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Frauentag · Man wird bescheiden

08 Mrz


Vor ein paar Wochen bin ich 53 geworden. An sich ist das unwichtig; an manchen Tagen fühle ich mich wie 13, an anderen wie 93 – das geht wohl allen so. Doch meine Einstellung hat sich geändert. Ich habe etwas gelernt: Beauvoir hatte nicht Recht. In einem ihrer autobiographischen Romane sagt sie, die Welt sei immer anderswo. Das habe ich lange geglaubt und mich zum Teil durch meine und die Wünsche anderer, Idealvorstellungen und Projektionen irreführen und bestimmen lassen. Aber die Welt ist nicht anderswo. Sie ist in meinem Kopf und in meinem Bauch, und sie ist ganz und gar, was ich daraus mache.

Für Erfolg oder Scheitern bin ich alleine zuständig. Niemand anders, keine feministische Lehre ist schuld, wenn ich etwas richtig oder falsch mache. Es ist womöglich bequemer, Versagen mit soziologischen oder philosophischen Modellen zu erklären, in etwa die Analogie zu einer schweren Kindheit. Mich macht nur stutzig, dass ich die niemals bemühe, solange alles planmäßig läuft.

Jahrzehntelang sind viele von uns dem Irrglauben verfallen, wenn man nur genug gelesen und diskutiert hat, möglichst viele Denkansätze kennt und die eigenen Befindlichkeiten mit klinischem Interesse betrachtet, gäbe es für alles eine Erklärung. Natürlich, es gibt immer eine passende Theorie, die von der allgemeinen Erwartungshaltung abweichendes Verhalten entschuldigt. Schließlich lassen sich auch für einen Mord Gründe finden.

Ich muss nichts mehr begründen. Wenn ich Mist gebaut habe, ist das ebenso eine Tatsache, wie ein Erfolg es ist. Dann werde ich mich bei meiner besten Freundin ausheulen oder mit ihr feiern, und das war es dann. Es interessiert mich nicht, dass die Menschen im Dorf nicht verstehen, dass ich gerne alleine lebe. Sie müssen auch nicht wissen, woher zeitweiliger Herrenbesuch kommt und ob es – endlich! – ‚was Ernstes‘ ist. Meine Treue oder Promiskuität ist meine Sache. Was ‚man‘ nicht tut, hat nicht Gegenstand der Beurteilung durch meine Nachbarn zu sein, sondern allein der meiner Auseinandersetzung mit mir selbst.

Ich mag nicht in eine Schublade gesteckt werden, weil ich über 50 bin, denn es ändert nichts an meiner Einstellung oder meinen Wünschen. Der Satz, ’sie sieht ja noch gut aus für ihr Alter‘ kommt mir zu den Ohren raus. Die Erwartung, man müsse immer gleich sein und könne Dinge nicht auf jeweils unterschiedliche Weise tun, ist so richtig, wie der Turm von Pisa lotrecht ist. ‚In meinem Alter‘ noch einmal etwas Neues anzufangen, ist völlig in Ordnung – es ist in jedem Alter in Ordnung, und es hat nichts damit zu tun, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Das sind Kleinigkeiten, die nur in ihrer Gesamtheit und durch Wiederholung nerven.

Hingegen: Dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, gehört abgestellt. Dass mal wieder eine Quote die einzige Möglichkeit zu sein scheint, um Frauen in Vorstände zu bringen, ist ein Armutszeugnis. Dass wir wieder über Sexyness und immer noch über Diäten und Jugendwahn reden, ist einfach nur bescheuert. Mit diesen Dingen muss eine Gesellschaft sich beschäftigen. Da hilft es nichts, noch ein paar soziologische Studien auswendig zu lernen. Die Protagonisten der 68er-Bewegung sind unter anderem an dem Versuch gescheitert, Fabrikarbeitern Marx und Engels dialektisch erklären zu wollen.

Solidarität und das Bemühen, andere mitzunehmen, sind dringend nötig. Könnten wir uns statt mit ständiger Krittelei und akademischen Scheingefechten mal mit der Wirklichkeit befassen? Es interessiert Lieschen Müller einen feuchten Kehricht, wer wann in Erwiderung worauf welche geistreiche Replik geschrieben hat. Lieschen Müller sitzt bei Aldi an der Kasse und versucht, mit ihrem Zuverdienst die Familie am Laufen zu halten. Nebenbei pflegt sie ihre alte Mutter. Währenddessen hat der neoliberale Sozialabbau überall breite Kahlschläge hinterlassen, wird die Bildungspolitik an die Wand gefahren, dass es nur so rauscht, und Forschung und Wissenschaft stehen unter ferner liefen.

Könnten wir vielleicht mal über den korrekt gegenderten Tellerrand hinaus blicken? Wir sind über 50 Prozent der Bevölkerung. Es gibt keine einzige Theorie, die mir erklären könnte, warum wir das nicht endlich ausnutzen.

 
14 Kommentare

Verfasst von - 8. März 2012 in Frauen, Mensch bleiben, Politik, Welt

 

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14 Antworten zu “Frauentag · Man wird bescheiden

  1. Clemens Gleich

    8. März 2012 at 10:19

    Mir gefällt das Ende, weil es Eigenverantwortung will. Ja: Dass Frauen schlechter bezahlt werden, das ist unsere Idee. Wir fürchten zum Beispiel diese Weggänge guter Frauen, wenn sie schwanger werden. Außerdem glauben wir immer noch tief im Inneren, obwohl wir es nicht mehr zugeben, dass Frauen nur große Kinder mit Brüsten sind, die allein wenig hinkriegen. Aber über Diäten und Sexyness, über „was muss eine Frau heute leisten: ALLES“, über all das redet fast ausschließlich ihr.

    Ihr macht es euch schwerer als nötig. Ihr glaubt, Gleichberechtigung hieße, dass ihr fortan alles können und alles machen müsst — gleichzeitig: Kinder kriegen, Häuser bauen, Firmen gründen, und dann noch perfekt aussehen und perfekt vögeln können. Und sich helfen lassen, selbst sich Einkäufe tragen lassen, das ist altmodisch. Dieser Gender-Quatsch hat es allen Beteiligten nicht einfacher gemacht, und die Welt nicht besser, sondern nur komplizierter gemacht. Fairer, selbstbewusster, gleichberechtigter Umgang der Geschlechter sieht anders aus und finge damit an, die Unterschiede zu respektieren und anzuerkennen. Jeden das tun lassen, was er will und worin er gut ist.

    Trotzdem: ein heiße-Schokolade-mit-Rum-Prost heute auf die Frauen. Keiner möchte eine Welt ohne.

     
  2. opalkatze

    8. März 2012 at 10:33

    Du verallgemeinerst aber ganz nett, genau das will ich nicht. Jede macht ihr eigenes Ding, und du kannst nicht von einigen Gruppen auf alle schließen. Hattest du den Link gelesen? Differenziert das vielleicht ein bisschen.

     
  3. Clemens Gleich

    8. März 2012 at 10:43

    Nein, ich habe nicht jeden Link gelesen, war aber schon gelegentlich hier auf dieser Seite. Ja, ich verallgemeinere, und will auch genau das tun. Die Gesellschaft ist ein Schnitt aus Menschen, es gibt Hauptströmungen (=Verallgemeinerungen). Man kann eine Wüste nicht verstehen, indem man beim (auch einzigartigen) Sandkorn anfängt.

    Eigentlich wollte ich nur nett, aber nachdenklich sein. Wäre aber der Erste beim Zugeben, dass ich nicht zuverlässig nett bin, wenn ich es sein will.

     
  4. opalkatze

    8. März 2012 at 11:01

    Hab das auch nicht als unnett verstanden, schon ok. Nur gibt es eben so viele Herangehensweisen, wie es Chinesen gibt, deshalb bin ich mit „ihr“ nicht einverstanden.

     
  5. Regina Medita

    8. März 2012 at 11:23

    mir fehlen die Worte … Du schreibst mir aus der Seele.

     
  6. Lakritze

    8. März 2012 at 15:57

    Vielen Dank. Zu diesem Frauentag der erste Text, der mir gefällt.

     
  7. opalkatze

    8. März 2012 at 16:02

    Danke :) @Afelias fand ich toll, ist verlinkt.

     
  8. Lakritze

    8. März 2012 at 16:14

    Bin auch noch nicht ganz durch mit allen.
    Was ich auch noch mochte, ist das hier.

     
  9. opalkatze

    8. März 2012 at 16:52

    Hm, also jetzt jegliches shaping abzulehnen, finde ich aber auch nicht ok. Wenn sich jemand – wie und wo auch immer – pflegen will, soll er. Ich schmink mich zum Beispiel fast nie, und wenn, Wimperntusche und Lipgloss, fertig. Dafür fühl ich mich ohne farblosen Nagellack komisch.

     
  10. Lakritze

    8. März 2012 at 16:57

    Ich glaube nicht, daß sie shaping ablehnt; schließlich tut sie’s ja. (Mit Nagellack, wenn man der Zeichnung glauben darf.) Aber der Blick auf die Tatsache ist interessant.

     
  11. sunnyromy

    8. März 2012 at 19:01

    Reblogged this on sVlog.

     
  12. Joachim

    9. März 2012 at 00:15

    Windows ist von Männern gemacht,
    hahalo? Was redet ihr denn hier. Lippgloss, Nagellack und shaping? So wird das nix mit der Emanzipation. Nix für ungut, ich hatte schon den perfekten Kommentar fertig, wie Frauenrechte effizient durchgesetzt werden können. Die Lösung – hättet ihr nur noch tun müssen. Muss Mann Euch denn alles erklären? Wenn nur Windows nicht abgestürzt wäre, als ich gerade fertig war. Was sagst Du? Blöder Cauvi? Also echt Mäuschen, da kann ich doch nix dafür. Das lag an Windows.

    Mir scheint, die Welt immer nur dann anderswo, wenn man(n) sie nicht rein lassen kann.

     
 
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