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Fliegen mit Precht

24 Jul

Gibt es im „Quartett“ ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich. (Marcel Reich-Ranicki, „Mein Leben“, S. 538)*

Das ZDF hat keinen allzu schlechten Namen, wenn es um Kultur geht: seit 1965 läuft dort aspekte, von 1988 bis 2001 gab es Das Literarische Quartett, das für Amüsement ebenso sorgte wie für gelegentlichen, wohligen Eklat, im nachtstudio diskutierte Volker Panzer von 1997 bis 2012 mit Gästen aus verschiedenen Fachrichtungen mal mehr, mal weniger tiefgründig gesellschaftliche und philosophische Themen, und von 2002 bis 2012 bildeten Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit jeweils wechselnden Gästen Das Philosophische Quartett, bis Thomas Bellut ein Machtwort sprach und die Sendung eingestellt wurde.

Nun also Richard-David Precht, ein in jeder Hinsicht kameratauglicher (und -erprobter) Mann, der trotz seiner 47 Lebensjahre und mählich ergrauender Schläfen immer noch als junger Wilder geführt wird. Möglicherweise gilt es im Kulturbetrieb als verwegen, komplexe Zusammenhänge in eine Sprache zu fassen, die fernsehgeeignet ist. Wenn vorne noch ‚Philosophie‘ dran steht, um so mehr, merkt der Zuschauer doch sogleich, öha, hier bekomme ich Bildung und Anspruch geboten.

Ende der 60-er Jahre waren Diskussionen abseits des Bildschirms gang und gäbe, ihre Aufbereitung für das Fernsehen willkommen und geschätzt. Mit der Zeit, dem Nachlassen des politischen Interesses und der gleichzeitigen Zunahme der Talk Shows, rutschten die Sendeplätze der gehaltvolleren Debatten immer weiter nach hinten.

Auch Precht muss nun um 23:30 Uhr am Sonntagabend um ein Publikum kämpfen, das längst genug von allem und zudem am Montag Morgen dem Arbeitgeber ausgeruht zur Verfügung zu stehen hat. Da hilft es, wenn der Kulturchef schon einmal „philosophische Gedankenflüge“ ankündigt. In anscheinend von der ARD übernommener übler Neu-Tradition wird allerdings mit dem knalligen Titel „Skandal Schule – Macht lernen dumm?“ ein Teil des Kredits direkt wieder verspielt. Dass das Schulsystem überholt ist, hören wir seit den 70-er Jahren, Abhilfe wurde bis dato nicht geschaffen. Daran ändert auch ein Wissenschaftler als Gesprächspartner nichts, der durch seine Forschungen zum Zappelphilipp-Syndrom ADHS sicher etwas zum Thema sagen kann. Dazu müssten sich Politiker bequemen, Stellung zu beziehen und abseits des Talk Show-Geredes endlich für grundlegende Veränderungen im föderalistischen Durcheinander zu sorgen.

Was kommt also am 2. September auf uns zu? Schlimmstenfalls ein belangloser Talk unter populärwissenschaftlichen Buchautoren, bestenfalls, und zu dieser späten Sendezeit durchaus möglich, ein kleiner Erkenntnisgewinn, der dem Vermögen der Diskutanten zuzuschreiben wäre, eben: schwierige Sachverhalte einfach auszudrücken. Die Sendungsüberschrift lässt allerdings befürchten, dass solches Herunterbrechen der Quote zuliebe in simpler Beliebigkeit enden könnte. Dann wäre es einfacher, ‚Philosophie‘ ganz zu streichen und um diese Zeit die 215. Wiederholung von ‚Rio Bravo‘ zu senden.

* Zitat Wikipedia

 
7 Kommentare

Verfasst von - 24. Juli 2012 in Kultur, Medien, Wissen

 

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7 Antworten zu “Fliegen mit Precht

  1. Hackentrick

    24. Juli 2012 at 16:11

    Seltsam… vorgestern wollte sich Precht in einem Interview mit dem DFL noch gar nicht zu konkreten Inhalten und der Machart der Sendung äussern, „weil die Verträge noch nicht unterschrieben seien“. Ging also dann doch schnell!

    Ganz so skeptisch sehe ich mit das Format nicht. Auch bei Panzers Nachtstudio (https://hackentrick.wordpress.com/2012/06/24/das-letzte-nachtstudio/) habe ich desöfteren Erkenntnisgewinne verzeichnen können. Aber ich stimme Dir zu: die Sendezeit ist hanebüchen (immerhin eine Stunde früher als bis dato Volker Panzer). Und 45 Minuten Sendezeit ist auch etwas knapp bemessen für ausführliche, tiefergehende Gespräche.

    Ich habe den Eindruck, das ZDF will sich lediglich mit Prechts Popularität einen Imagetransfer erkaufen – Gedanken über das Konzept des Formats sind da eher zweitrangig ;-)

     
  2. opalkatze

    24. Juli 2012 at 16:35

    Unterschrieben.

     
  3. pantoufle

    24. Juli 2012 at 16:35

    Ich mag den Precht ja ganz gerne – und wenn dafür der Schwerathlet unter den Philosophen Sloterdijk geht, kann man sich die Sendung vielleicht mal wieder ansehen.
    Hackentrick stimme ich zu; der Name Precht steht da eher als selbstverliehenes Mutterverdienstkreuz.
    Zwei Stunden „wetten das“ – 45 Minuten Philosophie nach dem Testbild. Denk ich an Deutschland in der Nacht …
    MvG
    das Pantoufle

    ceterum censeo H.P. „Schredder“ Friedrich muß zurückgetreten werden.

     
  4. opalkatze

    24. Juli 2012 at 16:52

    Liebes altes @Pantoufle,
    für Precht soll man ja auch nicht undankbar sein. Wenn es unterhaltlich ist …

    Sloterdijk, sollte es dir entgangen sein, ist weg. Die Horrorrunde: Sloterdijk, Safranski, Thea Dorn; da war noch wer, aber der ging unter (obwohl er, glaube ich, der einzige Vernünftige war). Bei Panzer hab ich oft doch ganz interessiert zugehört.

    Friedrich: Placet.

    Grüß Weib und Kind.

     
  5. sabine linge

    13. August 2012 at 07:00

    Ich bin dankbar für jede einigermaßen intelligente Sendung,die Futter für den Geist ist.Wenn man im Ausland und noch dazu in der Einöde lebt,sind das die Höhepunkte des Alltags.Ich hoffe der Sparstift und die allgemeine Mittelmäßigkeit des Denkens machen noch lange einen Bogen um diese Art Sendungen.Aber gibt es denn außer Panzer,Sloterdijk und Precht nicht noch andere Philosophen mit „jungen „Gedanken.?

     
  6. opalkatze

    13. August 2012 at 10:43

    Vermutlich gibt es die, aber man müsste sie ja erst aufbauen – wie es mit Precht geschehen ist, als man erkannte, dass er ankommt. Da geht es nicht um Philosophie, sondern um Quote und ein intellektuelles Feigenblatt. So gut ich deine Wünsche in der Diaspora verstehen kann …

     
  7. opalkatze

    13. August 2012 at 12:34

     
 
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