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Blogger bloggen. Und sonst so?

20 Apr

Gerade kommt mit Nachdruck ein Thema auf’s Tapet, das in verschiedenen Geschmacksrichtungen immer mal wieder auf der Karte steht. Ob der Auslöser Jens Bergers Vortrag und ein Interview mit ihm oder die Berichte bei DLF Diskurs waren, kann man nur raten. Die Zeit ist jedenfalls reif dafür.

Bereits seit längerer Zeit wird gefragt, warum so wenige Frauen über ernsthafte Themen bloggen, gerade wieder bei Ron Patz: On the road to #rp12: Women don’t blog about EU politics*. Immerhin hat sich die Wahrnehmung so weit geändert, dass die Frage nicht mehr lautet, ob Frauen überhaupt bloggen.

Es geht also erstens um die Themenwahl, egal, ob vor politics nun EU steht oder nicht. Viele Frauen schreiben über Medien, was in dieser Zeit ein ziemlich ernsthaftes und durchaus politisches Thema ist. Dabei wird, zweitens, jeweils fein säuberlich unterschieden, ob es sich um eine Journalistin handelt oder bloß um eine Bloggerin. Ist sie Journalistin, gehört es zum guten Ton, andernfalls ist es Hobby. Ganz einfach. Dass die Beschäftigung etwa mit dem Urheberrecht von beiden gleich viel Aufwand erfordert, fällt geflissentlich unter den Tisch. Die Doppelrolle Journalistin und Bloggerin fällt gleich daneben, denn als Journalist muss man schliesslich bloggen, nicht wahr? Andere Themen sind dann aber schon hors concours, denn Koch- und Strickblogs zählen per se nicht, Feminismus ist nicht jedermanns Sache, und für Tech hat sowieso Caschy den Alleinvertretungsanspruch. Annehmbar ist höchstens, wenn eine Buchautorin bloggt, die aber wenigstens schon ein erstes Werk erfolgreich vermarktet haben sollte. Nur so, ohne Papier, gilt nicht. Einige Modeblogs machen äußerst ansehnliche Umsätze, aber darüber schweigt man lieber diskret.

So passt das auch gut ins verquere Weltbild von der strikten Trennung in digital und real, das Politik und Verlage uns so gerne vermitteln. Ein Beispiel? Hier: Spiegel Online hat mit Katharina Borchert eine sehr erfolgreiche Online-Chefin. Nun gehen nicht nur beim Spiegel die Printauflagen zurück, SpOn allerdings brummt. Weil aber nicht rechtzeitig über die entsprechende Monetarisierung nachgedacht und etliches versäumt wurde – während der letzten zehn Jahren ungefähr – zieht Printchef Mascolo jetzt einen bemerkenswerten Schluss: Wenn es Print mies geht, dann muss vor Online eine Bezahlschranke, aber schleunigst. Ist ja auch logisch, denn natürlich kaufen dann sofort die vielen Online-Leser wieder eifrig Print. Dass das Publikum ein anderes und die Schnittmenge gering ist – who cares. Mimimi auf sehr hohem Niveau.

Innerhalb der geringgeschätzten Teilwelt spielt sich der Bloggeralltag ab. Man verdient seine Brötchen und nimmt sich nebenbei die Zeit zum Bloggen. Verzichtet auf das eine oder andere, weil die Bloggerei einem am Herzen liegt, und weil man ein bisschen bescheuert ist. Träumt davon, einmal genug Zeit zu haben und sorgenfrei ein Thema recherchieren zu können, über das man immer schon schreiben wollte. Sich in ein richtig sperriges Sachgebiet einarbeiten und nicht nur regelmäßig, sondern auch in guter Qualität liefern, das wär was. Solange aber nicht einmal gestandene Fachjournalisten anständig verdienen, online schon gar nicht, bleiben das Wolkenträume.
Nur, bitte, möge sich niemand beschweren, dass Frauen kaum über Politik schreiben und Blogger in Deutschland so wenig Einfluss haben.

* Bitte in den Kommentaren lesen: Ron schreibt gerade eine ganze Serie über Bloggen in der und über die EU. Ich habe den hier verlinkten Text lediglich als Aufhänger benutzt.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 20. April 2012 in Blogs, Journalismus, Kultur, Medien, Web 2.0

 

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6 Antworten zu “Blogger bloggen. Und sonst so?

  1. Ron

    20. April 2012 at 12:29

    Man muss dazu sagen, dass ich den Diskurs um weibliche EU-Blogger im Kontext einer Reihe von Blogbeiträgen über den aktuellen Stand des EU-Bloggens aufgenommen habe. Es ging also weniger darum zu fragen, ob Frauen sich mit ernsthaften Themen beschäftigen sondern um die Frage, wie so die Demographie in der Nische der EU-Blogs aussieht. Nicht, dass du das sagst, aber man könnte das so auffassen.

    Ziel des Beitrags war es in erster Linie, auf das Spektrum der von Frauen geschriebenen EU-Blogs hinzuweisen und mein Fazit war eher, dass es sich selbst bei quantitativem Übergewicht von Blogs, die von Männern geschrieben werden, eher um ein Aufmerksamkeitsproblem und weniger um ein Existenzproblem handelt, wenn man meinte, dass (zu) wenige Frauen über EU-Themen bloggen würden.

    Ob Bloggen nun Hobby oder Beruf oder beides ist, finde ich dabei gar keine so wichtige Frage. Ich sehe auch nicht, dass in der EU-Blogger(innen)-Szene solche Fragen gestellt würden. Da wo gebloggt wird, ist die Qualität in der Regel sehr hoch, und ob diese Qualität nun als Hobby oder als Teil der beruflichen Arbeit geschieht, ist auch ziemlich egal.

     
  2. opalkatze

    20. April 2012 at 12:43

    Die hab ich auch brav gelesen und richtig verstanden; werden demnächst als Serie in den Glanzlichtern verlinkt. Ich wollte dir damit um Himmels Willen nicht auf die Füße treten, fand nur den Aufhänger willkommen.

    Wir haben das vor 2 Jahren schon diskutiert (im Text verlinkt, https://opalkatze.wordpress.com/2009/12/08/wichtige-blogger/, https://opalkatze.wordpress.com/2010/01/16/ich-ich-ich/). Seitdem hat sich die Wahrnehmung sehr zum Positiven verändert, aber gut ist es immer noch nicht. Nur habe ich deshalb nicht bei dir geantwortet, den Gesichtspunkt hab ich erst mal abgehandelt. Das allgemeine ‚Bloggerelend‘ finde ich gerade interessanter.

    In deinem Bereich ist das auch egal, aber in bestimmten Bereichen der Medien (s.o.) ist Krieg – immer noch: Print oder Online, Journalist oder Blogger; schlechtere Bezahlung für Onliner ist die Regel. Von daher ist das für mich ein Thema.

     
  3. xoxxy

    21. April 2012 at 12:10

    „Sich in ein richtig sperriges Sachgebiet einarbeiten und nicht nur regelmäßig, sondern auch in guter Qualität liefern, das wär was.“ Da stimme ich voll und ganz zu. Und natürlich hängt das davon ab, irgenwann mal mit dem Bloggen Geld verdienen zu können. Vielleicht sind ja Modelle denkbar, bei denen die Verteilung dann auch stärker zugunsten der Journalisten/Autoren stattfindet. Das Internet bietet dazu auf alle Fälle gegenüber dem Print prinzipiell die besseren Voraussetzungen. Fragt sich nur, ob diese Chance genutzt werden kann – oder ob am Ende doch eine stark monopolisierte Verwerterlandschaft die Gewinne einstreicht.

     
  4. opalkatze

    21. April 2012 at 13:41

    An der Stelle meinte ich ausdrücklich Blogger. Ich mache den Unterschied zwischen Bloggen und Brotberuf.

    Zwar sind beide in großen Teilen prekär, ein Blogger hat aber (wenn wir vom ursprünglichen Bild ausgehen) normalerweise einen anderen Beruf und bloggt ‚zum Vergnügen‘. Der Journalist hat seinen Beruf unter der Prämisse gelernt, damit seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Das wäre auch gegeben, wenn die (notwendigen) Verwerter ihre Rolle im Sinn des Verlegens ernst nähmen und nicht dem Shareholder Value den Vorzug gäben.

    Die Verhältnisse haben sich zu Ungunsten der Urheber verschoben, weil eine vierte Partei ins Spiel gekommen ist. Früher hieß die Kette Urheber – Verleger – Konsument, heute mischen Anteilseigner, Aktionäre und Beteiligungsgesellschaften mit, an denen ein übler Rattenschwanz von Lobbyisten und Interessenverbänden hängt. Das Internet ist nur ein Medium – daran sollten wir uns gelegentlich erinnern – das Verteilung und Verbreitung immens beschleunigt. Ohne den absoluten Vorrang der Monetarisierung vor Qualität hätten die herkömmlichen Verwertungsketten auch hier zum gegenseitigen Nutzen aller Bestand haben können.

     
  5. Mrs. Mop

    27. April 2012 at 06:29

    Liebe Vera,

    mit Verlaub und in aller Bescheidenheit: Ich blogge (auch) über Europa. Wenn auch vielleicht aus einer etwas anderen Perspektive als der hier angesprochenen ;).

    http://dierotenschuhe.blogspot.de/2012/04/demokratie-im-risikomanagement.html

    Schöne Grüße

    Mrs. Mop

     
  6. opalkatze

    27. April 2012 at 07:13

    Dann guck doch mal, ob du hier reinpasst. Du kannst dein Blog dort selbst vorschlagen, die sehen sich dann an, ob es in ihren Rahmen passt.

     
 
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