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Fleischklopfer: Das Rennen der Kapitäne

29 Feb

Bis repetita non placent.* Nur zur Erinnerung: Bundesinnenminister Friedrich (CSU) gab zu Protokoll, daß die Wurzeln des Rechtsradikalismus im Osten Deutschlands auf die Intoleranz der SED-Ideologie zurückzuführen seien, diese „Intoleranz gegenüber allem, was anders ist.“

Dabei stellt sich natürlich die Frage, wo denn in Westdeutschland der Fremdenhass, das Unverständnis jeder anderen als der deutschen (oder amerikanischen) Kultur herrühren.
Nicht die Ursache, aber den Grund, warum sie bis auf Weiteres nicht aussterben werden, nennt das ehemalige Nachrichtenmagazin Spiegel.

Was Franz-Josef Wagner für das Sensationsblatt „Bild“ ist (Blut, Vagina, Vaterland), stellt Jan Fleischhauer für den Spiegel dar. Der Mann für’s Grobe. Volkes Stimme (oder was die Chefredaktion als solche verkündet), der Prophet dessen, was man immer schon mal sagen wollte, aufgrund des Presserechts aber nicht durfte. Solche Identifikationsfiguren stehen einer Zeitung gut – der Leser hat das gerne.

Glücklich, wer sich mit einem Heribert Prantl schmücken kann, einem Schirrmacher.
Nicht gerade für’s Premium-Feuilleton, aber mit einem gewissen Kultstatus gesegnet ein F.J. Wagner, wenigstens begnadet mit einem anrührenden Gossencharme.

Für diejenigen, die zu spät kamen, bleibt das Sonderangebot am Kiosk: Abgelaufene Ware, unter der Hand und ohne Papiere – keine Garantie: Jan Fleischhauer.

Seine wöchentliche Kolumne könnte getrost und ohne Kommentar dem Vergessen anheimfallen, wenn sich nicht von Zeit zu Zeit bestimmte Muster wiederholen würden, die den Verdacht nahelegen, daß sein reaktionäres Geschwurbel nicht einem bestimmten Plan folgt (von dem, dafür auch noch Geld zu erhalten, einmal abgesehen).

Der Untergang

Nein, nicht der, sondern der Untergang der Costa Concordia. Daß der Kapitän des Schiffs es ungebührlich schnell verließ, wird sich herumgesprochen haben – der Grund dafür wahrscheinlich weniger. Folgt man Jan Fleischhauer, so kann der Grund dafür nur sein: Der Kapitän war Italiener!

„Man kennt diesen Typus aus dem Strandurlaub: ein Mann der großen Geste und sprechenden Finger.“

Fleischhauer weiß, wie so ein Italiener aussieht.

„Hand aufs Herz: Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän der Costa Concordia Italiener ist? Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen oder, sagen wir lieber, britischen Schiffsführer unterlaufen wäre?“

Ja, das kann man sich ausgezeichnet vorstellen. Die politischen und sozialen Folgen der Bankenkrise – der besinnungslose Kotau einer Regierung vor den Verursachern unter dem Kommando eines Kapitäns Merkel: das kommt diesem Gedanken überraschend nahe. Ob man es Fahrerflucht oder vorzeitiges Verlassen des sinkenden Schiffs nennen möchte, sei der Phantasie des Betrachters überlassen. Die britische Regierung unter Kapitänleutnant Cameron steht dem in keiner Beziehung nach. Wer dabei wem als Vorbild gedient hat, mögen die Historiker beurteilen.

Aber man muß gar nicht in die hohe Politik, um einen feigen Kapitän zu finden. Ist Fleischhauer auch kein Kapitän, so versucht er das sinkende Schiff seines Artikels mit der lauen Rechtfertigung zu verlassen, daß die Einigkeit Europas und die gemeinsame Währung eben viel zu früh kamen; es war ja nicht nur dieser unglückliche Kapitän, es war die ganze Kultur:

„Um zu erkennen, dass dies nicht gutgehen konnte, musste man nicht Volkswirtschaft studiert haben, ein Besuch in Neapel oder auf dem Peloponnes hätte eigentlich gereicht.“

Nun, dieser vorschnelle Griff nach dem Rettungsring bewahrte ihn nicht vor einem Schreiben des Botschafters Italiens, Michele Valensise. Brav wurde der Brief unter dem Artikel Fleischhauers abgedruckt und ergibt seither einen eigenartigen Kontrast: Erstmalig steht in dieser Kolumne etwas in gepflegter deutscher Sprache.

Ab in die Boote

Unfassbar, daß dieser Mensch einmal stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts beim Spiegel war:

„Von den 130 Milliarden Euro, über die heute der Bundestag entscheidet, werden wir einen Gutteil nie wiedersehen.“

Herr Fleischhauer scheint allen Ernstes zu glauben, daß die Heuschreckenschwärme der Gläubiger Griechenlands in Griechenland sitzen. Würde das Geld nicht im Land bleiben, hätte sich niemals jemand auf diesem Blödsinn eingelassen.

Aber das ist in seinem Artikel gar nicht das Thema: Das lautet sechs Wochen später: „Wir sind die neuen Welt-Bösewichte“. Fleischhauer schubst eben noch ein paar hilflose Damen und Kinder mit griechischem Pass beiseite, um sich einen Platz im Rettungsboot zu sichern.

„Auf die Funktion der USA als Weltpolizist haben sich alle insgeheim verlassen, so wie sich unsere Nachbarn jetzt darauf verlassen, dass die Deutschen den Euro retten.“

Deutschland benötigt scheinbar dringend ein paar Flugzeugträger. Erstes Exemplar: die „Fürst Pückler“, Kapitän zur See Fleischhauer, erster Marinegroßbau seit DKM „Bismarck“.

„Wir sind es gewohnt, dass man uns für unsere Effizienz und unseren Fleiß bewundert, nicht, dass man uns dafür hasst.“ […] „Es fehlt nicht mehr viel, und sie verbrennen deutsche Flaggen. Aber halt, auch das tun sie ja bereits.“

Na, denn mal nichts wie los. Und so trampelt er auf „den Griechen“ herum; da die ja bereits am Boden liegen, tritt es sich besonders gut. Diese undankbaren Griechen!

„Auch die Amerikaner hätten allen Grund gehabt, ein wenig Dankbarkeit zu erwarten, schließlich waren es ihre Männer und Frauen in Uniform, die am Ende für Ordnung sorgen mussten, wenn irgendwo ein Diktator seinen Blutrausch auslebte, während die internationale Gemeinschaft übers Händeringen nicht hinaus kam.“

Fleischhauer sei Dank übernehmen das – jedenfalls laut dieser wirren Lesart – nun die Deutschen.

Wer sich also fragt, woher der Hass gegen alles Fremde im Westen Deutschlands kommt, kann beim Spiegel anfangen. Natürlich sei auch der Genuss der rechten Schmuddelecke wie der „Jungen Freiheit“ oder „PI“ erlaubt, aber soweit muß man gar nicht gehen. Der Blick in die bürgerliche Mitte reicht vollkommen.

Da liegt der hässliche Deutsche am italienischen Strand oder besucht die Akropolis. Schwaden von Fliegen und Andenkenverkäufern begleiten Herrn „Wir sind wieder wer“ und seine unpassend gekleidete Frau. Der Herr duscht nicht gerne, ist aber begütert. Die verächtlichen Blicke der Einheimischen, wenn die zu großen Autos wieder in Richtung Deutschland fahren, hält er für Respekt.

Es ist diese weltläufige Perspektive des Schrebergartens, diese deutsche Großmäuligkeit mit anschließender Fahrerflucht, die das Bild des Deutschen im Ausland jahrzehntelang prägten – man war durchaus bemüht, es zu vergessen  Es kann auch eine Hinterlassenschft bedeuten. Erst gibt es eine NPD, dann beginnt sie zu morden. Damit sie endlich wieder Jemand sind. Damit es jeder sehen kann. Und morgen die ganze Welt.

Herr Fleischhauer ist ein feiner Mann. Er trägt einen teuren Anzug, isst einmal pro Woche „beim Italiener“ und schreibt für ein renommiertes Blatt. Sein Deo hat den Abend durchgehalten, das Haar sitzt, und er hat äußerlich so gar nichts mit dem braunen Mob zu tun, der durch die Straßen zieht. Niemand hat einen Hugenberg jemals in der Uniform der Sturmabteilung gesehen.

Das Verhör

Herr Fleischhauer gibt an, niemals davon erfahren zu haben, was sie mit den … getan haben:

Das konnte ja keiner ahnen, daß sie soweit gehen würden … Man hat sich zwar gewundert, warum der Nachbar verschwand, aber … Niemals hätte man so etwas gutgeheißen, aber … Dazugehört habe ich niemals: Ich war wertkonservativ, aber durchaus liberal.”

Aussage des Beschuldigten Fleischhauer, Hamburg, 14.6.2022

[* Wiederholungen gefallen nicht.]

Mehr vom Pantoufle gibt es hier.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 29. Februar 2012 in Journalismus, Kolumne, Politik

 

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2 Antworten zu “Fleischklopfer: Das Rennen der Kapitäne

  1. bee

    29. Februar 2012 at 10:13

    Man kennt diesen Typus aus dem Strandurlaub: ein sauber gescheiteltes Stück Mundgeruch in Socken und Sandalen, das seine Impotenzneurose an den anderen abreagiert. Fleischhauer weiß, wie so ein Deutscher auszusehen hat.

     
  2. zio pipo

    29. Februar 2012 at 12:25

    Gibts den Fleischhauer wirklich? Ich dachte, dass wäre ein Troll-omat von Spiegel

     
 
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