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Wat Menschenhand sich nich‘ alles ausdenkt …

26 Feb

Es gibt ja so Lieblingsfloskeln. Ich fand die B*LD-Schlagzeile „Bundestags-Bericht enthüllt: 37 Mio. E-Mails von Geheimdiensten überwacht“ sehr schön. Da stelle ich mir dann den Bericht vor, dem Ärmchen und Beinchen wachsen, auch ein Köpfchen, wegen der Steuerung. Alles in 2D. Und dann enthüllt er also, der Bericht. Man muss sich auch die vielen, vielen winzigen, wimmelnden Mails vorstellen, wie sie planlos durcheinander laufen, immer unter den mit Lupengläsern bewehrten Augen einer fürsorglichen Schar von Schlapphutträgern. Das hat was.

Auch hübsch: „Berlusconi entkommt Italiens Bummeljustiz“ auf Spiegel online. Berlusconi möchte ich mir jetzt lieber nicht vorstellen. Aber der Versuch, etwas Bummelndem zu entkommen, kann nicht besonders hastig sein. Der alte Herr wird da wohl ganz gemächlich ein Stückchen vor einem dunkelroten Triebwagen hergeschlendert sein, ohne besondere Angst, unter dessen Räder zu geraten.

Im Stern stand „Aigner wirft Brüssel Geheimniskrämerei vor“. Was es da alles zu entdecken gibt! Alte Familienrezepte für Pralinés, zu häufige Verwendung von Fritierfett, Ehebruch und andere amouröse Heimlichkeiten, politische Ferkeleien … Da hat Frau Aigner sich was vorgenommen.

Der Focus war „Zu Besuch bei den Berggorillas“. Von Ruanda weiss man nun nicht genau, ob dort Hutschenreuther, Spode oder eher Wedgewood für die Kaffeetafel gebräuchlich ist. Sicher sind aber die Gastgeber sehr höflich und werden den verwöhnten europäischen Geschmack schon treffen.

Bei der taz konnte ich mich nicht recht entscheiden. „Als der Bischof das Homorecht brachte“ hieße ja, dass das Menschenrecht irgendwie von der Kirche kommt. Aber das führt vielleicht etwas zu weit. Also „Das Schiff ist das Ziel“ – ein schönes Bild. Indirekt hat das ja auch wieder etwas mit Kirche zu tun. Denn wenn dem so ist, werden wir wohl demnächst lernen müssen, über das Wasser zu gehen.

„Amerikas Geheimdienst glaubt nicht an Teherans Atombombe“, schreibt die ZEIT. In God’s Own Land ist es natürlich völlig in Ordnung, dass die Dienste eher dem Herrn als windigen Recherchen vertrauen. Das wirkt menschlich und vertrauenerweckend. Ebenfalls in der ZEIT wird Frau Schavan zitiert: „Die Politik hat Fehler bei Bologna gemacht“. Wer hätte das gedacht – eine Politikerin gibt Fehler seit der Etruskerzeit zu! Leider ist nicht bekannt, ob sie bei der Wahl des Ortes, der Architektur oder der Regierung gemacht wurden.

In der FAZ ist natürlich „Ein Saurier taucht bravourös und singt dazu“ unschlagbar, doch es steht im Feuilleton. Die dürfen das. Aber diese Hertha scheint ja eine wilde Person zu sein: „Mit Rehhagel stürzt Hertha weiter ab“! Von Herrn Rehhagel hätte ich das nicht gedacht. Beate wird das auch nicht recht sein.

Bei der Süddeutschen war es wieder schwierig: „Romney recycelt“ oder „Rösler tänzelt zwischen Prahlerei und Provokation“? Von Rösler gibt es ja keine Rückenansichten, weil man dann das Loch im Jackett sehen würde, durch das der Schlüssel zum Aufziehen gesteckt wird. Ich glaube aber, in seinem Programm ist Tänzeln nicht vorgesehen. „Romney recycelt“ aber – hab ich was verpasst? War er denn zwischenzeitlich schon auf dem Müll gelandet? Man kann nicht aufmerksam genug sein.

Die Titelformulierung habe ich bei der unvergleichlichen Else Stratmann ausgeliehen, ihres Zeichens Metzgersgattin aus Wanne-Eickel.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 26. Februar 2012 in Glosse, Kultur, Medien, Wühltisch

 

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5 Antworten zu “Wat Menschenhand sich nich‘ alles ausdenkt …

  1. danebod

    26. Februar 2012 at 11:00

    Du hattest ja mal wieder um Kommentare gebettelt – na schön, hier ist einer zu den eifrigen staatlichen Maillesern:

    80 -90 % des Mailaufkommens ist Spam. Hoffentlich kucken die sich das auch an. Wenn nicht, sollte man sie dazu zwingen: Penisverlängerungen und fast echte Rolex-Uhren bis der Arzt kommt. Jede Mail einzeln. Dann wären sie gut beschäftigt und könnten anderswo keinen Unfug anrichten wie ihre Schwesterorganisation NSU mit Waffen, Sprengstoff, Geld und falschen Identitäten zu versorgen.

     
  2. Lakritze

    27. Februar 2012 at 08:31

    Bei »Als der Bischof das Homorecht brachte« muß ich mir die Redaktionssitzung vorstellen, in der das allzu bildungsbürgerliche bzw. verdächtig katholisch-sattelfeste »Ecce Homo« abgelehnt wurde …

     
  3. marsman

    27. Februar 2012 at 10:38

    Da die BILD erwähnt wurde: habe gerade mit dem Suchwort „Medienkrise“ gegoogelt.
    Dazu findet sich eine ganze Menge recht interessanter Artikel die gerade deswegen
    interessant sind weil sie schon älter sind. Man kann daraus die langfristigen Strategien
    erkennen.
    Unter anderem ein Spiegel – Artikel von 2009 in dem Springer – Chef Döpfner über
    die „Webkommunisten“ wettert. Herrlich zu lesen. Auch im im Hinblick auf Acta.

     
  4. sunnyromy

    4. März 2012 at 21:42

    Reblogged this on SunnyRomy.

     
 
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