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Auf ein Wort mit Roslyn Piller · Eine Homestory

08 Apr

Bereits auf der Fahrt durch die liebliche Landschaft Cornwalls wird uns klar: Wer hier leben darf, hat es geschafft. Sanfte Hügel, blühende Hecken, Grün, soweit das Auge reicht. Da taucht auch schon hinter einer Biegung das schlossartige Anwesen des berühmten Schriftstellers auf; wie ein von einer langen Mauer eingefasstes Juwel liegt es vor uns in der Mittagssonne.

Als wir uns im Pförtnerhäuschen an dem alten, schmiedeeisernen Tor anmelden, können wir die lange, baumbestandene Allee sehen, die wir gleich entlang fahren werden, das Haus selbst bleibt von hier aus den Blicken verborgen. Eine herrschaftliche, kiesbedeckte Auffahrt mit einem Rasenrondell empfängt uns, in seiner Mitte plätschert anheimelnd ein Springbrunnen. Ein Gärtner und seine drei Gehilfen tauschen eben die Bepflanzung aus.

Ein adrett gekleidetes Dienstmädchen öffnet das wunderbar verzierte hölzerne Portal, und da ist der Hausherr: Aus der Tiefe eines in Pastellfarben gehaltenen, lichtdurchfluteten Wohnzimmers mit einer großen Fensterfront schreitet Roslyn Piller uns entgegen und fragt, ob wir eine angenehme Reise hatten. Die Fürsorglichkeit des berühmten Mannes wirkt einnehmend, und bald finden wir uns auf einem Designersofa wieder, in dessen üppigen Kissen man fast versinkt. Der Sommerwind streicht sanft durch die geöffneten Gartentüren herein, so dass sich die kostbaren Voilevorhänge leicht bauschen. Beinahe könnten wir vergessen, dass wir zum Arbeiten hier sind. Ein freundlicher dienstbarer Geist fragt nach unseren Getränkewünschen, und kurz danach serviert ein livrierter Butler die eisgekühlten Erfrischungen.

Der große Autor sitzt in einem erlesenen antiken Ohrensessel, dessen Farben auf das Angenehmste mit seiner elegant-saloppen Kleidung harmonieren. Nun ist er bereit für unser Interview.

„Herr Piller, Sie sind einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren, ihre Werke wurden bisher in 21 Sprachen übersetzt. Wie finden Sie Ihre Stoffe?“

„Ach, wissen Sie, wenn man erst mal das erste Buch geschrieben hat, geht es beinahe von selbst.“

„Wie gestaltet sich Ihr typischer Arbeitstag?“

„Nun, morgens nehme ich eine Tasse Tee und einen Toast im Bett, dabei lese ich die Zeitungen. Später frühstücke ich dann mit meiner Frau, danach reiten wir gemeinsam aus. Unsere Perle Anna erwartet uns bei der Rückkehr am frühen Nachmittag mit einem kleinen Imbiss. Wir sind ja beide nicht mehr die Jüngsten, daher halten wir anschließend ein kleines Mittagsschläfchen. Abends haben wir häufig Gäste, von den benachbarten Landgütern, oder, bevor ein neues Buch erscheint, natürlich auch von den Leuten vom Verlag, oder Presseleute.“

„Ja, aber unsere Leser interessiert natürlich, wie Ihre wunderbaren Romane entstehen.“

„Wenn mir etwas auffällt, notiere ich es oder mache Fotos. Die Geschichten liegen ja auf der Straße, man braucht sie nur aufzuheben.“

„Wenn Sie eine neue Geschichte finden – was machen Sie dann?“

„Meistens schreibe ich sie direkt herunter – “

„ – auf dem Computer – “

„Neinneinnein, so etwas benutze ich nicht. Ich schreibe auf meiner alten Adler-Reiseschreibmaschine, die mit mir schon in der ganzen Welt war. Das Geschriebene hat doch einen Wert, es ist ja mein geistiges Eigentum, das kann ich keinem seelenlosen Apparat anvertrauen. Nein, da bin ich konservativ.“

„Wie meinten Sie das eben – Sie schreiben es herunter?“

„Na, wir wollen doch mal ehrlich sein: Was die Leute lesen wollen, ist doch eigentlich seit Jahrhunderten dasselbe. Liebe, Intrige, eine ungeklärte Vergangenheit eines der Protagonisten, eine Spur Sex – deutlich, aber nicht zu viel! -, ein Verbrechen kann auch nicht schaden –
Das müssen Sie jetzt nicht wörtlich so aufschreiben, da in Ihrem Blatt – “

„Oh, wir legen Ihnen den Text selbstverständlich vor, bevor er in Druck geht. So war es ja vereinbart.“

„Gut. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Also, meine Bücher spielen ja immer in einer sehr schönen Landschaft, da nehme ich natürlich die herrliche Umgebung hier zum Vorbild. Und dann haben die Leser auch gerne schöne und reiche Figuren, Elend haben die Meisten ja selbst genug. Das schmücke ich dann so ein bisschen aus …“ (blickt gedankenverloren aus den Terrassenfenstern).

„Dürften wir nachher vielleicht einen Blick in ihr Arbeitszimmer werfen?“

„Ach, so was habe ich gar nicht (lacht). Ich stelle mein Maschinchen hin, wo es mir gerade gefällt. Und den Rest macht ja dann auch Frau Dudenwitz.“

„Entschuldigung, bitte, wer ist Frau Dudenwitz?“

„Ach, ohne sie wäre ich ganz hilflos. Sie ist meine gute Seele. Ich diktiere ihr die Entwürfe und sie ist – noch vor meiner Frau – die Erste, die mir sagt, ob der Plot was taugt oder nicht.“

„Ihre Sekretärin – ?“

„Oh, nein, den Schreibkram erledigt mein Privatsekretär. Nein, das kann man so nicht sagen. Ich würde sie als Assistentin bezeichnen. Sie kümmert sich einfach um alles, tippt und redigiert die Texte, verhandelt mit meinem Agenten, hält den Kontakt zur Presse und zum Verlag, macht die Interview-Termine – ja, Assistentin, das trifft es.“

„Sie sind als so gefeierter Mann sicher froh, eine solche Hilfe zu haben. Aber ich möchte nochmals auf meine Frage zurückkommen: Wann schreiben Sie?“

„Es ist so eine Sache mit der Inspiration. Sie dürfen sich nicht vorstellen, dass das immer wie gerufen kommt. Manchmal kann ich wochenlang gar nicht schreiben; jeder Autor kennt das.“

„Was tun Sie, wenn Sie so eine Schreibsperre bekommen?“

„Neinnein, Schreibsperre würde ich das nicht nennen. Es gibt einfach Zeiten, wo es nicht so läuft. Frau Dudenwitz ist da immer sehr hilfreich. Auch das Lektorat meines Verlags greift mir tatkräftig unter die Arme, wenn es einmal hakt. Die kennen das ja von ihren Künstlern – “

„Aber – “

Wir werden von einer einfach gekleideten, dunkelhaarigen Dame unterbrochen, die eilig den Raum betritt: „Herr Piller, der Fotograf wäre jetzt da – “

„Ah, sehen Sie, das ist sie: Das ist Frau Dudenwitz! Wenn ich Sie nicht hätte! Wir wollen heute die Coverfotos für mein letztes Werk machen, leider duldet das keinen Aufschub, das Licht ist gerade so gut. In meinem Alter – “

„Aber – “

„Nun, das Wichtigste haben wir ja ohnehin besprochen, nicht wahr? Und sehen Sie, wenn der Verlag sich schon so reizend kümmert, da kann ich den Fotografen nicht warten lassen.“

„Aber – “

„Frau Dudenwitz wird Ihnen noch den Park zeigen, Sie sind doch so nett, meine Liebe. Sie müssen ja für Ihre Homestory noch ein paar schöne Bilder haben. Ich empfehle mich dann, hat mich sehr gefreut.“

„Aber – “

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen – ?“

„Ähm, ja, danke, sehr freundlich von Ihnen. Braucht Herr Piller Sie denn nicht bei den Fotos?“

„Neinnein, das macht sein Kammerdiener Georges. Wir befinden uns hier im ältesten – “

„Entschuldigung, dass ich Sie unterbreche. Aber – also – ich möchte natürlich nicht indiskret erscheinen – Herr Piller scheint aber ganz außerordentlich gut mit seinen Büchern zu verdienen – ich meine, der riesige Landsitz hier, und das ganze Personal – “

„Ach, das wussten Sie nicht? Nun, Herr Piller ist mit einer geborenen Müssen-Bonitetsza verheiratet. Übrigens sind die Personalkosten nicht so hoch, wie Sie vielleicht denken.“

„Ah, alter Adel, oder? Die Familie ist, glaube ich, für ihre Pferdezucht und ihr Mäzenatentum bekannt? Was macht Frau, ähm, Piller?“

„Oh, das. Die gnädige Frau ist Verlegerin.“

 
2 Kommentare

Verfasst von - 8. April 2012 in Glosse, Kultur, Medien

 

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2 Antworten zu “Auf ein Wort mit Roslyn Piller · Eine Homestory

  1. Joachim

    9. April 2012 at 15:27

    „Aber -“ wer ist Roslyn Piller?

    Sei’s drum, zu diesen schön geschriebenen Text – es fehlt nur ein Mord in Badger’s Drift – eine Art „Gegenentwurf“ hier:

    http://www.blog-cj.de/blog/2012/04/06/mein-kropf-gehort-mir/

     
  2. opalkatze

    9. April 2012 at 18:46

    Es gibt ihn nicht. Man könnte sich vielleicht, zumal in Cornwall und bei diesem schwülstigen, adjektivstrotzenden Einstieg, ganz, ganz entfernt an eine weltberühmte Autorin erinnert fühlen …

    Christian Jakubetz‘ Blog hab ich doch im Feed Reader.

     
 
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