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Unternehmerjournalismus und die Kuh auf dem Eis

18 Jul

Im Feuilleton der NZZ schreiben Kate Nacy und Stephan Russ-Mohl heute¹, der neue Journalist solle über unternehmerische Fähigkeiten verfügen. „Dies fordern einige Avantgardisten. US-Institute entwickeln entsprechende Ideen.“

Nee, Leute, bitte nicht schon wieder. Erstens ist die Idee nicht mehr neu, so neu schon gar nicht. Zweitens hört sich Entrepreneurial Journalism an wie PR-Sprech vom Allerschlimmsten. Und drittens ist das Thema bis auf die Felgen durchgekaut.

Amerika, das gelobte Land des Journalismus. Du meine Güte. Erst mal kommen Comcast/NBCUniversal, The Walt Disney Company und Google, erst auf Platz 4 folgt mit News Corp. Ltd. das Murdoch’sche Reich, in dem das Geld überwiegend mit Journalismus – oder Spielarten davon – verdient wird. Außerdem ein Markt, der mit dem europäischen höchstens schwarze Buchstaben auf hellem Papier gemein hat.

Können Journalisten, die über Journalismus schreiben, wirklich so weit weg vom Alltag sein? Ja, meint ihr denn, das wäre neu für irgendwen, der nicht die letzten drei Jahre in einer Einsiedelei verbracht hat? Ganz zu schweigen von denen, um die es geht. Die haben ihre – tatsächlichen – Neuigkeiten schon lange von ausgezeichneten Blogs, die sich seit drei, vier Jahren mit just diesem Thema rauf und runter befassen. Nur, dass dort eine stetige Fortentwicklung stattfindet und nicht anno Domini 2012 von ‚Avantgarde‘ die Rede ist. Das hat auch etwas mit Austausch statt Einbahnjournalismus zu tun, aber gut, andere Baustelle. Hallo? Das Berufsbild hat sich bereits verändert, und das, was man hier Unternehmerjournalismus nennt, praktizieren die meisten Freien schon länger sehr geübt.

Bis jetzt scheint es auch keine Neugierigen zu geben, die ganz vorne dabei sein und die tollen amerikanischen Modelle unbedingt als Erste finanzieren wollen. Das einzige scheinbar gelungene Stück ist die Paywall, aber man lernt ja auch die schmutzigen Vokabeln immer am schnellsten. Oder, wie Stefan Niggemeier sagt: „Wenn die Zeitungen Paywalls oder Bezahlschranken errichten, dann finden die Debatten eben außerhalb dieser Mauern statt.“

Die wirklichen Avantgardisten, die den deutschsprachigen Markt kennen und ihre guten Ideen nicht nur aufschreiben, sondern auch vormachen, kamen nicht in den Genuss, als Vordenker gelobt zu werden. Von denen, die es eigentlich angehen sollte, wurden sie bestenfalls zur Kenntnis genommen; zu deren Entschuldigung sei gesagt, dass sie sich derweil auf anderen Geschäftsfeldern engagieren und am Journalismus nur noch streifenweise interessiert sind. Unternehmungslustige Journalisten hingegen befinden sich längst außerhalb der Mauern und experimentieren dort in wachsenden Netzwerken.

Statt das Feuilleton zu nutzen, um für den europäischen Markt geeignete Modelle und ihre Wegbereiter vorzustellen und für sie zu werben, wird die 471. Folge von „USA, Zukunft des Journalismus“ aufgelegt und der Leser im vagen Glauben gelassen, hierzulande stehe alles zum Besten. Leser in Entwicklungen mit einzubeziehen, ist vielleicht nach 500 Jahren noch etwas früh, aber man könnte das Thema Medienwandel in Europa auf diesem wenig eingeschränkten Spielplatz immerhin einmal vorsichtig anschneiden.

Für Politik, Wirtschaft und den Polizeibericht ist kein Thema abgefahren, kein Ereignis abwegig genug, als dass nicht in der zweitletzten Zeitung jede noch so winzige neue Wendung aufs Akribischste verhackstückt würde. Wenn der Kuh zu wohl ist, geht sie auf’s Eis. Zum Wiederkäuen ins Feuilleton.

¹ Am 17.7. geschrieben

 
9 Kommentare

Verfasst von - 18. Juli 2012 in Journalismus, Kultur, Medien, Web 2.0, Welt

 

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9 Antworten zu “Unternehmerjournalismus und die Kuh auf dem Eis

  1. AlterKnacker

    18. Juli 2012 at 07:48

    Ich denke mal, wenn wir uns am wirklich alten amerikanischen Journalismus, aus der Zeit der Pioniere des Westens orientieren, können wir mehr lernen als an diesen Hand-aufhalt-Journalismus der heutigen Zeit. Der FIWUS und auch der MUSKELKATER oder der NACHRICHTENSPIEGEL bemühen sich auf jeden Fall … und sie sind wirklich unabhängig.

     
  2. Roger Burk

    18. Juli 2012 at 09:14

    Sehr gut. Danke dafür!

     
  3. Digger Parns

    19. Juli 2012 at 14:35

    „…US-Institute entwickeln entsprechende Ideen…“

    Na, die werden es wissen, und dann wird es wohl richtig sein, und dann werden es US-hörige Politdeppen in der BRD und der EU-Reichsführung sicherlich bald in Gesetze gegossen zum Abnicken vorgesetzt bekommen. Dumm wie Brot, aber nicken können sie, Respekt.

    Man sollte überhaupt alles den Unternehmen, dem Kapital überlassen. Wann wird das erste Land wohl Citiland oder IBM-Staat heißen, ich meine ganz offiziell.

     
  4. Publicviewer

    20. Juli 2012 at 12:30

    Das wird meines Erachtens nach dem Niedergang dieses Systems sein.
    Da, wie es aussieht, kein weicher Übergang in eine humane menschengerechte Staatsform geplant ist, wird es wohl Kriegsähnliche Zustände geben, worauf dann ein Diktatur folgen wird.
    Dann werden wir Städte haben, die sich „MEGACITY“ oder „Mall-Island“ nennen werden.
    Wie sich dann die weitern Landes und Gebietsstrukturen nennen werden, wage ich jetzt nicht im vorhinein zu benennen.

     
  5. opalkatze

    20. Juli 2012 at 13:56

    Sagt mal, könnt ihr auch etwas kleinere Keulen nehmen und vielleicht konstruktiv sein? Es geht hier um Journalismus. Dazu bitte auch mal Mehr Entwicklungshilfe für Datenjournalismus lesen.

    Anscheinend braucht man bei euch nur ‚US‘ zu sagen, und schon werden alle möglichen Vorurteile hier abgekippt – nur keine sinnvollen Überlegungen. Es wäre schön, in der Sache zu diskutieren, das scheint aber nicht möglich zu sein. Sehr schade.

     
  6. Publicviewer

    20. Juli 2012 at 17:10

    Es ist ja auch sehr schön, Projekte zu sehen, die sich um eine Verbesserung, wie z.B. des Onlinejournalimuses drehen.
    Aber das lässt für mich trotzdem keine Zweifel aufkommen, dass gerade in Amerika, der Hase in eine ganz andere Richtung laufen soll.
    Die Regierungen und Lobbyisten bereiten sich rechtlich und unverkennbar mitlerweile auch finanziell auf die Endphase des Neoliberalimus vor.
    Die Deutsche Bank streicht stellen im Investmentwesen, das bedeutet, auch die haben längst begriffen, dass in der Zukunft keine Sau mehr viel in diesen maroden Karren investieren wird.
    Obama, Merkel und Konsorten setzen auf Überwachung und zukünftige Wirtschaftskriege mit Cyberangriffen.
    Wenn der ESM-Pakt am 12. September ratifiziert wird, sind wir eh bis auf die Urenkel versklavt.
    den selbsternannten Lobbvisten in diesem Gremium kann man rechtlich nicht einmal mehr zur Verantwortung ziehen.
    Das heißt, die können de facto machen was sie wollen und wir haben endgültig die Souveränität aus den Händen gegeben.

    Ich bin dabei, jetzt nicht lachen „EIN BUCH“ zu schreiben, aber Eines, das auch einfachere Leute verstehen, aber trotzdem nicht als Trivialliteratur abgekanzelt wird.

    Ach, hatte ich Dir schon erzählt das ich mich mit „=dA]v[Ax=“ in M. getroffen habe?
    Das war sehr interessant was er so zu berichten hatte.

    Gruß
    Der Viewer

     
  7. Publicviewer

    26. Juli 2012 at 23:55

    Oh…danke der Nachfrage…lächel…

     
  8. Publicviewer

    31. Juli 2012 at 19:46

    Letzte Woche waren es noch 1500 Stellen in diesem Segment, aber dass interessiert ja anscheinend niemand,
    http://de.nachrichten.yahoo.com/deutsche-bank-vermeldet-erneut-deutlichen-gewinnr%C3%BCckgang-065730208.html

     
  9. Publicviewer

    31. Juli 2012 at 20:06

    Letzte Woche waren es noch 1200 Stellen.
    Auch die Deutsche Bank hat längst begriffen, dass niemand mehr in dieses marode System investieren möchte.
    Daher der verstärkte Abbau gerade in diesem Segment

     
 
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