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Leistungsschutzrecht: Habt euch doch nicht so!

16 Jun

Du meine Güte, so ein Theater um so ein blödes Gesetz, das noch nicht mal eins ist. Was regt ihr euch denn so auf? Früher haben wir auch kein Internet gehabt, da mussten wir für die Schülerzeitung eben alles ausschneiden und zusammenkleben und kopieren, und wenn es blöd lief, hat der Direx gesagt, das geht so nicht, und die Ausgabe beschlagnahmt.

Diese ganze Information wird doch dermaßen überbewertet, oder wollt ihr mir mal sagen, wozu jeder Hinz und Kunz unbedingt ein Blog braucht? Was wichtig ist, können wir ebenso gut im Radio hören, da gibt es so viele Sender, die kriegt man ja gar nicht alle durch. Und Fernsehen ist auch nicht zu verachten. Schön, manchmal jubeln die uns da was unter, was so gar nicht passiert ist, aber war ja bloß Fußball. Das ist doch auch schön, dass die die moderne Technik so nutzen können, einfach wo was reinschneiden, was ganz woanders herkommt, oder? So zur Auflockerung und für die menschliche Note. Die wissen schon, was wichtig für uns ist, Berichterstattung aus den Königshäusern und so. Und wenn irgendwelche Fiesigkeiten laufen, haben wir das bis jetzt auch noch immer mitgekriegt. Jaja, vielleicht etwas später, aber man muss ja auch nicht überall mit der Nase dabei sein, da wird man bloß nervös von.

Was verpasst ihr denn? Dies Geblogge ist doch nur Wichtigtuerei, oder habt ihr etwa schon mal von einer Riesensauerei gehört, die ohne die kostbaren Blogs nicht aufgeflogen wäre? Siehste. Wenn ihr es gar nicht bleiben lassen könnt, müsst ihr eben eine Geschichte noch mal nacherzählen, weil zu Blogs verlinken, das geht ja auch nicht mehr so einfach, oder weißt du vorher, ob der nicht plötzlich Geld haben will? Auf diese Links kann man sich doch sowieso nicht verlassen, erstens schreiben die ja jetzt noch alle von dpa und zweitens von einander ab, also besser macht man gleich alles alleine. Und, ich mein, das bildet ja auch, wenn man eine Nachricht so ein paar Mal liest, immer aus einem anderen Blickwinkel und mit anderen Worten.

Das ist auch ein schöner Anschub für eine ganz neue Erzählkultur, nix mehr husch-husch verlinken, nein, selber in Worte fassen und den Lesern verklaren, worum es geht. Und nix mehr googlen oder mal eben in die Wikipedia gucken – wohl dem, der noch Lexika und Nachschlagewerke zu Hause hat; ich sag ja immer, nur gebundenes Wissen ist echtes Wissen. Was meint ihr, wie gut das für eure Kinder ist, mal so rein sprachlich gesehen. Die kommen auf einmal mit einer 2 nach der anderen aus dem Deutschunterricht!

Ist ja auch irgendwie total schön, so zwischenmenschlich, und die Telefonnetzbetreiber freuen sich auch. Dann ruft man eben mal die Freundin an und sagt, du, guck mal, da auf hatetepe-Doppelpunkt-slash-slash-sowieso, da der Link unten rechts … nein, daneben der – nee, da drunter – ja, genau – Moment, was steht da? Sag noch mal? Ja genau, klick den mal an, da ist ein ganz toller Artikel über Läuseschutzmittel für Zimmerpflanzen zum Selbstanrühren. Also für die sozialen Kontakte ist das doch superschön.

Und das ganze Geschwafel von Einschränkung der Meinungsfreiheit – habt ihr sie eigentlich noch alle?! Da wird auch nicht eine Zeitung was anderes schreiben als bisher, und die Nachrichten im Fernsehen und im Radio werden sich auch kein bisschen einschränken. Und überhaupt, was spricht gegen eine Zeitung? Ja gut, sind im Prinzip die Nachrichten von gestern, aber was meint ihr, wie die Burn-outs plötzlich zurückgehen, wenn wir alle so schön entschleunigt leben! Das ist richtig gut für die Volksgesundheit. Und dass jetzt die in anderen Staaten vielleicht den einen oder anderen Wissensvorsprung haben, weil sie keine Telefonkette brauchen und etwas ein paar Stunden eher mitkriegen – du lieber Himmel. Lass sie doch.

Überhaupt, die Zeitungen werden ja dann wieder richtig gut, wie früher, so mit richtigen Journalisten und Recherche und investigativ und Schlussredaktion und dem ganzen Zinnober. Dann ist Schicht mit Abschreiben und PR-Texte übernehmen, die haben dann endlich genug Geld, um Redaktionen zu bezahlen, mit Sekretärin und Kaffeemaschine und allem Pipapo. Den Freien geht’s dann auch besser, die kriegen dann wieder tüchtig Reportagen mit ordentlich Honorar und Spesen. Die Jüngeren kennen das jetzt so nicht mehr, aber die werden sich da schon dran gewöhnen, wart mal ab.

Und die Presse hat dann für ihre Social Media-Aktivitäten endlich massig Platz im Internet, da werden die sich bestimmt ganz doll austoben. Die übriggebliebenen Blogger kriegen sich da sicher noch echt in die Haare: „Aktion! Unser freier Link der Woche! Verlinken Sie in mindestens fünf sozialen Netzwerken auf XY-Hundefutter, dafür dürfen Sie 5 Worte Ihrer Wahl einschließlich Link für zwei Stunden auf Ihrem Blog* verwenden!“

* Gültig für die aktuelle Print-Ausgabe. Straffreiheit wird zugesichert, wir bitten jedoch um Kenntnisnahme und Bestätigung unserer AGB (PDF, 451 Seiten). Nicht teilnehmen dürfen Blogs, die zu Mitbewerbern, Twitter, facebook, Google+, Pinterest, YouTube, tumblr, reddit, Diigo, Flattr, Kachingle oder ähnlichen Angeboten, auch zu solchen, die noch nicht erfunden sind, verlinken.

Also, regt euch mal wieder ab, kommen wir in Zukunft mal wieder an die Luft und verbrauchen ein paar Kalorien mehr. Das ist doch auch schön.

 

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12 Antworten zu “Leistungsschutzrecht: Habt euch doch nicht so!

  1. Ulrike Langer

    16. Juni 2012 at 20:27

    Musste breit grinsen, obwohl das Thema zum Heulen ist. Großartig!

     
  2. wolfcat01

    16. Juni 2012 at 20:36

    ;) dass die zeitungen dadurch wieder richtig gut werden kann man getrost anzweifeln … ich fürchte dass die heutigen journalisten gar nicht mehr wissen was recherche überhaupt ist !

     
  3. opalkatze

    16. Juni 2012 at 22:07

    Hatte wieder diesen dicken Hals …

     
  4. opalkatze

    16. Juni 2012 at 22:11

    Nee, das ist unfair. Bitte nicht alle über einen Kamm scheren und nicht von den Verlagen auf die Journalisten schließen.

     
  5. wolfcat01

    17. Juni 2012 at 13:43

    hmmm , mag sein dass es sich unfair anhört doch wenn ich mich durch diverse tageszeitungen lese stelle ich fest , entweder die artikel sind so verfasst dass normalos wie meine wenigkeit auf grund der komplizierten ausdrucksweise schwierigkeiten haben zu verstehen oder das extreme gegenteil ist der fall , nämlich dass die berichterstattung derart nichtssagend und flach ist dass man eigentlich auch drauf verzichten könnte !
    ein guter journalist wird nicht bei einem schmierblatt tätig werden und ein guter presseverlag sollte in der lage sein sich vom schmierenjournalismus zu verabschieden !
    klar , sachlich und kompetent , so wünsche ich mir berichterstattung … nicht klatsch und tratsch der menschenverachtenden art wie er zur zeit mode ist !

     
  6. Corenn Nuavar (@c0r3nn)

    17. Juni 2012 at 13:43

    Schöner Text. Ja, der Hals muss so richtig dick gewesen sein :)

     
  7. Hinterwäldler

    17. Juni 2012 at 19:20

    Mein Lokalblättle brachte heute ein tolles Beispiel dafür, wie dann die Meldungen in der Presse aussehen: http://tinyurl.com/d8fh7lt Die Überschrift dieser Meldung besitzt alle Merkmale eines investigativen Journalismus. Der Redakteur hat sich sogar Gedanken gemacht und beweist uns das es auch ohne abschreiben und verlinken geht.

     
  8. opalkatze

    17. Juni 2012 at 21:27

    Das ist nicht der Punkt, natürlich geht das (zumal in einer zunehmend polyglotten Gesellschaft). Dass überhaupt der Gedanke einer solchen Notwendigkeit erwogen werden muss, ist das Problem. Das ist nichts anderes als Marktbereinigung mit Fokus auf Blogs – mit tätiger Unterstützung durch die Politik.

     
  9. opalkatze

    17. Juni 2012 at 21:29

    Ja, da scheint bisweilen eine gewisse Koinzidenz zu bestehen.

     
 
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