationen unterscheiden würden. Wir haben danach Ausschau gehalten, doch stattdessen kam der grundlegende Wandel unbemerkt, zusammen mit den Kabeln, mit denen das Kabelfernsehen das Land umspannte, der Verdrängung des Festnetzes durch das Mobiltelefon und vor allem mit dem allgemeinen Zugang zum Internet. Erst heute verstehen wir wirklich, wie viel sich in den vergangenen 15 Jahren verändert hat.

Wir, die Netz-Kinder; die mit dem Internet und im Internet aufgewachsen sind, wir sind eine Generation, welche die Kriterien für diesen Begriff gleichsam in einer Art Umkehrung erfüllt. Es gab in unserem Leben keinen Auslöser dafür, eher eine Metamorphose des Lebens selbst. Es ist kein gemeinsamer, begrenzter kultureller Kontext, der uns eint – sondern das Gefühl, diesen Kontext und seinen Rahmen frei definieren zu können.

Indem ich das so schreibe, ist mir bewusst, dass ich das Wort “wir” missbrauche. Denn unser “wir” ist veränderlich, unscharf, früher hätte man gesagt: vorläufig. Wenn ich “wir” sage, meine ich “viele von uns” oder “einige von uns”. Wenn ich sage “wir sind”, meine ich “es kommt vor, dass wir sind”. Ich sage nur deshalb “wir”, damit ich überhaupt über uns schreiben kann.

Erstens: Wir sind mit dem Internet und im Internet aufgewachsen. Darum sind wir anders; das ist der entscheidende, aus unserer Sicht allerdings überraschende Unterschied: Wir “surfen” nicht im Internet und das Internet ist für uns kein “Ort” und kein “virtueller Raum”. Für uns ist das Internet keine externe Erweiterung unserer Wirklichkeit, sondern ein Teil von ihr: eine unsichtbare, aber jederzeit präsente Schicht, die mit der körperlichen Umgebung verflochten ist.

Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit. Wenn wir euch, den Analogen, unseren “Bildungsroman” erzählen müssten, dann würden wir sagen, dass an allen wesentlichen Erfahrungen, die wir gemacht haben, das Internet als organisches Element beteiligt war. Wir haben online Freunde und Feinde gefunden, wir haben online unsere Spickzettel für Prüfungen vorbereitet, wir haben Partys und Lerntreffen online geplant, wir haben uns online verliebt und getrennt.

Das Internet ist für uns keine Technologie, deren Beherrschung wir erlernen mussten und die wir irgendwie verinnerlicht haben. Das Netz ist ein fortlaufender Prozess, der sich vor unseren Augen beständig verändert, mit uns und durch uns. Technologien entstehen und verschwinden in unserem Umfeld, Websites werden gebaut, sie erblühen und vergehen, aber das Netz bleibt bestehen, denn wir sind das Netz; wir, die wir darüber in einer Art kommunizieren, die uns ganz natürlich erscheint, intensiver und effizienter als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Wir sind im Internet aufgewachsen, deshalb denken wir anders. Die Fähigkeit, Informationen zu finden, ist für uns so selbstverständlich wie für euch die Fähigkeit, einen Bahnhof oder ein Postamt in einer unbekannten Stadt zu finden. Wenn wir etwas wissen wollen – die ersten Symptome von Windpocken, die Gründe für den Untergang der Estonia, oder warum unsere Wasserrechnung so verdächtig hoch erscheint – ergreifen wir Maßnahmen mit der Sicherheit eines Autofahrers, der über ein Navigationsgerät verfügt.

Wir wissen, dass wir die benötigten Informationen an vielen Stellen finden werden, wir wissen, wie wir an diese Stellen gelangen und wir können ihre Glaubwürdigkeit beurteilen. Wir haben gelernt zu akzeptieren, dass wir statt einer Antwort viele verschiedene Antworten finden, und aus diesen abstrahieren wir die wahrscheinlichste Version und ignorieren die unglaubwürdigen. Wir selektieren, wir filtern, wir erinnern – und wir sind bereit, Gelerntes auszutauschen gegen etwas neues, besseres, wenn wir darauf stoßen.

Für uns ist das Netz eine Art externer Festplatte. Wir müssen uns keine unnötigen Details merken: Daten, Summen, Formeln, Paragrafen, Straßennamen, genaue Definitionen. Uns reicht eine Zusammenfassung, der Kern, den wir brauchen, um die Information zu verarbeiten und mit anderen Informationen zu verknüpfen. Sollten wir Details benötigen, schlagen wir sie innerhalb von Sekunden nach.

Wir müssen auch keine Experten in allem sein, denn wir wissen, wie wir Menschen finden, die sich auf das spezialisiert haben, was wir nicht wissen, und denen wir vertrauen können. Menschen, die ihre Expertise nicht für Geld mit uns teilen, sondern wegen unserer gemeinsamen Überzeugung, dass Informationen ständig in Bewegung sind und frei sein wollen, dass wir alle vom Informationsaustausch profitieren. Und zwar jeden Tag: Im Studium, bei der Arbeit, beim Lösen alltäglicher Probleme und wenn wir unseren Interessen nachgehen. Wir wissen, wie Wettbewerb funktioniert und wir mögen ihn. Aber unser Wettbewerb, unser Wunsch, anders zu sein, basiert auf Wissen, auf der Fähigkeit, Informationen zu interpretieren und zu verarbeiten – nicht darauf, sie zu monopolisieren.

Zweitens: Die Teilnahme am kulturellen Leben ist für uns keine Beschäftigung für den Feiertag: die globale Kultur ist der Sockel unserer Identität, wichtiger für unser Selbstverständnis als Traditionen, die Geschichten unserer Ahnen, sozialer Status, die Herkunft oder sogar unsere Sprache. Aus dem Ozean der kulturellen Ereignisse fischen wir jene, die am besten zu uns passen, wir treten mit ihnen in Kontakt, wir bewerten sie und wir speichern unsere Bewertungen auf Websites, die genau zu diesem Zweck eingerichtet wurden und die uns außerdem andere Musikalben, Filme oder Spiele vorschlagen, die uns gefallen könnten.

Einige dieser Filme, Serien oder Videos schauen wir uns gemeinsam mit Kollegen an, oder aber mit Freunden aus aller Welt, unser Urteil über andere wird oft nur von einer kleinen Gruppe von Menschen geteilt, denen wir vielleicht niemals persönlich gegenüberstehen werden. Das ist der Grund für unser Gefühl, dass Kultur gleichzeitig global und individuell wird. Das ist der Grund, warum wir freien Zugang dazu brauchen.

Es bedeutet nicht, dass wir Zugang zu allen kulturellen Gütern verlangen, ohne dafür zahlen zu müssen – obwohl wir das, was wir selbst schaffen, meistens einfach nur in Umlauf bringen. Wir verstehen, dass Kreativität – trotz der zunehmenden Verbreitung von Technologien, mit denen jeder Mensch Film- oder Musikdateien in einer Qualität erstellen kann, die früher Profis vorbehalten war – immer noch Anstrengungen und Investitionen erfordert. Wir sind bereit zu zahlen, aber die gigantischen Aufschläge der Zwischenhändler erscheinen uns ganz einfach als unangemessen. Warum sollten wir für die Verbreitung von Informationen zahlen, die schnell und perfekt kopiert werden können, ohne den Wert des Originals auch nur um ein Jota zu verringern? Wenn wir nur die reine Information bekommen, verlangen wir einen angemessenen Preis. Wir sind bereit, mehr zu zahlen, aber dann erwarten wir auch mehr: eine interessante Verpackung, ein Gadget, höhere Qualität, die Option, es hier und jetzt anzuschauen, ohne warten zu müssen, bis die Datei heruntergeladen ist. Wir können durchaus Dankbarkeit zeigen und wir wollen den Künstler belohnen (seit Geld nicht mehr aus Papier besteht, sondern aus eine Reihe von Zahlen auf einem Bildschirm, ist das Bezahlen zu einem eher symbolischen Akt geworden, von dem eigentlich beide Seiten profitieren sollen), aber die Verkaufsziele irgendwelcher Konzerne interessieren uns kein bisschen. Es ist nicht unsere Schuld, dass ihr Geschäft in seiner traditionellen Form nicht mehr sinnvoll ist und dass sie, anstatt die Herausforderung zu akzeptieren und zu versuchen, uns mit etwas zu erreichen, das uns mehr bietet als wir umsonst haben können, entschieden haben, ihre veralteten Lösungen zu verteidigen.

Noch etwas: Wir wollen nicht für unsere Erinnerungen bezahlen. Die Filme, die uns an unsere Kindheit erinnern, die Musik, die uns vor zehn Jahren begleitet hat: In einem externen Netzgedächtnis sind sie einfach nur Erinnerungen. Sie hervorzurufen, sie auszutauschen, sie weiterzuentwickeln, das ist für uns so normal wie für euch die Erinnerung an Casablanca. Wir finden im Netz die Filme, die wir als Kinder gesehen haben und wir zeigen sie unseren Kindern, genauso wie ihr uns die Geschichte von Rotkäppchen oder Goldlöckchen erzählt habt. Könnt ihr euch vorstellen, dass euch jemand deswegen anklagt, gegen ein Gesetz verstoßen zu haben? Wir auch nicht.

Drittens: Wir sind es gewohnt, dass unsere Rechnungen automatisch bezahlt werden, so lange unser Kontostand es erlaubt. Wir wissen, dass wir nur ein Online-Formular ausfüllen und einen Vertrag unterschreiben müssen, den uns ein Kurier liefert, wenn wir ein Konto eröffnen oder den Mobilfunkanbieter wechseln wollen. Dass sogar ein Kurztrip auf die andere Seite von Europa inklusive Stadtrundfahrt innerhalb von zwei Stunden organisiert werden kann. Deshalb sind wir, als Nutzer des Staates, zunehmend verärgert über seine archaische Benutzeroberfläche. Wir verstehen nicht, warum wir für die Steuererklärung mehrere Formulare ausfüllen müssen, von denen das zentrale mehr als einhundert Fragen beinhaltet. Wir verstehen nicht, warum wir einen festen Wohnsitz (absurd genug, so etwas überhaupt haben zu müssen) erst förmlich abmelden müssen, bevor wir uns an einem anderen anmelden können – als könnten die Behörden diese Sache nicht auch ohne unser Eingreifen regeln.

In uns steckt nichts mehr von jener aus Scheu geborenen Überzeugung unserer Eltern, dass Amtsdinge von überaus großer Bedeutung und die mit dem Staat zu regelnden Angelegenheiten heilig sind. Diesen Respekt, verwurzelt in der Distanz zwischen dem einsamen Bürger und den majestätischen Höhen, in denen die herrschende Klasse residiert, kaum sichtbar da oben in den Wolken, den haben wir nicht. Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird. Und da wir, dank Zusammenarbeit, ständigem Streit und dem Verteidigen unserer Argumente gegen Kritik das Gefühl haben, dass unsere Meinungen einfach die besseren sind, warum sollten wir dann keinen ernsthaften Dialog mit der Regierung erwarten dürfen?

Wir fühlen keinen religiösen Respekt für die “demokratischen Institutionen” in ihrer derzeitigen Form, wir glauben nicht an ihre unumstößliche Rolle, wie es diejenigen tun, die alle “demokratischen Institutionen” als Denkmäler betrachten, die sie selbst bauen und die zugleich für sie selbst gebaut werden. Wir brauchen keine Denkmäler. Wir brauchen ein System, das unsere Erwartungen erfüllt, ein transparentes und funktionierendes System. Und wir haben gelernt, dass Veränderung möglich ist: dass jedes in der Handhabung umständliche System ersetzt werden kann und ersetzt wird, durch eines, das effizienter ist, das besser an unsere Bedürfnissen angepasst ist und uns mehr Handlungsmöglichkeiten gibt.

Was uns am wichtigsten ist, ist Freiheit. Redefreiheit, freier Zugang zu Informationen und zu Kultur. Wir glauben, das Internet ist dank dieser Freiheit zu dem geworden, was es ist, und wir glauben, dass es unsere Pflicht ist, diese Freiheit zu verteidigen. Das schulden wir den kommenden Generationen, so wie wir es ihnen schulden, die Umwelt zu schützen.

Vielleicht haben wir noch keinen Namen dafür, vielleicht sind wir uns dessen noch nicht vollständig bewusst, aber wahrscheinlich ist das, was wir wollen, eine wahre und tatsächliche Demokratie. Eine Demokratie, wie sie sich vielleicht nicht einmal eure Journalisten erträumt haben.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 24. Februar 2012 in Gastbeitrag, Kultur, Netzpolitik, Web 2.0

 

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6 Antworten zu “Piotr Czerski · Wir, die Netz-Kinder

  1. Jens der Andere

    25. Februar 2012 at 01:56

    SOOO toll ist der Artikel nicht. Ich habe mich in Zeit Online darüber etwas länger ausgelassen, aber die Arroganz der Jugend scheint hier noch deutlich durch.

    Unnötige Details? Eine Sekretärin, welche jedes Wort nachschlagen muß, ist ein bekanntes Beispiel der Unsinnigkeit der Aussage, daß man ja alles nachschlagen könne. Wissen kann man nur begrenzt auslagern, denn auch das aufgenommene Wissen erlaubt jemandem, effizient sein Wissen zu erweitern. Natürlich kann ich nachschlagen, wie man ein Brot backt, Sex hat, mathematische Beweise führt oder was auch immer. Es ist nur eine ausgesprochen ineffiziente Methode.

    Man stelle sich vor: Autounfall. Verletzte. Jetzt googlen wir erst einmal Sofortmaßnahmen am Unfallort?

    Und: Information will nicht frei sein. Oder kostenpflichtig. Information will überhaupt nichts.
    Nun gibt es Leute, die meinen, der Gesamtbestand an Informationen sollte (möglichst kostenlos) für jeden überall verfügbar sein. Aber von was leben Firmen? Davon, daß sie irgendetwas besser wissen oder verstanden haben als andere. Dieses Restaurant versteht besser, wie man köstliche Pizza macht als eine andere. (Und hält das Rezept geheim, denn davon lebt der Laden!)

    Und was der Autor versäumt zu sehen: Die Demokratie arbeitet für die Mehrheit. Also muß man sich eine Mehrheit beschaffen, um das durchzusetzen, was man will. Das ist unbequem. Auch ist es nicht einfach. Aber der Vorteil der etablierten Parteien ist, daß sie das System verstanden haben und es anwenden: Das Recht hat jeder, man muß es nur wollen.

     
  2. Hardy

    25. Februar 2012 at 09:48

    „googlen wir erst einmal Sofortmaßnahmen am Unfallort?“

    Das wäre wesentlich hilfreicher, als die untätigen und unwissenden Gaffer am Unfallort.

     
  3. Jens der Andere

    25. Februar 2012 at 12:14

    Dazu ist es dann oft zu spät. Gelernt hat man das alles mal, damit es im Falle eines Falles schnell geht.

    Und ob nun Gagger oder Googler – wer nicht helfen kann, soll sich vom Acker machen.

     
  4. Hardy

    26. Februar 2012 at 08:43

    Oft ist nicht Immer.

    Davon abgesehen:
    ‚Information will überhaupt nichts‘, trifft nicht zu. Information will informieren.

    Demokratie arbeitet nicht (nur) für die Mehrheit. Sie arbeitet auch für Minderheiten.

    Recht will man nicht, Recht nimmt man in Anspruch.
    So nimmt zum Beispiel eine Minderheit in einer Demokratie ein Recht in Anspruch und setzt sich damit unter Umständen gegen eine Mehrheit durch. Genau das versucht zur Zeit die Contentmafia.

     
  5. Jens der Andere

    26. Februar 2012 at 09:25

    „Oft“ kann einmal zu viel sein.
    Wenn ich Herz-Lungen-Wiederbelebung mit Google lernen will, werde ich Fehler machen. Vieles muß man vorher und live lernen. Ich wiederhole mich mal: Das Internet ist ein kleines Fensterchen zur Realität. Ich werde auf zwei Sinne (Sehen und Hören) reduziert. Kann ich über das Internet lernen, Auto zu fahren? Ein Herz zu operieren? In einer Band zu spielen?

    Und ich brauche Wissen, um die Antworten zu bewerten, die ich im Internet finde. „Gesunder Menschenverstand“? „Klingt logisch“? Funktioniert nachgewiesenermaßen nicht. Das ist Bauchdenke – und damit macht man Politik und Meinungsbildung, aber keine Wissenschaft.

    Man merkt leider deutlich am Originaltext den eingeschränkten Horizont des Autors. Er verrichtet eine Tätigkeit, bei der Arbeitsort und -umgebung keine Rolle spielen. Das trifft nicht die Realität einer Mehrheit der (auch jungen) Menschen, sondern ist frommes Wunschdenken. Wer backt sein Brot, baut die Lebensmittel ein, fertigt den Schirm seiner elektronischen Spielzeuge?
    Was ist mit den Milliarden an Menschen, für die Kultur schon immer frei war, die am Rande des Existenzminimums leben und nicht einmal wissen, daß es das Netz gibt?

    Die Contentmafia ist ein unangenehmer Auswuchs. Da sind wir uns, als nicht-Teilhaber, sicher einig.

    Ein geschätzter Freund von mri ist Schriftsteller – und wäre ohne den Kindle bankrott. „Die haben noch nicht gemerkt, daß man uns Autoren fast nach Belieben ausnehmen kann. Ich verdiene ein vielfaches mit einem Ebook.“

    Bei Musikern ist es sicher ähnlich. Aber es kann doch nicht im Sinne der Autoren oder Musiker sein, auf Almosen reduziert zu werden. „Ich finde, der Content ist es nicht wert, also nutze ich ihn, aber bezahle es nicht“. Wer diese Meinung vertritt, ist ein Dieb – und lügt sich selbst in die Tasche.

    Information (in ihrer allgemeinsten Form als geordnete Sammlung von Bits) hat durchaus einen Wert, der oftmals stark mit der Kontrolle über diese Information zusammenhängt.

    Der beste Fundort für Gold? Das Wissen hat Wert, wenn’s nicht jeder weiß.
    Ich benutze beispielsweise ein Tool, welches aus Netzwerkdatenströmen auf relativ hoher Ebene bei der Problemdiagnose hilft (für den Profi: Sowas wie Wireshark auf Acid). Die Information (denn nichts anderes ist diese Software) ist ein massiver Wettbewerbsvorteil für uns – und wir stellen sicher, daß unsere Mitbewerber sich sowas selbst schreiben müssen, wenn sie es denn wollen.
    Gut: Ich mache IT-Sicherheit, für mich ist der Wert einer Information und der Wert der Geheimhaltung dieser Information ein Grundsatz.

    Aber ich schließe mal hiermit: Was ist mit privater Information? Wenn alles an Information frei sein will, wo ist dann das Bürgerrecht auf überall anzuschauender Videoüberwachung jedes einzelnen Menschen? I

     
 
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