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We Are Legion

13 Apr

Ein Gastbeitrag von OS

Das Bundesministerium für Justiz (BMJ) hat zu den Anonymous-Angriffen auf seine Website Stellung genommen. Dort wird behauptet, der Angriff sei die Rache für die Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 10 Monaten für den Chefprogrammierer von kino.to. Das BMJ sieht sich allerdings als der falsche Ansprechpartner, denn die Justiz sei unabhängig, das BMJ habe auf sie keinen Einfluss.

Das BMJ wäscht seine Hände in Unschuld

Es ist bezeichnend, dass sich das Ministerium überhaupt dergestalt zu den Angriffen äußert. Natürlich kommt Rache für ein Urteil nicht in Frage, und natürlich ist die Justiz unabhängig an bestehende Gesetze gebunden. Nimmt man die Stellungnahme ernst, so könnte einem eine andere Beurteilung des Sachverhalts in den Sinn kommen: Das BMJ hat etwas mit den Gesetzen der unabhängigen Justiz zu tun. Das Ministerium ist ein Symbol für etwas, wogegen sich Anonymous einsetzt. Wer wäre ein besserer Ansprechpartner als das BMJ, wenn man bestehende oder geplante Regeln und Gesetze für völlig falsch hält?

Unabhängig davon, wie man DoS-Angriffe bewertet, das Ministerium ist der richtige Ansprechpartner, wenn es um Urheberrechte geht. Das ergibt sich klar aus der weiteren Antwort des BMJ, in der Kreativität als individuelle Leistung definiert wird. Diese Sicht des BMJ ist einseitig. Das stößt uns auf.

Kreativität

Wenn Kreativität die Leistung eines Einzelnen ist, dann gehört dem Einzelnen der Lohn. Die Implikation ist korrekt. Aber der Lohn der Kreativität geht heute zu einem Großteil an die Verwerter, daher ist diese Behauptung falsch.

Kreativität hängt immer vom Umfeld ab. Sie entsteht durch Zusammenarbeit und Rückkopplung. Das Netz gibt starke Rückkopplung. Es ermöglicht Kreativität. Im einfachsten Fall durch die Rückmeldung von Fans, oder durch Austausch mit Anderen. Doch das Netz schafft mehr. Es schafft zum Beispiel ganze Betriebssysteme, die auch die Grundlage für Wirtschaftlich und Handel sind. Das Netz hat über 5000 RFCs als notwendige Basis für freie Kommunikation geschaffen, in Diktaturen wie auch für die vom BMJ propagierten wirtschaftlichen Innovationen. Dazu gehören E-Mail, das World Wide Web, Routingprotokolle, kurz die gesamte Technik, damit das Netz funktioniert. Die Summe wird zu weit weit mehr als ihre Einzelteile.

Wirtschaftliche Wirkungsmechanismen versus Urheberrecht

In dieser Situation meinen BMJ wie Gesellschaft, es gehe im Netz nur um kreative Innovation im Rahmen von Geschäftsmodellen, um „wirtschaftliche Wirkungsmechanismen in der digitalen Welt“. Urheberrecht muss also Geschäftsmodelle schützen? Nein! Urheberrecht muss Urheber schützen.

Kreativität ist kein Geschäftsmodell – was einen gerechten Lohn ganz und gar nicht ausschließt.

Das BMJ meint, sie hätten selbst keine Antwort darauf, wie ein gerechtes Urheberrecht zu gestalten sei, gibt aber gleich im nächsten Satz die Richtung vor: „Es liegt auch an der Wirtschaft, Geschäftsmodelle für morgen zu entwickeln, die von vorn herein Piraterie verhindern“.

Anonyme Kreative

Könnte es sein, dass Anonymous das anders sieht? Könnte es sein, dass wir diese Modelle schon geschaffen haben? Könnte es sein, dass „unsere“ Modelle wie Wikipedia oder Blogs das Netz speisen? Könnte es sein, dass wir erst das geschaffen haben, was das BMJ zusammen mit Staaten und Industrie vollständig für sich vereinnahmen möchte? Könnte es sein, dass unsere Urheberrechte mit so einer Antwort verletzt werden?

Wir und unser steht nicht für mich oder für Dich als Individuum. Es steht für ein iteratives, rückkoppelndes System aus Menschen, Zeit und Technik. Es steht für Macher, Kreative und Nutzer, die gemeinsam Wissen und Kultur der Welt generieren und archivieren. Wir steht für die Fiktion des unbeschänkten Zugriffs auf Information aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Der Staat und die Bildung

Der Staat könnte sich ein Beispiel am Netz nehmen. Beispielsweise könnte ein Staat Schulbücher in Auftrag geben, sie bezahlen und etwa unter eine Creative Commons-Lizenz stellen.

Das wäre vernünftig, denn Bildung setzt den Zugang zu Bildungsmaterial voraus. Wäre es so schlimm, wenn ein Hauptschüler sich eine digitale Kopie eines Mathematikbuchs vom Gymnasium besorgt? Wieso hat nur der Gymnasiast ein Recht darauf? Wäre der wirtschaftliche Vorteil einer breiten Bildung nicht weit größer, als durch Abmahnungen und künstliche Verknappung von Wissen mangelhafte Bildung zu fördern? Ist der Fokus auf „Geschäftsmodelle von morgen“ nicht kurzsichtig, wenn damit das einseitige Geschäftsmodell einer Verwertungsindustrie gemeint ist?

Linke Spinner?

Wie das BMJ feststellt, herrscht diese Einsicht im Netz seit den frühen Neunzigerjahren. Die Idee des Teilens hat uns geprägt. Nicht, weil wir Kommunisten wären, nicht, weil wir Eigentum abschaffen oder gar Urheber um ihren gerechten Lohn bringen wollten.
Wir sind in dieser Beziehung sehr konservativ. Wir haben die wirtschaftliche und geistige Überlegenheit des Schwarmmodells erkannt. Wir haben verstanden, was Kooperation bedeutet. So ist zum Beispiel heute die beste Software frei – was nicht zwingend kostenlos meint. Der Erfinder von Linux gehört nicht zu den Ärmsten.

Niemand muss unseren Ideen folgen. Niemand wird ins Netz gezwungen. Allerdings finden wir es seltsam, wenn Außenstehende nicht beitragen, sondern statt dessen kommerzialisieren, okkupieren, kontrollieren und sperren wollen.

Es ist ein Unding, dass ich mich dieser Konsumkultur nicht entziehen kann – in keinem Kaufhaus, in keiner Arztpraxis, auch nicht im TV und Radio. Seichter Kommerzschrott à la German Gold – ein Titel, der von den Privaten stammen könnte und meinen Eindruck von Seichtheit verstärkt – ist omnipräsent. Es geht um Inhalte, denen ich außer mit Hilfe von YouTube überhaupt nicht entfliehen kann.

Und die GEMA kann sich nicht mit YouTube einigen.

Beispiel GEMA

Es geht um Absurditäten, die ich nicht will. Es gibt GEMA-Inhalte, die auf YouTube unterbunden werden, zum Beispiel einen Prince-Song im Hintergrund eines Videos (!) mit einem lustigen Baby. Schon gar nicht aus solchen Gründen will ich eine allumfassende Überwachung und die Abschaffung der Unschuldsvermutung.

Ein Urheberrecht, wie es das BMJ in seiner Stellungsnahme zu den Angriffen von Anonymous darstellt, wirft uns Steine in den Weg, ohne irgendwelche Vorteile für Urheber zu erreichen. In diesem Urheberrecht kann ich mich als deutscher Musiker der GEMA und den Verwertungsgesellschaften kaum entziehen.

Das verhindert, dass ich als Mitglied der GEMA meine CC-lizensierten Werke veröffentlichen darf. Nicht nur damit enteignen mich die Verwertungsgesellschaften. Natürlich bekomme ich dafür etwas von der GEMA – ganz unabhängig davon, ob ich verblödenden TV-Schrott und Massenware produziere oder Kunst. Das einzig geltende Maß ist der Verdienst der Verwerter. Sicher, ich könnte nun eine neue Verwertungsgesellschaft gründen oder Einfluss auf die GEMA nehmen. Aber Freunde, ich möchte nur meine Musik, meine Texte und meine Software machen. Ist das nicht die Idee der
Verwertungsgesellschaft? Eine Idee, die die GEMA ad absurdum führt.

Anonymous

Wir haben das seit den frühen Neunzigern immer wieder moniert, aber bis heute hört niemand zu. Man könnte schon auf die Idee kommen, die Website des BMJ für ein paar Stunden medienwirksam zu blockieren. Nicht mit einem Hackerangriff, nicht mit Zerstörung, sondern einfach mit dem regulär vorgesehenen Netzwerkprotokoll HTTP. Wir fragen den Server so lange ganz genau so, wie es jeder Webzugriff tut, bis der eine Zeit lang zusammenbricht. Es ist eine Form des Protests – noch dazu in einer Art, die einen Webserver nur so nutzt, wie er vorgesehen ist. Es ist wie ein Flashmob in der Innenstadt, der den Verkehr kurzzeitig lahm legt. Denn wir haben etwas mitzuteilen.

Das ist kein Spaß. Es hat einen sehr ernsten Hintergrund für uns alle, wenn wir auf die Straße oder ins Netz gehen. Es ist nicht Einer, der das tut. Es sind Tausende. Es werden mehr. So viele, dass ein BMJ aus Furcht vor „Piraten“ meint, diese blendeten die wirtschaftlichen Wirkungsmechanismen in der digitalen Welt aus. Soll uns das Angst machen, uns sagen, es ginge an unser Portemonnaie, wenn wir „wirtschaftlich inkompetente Piraten“ sind, oder sie wählen? Sorry, ihr habt das falsch verstanden.

Falsch, denn hier will lediglich eine Industrielobby auf unfaire Weise an unser Geld, unsere Kreativität und unsere Leistungen. Ihr blendet die Wirkungsmechanismen des Netzes aus, wenn ihr von ACTA, PIPA, SOPA, CISPA und INDECT träumt, um die Rechte der Urheber für Dritte zu kommerzialisieren.

Anonymous sagt: We are legion.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 13. April 2012 in Datenschutz, Gastbeitrag, Kultur, Netzpolitik, Politik

 

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5 Antworten zu “We Are Legion

  1. daetschemol

    13. April 2012 at 19:00

    Wahnsinnig wahrer Artikel!
    Hat mich wirklich gefreut, ihn lesen zu dürfen… ;o)
    Ich hoffe, dass es in Ordnung ist, wenn ich den Link hierher ein wenig verbreite…
    Unbekannte Grüße!

     
  2. opalkatze

    13. April 2012 at 19:06

    Danke, ich gebe es gerne weiter :)

     
  3. R@iner

    15. April 2012 at 00:36

    Sehr guter Beitrag. Als Programmierer ist mir das Urteil betreffend eh die Galle übergelaufen. Im Heise-Forum stellten z.B. viele den Vergleich mit Vergewaltigern an, die ein geringeres Strafmaß erhalten hatten. Diese verlogene Agenda als Ausleger des kapitalistischen Verwertungssystems hätte den Programmierer meiner Meinung nach sogar noch belohnen müssen.
    Wäre man ehrlich, müssten man allen Filehostern auf die Finger klopfen. Aber Leute zu bestrafen, die existierende Infrastrukturen nutzen – auch im Hinblick auf die Einnahmequelle via Werbung – ist einfach nur bescheuert. Der Rzuständige Richter ist einfach nur unwissen oder ein gekauftes Dreckschwein. Sorry für die unflätigen Worte, aber verlogener gehts nimmer.

     
  4. Publicviewer

    15. April 2012 at 16:12

    Isch betrachte das Gerangel um ACTA, wenn auch für viele ganz unbewusst, immer mehr als stellvertretenden Kampf für eine neue Weltordnung ohne Profitdenken und Abmahnanwälte.

     
 
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