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Lex Google, vulgo Leistungsschutzrecht

05 Mär

Nun haben also die Verleger mit Hilfe bemerkenswert wirtschaftsunkundiger Politiker bekommen, was sie wollten. Eine der Lehren aus diesem Koalitionsbeschluss lautet: Etwas kann noch so falsch sein; wenn man nur oft und laut genug wiederholt, es sei etwas Tolles, ist es irgendwann toll. Leider ist nicht bekannt, wie viele der Presse-Lobbyisten an der Vereinbarung mitgeschrieben haben; jedenfalls haben sie einen guten Job gemacht. Die Verlage hätten einfachere Möglichkeiten gehabt, wäre es darum gegangen, Suchmaschinen auszusperren. Aber es geht um Googles Geld. Immerhin haben wir jetzt die einmalige Chance, zu beobachten, wann ihnen klar wird, dass sie am deutlich kürzeren Hebel sitzen.

Was jetzt passieren sollte:
Google sperrt die Inhalte der Zeitungen aus, wie es im Juli 2011 in Belgien geschehen ist. Blogger verlinken nicht mehr auf Zeitungsinhalte. Wer solche Regelungen beschließen läßt, hat das nächste Feindbild schon auf dem Schirm.

Was vermutlich* passieren wird:
Google wird sich sehr genau überlegen, ob es schweres Geschütz auffährt. Deutschland ist größer und mächtiger als Belgien, es hat wesentlich mehr Zeitungen, Magazine und internationale Pressekooperationen. Außerdem war die Sachlage eine andere:

Nachdem ein Gericht Google dazu verurteilt hat, 25.000 Euro Strafe pro auftauchendem Artikel eines der genannten Verlage zu bezahlen, hat man offenbar drastische Mittel ergriffen. Seit dem gestrigen Freitag sind die Websites sämtlicher Zeitungen, die die Klage des Copiepresse-Verbands unterstützt haben, aus den Suchergebnissen gefallen.

Es wird trotzdem interessant sein, zu welchen Ergebnissen die wahrscheinlichen Verhandlungen führen.

Als Blogger nicht auf Zeitungen zu verlinken, ist mühsam. Zumindest sollte man  rel=”nofollow” an die Links anhängen, so, wie es bei Links zu B*LD schon lange Usus ist. Ganz auf die Verlinkung zu verzichten, würde bedeuten, alle Geschichten noch einmal zu erzählen – damit wäre der Sinn des Internets ad absurdum geführt.

Es gibt eine Alternative: Den Ausbau des bereits vorhandenen publizistischen Umfelds zu einer Gegenöffentlichkeit, die genügend qualitativ hochwertige Inhalte liefern kann. Mit der Zeit wird sie von den Presseerzeugnissen immer unabhängiger. Das kostet Zeit und Geduld, und nicht jeder wird dazu bereit oder auch nur zeitlich in der Lage sein. Ein wenig Nachdenken, worauf man verlinkt, ist jedoch zu leisten. Sinnvoll ist auch die Installation geeigneter Software, um regelmäßig nach nicht gekennzeichneten Blogzitaten in der Qualitätspresse zu scannen.

Zunächst muss man abwarten, wie die Akteure sich in den nächsten Tagen und Wochen verhalten. Eines steht aber jetzt schon fest: Es wird sich etwas ändern. Dass Lobbies ihre Wunschzettel so einfach erfüllt bekommen, erzeugt nicht nur Unverständnis und Wut: Es wird auch für kreative Ideen sorgen. Da kann man dem Netz voll und ganz vertrauen. Übrigens: Während des Goldrauschs haben die Gemischtwarenhändler die größten Vermögen gemacht.

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22 Kommentare

Geschrieben von - 5. März 2012 in Medien, Netzpolitik, Politik, Web 2.0

 

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22 Antworten zu “Lex Google, vulgo Leistungsschutzrecht

  1. flatter

    5. März 2012 at 11:50

    Der “Ausbau des publizistischen Umfelds” … kostet auch Geld, das ist ja das Problem. Um den Informationsbedarf abzudecken, braucht es Redaktionen, damit nicht jeder über denselben Kram schreibt. Es braucht Leute, die nicht bloß Buchstaben aneinander reihen, sondern schreiben können und die das täglich tun. Es braucht Zugang zu Agenturmeldungen etc..
    Wie das finanzieren? Durch Werbung? Dann entsteht dieselbe Abhängigkeit, die den Journalismus so zugrunde gerichtet hat. Durch Spenden? Das wird nicht reichen. In bin da sehr skeptisch.

     
  2. opalkatze

    5. März 2012 at 12:04

    Muss leider jetzt weg, komme drauf zurück.

     
  3. Mario Sixtus

    5. März 2012 at 15:44

    Fußnote: Der Belgien-Vorfall ereignete sich bereits im Jahre 2006. Warum Gulli.com fünf Jahre später darüber berichtete und so tat als sei es eine aktuelle Meldung, weiß ich nicht.

     
  4. opalkatze

    5. März 2012 at 21:32

    Vermutlich deshalb: http://arstechnica.com/tech-policy/news/2011/07/google-versus-belgium-who-is-winning-nobody.ars Das scheint das Ende der Geschichte zu sein, und Gulli hatte sie wohl fortgeschrieben. Rund um dieses Datum (Mitte/Ende Juli 2011) finden sich an mehreren Stellen abschließende Meldungen.

     
  5. opalkatze

    5. März 2012 at 22:39

    Bloggern unterstelle ich einen gewissen Hang zur Selbstausbeutung, das hilft schon mal ,)

    Ernsthaft: Die Zusammenarbeit und Verlinkung untereinander klappt ja schon ganz gut. Natürlich gibt es verschiedene Netzbezirke: Politikblogger, Wirtschaft, Mode, Hobby, und, und, und. Heute morgen hab ich auf G+ geschrieben:

    Blogs können schon jetzt etwas, das der Presse nicht möglich ist: Sie können sich ausführlich mit Nischenthemen beschäftigen. Fachleute, seien sie Amateure oder beruflich damit befasst, schreiben über Themen, die sie sehr gut kennen oder Dinge, die sie sehr gut können.

    Außerdem gehen sie unbefangen mit “neuen” Medien um, probieren ohne Zwänge aus und sind in der Lage, sehr schnell zu berichten.

    (Paradebeispiel S21, bambuser.) Dabei gehe ich von der ganz normalen Blogszene aus, die nur ein wenig aufmerksamer verlinkt. Du informierst dich ja bereits jetzt ausführlich über alles Mögliche, auch ohne Redaktion (die im Prinzip durch deinen Feedreader simuliert wird). Ich glaube, gerade die Heterogenität ist die Chance. Wer bei einem Thema “mehr” machen will, kann das ja jederzeit tun, die vorhandenen Strukturen geben auch das her. Mit der Zeit werden sowieso immer mehr Interessenkreise entstehen, die sehr tief in ihrem jeweiligen Thema drin sind (wie jetzt schon die Wirtschaftsblogger). Lediglich der Austausch untereinander ist noch ausbaufähig.

    Die Beleuchtung eines Sachverhalts durch verschiedene Kommentierungen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, ist ja das Tolle am Netz. Wenn “Mach dir das ganze Bild” nicht schon vergeben wäre, passte es wunderbar. Diese Vielfalt schafft Print schon lange nicht mehr, es ist zu abhängig von dpa, dapd, AFP etc.

    Blogger gibt es überall. Auch in der Twitter-Timeline* kann man andere bitten, Hintergrund zu einem lokalen Ereignis zu liefern. Das alles erfordert keine festen Strukturen im traditionellen Sinn, sondern richtet sich nach den jeweiligen Anforderungen. Eben daraus resultiert ja die Schnelligkeit, mit der man im Netz reagieren kann. Dein eigenes Newsdesk baust du dir selbst.

    Du must natürlich genau wissen, wer verlässlich ist, und einen Haufen Leute kennen. Das kann man nicht mal eben so herstellen, unter einem halben Jahr ist das nicht zu machen. Bei meinen Twitterati weiß ich aber mittlerweile sehr genau, woher ich schnell zuverlässigen Hintergrund kriege. Dazu habe ich verschiedene Listen (Arabien, USA, Russland, ..), die wunderbar funktionieren – und natürlich auf Gegenseitigkeit.

    Das halte ich erst mal für wichtiger als Geld – die Zeit, die man braucht, um belastbare Kanäle aufzubauen, das gilt für In- und Ausland. Und ich glaube, wir müssen die neuen Möglichkeiten wirklich ausnutzen, statt weiter in Mustern wie Agenturen und Redaktionen zu denken: Vernetzen statt Übernehmen. Weil wir eben kein one-to-many-broadcast mehr machen.

    * Warum twitterst du nicht? Ich prangere das an. ,)

     
  6. marsman

    7. März 2012 at 10:24

    Nur mal so reingestreut weil vielleicht interessant:
    Newspaper Death Watch, ein Medienblog in den USA, hat immer wieder mal sehr
    interessante Artikel aus dieser Branche. Das könnte vielleicht auch für deutsche Leser
    manchmal interessant sein. (Anm.: Als regelrecht selbstmörderisch hat sich die Sensations-
    heischerei, Celebrity Gossip, und dgl. mehr erwiesen, ebenso wie das Konzept “conflicts sell”,
    dh. zynische Strategien mit Aufregerthemen.)
    http://newspaperdeathwatch.com/

    Hier ein älterer Beitrag aus Newspaper Death Watch in dem es die Inkompetenz von
    Topmanagern im Verlagswesen ging, eine Inkompetenz die drüben ziemlich gut bekannt ist.
    http://newspaperdeathwatch.com/index.php?s=Denial+Amid+Disruption

     
  7. opalkatze

    7. März 2012 at 13:16

    Ja, aber ich lese lieber bei Poynter, die auch häufig andere zitieren. Ich finde, wir können da eine Menge lernen, sollten aber nicht zu viel Bezug auf den amerikanischen Markt nehmen – er ist zu anders (angefangen bei Copyright und fair use).

     
 
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