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Anamnese in vier Links

19 Mrz

Marcel Weiss denkt über die irrationale Angst der Verwerter vor Googles vorgeblicher Geldgier nach. Aron Pilhofer fragt sich, warum nicht mehr Journalisten zur Veranschaulichung ihrer Themen Daten benutzen. Christian Scholz war beim Innenministerium in NRW zu Besuch, wo es um den Zugriff auf OpenData ging. Und bei Slate schreibt Evgeny Morozov über automatisierten Journalismus.
Zusammen charakterisieren diese vier Texte die Probleme, denen Medien wie Konsumenten gegenüber stehen: ein unzeitgemäßes Urheberrecht, neue Formen des Journalismus‘, Sicherheitsbedenken politischer Parteien und das gefühlte Siechtum einiger Verlage.

Datenvisualisierung

Bereits die visuelle Umsetzung der Handy-Vorratsdaten des Grünen-Politikers Malte Spitz hat gezeigt, was mit großen Datenmengen möglich ist. Spätestens der Zugmonitor, den die Süddeutsche letzte Woche vorgestellt hat, beweist den praktischen Nutzen offener Daten.
Man stelle sich vor, die seit Jahren unaufhörlich gesammelten Daten, allein die von Bund und Ländern in Deutschland, wären frei verfügbar – wofür die in 45 Staaten vernetzte Organisation Open Government sich seit September 2011 einsetzt. Wikipedia erklärt das Konzept:

Open Data ist eine Idee oder Bewegung mit der Absicht, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Sie beruht oft auf der Annahme, dass vorteilhafte Entwicklungen eingeleitet werden, wenn Daten für jedermann frei zugänglich gemacht werden. Dies betrifft insbesondere Abwesenheit von Copyright, Patenten oder anderen proprietären Rechten. Open Data ähnelt dabei zahlreichen anderen „Open“-Bewegungen, wie zum Beispiel Open Source, Open Content, Open Access, Open Government und Open Education.

Komplexe Themen lassen sich damit anschaulich bebildern. Haushalte, von der Kommune bis zum Bund, aufgeschlüsselt bis hinunter zu den Kostenstellen, Kosten für Pflege und Gesundheitsvorsorge, lassen sich ebenso einleuchtend darstellen wie die an einer internationalen Konferenz teilnehmenden Sicherheitsunternehmen oder die Spendenpraxis der US-Pharmaindustrie.

Angst vor Kannibalen

Die Frage ist allerdings, ob das erwünscht ist. ZEIT online und SZ online machen erste Schritte, nachdem der Anschauungsunterricht etwa beim britischen Guardian anscheinend überzeugend war. Neues kann nicht aus Unbeweglichkeit entstehen. Spiegel online oder die Madsack-Gruppe sehen das anders: Sie ziehen sich lieber hinter Paywalls zurück und reduzieren die Anzahl der gleichermaßen online wie im Print erscheinenden Artikel drastisch. Damit soll (Achtung, schönes Stichwort:) Printkannibalismus vermieden werden.

Das ist in etwa so, als hätte der fantastische italienische Eisladen unten an der Straße all seine Eisbecher verlockend angerichtet und ins Fenster gestellt, um dann den blickdichten Sonnenschutz herunterzuziehen. Durch ein kleines Seitenfensterchen reicht der Inhaber lediglich noch Waffeln mit 2 Eiskugeln, aber ohne Sahne und zu überhöhtem Preis, hinaus.

Wer hat den brüllendsten Titel?

Nach der fortschreitenden Boulevardisierung von SpOn ist das nicht weiter schade, denn andere schaffen es weiterhin ohne überbordende Überschriftenwettbewerbe und immer neue Horrormeldungen. Es gibt nur noch wenige Artikel, die eine Verlinkung lohnen, in der Netzwelt zum Beispiel, und einige der Kolumnen. Wenn ein Blatt nicht mehr verlinkt wird, sinkt die gesamte Attraktivität – weil das, was einst Anreißer hieß und von cleveren Zeitungsleuten zur Appetitanregung erfunden wurde, nicht mehr sichtbar ist. Heute heißen die Anreißer Snippets und stellen in den Augen vieler Rechteverwerter die maximale wirtschaftliche Bedrohung dar. Ein scheinbar logischer Schluss, wie ihn auch Kinder ziehen: Ein großer Feind ist besser als viele kleine. Für die Verlage gilt allerdings auch: Lerne klagen, ohne zu leiden.

Natürlich könnte man eine große gemeinsame Anstrengung machen, Druck ausüben, um OpenData auch bei uns zum Allgemeingut zu machen und (auch) damit tollen, informativen Journalismus anzubieten. Statt Bezahlmodelle zu finden, die akzeptiert werden, und auf den Austausch zwischen Lesern und Schreibern zu setzen, versteckt man sich aber lieber. Statt endlich wenigstens ein paar Zehen ins publizistische 21. Jahrhundert zu stippen, bemüht man die guten alten Gummistiefel. Und obendrauf, bitteschön, noch ein Leistungsschutzrecht, damit ganz sicher kein Tröpfchen eine Chance hat. Ausgaben für ein leistungsfähiges Newsdesk, an dem sämtliche Fähigkeiten der sozialen Netzwerke genutzt werden? Bezahlung fitter Onlineredakteure statt strenger Trennung nach On- und Offlinern? An einem Strang ziehen? Nicht mit uns. (Wie macht das bloß die ZEIT? Und auch noch mit Auflagensteigerung …)

Bloß nicht bewegen. Oder etwa doch?

Dabei würde der Zivilgesellschaft wie Teilen der Presse die Abkehr vom journalistischen Separatismus gut tun. Medienleute sprechen ja, wenn nicht über-, so doch miteinander – aber nur selten mit ihren Lesern, Hörern oder Zuschauern. Beim Kölner WDR gibt es Proteste, weil das Kulturprogramm drastisch gekürzt werden soll, allerdings haben die Hörer mit dem Deutschlandfunk mindestens eine gescheite Alternative. Im Printmarkt ist die Abstimmung per Abokündigung wirksam, doch Optionen werden langsam rar, will oder kann man nicht direkt auf ausländische Erzeugnisse umsteigen. Die Bevölkerungsalterung wird noch für eine Weile einen nicht allzu robusten Puffer bilden, der mehr oder weniger Lesertreue sicherstellt. Aber auch die Älteren gehen mittlerweile ins Netz, um sich zu informieren, und die Jüngeren werden gerade daran gewöhnt, sich doch lieber gleich auf Blogs, beim Guardian oder der New York Times schlau zu machen.

Fassen wir zusammen

Das Urheberrecht bedarf dringend der Erneuerung, am besten gleich in zwei getrennten Rechtsnormen, als Schöpfer- und als Verwerterrecht, keinesfalls jedoch mit einem Schutzgeld für Presseverlage. OpenData muss zur Förderung politischer Transparenz voran getrieben werden. Die Abwehr diverser Lobby-Bemühungen aus Berlin wie aus Strasbourg, Brüssel, Washington und Hollywood wird absehbar für Nachrichten sorgen. Und dann wären da noch die ganz normalen bundes-, landes- und medienpolitischen Belange, um die sich gerade auch niemand kümmert. Wir haben nämlich jetzt Wahlkampf.

Man kann nicht behaupten, es gäbe keine Arbeit für die Presse. Falls sie Ambitionen hat, ihren Status als Vierte Gewalt zu erhalten, sollte sie bald unter Beweis stellen, dass sie es noch kann. Sonst gibt es eines Tages wirklich nur noch dpa. Oder die Automaten übernehmen.

 
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Verfasst von - 19. März 2012 in Journalismus, Medien, Web 2.0, Welt

 

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