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Transparente Klarsichtfolie

28 Mai

In einem ZEITonline-Gespräch mit Frank Schirrmacher und Giovanni Di Lorenzo stellt Katrin Göring-Eckardt über eine vermeintliche Diktatur der Transparenz fest:

Der neue Fraktionsvorsitzende der Piraten in Schleswig-Holstein, Patrick Breyer, ist zum Beispiel nicht bereit, irgendetwas über seine Person preiszugeben.

Transparenz bedeutet also, jeder habe sich nackig zu machen?!

Was man beipielsweise über Patrick Breyer wissen muss, kann man sich in etwa fünf Minuten im Netz zusammensuchen. Als Politiker wird er sich eventuellen rechtlichen Bestimmungen und den Gepflogenheiten im schleswig-holsteinischen Landtag entsprechend verhalten. Alles darüber hinaus geht niemanden etwas an.

Woher kommt dieses Missverständnis, Transparenz sei gleichbedeutend mit der Offenlegung aller ein Leben betreffenden Details? Wo steht, wer postuliert, persönliche Gegebenheiten und Lebensumstände seien zu veröffentlichen? Ist es nicht viel mehr äußerst menschlich, eben nicht transparent – durchsichtig – zu sein?

Wie langweilig wäre es, wenn jeder alles über Alle wüsste. Es gäbe keine Überraschungen mehr. Neugier ist eine grundlegende menschliche Eigenschaft, sonst säßen wir heute noch in Höhlen. Transparenz, auf Menschen bezogen, wäre ihr Todfeind. Soziologen werden bestätigen, dass Klatsch und Tratsch eine wichtige gesellschaftliche Funktion haben, und schließlich braucht die letzte wirklich erfolgreiche printmediale Bastion, die Yellow Press, eine Geschäftsgrundlage. Es mag von Interesse sein, welche Hobbys jemand hat, was für ein Haus er bewohnt, mit welchem SUV seine Frau zum Bäcker fährt; auch ein gefaketes Bild ist ein Bild. Sachlich betrachtet, kann uns das jedoch völlig schnurz sein, solange die Person ihre Arbeit ordentlich macht und sich im Rahmen der Gesetze bewegt.

Das Wort ist zum Modewort verkommen. Politiker benutzen es besonders gern, wenn sie um Wählerstimmen werben oder bei etwas Anrüchigem erwischt worden sind. In der Tat ist es bis zu diesem Wortmissbrauch nie auf Menschen angewendet worden. Früher nannte man halbseidene Gesellen gelegentlich undurchsichtig – auf die Idee, sie als intransparent zu bezeichnen, ist niemand gekommen. Außerhalb der Physik wurde das Wort seit den 80er-Jahren höchstens auf Vorgänge angewandt, die unverständlich waren oder zwischen denen kein Zusammenhang erkennbar war. Dabei sollte es – wenn es denn sein muss – auch bleiben. Für das, was hier gemeint ist, sollten wir getrost die geläufigen Wörter Offenheit, Verständlichkeit und Klarheit benutzen.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 28. Mai 2012 in Kultur, Leben, Medien, Politik, Web 2.0

 

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3 Antworten zu “Transparente Klarsichtfolie

  1. AlterKnacker

    29. Mai 2012 at 09:39

    Nach Außen wird transparenz gepredigt, aber wenn man nachbohrt,fällt schnell ein sogenannter Schleier aus schwarzem Samt, völlig undurchsichtig. Und genau hinter diesem Samt geht wirklich die Post ab und dort werden Sauereien ausgekungelt, die unvorstellbar sind.

    Andererseits will ich auch nicht jeden Pickel im Spiegel sehen, welcher durch das grelle Scheinwerferlicht zutage tritt.

     
 
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