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Ein-Mann-Terrorismus – wie bitte?

23 Mrz

Frank Jansen behauptet auf ZEITonline:

Die Morde des Islamisten Mohamed M. stehen für eine neue Form des Terrors. Politik und Medien tun sich schwer, damit umzugehen.

Ja, in der Tat, vor allem die Medien; der Politik kommen solche Taten vielleicht nicht gänzlich ungelegen. Die Medien haben allerdings ein rapide wachsendes Problem: Das der Sprache. Die ist irgendwann erschöpft, selbst eine so ausdrucksreiche wie die deutsche. Nach Sensation kommt nicht mehr viel, toter als tot geht nicht, und nach dem Terrorismus kann man noch so eben den Ein-Mann-Terrorismus erfinden, aber selbst hausgemachte Plastikwörter lassen nach einer Weile keine weiteren Superlative mehr zu.

Früher einmal hieß Mord Mord, wenn es ein Mord war, im gegebenen Fall auch Serienmord. Immer schon wurden Augenzeugen befragt, immer schon waren deren Angaben durch Schock, schlechte Beobachtung oder einfach Sensationslust nicht aufschlussreich. Das wussten alle, die Reporter hatten ihre menschelnde Story im Kasten, und Schluss.
Heute heißt Mord Anschlag, der Mörder ist natürlich Terrorist und kann nur Islamist, Links- oder sonst ein Extremist sein. Der Rechtsextremist kommt kaum vor, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, aber bei Gelegenheit wird er ja vielleicht doch noch zu einer willkommenen Ergänzung des Spektrums der möglichen Täter.

Dermaleinst, als die Welt noch nicht völlig überkandidelt war, galten Presseregeln. Darin kam auch etwas vor, das dem Prinzip in dubio pro reo* entsprach, dass nämlich, ehe nichts feststehe, äußerst zurückhaltend zu berichten sei. Seit 2001 scheinen diese einleuchtenden Regeln im steten Schwund begriffen zu sein.

Kaum hören die Medien von etwas, das sie ein mediales Großereignis nennen, kokeln schon die Drähte. Alle möglichen (und vor allem unmöglichen) „Experten“ werden um Stellungnahmen gebeten, und sei es mitten in der Nacht. Aus dem Stand mutmaßen und gerüchten die dann zusammen, was ihnen gerade so einfällt. Das Lieblingsbild ist – selbstverständlich – der islamische Terrorist. Wobei die in ihrer Dämlichkeit kaum zu übertreffende Gedankenkette Anschlag – Terror – Islam in all ihren verführerischen Facetten gedreht und gewendet und keine noch so weit her geholte Spekulation ausgelassen wird. Ein Wunder, dass nicht auch die Mehrfachkatastrophe von Fukushima gleich diesem Bild angepasst wurde.

Was wäre es für eine Wohltat, wenn ein Reporter oder Moderator einfach einmal sagte, „uns liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor“. Wenn diese schrecklichen für-alles-und-gar nichts-Experten ruhig in ihren warmen Betten liegen bleiben dürften. Vermutlich werden wir das nicht mehr erleben.

Dass Mörder möglicherweise gar keinen „Hintergrund“ haben, dass sie ganz eigene Beweggründe für ihre Tat hatten, steht gar nicht mehr zur Debatte. Es ist ja auch eine zu schöne Rechtfertigung für den Einsatz aller eben noch erlaubten staatlichen Mittel (und einer ganzen Reihe unerlaubter), wenn man „Terroristen“ statt „Mörder“ dingfest machen muss. Die Öffentlichkeit ist gleich viel größer, und Panikmache geht auch leichter. Hinterher nicken dann die weisen Männer aus den Ministerien und vom BKA mit den Köpfen, sie hätten es ja schon immer gewusst, und verschärfen fix noch ein paar Gesetze.
Im aktuellen Fall der Morde in Toulouse erfrecht sich der während des Wahlkampfs gerne um rechte Wählergruppen werbende Präsident, gegen Hassprediger und „das Internet“ vorzugehen. Man sollte ihn zwingen, seine eigenen Wahlkampfreden aufmerksam anzuhören. Die finden allerdings zur besten Sendezeit auf TF1 oder France 2 statt, nicht in einer Moschee, und außerdem ist Frankreich ein kultiviertes Land. Pfui Teufel.

Nun haben wir also – mit Merah und Breivik – den Ein-Mann-Terrorismus. Ein wunderbares Wahlkampfthema, ein wunderbarer Grund, wieder einmal dies und das ein bisschen aufzurüsten. Natürlich auch Auflagen und Einschaltquoten fördernd, schließlich ist das verehrte Publikum mittlerweile auf mehr, mehr, mehr konditioniert worden. Unter Superhyperultrasensation geht gar nix. Deshalb muss es der Anschlag statt des Mordes, der Islamist statt des bösen oder kranken Menschen und eben der Ein-Mann-Terrorismus sein. Drunter tun wir’s nicht.

* Im Zweifel für den Angeklagten

 
17 Kommentare

Verfasst von - 23. März 2012 in Europa, Journalismus, Medien, Politik

 

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17 Antworten zu “Ein-Mann-Terrorismus – wie bitte?

  1. AlterKnacker

    23. März 2012 at 17:18

    Mein Kommentar heute zu einem SPON-Beitrag war wohl kürzer, hat aber das Gleiche ausgesagt.

     
  2. atarifrosch

    23. März 2012 at 18:04

    Super, danke. Das nervt mich auch schon lange.

     
  3. opalkatze

    23. März 2012 at 18:33

    Blöderweise nervt es mich jedes Mal auf’s Neue.

     
  4. đeя вαeяeиαυfвıиđeя

    23. März 2012 at 18:39

    Reblogged this on đeя Bαeяeиαυfвıиđeя.

     
  5. Presto

    23. März 2012 at 21:58

    Liebe Vera,

    aus dem Norden der Noch-Republik, neu gekrönt durch den zweiten Protestanten, der uns der Herzlichste laut der 4. Macht im Staate sein soll, schreibe ich Dir.

    Bewegen tun mich diese Meldungen auch, aber ich nehme mir dazu weitere Quellen, die mich in Richtung Orwellsche Welt blicken lassen. Wo steuern wir hin in Europa? Frankreich, Niederlande, Belgien und England, Australien und weitere Ländern gehen gegen Muslime vor, weil sie einen – so meine ich – Feind brauchen. Dieser hält den Hintern dafür her, das sich Eliten weiter einigeln, dem Volke die letzten Reserven abschwatzen und sich dann brüsten mit „wir wollen euch nur schützen“. Kriege werden im Einklang mit “ wir sind gegen Terror“ geführt, neuer Lebensraum im Osten und dem Nahen Osten wird „ermordet“ und hier im Lande wird neudeutsch bürgergerechtelt; shit like that. Das Kreuz vornweg.

    Waffenverkäufe nehmen zu, Konsumbarometer explodieren ins Unermessliche, Arbeitslose gibt`s kaum noch und alle sind glücklich. Wenn nicht da die bösen Terroristen wären, die Linken, die Kommunisten und die Gutmenschen, die in ihrer Sozialromantik sich die nette Welt vorstellen.

    Ich bestehe wie andere Menschen auch aus Fleisch, Blut, ein paar geschundenen Organen und einem wachen Geist, der sich immer mehr fragen muss, wohin uns diese Gesamtüberwachung mit der Vorverurteilung und dem Rassenhass noch führen mag. Politiker sind nur Marionetten im Spiel mit dem Bürger, der nur noch wählen darf und soll, nur die richtige Partei und keine selbständigen Gedanken gar Kritik in sich trägt. Agenda hin oder her, Blogs und Kommentarbereiche sind derzeit voll von Antimenschlichem.

    Anstatt gemeinsam gegen diese Manipulation(en) vorzugehen, wollen wir ( ….wer sind wir ? ) scheinbar eine Welt voll Sicherheit, die uns aber am Ende jeden Raum zum Atmen nimmt. Internet hin oder her – zum Einen ein Segen des Wissens und Kommunikation, zum Anderen ein Ort, wo uns jederzeit bewusst sein sollte, wie viele Infos wird preisgeben; es gibt auch Naziterrorseiten und anderen Mist, das verschweige ich ja nicht. Der Warnhinweis Sarkozys, Hassprediger-Seiten-Besucher zu bestrafen, geht in die Richtung der totalen Zensur. Es geht, neben Hadopi auch darum, Kritiker des Systems frühzeitig kalt zu stellen.

    VDS [Djihadisten] Propagandisten sehen mit Toulouse ihre Chance gekommen ( ich sehe innerlich schon das dreiste Grinsen des Herrn Friedrich), dem Ganzen endlich und absolut, weil alternativlos und wachstumsorientiert mit Rendite, ihren Stempel aufzudrücken. Die Verabschiedung von der Zivilisation hat nicht erst mit Merkozy begonnen, auch 2001 war sicherlich nur ein Datum. Ich bin mir sicher, das bereits zu Zeiten des kalten Krieges solche Szenarien ausgearbeitet wurden. Jetzt ist für solche Massnahmen die Zeit scheinbar reif.

     
  6. opalkatze

    24. März 2012 at 10:50

    Es ist in den letzten Jahren aber auch eine Gegenöffentlichkeit entstanden, die langsam wächst. Das Netz ist auch anders herum ein gutes Kontrollinstrument, weil es immer wieder und zunehmend Dinge offenbar werden lässt, die andere gerne unter der Decke hielten. Nicht mehr so einfach, das mit den Decken, führt aber natürlich auch zu den Angstbeißereien, die wir gerade überall sehen.

    Nicht verzweifeln. Such dir was, was du gut kannst, und gib es an andere weiter. Wir können sowieso nur in unserem eigenen kleinen Kreis etwas bewegen, aber wenn viele das tun, stimmt die Richtung. Ja, und du darfst mich gerne Romantiker nennen – aber das hilft ungemein. Hab mal wo gehört: Der Weg ist steinig, aber das Schuhwerk wird besser.

     
  7. marsman

    24. März 2012 at 11:20

    Der Unsinn von so einem Medienrummel zeigt sich noch viel drastischer längere Zeit
    später. Es empfiehlt sich dafür das Suchwort „Medeinrummel“. Da findet sich eine Reihe
    von solchen Rummelthemen die mittlerweile wohl schon längst vergessen sind.

    Nebenbei bemerkt: Paul Gillin von Newspaper Death Watch hat eben einen wirklich
    interessanten Rückblick auf die Zeitungskrise in den USA in den letzten fünf Jahren
    geschrieben. Interessante Aspekte für jene die eine Veränderung wünschen.
    http://newspaperdeathwatch.com/

     
  8. opalkatze

    24. März 2012 at 11:49

    Ja, ist bekannt. such mal hier nach „Leistungsschutzrecht„. Da sie es aber partout nicht sehen wollen, müssen sie da durch.

     
  9. nik

    26. März 2012 at 01:24

    Passend zum Thema empfehle ich eine der letzten Alternativlos-Sendungen von Frank und Fefe. Da wird der Terrorismus-Begriffswandel im Laufe der Zeit beschrieben.

    Zugutehalten kann man – wenn die dargestellten Fakten denn stimmen – dass (wenn auch Einzel-)täter mit einer riesigen Waffensammlung und amoklaufartigen Massengewalttaten eine andere Qualität besitzen, als der gemeine Auf-den-Kopp-Mörder, der wochenlang durch irgendwelche Wälder gejagt wird. Politisch beheizt wird die Debatte auf jeden Fall, wohl auch, weil den Medien angesichts einer Eskalation niedrigschwelligen Taten von die Schubladen ausgehen.

     
  10. opalkatze

    26. März 2012 at 09:15

    Ja, danke, hab sie oben angefügt :)

     
 
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