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LSR: Mit dem Kopf durch die Wand

20 Jun

Was hat es gerauscht, gescheppert und getobt, als das böse Wort publik wurde: Leistungsschutzrecht. Stoßrichtung und Feind standen fest, gegen Google soll es gehen, hoiotoho! Haltet den Datendieb, hieß es, zahlen soll er für die teuren Qualitätsinhalte, die er uns wegnimmt und in pures Gold verwandelt.

Die Presseverlage beauftragten überschaubar bezahlte, aber immerhin Fachleute, die an den Websites der Online-Ausgaben so lange herumschraubten, bis Googles Algorithmen kaum noch eine Chance hatten, auch nur ein Fitzelchen des Katzwinkler Polizeiberichts zu übersehen. Solchermaßen SEO-gestählt, zogen die Verleger in die Lobby-Schlacht, um den Beweis für die unabdingbare politische Notwendigkeit ihrer Erfindung zu erbringen; immer in vorderster Reihe der wackere Christoph Keese.

Drei Jahre später kommt nun nach all dem Geschützdonner ein armseliges Referentenentwürfchen, und plötzlich ist die Stoßrichtung gar nicht mehr so klar. Hätte man tatsächlich Google treffen wollen, wäre so ein Papier durchaus sachgerecht auszuarbeiten und zu begründen gewesen. Es ist schwer zu glauben, dass die geballte Macht aus Lobbyismus, Geld und Politik es nicht fertiggebracht haben soll, eine juristisch solide Vorlage auf die Beine zu stellen.

Nun könnte man mutmaßen, dass die Angelegenheit der Justizministerin lästig wurde und sie mit einem handwerklich schlechten Entwurf für eine Ruhepause sorgen wollte. Da jedoch seit Jahren selbst Gesetze so schlampig geschrieben sind, dass sie regelmäßig in Karlsruhe in die Einzelteile zerlegt werden, ist das eher unwahrscheinlich.

In den drei Jahren ist aber womöglich dem einen oder anderen Presseverlag ein Kronleuchter aufgegangen, denn mit den durch ständig verfeinerte SEO steigenden Klickzahlen floßen auch die Werbeetats zunehmend in Richtung Online-Presse. Nicht, dass man sich geniert hätte, etwa durch Fotostrecken, sonderbare Tests oder Umfragen die Zahl der Page Impressions unauffällig zu erhöhen; auch diese Tricks hatten die Verlage sich schnell angeeignet.

Sie haben in dieser Zeit überhaupt eine Menge gelernt. Vor allem über Blogger. Lange Zeit bestand eine grundsätzliche und heftige Abneigung zwischen Journalisten und Bloggern, und es gab ernsthafte Bemühungen, die Amateurschreiber vor der Öffentlichkeit abzuwerten und in die Dilettanten- oder Spinner-Ecke zu stellen. Das schöne Wort Qualitätsjournalismus wurde eigens zur Kenntlichmachung des feinen Unterschieds kreiert. Dessen ungeachtet wuchs die Zahl der Blogs; einige der Betreiber wurden bekannter als das Gros der Zeitungsleute. Und unversehens erwiesen Blogger sich auch noch als hochbegabt für das Nachrichtengeschäft, wenn auch auf völlig ungewohnte Weise.

Zuerst bei den Aufständen in Tunesien und Ägypten 2010/2011, dann anlässlich der Fukushima-Havarie im März 2011, schließlich während des arabischen Frühlings, waren die weltweit gut vernetzten, technisch versierten und polyglotten Blogger auf einmal die Herren der schnellen, authentischen Information. Während das öffentlich-rechtliche Fernsehen in tiefem Dornröschenschlaf lag und die Onlineredaktionen der Printmedien erstaunliche Anlaufzeiten brauchten, wurde getwittert, gefilmt, geskypet, übersetzt und gebloggt. Blogger und Microblogger haben unter Todesgefahr aus den arabischen Ländern berichtet, andere technische Hilfe geleistet, um Netzsperren zu umgehen und den Kontakt zur Außenwelt zu ermöglichen.

Nicht mehr dpa, Thomson Reuters oder AFP hatten die aktuellen Nachrichten, sondern der qatarische Sender Al Jazeera, der große Teile seiner Berichterstattung – einschließlich korrekter Quellenangaben – aus dem Netz zusammenstellte. Arabische Tweets oder facebook-Meldungen waren ebenfalls kein Problem, es gab immer jemanden, der eine Übersetzung anbot, und selbst, wenn es von der fremden Schrift noch über Französisch oder Englisch ging, war das Netz schneller.

Dasselbe passierte auch während der ersten Tage der dreifachen Katastrophe in Fukushima: Japanische Tweets oder Fernsehsendungen? Kein Problem. Behäbige Korrespondenten berichteten aus sicherer Entfernung, wo sie selbst ihre Informationen auf konventionellem Weg und mit Verspätung bekamen – da war das Neueste im Internet schon einmal um die Welt gegangen. Im Handumdrehen war ein Twitternetz über ganz Japan ausgebreitet, aus dem die aktuelle örtliche Strahlenbelastung ablesbar war. Die einfachen Geigerzähler waren durch Spenden aus dem Netz finanziert worden, die Werte wurden regelmäßig getwittert und koordiniert; so bildeten sie das Gegengewicht zu Tepcos bewusster Irreführung.

Während dieser Tage kam es in Deutschland zum ersten Mal zur Zusammenarbeit zwischen traditionellen und neuen Medien. Die sich vorgewagt hatten, stellten auf beiden Seiten erstaunt fest, dass sie ganz gut miteinander auskamen.

Mittlerweile bloggen viele Journalisten, und Blogger schreiben für Zeitungen. Die Grenzen verschwimmen immer mehr. Man lernt voneinander, und viele haben begriffen, dass die Zeit des Herrschaftswissens endgültig vorbei ist. Von Horst Köhler über zu Guttenberg bis zum Zugmonitor: Man ergänzt sich, statt sich zu bekämpfen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Einem Teil der alten Medienwelt bereitet das großes Unbehagen, demselben Teil, der es verschlafen hat, sich auf neue Verfahren und Vertriebsmodelle einzustellen. Die Jüngeren informieren sich schon jetzt auf den Blogs, bei Twitter, facebook und Google+. Sie werden keine Papierzeitungen mehr in Mengen kaufen, die das Überleben von Verlagen garantieren. Auf Paywalls werden sie pfeifen. Die Werbung wird ihnen hinterherziehen, dahin, wo es gute Inhalte zu fairen Bedingungen gibt. Wo ihr Medienverhalten verstanden und bedient wird.

Mag das Schutzrecht anfangs gegen Google gerichtet gewesen sein, jetzt nährt es die Hoffnung, die zu Mitbewerbern gewordenen Amateure ruhigzustellen.

Auch, wenn manche Netzbewohner es vielleicht annehmen: Die Verlagsleute sind nicht dumm. Ihnen ist bewusst, dass sie bei dem Versuch der Rechtsdurchsetzung gegen einen Internetgiganten nur verlieren können. Während der drei Jahre ist Googles Macht noch gewachsen. Die Verantwortlichen haben mehr als einmal deutlich gesagt, dass das angefeindete Google News in Deutschland nicht profitabel ist. Wenn der Wirt vom Taxifahrer Geld dafür haben will, dass er die Zecher zur Kneipe bringt, wird er bald keine Kundschaft mehr finden. Der winzige und noch dazu unrentable deutsche Markt interessiert Google ungefähr so viel wie die Queen eine Katze. Allein 328 Millionen Menschen sprechen Englisch als Muttersprache, 329 Millionen Spanisch, nur 90 Millionen Deutsch. Das wissen auch die Lobbyisten der Pressehäuser.

Da dieses Gesetz aber nun einmal kommen soll, könnte man ja die stumpfe Waffe in eine spitze verwandeln. Gegen die Blogger ist sie gut einsetzbar, denkt sich diese Fraktion der Medienleute, denn wenn sie nicht mehr auf unsere kostbaren Inhalte verlinken können, worüber sollen sie dann schreiben?

Dabei lassen sie außer Acht, dass jetzt schon auf vielen Blogs die Qualität höher ist als in Presserzeugnissen – sonst würden sich die Redaktionen nicht immer wieder großzügig und unentgeltlich bedienen. Es gibt genügend renommierte Zeitungen in den deutschsprachigen Nachbarländern, und auch in Deutschland stehen zahlreiche freie Nachrichtenquellen und Lokalblogs zur Verfügung. Die Zahl der CC-lizenzierten Inhalte nimmt ständig zu. Eigene Recherche ist dank immer besserer Vernetzung kein Problem mehr, auch der Aufbau eigener agenturähnlicher Netze oder Kooperativen stellt keine große Herausforderung dar. Viele Blogger sind mehrsprachig, ohnehin bedeutet es keine Zumutung, auf englischsprachige Texte zu verlinken, sie zu zitieren oder aus anderen Sprachen zu übersetzen. Und warum sollten die interessanten Interviewpartner nicht auch dahin gehen, wo sie das meiste Publikum finden?

Wenn die Verleger also partout mit dem Kopf durch die Wand wollen: Nur zu. Feste.

 
18 Kommentare

Verfasst von - 20. Juni 2012 in Blogs, Journalismus, Medien, Politik, Web 2.0

 

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18 Antworten zu “LSR: Mit dem Kopf durch die Wand

  1. alien59

    20. Juni 2012 at 05:16

    Hast ja so recht ;-) . Ich überlegte grade, wann und warum ich auf deutsche Nachrichtenseiten verlinke: entweder, weil es um etwas aus Deutschland geht, das ich in der ausländischen Presse nicht finde oder – vor allem – weil nicht unbedingt alle meine Leser englisch lesen können. Gerade letzteres ist für die Verwertbarkeit guter Quellen bei mir oft ein Problem.

     
  2. gflaig

    20. Juni 2012 at 07:15

    Ich wollte gestern auf FAZ online was nachlesen (ich bin – jetzt war, Abonnent)

    Sobald du in die Nähe eines Artikel kommst : Zahlen – 2 € für Feuilleton Artikel etc.
    Bei der Zeit ist wenigstens für Abonnenten der Inhalt auch online frei zugänglich.

    Ich stelle sowieso fest , dass ich die INHALTE (Fakten) auch anderswo zu sehen bekomme, manchmal ist es die Aufbereitung, für die ich mit dem Abo freiwillig bezahlt habe. Für das Geld kann ich das aber auch selber machen (Positionen gegenüberstellen etc).

    Ciao Printmedien

     
  3. suchenwi

    20. Juni 2012 at 07:35

    Hmm… das Gleichnis vom Taxifahrer und vom Wirt geht aber andersrum: der Wirt (Pressbengel) verlangt vom Taxifahrer (Google) Geld dafür, dass dieser ihm Kundschaft gebracht hat…

     
  4. KL

    20. Juni 2012 at 08:02

    Sollte doch sicher heißen: „Wenn der Wirt vom Taxifahrer Geld dafür haben will, daß der die Zecher zur Kneipe …“ ?

     
  5. opalkatze

    20. Juni 2012 at 08:16

    @Richard, KL
    Örrem. War morgens um 4 oder so, verzeiht mir. Ist geändert :)

     
  6. opalkatze

    20. Juni 2012 at 08:21

    Sollen sie alle Erfahrungen, die andere schon gemacht haben, in den Wind schlagen und die Paywalls ruhig noch höher ziehen -und tschüss. Wer nicht will, der hat schon.

     
  7. opalkatze

    20. Juni 2012 at 08:26

    Moin, du hast die Umlaute also wieder :) Es gibt Möglichkeiten, das zu umgehen, du musst nur mehr schreiben. Aber auch das werden wir lösen, vertrau mir *grimm*

     
  8. alien59

    20. Juni 2012 at 09:56

    Sicher. Ja, meine Umlaute waren nur ein bisschen versteckt. Jetzt bin ich nur froh, dass ich blind schreiben kann – so spare ich mir die Neubeschriftung der Tastatur.

     
  9. Henning

    20. Juni 2012 at 13:23

    goldene worte, trotz dass es „morgens um 4 oder so“ (siehe Kommentar oben) war. ich verlinke nun also auch – mit Ansage – nicht mehr auf die Qualitätsmedien. Die Gründe sind ja bekannt und eigentlich überall die gleichen.
    Man sollte sich vielleicht in der deutschen Bloggerszene auf eine einheitliche Bezeichnung einigen: „Wie die Presse meldet…“ oder „Quelle: Presse“ oder, oder, oder…

     
  10. opalkatze

    20. Juni 2012 at 16:30

    Siehste, das ist das Problem: du bist dir ja selbst schon nicht sicher … :)

     
  11. rundertischdgf

    20. Juni 2012 at 17:19

    Vielleicht läßt irgendeiner auch dieses Problem wieder in Karlsruhe klären.

    Heute früh gab es ein bemerkenswertes Interview im Deutschlandfunk mit Brüderle. Genießen Sie es. Die Bundesregierung wußte nicht, weil völkerrechtlich umstritten, daß bei solch weitreichenden Eingriffen in die deutsche Souveränität, wie es der ESM darstellt, vorher die Bundestagsabgeordnenten zu informieren sind.

    http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/06/20/bruderle-am-nasenring-lassen-wir-uns-nicht-herumfuhren/

     
  12. flatter

    20. Juni 2012 at 22:29

    „auch der Aufbau eigener agenturähnlicher Netze oder Kooperativen stellt keine große Herausforderung dar.“
    Nun ja, wenn es darum geht, irgend etwas zu erfahren, mag das stimmen. Aber die fehlende Korresponentenschaft zur flächendeckenden Information ist nicht zu leugnen und nicht so einfach herzustellen, wo vorwiegend unentgeltlich gearbeitet wird. Da müssen wir noch ein dickes Brett bohren. Ich bin durchaus der Ansicht, dass da eine Menge geht, aber ich sehe da bislang bedenklich wenig. Schaut man sich fefe an, sieht man, wie’s gehen könnte; bei dem geht eine Menge ein, weil viele Leute wissen, dass er es ggf. veröffentlicht. Von solchen Knoten bräuchten wir noch viel mehr, Blogger müssten als solche wahrgenommen werden, dann kann sich da etwas entwickeln. Ich betrachte das allerdings als eine sehr große Herausforderung.

     
  13. opalkatze

    20. Juni 2012 at 23:03

    Es gibt eine Reihe internationaler (http://de.globalvoicesonline.org/) oder in einem Teil der Welt länderübergreifender (Südamerika, muss ich suchen) Strukturen, die das schon länger machen. presseurop macht das kommerziell, in der Art könnte man das nachbauen http://www.presseurop.eu/de). Guck mal bei Ronnie Patz auf PolSciEU und hangel dich hier mal weiter http://www.bloggingportal.eu/reader/blog/1054. Sorry, eilig wie immer, aber da kommst du schon weiter.

    Die Idee mit den Knoten ist sehr, sehr gut, hatte ich gar nicht auf dem Schirm.

     
  14. Henning

    21. Juni 2012 at 04:16

    Naja, über den Begriff bin ich mir uneins. Und ich bin auch zu unbedeutend, als dass ich einen Begriff einführen könnte.

     
  15. opalkatze

    21. Juni 2012 at 17:24

    Ds ist ziemlicher Unfug. Wenn er sinnvoll ist, wird er sich durchsetzen.

     
 
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