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Blick in die Glaskugel: Parteitag der Linken

01 Jun

Es wird sie zerbröseln. Trotz sehnlichst herbeigewünschter neuer Führung wird die Linke nicht die notwendigen Schlüsse ziehen. Die einstigen Galionsfiguren sind verschlissen, zu alt oder zu zerstritten. Der einzige echte Kerl bei der Musik, Sahra Wagenknecht, will nicht. Und der Rest ist bloß noch müde.

Die Lösung wären Katja Kipping und Katharina Schwabedissen. Beide sind undogmatisch genug, um auch ungewöhnliche Koalitionen in Betracht zu ziehen. Sie sind persönlich stark sozial engagiert – Kipping seit Jahren zum Beispiel in verschiedenen Arbeitslosen-Initiativen und für ein bedingungsloses Grundeinkommen, Schwabedissen u.a. in der Anti-Atom- und Occupy-Bewegung. Sozusagen mit links wären sie auch noch für Realos, Fundis* und beide Landsmannschaften akzeptabel.

Dann kommt eine Weile nichts, erst dann, dass sie beide mit 34 (Kipping) und 39 (Schwabedissen) noch jung sind. Das allein ist kein Programm, doch sind beide bereits erfahrene Politkerinnen, die schwungvoll und unverbraucht Ordnung unter den linken Streithanseln schaffen könnten. Wenn man sie ließe.

Die gewerkschaftsorientierten alten Herren sind so sehr in ihre Lager- und Hahnenkämpfe verbissen, dass sie seit geraumer Zeit die Welt da draussen vergessen haben. Das ist eine schlechte Voraussetzung für Handeln im Sinn der Partei und, vor allem: der Menschen. Jemand hätte sich die Mühe machen sollen, in den letzten zwei Jahren die Aufrufe zu „mehr Geschlossenheit“ zu zählen, die Kurve verliefe zu der der Facebook-Aktie diametral. Als Zuschauer bekam man ständig den Eindruck einer Truppe, die auf der Bühne strahlt und bereits einen Zentimeter hinter dem Vorhang aufeinander losgeht. Im Osten Deutschlands ist das noch weniger angekommen als im Westen. Vermutlich ist selbst der Vorschlag eines „eigenen“ Kandidaten bei der Neuwahl wichtiger als die Zusammenstellung einer arbeitsfähigen Führungsspitze.

Kipping und Schwabedissen könnten nicht nur das verhängnisvolle Lagerschema aufbrechen, sie wären auch für viele enttäuschte Linke und Sozialdemokraten attraktiv, die vielleicht schon einmal abtrünnig geworden oder zu den Piraten gewechselt sind. Sie würden genau die Themen besetzen, um die sich in Deutschland schon lange niemand gekümmert hat: soziale Gerechtigkeit, Familienpolitik für Geringverdiener und Alleinerziehende, Beendigung der Umverteilung von unten nach oben, strikte Kontrolle der Banken, Bekämpfung des wildwuchernden Lobbyismus‘, der sich selbst die Gesetze schreibt. Aber es wäre eine Riesenüberraschung, wenn es so käme. Es wäre die Wiedereinführung der Vernunft.

* Danke für die freundliche Mail: Es heißt bei der Linken Reformer und Radikale

 
5 Kommentare

Verfasst von - 1. Juni 2012 in Blick in die Glaskugel, Politik

 

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5 Antworten zu “Blick in die Glaskugel: Parteitag der Linken

  1. altautonomer

    1. Juni 2012 at 09:22

    Mir geht das Personalgeplänkel um die Kandidaturen allmählich auf den Zünder. Als Gründungsmitglied und späterer Dissident der Grünen kommen unangenehme Erinnerungen an Parallellereignisse auf. Damals -1987- wurde um Antje Vollmer angeblich zur Beruhigung des Fundi-/Realo-Konflikts die Gruppe „Aufbruch“ gegründet. Sie sollte es den Mitgliedern ermöglichen, sich nicht zwischen den beiden „Extremen“ entscheiden zu müssen, war aber in Wirklichkeit ein Machtinstrument der Realos.

    Wenn, wie von vielen Kritikern prophezeit, die LINKE denselben Weg wie die Grünen gehen wird, nur schneller, dann tritt sie meines Erachtens nun in die nächste Phase ein.

    Mich würde vielmehr interessieren, wie die KandidatInnen es mit dem staatlichen Gewaltmonopol,
    dem imperativen Mandat (viele MdB der LINKEN ignorieren z. B. konsequent die Fragen auf abgeordentenwatch), der Rotation in den Parlamenten und einer radikalen Opposition gegenüber der SPD halten. Aber dies ist wohl angesichts des Rennens um die Fleischtöpfe eher eine rhetorische Frage.

     
  2. opalkatze

    1. Juni 2012 at 10:54

    Jou. Das siehst du ziemlich richtig, glaub ich, da ist im Moment bloß Hauen und Stechen. Bin aber trotzdem sehr gespannt, was Sonntag Abend unterm Strich steht.

    Wolfgang Michal hat auch noch eine Möglichkeit beschrieben, lies mal.

     
  3. altautonomer

    1. Juni 2012 at 11:43

    Gelesen mit Zustimmung. Die Luxemburg- äh Wagenknecht-Anhänger wären in der DKP gut aufgehoben (radikal und Minderheit?) und die Bartsch-Trupper bei den „Sozialdemokraten in der SPD“ (Keine Satire, die gibts wirkslich!) http://www.ag-sozialdemokraten.de/

     
  4. opalkatze

    1. Juni 2012 at 12:56

    Ja, hab das kürzlich erst gesehen und auch gedacht, es sei ein Aprilscherz :D Mann oh Mann, das war mal so ’ne klasse Partei.

     
  5. flurdab

    3. Juni 2012 at 09:06

    Die Fleischtöpfe sind das Problem.
    Was der Linke helfen könnte wer der Ausschluß der Gewerkschaftsfunktionäre.
    Diese ganzen DGB- Zombies sind die Wurzel der Konflikte.

     
 
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