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Schubladen · Nachklapp zur re:publica

08 Mai

Bei kaum einem Ereignis wird die mangelnde Sachkunde in den Medien so deutlich wie bei der re:publica. Während zu anderen Großveranstaltungen ausgewiesene Fachleute geschickt werden, hat man hier den Eindruck, es berichtet, wer gerade verfügbar ist – obwohl es vor Spezialisten nur so wimmelt.

Gut, Institutionen wie Presse und Fernsehen sind mit der Zeit ein wenig schwerfällig geworden, wir alle werden ja älter. Kommentatoren, die in dasselbe Horn getutet haben wie im letzten Jahr (2010, 2009, …), seien hiermit entschuldigt. Denen mit der Vorliebe für den Griff in die unergründlichen Stereotypenkiste sei das jährliche Treffen des Taubenkaninchenteckelzüchtervereins empfohlen: Die Mitglieder bleiben über Jahrzehnte dieselben, Ereignisse sind weitgehend vorhersehbar und Wechselwirkungen mit einer größeren Öffentlichkeit eher unwahrscheinlich. Dann sind da noch die Jungs, denen zwar dieses Netzgedöns am Allerwertesten vorbeigeht, die aber ganz gerne drei Tage in Berlin unter Menschen mit einem gewissen Hipnessgrad abreißen: Es wäre ein Dienst an der Gemeinschaft, wenn sie alle bei der nächsten re:publica zu Hause blieben.

Eben jetzt verzahnen sich Internet und das sogenannte richtige Leben immer schneller immer mehr. Jeder Smartphonebenutzer möge sich selbst die Frage beantworten, wie viele Stunden er täglich online ist. Für diesen Wandel braucht es neugierige Journalisten, die unvoreingenommen nach Berlin kommen und sich mit dem Strom treiben lassen, ihre Nase in den Wind halten, ehe sie packende Berichte für ihre Zuschauer oder Leser machen. Die, statt aus Kilometern Footage die kryptischsten Statements für ihre Sendungen herauszufiltern, um Vorurteile zu bestätigen, eine ihnen vielleicht unbekannte Welt zu erforschen und zu erklären bereit sind.

Menschen passen per se nicht in Schubladen, Ereignisse entwickeln sich. Die Teilnehmer der re:publica sind gerne bereit, ihr Wissen mit anderen zu teilen und Dinge geduldig zu erklären, bis ihr Gegenüber versteht. Verstehen bedeutet begreifen, etwas geistig anfassen zu können, setzt jedoch keineswegs voraus, dass man einen Standpunkt teilt. Respekt, der die Grundlage allen menschlichen Miteinanders ist, erlaubt durchaus Kritik. Sein Fehlen wird uns gerade durch die Politik vor Augen geführt.

Weil große Konferenzen seit Jahrzehnten nur noch Bühnenvordergrund für Hinterzimmergemauschel sind, fällt dem Berichterstatter die Einordnung nicht leicht: Ist das alles hier, seid ihr alle hier echt? Früher war Interpretation Sache der Kirche, der Parteiorgane oder der Presse demokratischer Staaten. Letztere kränkelt, leider, die Prawda hat immerhin ein paar Revolutionen überstanden, in Rom sitzt ein erzkonservativer alter Mann, der schon vor Amtsamtritt seine Unlust hat verlauten lassen. Die Politik reagiert mit Angst, Panikmache und Restriktionen auf Neuerungen. Ausgewogene, sachliche Berichterstattung ist daher wichtiger denn je, und sie sollte den Lesern und Zuschauern, die nicht mit dem Computer auf du und du sind, anschauliche Beschreibungen der vielgestaltigen Diskussionen geben, die auf der re:publica geführt und angestoßen werden.

Wo wir gerade dabei sind: Einer der dämlichsten Sprüche des gepriesenen Exkanzlers Schmidt war der mit den Visionen. Wir sollten stolz sein auf die Menschen, die welche haben, sie pflegen und fördern und dafür sorgen, dass sie ihre Ideen umsetzen können. Es waren immer die Visionäre, die Entwicklungsschübe in Gang gesetzt haben. Wir können sie dringend brauchen. Ebenso wie eine Presse, die wichtige Tendenzen und Entwicklungsprozesse erläuternd begleitet.

Crosspost von Carta

 
10 Kommentare

Verfasst von - 8. Mai 2012 in Blogs, Journalismus, Medien, Netzpolitik, Web 2.0

 

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10 Antworten zu “Schubladen · Nachklapp zur re:publica

  1. Joachim

    8. Mai 2012 at 15:05

    Schön, ich vermute, ich kann Dir beipflichten. Doch kannst Du ein Beispiel für einen Bericht eines „gerade verfügbaren“ Journalisten? Woran machst Du die (IMHO korrekt beschriebene) Situation fest?

     
  2. opalkatze

    8. Mai 2012 at 15:27

    Guck dir den verlinkten Fernseh’bericht‘ an. Von der Sorte gab es noch mehr.

    Ich bin nicht der große ZDF-Fan, aber sie haben sich Mühe gegeben und auch mittlerweile einige Leute, die sich ganz gut auskennen – es geht also schon.

    Was wir immer leicht übersehen: Otto Normalbürger liest nicht Heise, der ist auf die Aussagen der öR, der mehr oder minder informierten Presse und lautsprechender Politiker angewiesen. Danach bildet er sich seine Meinung.

    Dass diese Aussagen meist negativ gefärbt sind, trägt sicher nicht dazu bei, den unglaublichen Nachholbedarf, den Deutschland in fast allen Netzfragen hat, aufzuholen. Wir stehen im internationalen Ranking auf Platz 14 16, das ist für eine Export- und Industrienation beschämend.

     
  3. Joachim

    8. Mai 2012 at 16:22

    – Ups, Link übersehen – Kritik: was musst Du auch die Farben ändern ;-)
    – Und nein, TV sehe ich selten.
    – Platz 14? Der Pressefreiheit meinst Du?

    – Folgendes nur zur Dokumentation in diesem Blog. Ich schätze, darüber müssen wir nicht mehr diskutieren.

    Zur „Entschuldigung“ für die Presse: die gibt wieder, was politisch vorgegeben wird. Es liegt in der Natur der representativen Demokratie einen Innenminister ehr zu zitieren als zum Beispiel mich (logisch).

    Die re:publica ist in Form und Inhalt eben kein Mainstream. Die Diskussionen dort werden nicht allgemein verstanden (gerade ausprobiert mit Bekannten – übrigens dank spon!).

    Dazu kommt, dass Medien selbst Interessen haben. So gesehen hat die ARD etwa die ACTA-Berichtserstattung (im Netz) gar nicht mal sooo schlecht gemacht. Nur viel zu spät…

    Und genau deshalb sind Blogs, damit auch solche Konferenzen so wichtig und vor allen Dingen das „danach (zeitlich!) bildet er sich seine Meinung“ so wichtig.

     
  4. opalkatze

    8. Mai 2012 at 22:20

    Möp. Ich hab keine Farben geändert – das geht gar nicht.

    Nein, das hier.

    D’accord.

     
  5. Joachim

    9. Mai 2012 at 11:53

    Zu Farben:
    – Einen Text mit der Maus zu markieren geht nicht, weil ich nur den Schimmel im Schneesturm sehe.
    – wie Links aussehen, das habe ich im Browser eingestellt. Das wordpress-css ändert das

    Manchmal gehe ich deshalb hin und schalte „Ansicht, Webseiten-Stil“ auf „kein Stil“. Ich schalte css damit ab. Sieht zugegeben dann doof aus.

    Aber he, mir geht es um den Inhalt :-) Musst also nix ändern! Kein Streß!

     
  6. Joachim

    9. Mai 2012 at 11:55

    Zu den Standortfaktoren
    Die Sicht des Focus ist rein wirtschaftlich. 50MBit brauchst Du, um TV der Telekom zu sehen. Der selbe Laden, der youtube ruckeln läßt, um ein Druckmittel gegen die Netzneutralität in der Hand zu haben. Den Spitzenplatz braucht die Internetwirtschaft in Deutschland um Einnahmen zu generieren. Braucht den sonst noch jemand?

    Aber he, mir geht es um den Inhalt und nicht um Bilanzen. Die Technik, die angedacht ist, Web mit Telefon und Mobile zu vereinen, die Technik, die uns wieder auf den Spitzenplatz rücken soll, die widerspricht der Netzneutralität erheblich. WEB wird nur ein Layer in einem vollständig kontrollierbarem, abrechenbarem „Supernetz“ des passivem Konsums werden . Wir sollten wirklich überlegen, ob wir das für Telefonie, TV und Konsum wollen. Wir sollten überlegen, ob so ein „Fortschritt“ und Spitzenplatz nicht der Rückschritt in das alte Jahrhundert ist.

    Lies Deinen eigenen Artikel einmal aus dieser Sicht (das zu erklären geht mir hier jetzt zu weit).

    Okay, jemand der mit Mosaik (dem ersten Browser) und einem 2.4’er Modem angefangen hat, der hat da vielleicht eine andere Sicht. Doch ich bleibe dabei: es geht um Inhalte und multidimensionale Kommunikation und nicht um wirtschaftliche „Spitzenblasen“ der feuchten Träume der Netzneutralitätsgegner und Telekomiker.

     
  7. opalkatze

    9. Mai 2012 at 12:13

    Geht bei WP.com doch nicht. Ja, Text markieren ist blöd bei diesem Theme, das stimmt. Try and error —

     
  8. opalkatze

    9. Mai 2012 at 12:16

    Ja. Aber es sind zwei Seiten einer Medaille, bei der die gewinnen wird, die mehr Gewinn verspricht. Wären wir also wieder bei einem alternativen Netz.

     
  9. Joachim

    9. Mai 2012 at 14:30

    „alternatives Netz“? Wie soll das gehen? Das Internet ist der fokussierende Spiegel der Gesellschaft. Willst Du eine alternative Gesellschaft? Oder wollen wir unsere Gesellschaft gestalten? Wir müssen. Denn wir haben nur die Eine.

    Ich könnte nun wirklich sehr konkret – auch und gerade in Bezug zu dem Thema Deines Blogs oben – werden. Doch das wäre wohl länger, müsste deshalb sprachlich reifen. Später einmal und nicht hier im Thread.

    Folglich: bedankt für die Gedanken, die sonst niemals möglich gewesen wären.

     
  10. opalkatze

    9. Mai 2012 at 15:05

    Die Frage ist, was ich will: Will ich mich ’sozial‘ vernetzen, oder will ich Informationen austauschen, die ich z.B für politische Arbeit brauche?

    Welches Netz nutze ich überhaupt? Es gibt jede Menge Leute, die heute schon Facebook als ‚das Netz‘ sehen und gar nichts anderes mehr benutzen. Diese walled gardens werden zunehmen und immer mehr leisten. Irgendwann wird die Frage nicht mehr sein, ob ich ich im Netz bin, sondern in welchem Netz ich bin. In bestimmten Geschäften werde ich nur mit Google-, in anderen nur mit Facebook-Geld bezahlen können, usf.

    Vielleicht diskutieren wir das wirklich lieber mal direkt.

     
 
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