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Verbietet Papier! Der Koran und die Juristen

12 Apr

Jetzt ist also richtiger Wahlkampf, so einer, wo hinterher alle Stimmzettel in eckige Behälter werfen dürfen. Rechtzeitig erging das geheime Startzeichen für eine unsportlichere Disziplin: Ab sofort ist verstärktes Dreckschmeißen erlaubt. Bereits im März gab es eine stilsichere Facebook-Kampagne aus dem CDU-Umfeld. Am 10. April hat Jürgen Rüttgers, der frühere NRW-Ministerpräsident und Düssel-Rambo, in einem RP-Interview¹ nachgelegt (Foto).
Aus der Schweiz kommen günstige Zeichen, dass eine weitere Variante durchaus erfolgreich sein kann, falls sie unter Ausschluss der Staatsanwaltschaft angewandt wird.

An ein Feindbild aus dem Osten ist die bundesdeutsche Öffentlichkeit seit Jahrzehnten gewöhnt, und so bedarf es nur geringer Nachjustierung und der Ergänzung um das Wörtchen „Naher“. Von dort nämlich kommt ein Buch, das soeben – wie perfide – unentgeltlich und unter Kuratel des sogenannten Verfassungsschutzes verteilt und verschickt wird.

Bei der Beschreibung des Werks fühlt sich der Leser an Ecos Der Name der Rose erinnert, in dem wegen eines scheinbar unendlich gefährlichen Buchs sogar gemordet wird. Wie bei Eco ist auch hier der Inhalt nur dem Wissenden verständlich, und es wird ebensolcher Budenzauber veranstaltet.
Die Rede ist von der Aktion einer islamischen Glaubensgemeinschaft, das Buch der Koran. Es sollen, wie gesagt, kostenlos, 25 Millionen Exemplare im deutschsprachigen Raum² verteilt werden.

Die WELT berichtet bereits am 8. April ebenso zähneklappernd wie falsch:

Ein Koran in jedem deutschen Haushalt
Islamisten wollen in Deutschland 25 Millionen kostenlose Korane auf Deutsch verteilen. Nie zuvor hat ihr Missionierungseifer derartige Dimensionen angenommen. Die Sicherheitsbehörden sind in Sorge.

Am 11. April meldet RP online:

Die Ulmer Druckerei Ebner & Spiegel stoppt die Produktion der Gratis-Korane, die bundesweit von Islamisten verteilt werden. Unterdessen hat die Politik die kostenlose Verteilung von 25 Millionen Koran-Exemplaren durch radikale Salafisten scharf kritisiert.
„Wir werden die Auslieferung stoppen und juristisch prüfen, welche Folgen sich daraus ergeben“, sagte der Sprecher des deutschen Mutterunternehmens CPI in Leck, berichtet die „Die Welt“.

Es fällt schwer, angesichts derartigen Furors nicht auf den Gedanken zu kommen, was umgekehrt geschähe, handelte es sich um die massenhafte Verteilung der Bibel in der arabischen Welt; eine Praxis übrigens, welche die Heilige Mutter Kirche über viele hundert Jahre mit Feuer, Schwert und unaussprechlicher Grausamkeit durchgesetzt hat.

Bei den Koranexemplaren handelt es sich um unkommentierte Übersetzungen. Falls man nicht zufällig Islamwissenschaftler ist, erschließt sich der Inhalt ohne Hilfen nicht. Durch den Charakter des Korans, der nicht fortgeschrieben, sondern überliefert wurde, ist die Interpretation so kompliziert und vielschichtig, dass selbst Gelehrte seit Jahrhunderten um einzelne Begrifflichkeiten streiten. Hinzu kommt die uns ungewohnte blumige Sprache, die aus dem Bemühen entstand, die Abschnitte so exakt wie möglich aus dem (Alt-)Arabischen zu übersetzen.
Die Lektüre verhält sich zu der der Bibel in etwa wie ein Sonntagsspaziergang über die Heide zu einer Besteigung der Eiger-Nordwand. Deshalb ist es immer wieder ein Quell der Freude, wenn Politiker angeben, „den Koran gelesen“ zu haben und sich mit den so erworbenen Bildungsbruchteilchen schrecklich blamieren. Garniert wird das gern noch mit dem Verweis auf die Scharia, deren Hauptzweck bekanntlich im Abhacken von Händen besteht. In der Bibel kommt so etwas nicht vor!

Natürlich kann ein C-Politiker nicht einfach sagen, der Koran ist die Heilige Schrift des Islam, denn seine Heilige Schrift ist schließlich die Bibel. Das würde den Wähler nur verwirren, und die Betonung des Fremden stärkt doch im Wahlkampf so vorteilhaft das Wir-Gefühl. Und weil nach jahrelanger, mühevoller Überzeugungsarbeit auch der Letzte weiß, dass alle Menschen muslimischen Glaubens Islamisten sind – ebenso, wie alle Siebenbürger Vampire – und der Koran deren Glaubensgrundlage darstellt, ist Verschenken des Korans jetzt ein Fall für die Juristen. Wir haben ja sonst keine Probleme. Außer Radfahrern, vielleicht.

Die Freiexemplare gehen in den Fußgängerzonen übrigens weg wie warme Semmeln.

¹ nicht online
² Es ist unklar, ob die 25 Mio. Exemplare nur für Deutschland oder ebenfalls für Österreich und die Schweiz bestimmt sind

Lesetipp: Wer etwas über die Geschichte der arabischen Völker und die Entstehung des Islam sowie der verschiedenen Glaubensrichtungen wissen möchte, dem sei Albert Houranis Buch empfohlen (gibt es auch antiquarisch).

 
33 Kommentare

Verfasst von - 12. April 2012 in Kaffeesatz, Politik, Web 2.0

 

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33 Antworten zu “Verbietet Papier! Der Koran und die Juristen

  1. altautonomer

    12. April 2012 at 08:19

    Koran? Geschenkt. Nehm ich. Anders dagegen die BLÖD, die am 23.06.2012 41 Mio Exemplare kostenlos an alle Haushalte verteilen und dabei diejenigen Adressaten ignorieren will , die ausdrücklich keine Werbung wünschen. Dazu gibt es bereits eine Kampagne:
    http://alle-gegen-bild.de/?page_id=67

     
  2. opalkatze

    12. April 2012 at 08:25

    Pöh, lahme Ente. Längst unterschrieben. Feine Aktion, sollte durch Campact die nötige Masse erreichen. Die BildBlog-Aktion im Anschluss ist ebenfalls schick.

     
  3. Maschinist

    12. April 2012 at 08:38

    Zwei Dinge: Bei uns kamen die Gideons in die Schule, um ausser dem blossen Bibel-Verteilen gleich noch zu missionieren. Da gab’s keinen Aufschrei. Doppelmoral, ick hör Dir trapsen.
    Und: Den Koran als Übersetzung zu nehmen sagt sehr für über die „Islamisten“ aus. Das ist für „Isalmisten“ nicht mehr „das wahre Wort“, da können sie auch gleich Mohammed-Karikaturen dazu legen. ;-)

     
  4. SchreckStarr

    12. April 2012 at 09:23

    Ich stehe dem Missionierungseifer jedweder Religion für deren „geliebte Sache“ kritisch gegenüber. Und von Doppelmoral müssen wir erst gar nicht anfangen – so groß kann das Treppchen auf dem 1. Platz gar nicht sein, als dass alle, die jeden Tag zu zu vielen Themen doppelt moralisch unterwegs sind, draufpassen. Und die Kirchen haben da ja auch noch ein jahrhunderte altes Abo, was das angeht …
    Gleiches gilt für die doch eigentlich immer inhaltsleereren Wort der Politiker. Mal sind es Kampagnen, wir seien alle zu dick vom Lagerfeld-schlanken Herrn Gabriel, mal vom MHD von der Ministerin aus Bayern, und dann P. R., der hier in Berlin gegen die schlimmsten Kampf-Radler seit Erfindung des Velos zu Felde zieht. Ergo: Nicht ernst nehmen.

    Aber so richtig toll ist diese Koran-Verteil-Aktion doch nun gewiss nicht, oder? Ich stecke da nicht tiefst in der Materie und der Verfassungsschutz muss nun auch nicht an jedem Koran-Stand stehen, denn die schlappen Hüte kriegen noch nicht einmal die normalen Hausaufgaben hin … doch so ein wenig (!) Pressebeobachtung ist doch nicht schlecht.

     
  5. opalkatze

    12. April 2012 at 10:39

    Wie der @Maschinist schon sagt: Dann bitte ohne Doppelmoral und Aufschrei. Es geht auch eine Nummer kleiner. Und Wahlkampf kann man auch anders machen. Motto: Glaub nicht, was du siehst. Informier dich.

     
  6. SchreckStarr

    12. April 2012 at 10:49

    genau das wollte ich schreiben :)

     
  7. bee

    12. April 2012 at 14:00

    Rassismus bleibt unverfolgt? Dann sollte die CDU ihre Propaganda doch einfach in diesem Interwebdingsi machen.

     
  8. Publicviewer

    12. April 2012 at 15:36

    Ma sollte lieber mal anfangen die Kirchensteuer abzuschaffen, überhaupt jedweder Religion den (Geld) Hahn abzudrehen.
    Wußtet ihr, dass sämtliche Bischoffsgehälter und die ihrer Untergebenen vom Staat getragen werden, oder dass alle kirchlich-caritativen Einrichtungen zu nur maximal 2% aus den finanziellen Mitteln der Kirche stammen?
    Oder dass die Kirchen Immmobillien und andere Wertanlagen in der Größe von einem Drittel Westdeutschlands besitzen und das bei hochgerechnet etwa 38 Milliarden € an Zuschüssen und Kirchensteuern jährlich.

     
  9. Publicviewer

    12. April 2012 at 15:52

     
  10. opalkatze

    12. April 2012 at 16:08

    Klappt nicht, die will keiner. Die machen doch immer Raubkopien. Obwohl Roger Köppel – allerdings Schweizer, leider – sich ehrlich Mühe gegeben hat, das musst du zugeben. [Wie schön, dass da mal der Richtige auf die Nase kriegt. Grass – also wirklich.]

     
  11. opalkatze

    12. April 2012 at 16:11

    Hatte das morgens bei G+ kommentiert:

    Da geht demnächst die Post ab, sehe mir das schon eine Weile an. Die Rechten wollen ans Versammlungsrecht und eine ganze Reihe demokratischer Freiheiten kriminalisieren – alles schön per Gesetz.

    Das hatte ich eben via : http://heise-online.mobi/tp/artikel/36/36751/1.html?from-classic=1, das ist aber nur ein putziger Ausschnitt.

    Wer mag: https://opalkatze.wordpress.com/2011/12/04/die-niemandsregierung-ein-albtraum/, und wer ein bisschen Spanisch kann: http://www.publico.es/ und die Gegenseite: http://www.republica.com/seccion-de-opinion/

     
  12. Hardy

    12. April 2012 at 16:51

    Der Link zu ‚antiquarisch‘ ist defekt.

     
  13. Publicviewer

    12. April 2012 at 17:23

    Sehr guter Text, den werde ich in Zukunft in meine Argumentation einfließen lassen..:-))

     
  14. opalkatze

    12. April 2012 at 17:25

    Danke, scheint keine Permalinks zu setzen. Ist geändert.

     
  15. rauskucker

    12. April 2012 at 17:50

    Oh, danke, wunderbar geschrieben, und soweit von mir komplett unterstützt. Kleines Manko: du erwähnst glaube ich nicht, daß die Koranverteiler (nach Angabe der taz) Salafisten sind, Leute die auch von manchen Muslimen für Verrückte gehalten werden. Ich habe keinen Koran, traue mir auch nicht zu, den zu lesen, aber wenn, würde ich ihn lieber von jemand vertrauenserweckenderem geschenkt bekommen.

    Der Tagesschaulink zum Radlerhasser mutiert bei mir im Geiste übrigentz zu „Krampfsauer“ :-)

     
  16. opalkatze

    12. April 2012 at 19:14

    (Sollten Muslime das lesen, bitte ich, meine Unkenntnis und die äußerst vereinfachenden Erklärungen zu entschuldigen.)

    Zunächst mal ist Salafiyya nur die Bezeichnung für die Anhänger der Wahhabiya, die nicht saudischer Abstammung sind, das hat geschichtliche Gründe. Ursprünglich gehen alle islamischen Glaubensrichtungen von Familien aus, die vom Propheten oder Mitgliedern seiner Familie abstammen. Auch spätere, ‚modernere‘ Richtungen leiten sich im Ursprung jeweils von Familien ab. Wir würden vielleicht sagen, dass Clans Sekten gegründet haben (wobei ‚Sekte‘ nicht richtig ist, aber die Erklärung vereinfacht. ‚Schulen‘ trifft es vielleicht besser.)

    Die Gemeinschaft der Muslime ist die Umma, die nach den Regeln der Sunna lebt, das ist das wichtigste Werk nach dem Koran. Die Teilung in Sunniten und Schiiten erfolgte, weil man sich nicht einigen konnte, wem zu folgen sei: dem Kalifat des Abu Bakr (der Schwiegervater des Propheten) oder Ali bin Abi Talib (Vetter und Schwiegersohn des Propheten), dem ersten Imam. Beide Richtungen haben im Lauf der Zeit unterschiedliche Rechtssysteme entwickelt. Im Islam geht es immer um die Auslegung von Recht und/oder Theologie und darum, welches von beidem das Primat hat.

    Die Wahhabiten/Salafiten folgen einem streng dogmatischen Glauben und legen die Sunna wörtlich aus, die spirituelle Gottsuche (wie z.B. die Sufiya) lehnen sie ab.
    Modernisierung stehen sie kritisch bis ablehnend gegenüber. [Folgt ein langer Absatz über die Probleme der Behandlung heutiger Probleme anhand der Sunna, die ihre Wurzeln schon vor der Gründung des Islam hat (September 622, Beginn der Hedschra = Monat Safar im Jahr 1 der islamischen Zeitrechnung).]

    Die vielen verschiedenen Schulen vertreten alle ‚ihr‘ Weltbild, das ist ja im Christentum nicht anders. Was uns irritiert, ist die allumfassende Geltung und Anwendung des Islam, der weit mehr eine Lebensform als ein Glaube ist.

    Um zu beurteilen, welche Richtung besonders ausgefallen ist, weiß ich viel zu wenig. Wenn sich Mitglieder irgendeiner Gemeinschaft nicht an das Gesetz des Landes halten, in dem sie leben, machen sie sich strafbar. Ich bin aber dagegen, alle Salafiten unter einen Generalverdacht zu stellen, auch, wenn mir die Geschmacksrichtung nicht gefällt. Die Piusbrüder passen mir auch nicht.

     
  17. Publicviewer

    12. April 2012 at 19:27

    Eben, alle Religionen gehören für mich abgeschafft !!!
    Ich bin in keinster Weise mehr bereit mir diesen ganzen Scheiss weiterhin anzuhören.
    Christen, Muslime Sunniten Schiiten, Jüdisch-Orthodoxe, alle hängen irgendwelchen veralteten Dogmen an.
    Jede Art Religion, bedeutet immer Unterdrückung und Sklaverei.

     
  18. Andreas Moser

    12. April 2012 at 21:27

    Ich verstehe die Aufregung um ein in jeder Stadtbibliothek vorhandenes Buch auch nicht.
    Mir selbst gefällt aber der Befehlston der „Lies!“-Kampagne nicht, weshalb ich trotz Kostenlosigkeit nicht zugreifen werde: http://andreasmoser.wordpress.com/2012/04/12/warum-ich-den-koran-nicht-einmal-kostenlos-lese/

     
  19. DFranzenburg

    12. April 2012 at 22:21

    @vera
    Verbietet Buchstaben! Dann wird ein Schuh daraus. Weil wenn man nur das Papier verböte, gebe es unzählige andere Möglichkeiten der nonverbalen Verbreitung.

    Aber ganz im Ernst: Mir entzieht sich, warum (fast) alle auf der Verteilaktion herumhacken. Bei anderen Verteilern wie z.B. Dianetik-Anwendern regt sich doch auch keiner auf. Und das, obwohl es sich hierbei um eine ausgewiesene Sekte handelt. Ganz davon abgesehen, daß im Grundgesetz immer noch von Religionsfreiheit die Rede ist.

    Aber vielleicht ist das alles auch nur Wahlk(r)ampfgetöse …

     
  20. Publicviewer

    12. April 2012 at 22:37

    Jeder kann ja glauben was er wil, aber können wir nicht auch den Fußball abschaffen?
    Nach den Religionen und natürlich auch den Sekten, (danke anDFranzenberg), wäre das ein schritt in die richtige Richtung…

     
  21. opalkatze

    12. April 2012 at 23:15

    Eben. Das Feindbild ist gerade sehr en vogue.

     
  22. VonFernSeher

    13. April 2012 at 20:43

    Ich bin zwar kein Muslim, muss aber doch noch zwei Dinge beifügen:

    Erstens finde ich die Darstellung mit den Familien etwas zu sehr vereinfachend, weil sie außer acht lässt, dass fundamentale Interpretationsgegensätze aufgetreten waren, aus denen sich dann die Spaltung ergab. Ob die Anhänger der jeweiligen Strömung dann nur gefolgt sind, weil der Führer ihr Cousin war oder vielleicht doch aus voller Überzeugung, werden wir wohl heute nicht mehr ganz ergründen, aber es gab da schon Gründe, die wichtiger als Verwandtschaft waren.

    Zweitens ist ein Koran auf deutsch ja nicht gleich dem Koran auf deutsch (wie es für jede Übersetzung gilt, auch bei der Bibel). Man sollte bei einer Übersetzung, die von Salafisten verteilt wird, zumindest einmal kritisch hereinlesen, was denn da mit was zu tun hat. Schließlich sind „die“ Christen auch nicht gerade von den Verteilaktionen der Zeugen Jehovas begeistert, welche die Schrift ja auch geringfügig anders abgeschrieben haben als in der Einheitsübersetzung.

    Ich lebe übrigens als Angehöriger der Mehrheit in einem Land mit katholischer Staatsreligion, wo de facto keine volle Religionsfreiheit besteht (auch wenn Art. 19 der Verfassung etwas anderes sagt). Trotzdem stehe ich sehr kritisch zu den Missionsbestrebungen der Katholiken hier, die im Zusammenhang mit der Befreiungstheologie deutlich ausgeprägter sind als in Deutschland. Und ich würde mich bestimmt dazu äußern, wenn hier jemand auf einmal Bibeln unter der Haustüre durchschieben würde. Was mich wiederum alles nicht daran hindert mit jenen in die gleiche Kirche zu gehen und zu feiern.

    Wer also diese Aktion kritisiert, muss noch lange nichts gegen die Verbreitung des Islams in Deutschland oder sonstwo haben.

     
  23. opalkatze

    14. April 2012 at 04:12

    Ja, es ist sehr vereinfacht. Aber den Sachverhalt in ein paar Sätze zu packen, übersteigt mein Formulierungsvermögen und ist auch hier nicht zwingend erforderlich.

    Mit ‚Familien‘ ist aber nicht Gefolgschaft aus verwandtschaftlichen Gründen gemeint, das hast du mißverstanden. Wenn neue Ideen entstanden, galten die Menschen, die sie zuerst so ausgelegt haben, als besonders angesehen. (Oh Himmel, wie erklärt man so was?! [Folgt ein längerer Absatz über vorislamische und frühislamische Strukturen, Abstammung von der Familie des Propheten, seine Frau Chadidscha, seine Tochter Zainab, die Ali bin Abu Talib, den ersten Imam, heiratete; schwarze Turbane …]) Die Familie, aus der dieser Rechtsgelehrte oder Theologe stammte, wurde mit ihm geehrt. Da der Koran auf Überlieferung beruht, wurden auch die Namen derer, die ihn ‚erfolgreich‘ auslegten, überliefert; wenn du so willst, ist das die islamische Form der Fortschreibung. Noch heute werden Nachkommen von Familien hoch geachtet, aus denen vor Hunderten von Jahren so ein berühmter Gelehrter hervorging.

    Der einzig ‚gültige‘ Qur’an ist ausschließlich der in arabischer Sprache, nur Ungläubige lesen Übersetzungen. Von daher spielt irgendeine Übersetzung für einen Muslim keine Rolle. Man kann den Koran nicht übersetzen, ohne ihn zu verändern, dadurch wird er ‚ungültig‘.
    Koran-Übersetzungen sind ein abendfüllendes Thema. Dazu gehören die kleinen Nickeligkeiten der arabischen Sprache, die schon in einzelnen Wörtern nicht eindeutig ist, erst recht nicht in ganzen Sätzen oder gar Absätzen. Und als reichte das nicht, müssen Bezüge zu den klassisch überlieferten ‚Ausgaben‘ hergestellt werden, denn es gibt unterschiedliche Auffassungen über die Anordnung/Abfolge der Suren und Verse.

    Eine neuere lesbare deutsche Übertragung gibt es nicht, so viel ich weiß. Das einzige für uns verdauliche Werk ist vermutlich Der Koran für Kinder und Erwachsene von Lamya Kaddor und Rabeya Müller, der in ’normaler‘ Sprache und verständlicher Aufbereitung einen guten Überblick gibt.

    Das mit dem unter der Haustür durchschieben wird ja geschickt vermieden.

     
  24. alien59

    14. April 2012 at 09:10

    Das ist etwas anders gemeint. „Lies! Im Namen deines Herren, der dich erschaffen hat“ – ist der Anfang der 96. Sure, der Beginn der Offenbarung.

     
  25. alien59

    14. April 2012 at 09:20

    Opalkatze: na ja, in der Kürze kann ich das meiste so unkommentiert stehen lassen. Bis auf einen Punkt: Wahabi/Salafi. Das stimmt nämlich tatsächlich gar nicht.
    Auf der arabischen Halbinsel, insbesondere im heutigen Saudi-Arabien, war seit jeher die hanbalitische Rechtsschule (madhab) am Verbreitetsten (es gibt insgesamt vier große sunnitische und die schiitische – jafaaritische – Rechtsschule). Auch Abd-el-Wahab folgte Ibn Hanbal. Das, was man heute als „Wahabismus“ bezeichnet, ist eher eine enge Auslegung der ohnehin strikteren hanbalitischen Auffassungen.
    Die Salafi wiederum lehnen die Rechtsschulen als solche bereits ab. Dabei unterfallen sie in das, was man umgangssprachlich als Salafiten versteht – wie die Koranverteiler – , und auch die sog. moderne Salafiya, für die z.B. Tarik Ramadan steht.
    Das ist jetzt auch verkürzt und holzschnittartig, sprich, es gibt immer noch ganz viel dazwischen.

    Und auch das hier: „Im Islam geht es immer um die Auslegung von Recht und/oder Theologie und darum, welches von beidem das Primat hat.“ lese ich mit argen Bedenken. Den Gegensatz von Recht und Theologie gibt es in der Form im Islam nicht. Daher kann es auch kein Primat geben.

    Den Kinderkoran würde ich nicht empfehlen. Eher Hamidullahs „Islam“, oder etwas von W.M. Hofmann.

     
  26. alien59

    14. April 2012 at 09:30

    Und dann wurde Druck auf die Druckerei ausgeübt. Dabei gibt es viele Verlage und Druckereien, die Korane herstellen und verkaufen. Und nein, gerade weil es diese Truppe ist, habe ich keine Bedenken, dass die Übersetzung verfälscht sein könnte. Da gibt es mit Sicherheit schlimmere.

    Aber wenn es halt rechtlich nicht möglich ist, zu verbieten, kann man ja durch die Hintertür …. ich hoffe, dass das für die Druckerei richtig teuer wird.

    Wer sich aber besonders gut blamiert, sind die besch*** Kommentatoren, die damit hausieren gehen, sie würden ein Exemplar abgreifen und dann verbrennen oder schlimmeres damit anstellen. Die kennen nämlich nicht den Unterschied zwischen einem mushaf, der arabischen Originalausgabe, in der jeder Punkt, jedes Häkchen am richtigen Platz sein muss, und einer Übersetzung im Massendruck. Tja, Jungs, Pech gehabt.

     
  27. opalkatze

    14. April 2012 at 10:07

    Danke, werd mich schlau machen, da fehlt mir ein Stück.

    Dass die Salafiten (ich schreib das mal weiter so) die Rechtsschulen ablehnen, ist eigentlich logisch, denn vermutlich betrachten sie das bereits als Interpretation. Stimmt das so?

    Primat ist blöd ausgedrückt, weil das eine ohne das andere nicht geht. Ich hab das so gemeint, dass z.B. in der Sufiya die Theologie stärker wiegt, es also weniger um die Rechtsauslegung als um die spirituelle Annäherung geht, während das etwa in der Salafiya rigoros abgelehnt wird.

     
  28. opalkatze

    14. April 2012 at 10:18

    Das mit der Übersetzung sehe ich genauso.

    Respekt ist nicht unbedingt etwas Erlernbares.

    Das Problem ist, dass wir Westler den Islam als ‚Religion‘ zu betrachten gewohnt sind. Religion wird mit Kirche gleichgesetzt, und Kirche ist per se Müll. So einfach ist das, und so leicht kommen Missverständnisse zustande. (Gilt für andere Weltanschauungen ebenso.)

     
  29. VonFernSeher

    15. April 2012 at 22:33

    Bei den Familien handelte es sich damals tatsächlich aber um im weiteren Sinne Verwandte; die Zahl der Gläubigen war insgesamt außerhalb der Stammesgruppen ja noch nicht so groß, als 680 bereits die erste Spaltung zementiert wurde.

    Der einzig ‘gültige’ Qur’an ist ausschließlich der in arabischer Sprache, nur Ungläubige lesen Übersetzungen.

    Ach ja? Es braucht also nur einmal jemand so festzulegen und schon ist das eine Tatsache? Jeder, der eine Übersetzung liest, ist kein Muslim?

    Ich glaube ja eher, dass es bei euch in Deutschland eine ganze Menge junger Muslime gibt, die kein arabisch lesen können. Das ist doch eine viel dankenswertere Zielgruppe als die der „Ungläubigen“, von denen mal einer von zehntausend, denen du das Ding in die Hand drückst, vielleicht darüber nachdenkt eventuell zu konvertieren.

    Deswegen fände ich es wichtig einmal die Übersetzungen zu vergleichen und nachzuschauen, was denn jetzt tatsächlich in diesem Buch steht. Das wäre eine lohnenswerte journalistische Aufgabe und danach könnte man anfangen aufzuschreien oder abzuwiegeln. Es ist eine sehr uninformierte und daher ignorante und naive Debatte.

     
  30. VonFernSeher

    15. April 2012 at 22:44

    Ihr Westler, denn ich möchte nicht in deine Beschreibung vereinnahmt werden, habt den Islam noch nie als Religion gesehen, sondern eher als feindliches Wertesystem. Deshalb gibt es ja das Gebrabbel vom christlichen Leitbild (an das dann vorm Sichverschlucken noch schnell ein -jüdisch angehangen wird) und dem invasiven Islam.

    Wenn alle ihre Religion und die der anderen als Religion sähen, d.h. ethische Vorstellung von missionarischem Eifer trennten, würden wir wohl kaum hier diskutieren.

    (Und da das für dich wahrscheinlich ähnlich, nur mit anderen Vorzeichen, gilt, sprechen wir dann von den Westlern oder am besten gar nicht mehr in solchen Verallgemeinerungen.)

     
  31. opalkatze

    16. April 2012 at 00:15

    Vorausgesetzt, man ist des Arabischen mächtig.

     
  32. VonFernSeher

    18. April 2012 at 22:38

    Der Zusatz ändert nichts. Warum sollte man denen die Deutung überlassen, was ein Koran ist. Meine Einheitsübersetzung ist eine Bibel, auch wenn viele behaupten, sie sei keine.

     
 
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