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Crowdfunding im Journalismus? In Deutschland?

23 Aug

Heute bekam ich eine mail von Christian Buggedei, die ich mit seiner Erlaubnis hier einstelle. Die anschließende kurze Diskussion von Google+ habe ich darunter gesetzt.

Was meint ihr dazu: Würdet ihr ein großes Rechercheprojekt durch Crowdfunding mit finanzieren? Wenn es zum Beispiel, wie neulich bei ProPublica, um die Verbindungen von Ärzten zur Pharmaindustrie ginge? Also etwas, womit sich 10 Leute intensiv befassen müssen und Kosten von 100.000 Euro entstehen? Oder meint ihr, unsere Zeitungen informieren schon investigativ genug? Fühlt ihr euch gut informiert? Dazu habe ich eine kleine Umfrage aufgesetzt, der Link steht noch mal am Schluss.

Dann mal los.

Hallo,

Journalismus, investigativ, aufklärend, analysierend, ist ein Grundpfeiler der modernen aufgeklärten Gesellschaft. Wir alle brauchen Leute, die uns die Aspekte der Welt erklären: Wieso sind die Beziehungen zwischen diesen beiden Staaten immer schlecht? Wieso rutscht diese Organisation in eine Krise? Wie war das nochmal mit der Energieversorgung? Wo kommt unser Wasser her, und wer verdient daran?

Leider wurde das Geschäftsmodell für Journalismus nie wirklich erneuert: Ein Verlag beauftragt den Journalisten, druckt seine Recherchen ab, reichert sie mit Werbung an und hofft dann, dass sich genügend Leute finden, das fertige Werk zu kaufen – auf dass die Einnahmen von Werbung plus Verkaufspreis reichen, um alle Beteiligten zu entlohnen.

Dieses Modell scheint aus vielen verschiedenen Gründen bedroht zu sein. Manche sagen, dass die “Kostenlosmentalität im Internet” schuld sei. Andere sagen, dass ja kaum jemand noch etwas auf Papier liest. Viele Leser wiederum beklagen die angebliche, dem finanziellen Druck geschuldete, immer schlechter werdende Qualität, oder dass es nur noch abgetippte Agenturmeldungen gäbe.

Gleichzeitig scheinen Paywalls nicht gut zu funktionieren, leidet doch die Sichtbarkeit der eigenen Marke.

Ante Portas ist der Versuch, ein neues Geschäftsmodell für anspruchsvollen Journalismus zu etablieren: Nicht mehr der Verlag übernimmt das Risiko der Vorfinanzierung, sondern die Leser selbst werden verpflichtet. Und diese lernen, dass sie nicht nicht für das physische Produkt “Zeitung” bezahlen, sondern für die Dienstleistung des Journalisten, diese mit wirklich interessanten und hochwertigen Inhalten zu füllen. Der Verlag, bzw. die Chefredaktion fungiert hier als Moderator dieses Prozesses, liefert zusätzliche Dienstleistungen wie z.B. das Lektorat und die Redaktion. Eine neue Zeitung steht quasi vor der Tür.

Ich möchte diesen Versuch wagen. Sobald ich hier einiges sortiert und erste Rückmeldungen von Journalisten habe, starte ich bei Startnext.de einen Crowdfunding-Aufruf. Damit hat jeder die Möglichkeit, sich an der Finanzierung einer solchen Zeitung zu beteiligen. Wenn dann genügend Geld für die ersten beiden Ausgaben zusammenkommt, werden Themen zusammengesucht und Journalisten beauftragt.

Zwei Monate später soll dann hoffentlich die erste Ausgabe von Ante Portas erscheinen: Kostenlos für alle lesbar im Internet, als E-Paper Ausgabe für gängige Lesegeräte. Traumhaft wäre natürlich eine Totholzausgabe am Zeitungskiosk – zum Selbstkostenpreis, vorfinanziert durch eine entsprechend hohe Beteiligung der Förderer.

Allerdings wird keine Zeitung ohne Journalisten funktionieren. Der Versuch, Journalismus grundlegend anders zu finanzieren braucht Ihre Hilfe! Nicht für nur für Ruhm und Ehre, sondern vor allem auch für ein faires Honorar, dessen Finanzierung durch das Crowdfunding vorab sichergestellt wird.

Wenn Sie interessiert sind, lassen Sie es mich wissen, damit ich abschätzen kann, ob wirklich genügend Journalisten Interesse an einer Mitarbeit haben.

Gruß,
Christian Buggedei

 

Hier folgt die kurze Diskussion von Google+:

13 Kommentare

 

Woher kommt dein Interesse am Journalismus? Du machst doch eigentlich was ganz Anderes.

 

Immerhin habe ich einen Grundkurs Journalismus während des Studiums absolviert :).

Das Interesse kommt eher aus der Piraten- / Hackerecke: Ich möchte sehen, ob das (Journalismus per crowdfunding) in Deutschland funktioniert. Carta macht da zB schon sehr gute erste Schritte, wirkt aber immer mehr wie „nur ein weiteres Weblog“. Und anstatt jetzt einfach nur zu warten, bis das irgendjemand macht, stoße ich es einfach selbst mal an.

…oder versuche es zumindest. Und es ist ja nicht so, als ob ich nicht schon vor drei Jahren oder früher ähnliche Gedanken gehabt hätte: http://www.orkpiraten.de/blog/zeitungen

 

Das ist der Grund, warum ich bei Carta ProPublica vorgestellt habe, da möchte ich im Herbst auch noch ein bisschen mehr dran tun [http://carta.info/46394/propublica-ein-kleines-experiment/].

Ich finde deine Idee gut, aber den Ansatz fragwürdig: Es geht ja nicht um die Journalisten, die etwas bezahlen sollen, sondern um die Leser. Journis gibt es wie Sand am Meer, und bei vielen setzt ich für so eine Idee Interesse einfach mal voraus.

Der casus knaxus sind aber eben die Leser – die musst du überzeugen, dass sie für ihr gutes Geld einen Mehrwert bekommen.

 

err, die Journalisten sollen bezahlt werden! Bezahlen sollen natürlich die Leser, nur bevor ich die um Geld frage, muss ich natürlich Leute vorweisen können, die bessere Journalisten sind als ich :D

 

 

Ja, kenne ich. Das Problem ist aber nicht, die Journis einzusammeln. Die sind da. Du musst das Problem von der anderen Seite angehen: Wie kriege ich leute dazu, für Recherche zu bezahlen?

Es meckern zwar „alle“, mit dem Journalismus sei es nicht mehr weit her ( was zum Teil richtig ist), aber würde deswegen jemand mehr bezahlen? Du kannst den deutschen nicht mit dem amerikanischen Markt vergleichen.

Sieh dir auf jeden Fall auch mal http://www.propublica.org/ an.

 

Meine Grundidee ist es, die momentane Begeisterung für Crowdfunding zu nutzen. Und um da erfolgreiche Projekte zu starten braucht es a) ein Produkt und b) eine Glaubhaftmachung, dass man das Produkt auch liefern kann.

Wenn man dann noch c) einen Eventcharakter dazubekommt, dann lässt sich einiges mobilisieren.

Und ich kenne in meinem Umfeld reichlich Leute, die bereit sind, zu bezahlen, aber mit den angebotenen Produkten eher unzufrieden sind. a) und c) kann ich diesen Leuten bieten. Und für b) brauche ich eben Journalisten, daher der Aufruf hier und per Mail.

ProPublica finde ich übrigens großartig, und es geht genau in die Richtung, an die ich dachte.

 

PP ist, glaube ich, auch das Vorzeigeobjekt schlechthin. Bin trotzdem skeptisch, ob es sich in DL umsetzen ließe.

Wir leben hier in einer sehr kleinen Blase, die wir nur als groß wahrnehmen, weil wir verhältnismäßig viele Leute innerhalb dieser Blase kennen.
Die Anwendbarkeit „da draußen“ ist aber eine ganz andere: Wie willst du Otto Normalleser beibrigen, das er für etwas zahlen soll, das er vorerst nicht einmal anfassen kann? Er steht ja nicht am Kiosk und muss entscheiden, ob er dieses oder jenes Magazin mit dem schönen Bildchen auf dem Titel und den verlockenden Überschriften kauft, sondern du musst ihm zunächst eine bloße Idee verkaufen.

Crowdfunding-Begeisterung hin oder her, das halte ich in DL für zeimlich schwierig, wenn du darüber stetige Einnahmen erzielen willst.

Daran hängt außerdem auch noch der ganze Verwaltungsaufwand, der nötig ist, um eine Ware zu vermarkten – wobei ich erst mal gar nicht sage: erfolgreich zu vermarkten. Alles, was damit zusammenhängt, bedeutet zeitaufwendige Arbeit, das macht sich nicht so nebenbei und muss finanziert werden. Wenn wir auch alle auf Selbstausbeutung zu stehen scheinen: Die eine oder andere Stelle muss bezahlt werden, und das Geld – das nur indirekt dem Leser zugute kommt – muss eingespielt werden.

Beantwortet ihr noch meine kleine Umfrage? Sie läuft bis zum 30.8., die Ergebnisse stelle ich hier Anfang September ein.

23.8.
Christian bittet um eure Unterstützung:

Ante Por­tas braucht noch zug­kräf­tige Gra­fi­ken und Ani­ma­tio­nen für die Startnext-Projektseite, Jour­na­lis­ten, die viel­leicht sogar mit kon­kre­ten The­men win­ken kön­nen, Ideen für “Rewards”, damit die Spen­der nicht nur für die Idee mit­ma­chen, son­dern auch etwas in die Hand bekom­men, und und und.

 
10 Kommentare

Verfasst von - 23. August 2012 in Journalismus, Marketing, Medien, Web 2.0

 

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10 Antworten zu “Crowdfunding im Journalismus? In Deutschland?

  1. wvs

    23. August 2012 at 02:52

    1. Was passiert denn nun mit dem Ergebnis der Umfrage?
    2. Üblicherweise kann man – sofort – nach der Eingabe das Resultat in Übersicht anschauen.
    3. Die Idee ist nicht schlecht – nur werden die Recherchen z.B. zum Zusammenwirken „Ärzte – Pharma“ ins Leere laufen: Beide Seiten profitieren, es ist ein kleiner, fast geschlossener Kreis in dem man sich gu kennt, in dem die Quellen leicht zu eruieren sind – und wer einmal ‚plaudert‘ wird geschnitten …

     
  2. lawgunsandfreedom

    23. August 2012 at 07:47

    Halte ich für eine tolle Idee. Ob sie sich durchsetzt?

    Unsere Zeitungen übernehmen oft nur Agenturmeldungen. Für eigene Recherche haben sie keine Zeit und kein Geld. Die großen Magazine berichten teilweise sehr einseitig und oberflächlich. Ich weiß, wie es in den Redaktionen zugeht. Ich habe da selbst gearbeitet. Da gilt so gut wie immer die Meinung von Chefredakteur, Ressortleiter oder vom Chef vom Dienst. Auch Verleger bzw. die Besitzer tragen zur Ausrichtung bei. Der Journalist spurt oder er kann seinen Hut nehmen … oder kriegt „Sport“.

    Früher (vor ~20-30 Jahren) habe ich mich beim Spiegel noch ganz gut aufgehoben gefühlt. Inzwischen habe ich dank Internet selbst die Möglichkeit Fakten und andere Quellen zu prüfen und bin sehr enttäuscht über die teils oberflächlichen, schlampigen und populistischen Ergebnisse, die ich im Blatt lesen muß. Der SPON ist auch nicht viel besser als das Angebot der Bild – nur mit mehr Text.

    Ja – ich wäre bereit für ein großes Projekt Geld zu zahlen. Ich würde solche Journalisten wie Isabelle Wiedemeier unterstützen, die ihre eigenen Ansichten und Vorurteile hinten an stellen, sachlich und faktenorientiert arbeiten, sich gründlich informieren. Sie hat meine Hochachtung für diesen kurzen Artikel: http://www.news.de/print/855335404/waffenverbot-eine-lanze-fuer-die-sportschuetzen/ – der Spiegel bringt bei diesem Thema prinzipiell ein einseitiges, diskriminierendes und stigmatisierendes Meinungsbild wie im Printmagazin und bei SPON gut nachzulesen: http://www.spiegel.de/thema/waffenrecht/dossierarchiv-4.html

    Ich erinnere mich noch gut an einen Artikel an dem ganze 15 Leute mitgearbeitet/recherchiert haben sollen – aber nur ein verlogenes, einseitig negatives Bild geschaffen haben. Das ist Hetze und Manipulation, wie ich sie von der BILD erwarte – aber doch nicht von einem Magazin, das sich seriös gibt und immer noch von seinem Nimbus als „Sturmgeschütz der Demokratie“ zehrt.

    Ja – macht dieses Projekt. Es gibt so viel, worüber ich mich mangels Grundlagenwissen und Zeit nicht so gründlich informieren kann, wie ich das gerne möchte. Die gehypten „Meinungsmacher“ die mit plausible klingenden, aber oft falschen Meinungen und Thesen manipulieren (wie z.B. Manfred Spitzer) gehen mir schwer auf den Senkel. Kümmert Euch auch um Themen die nicht so im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Themen bei denen Vorurteile und das klassische „… aber jeder weiß doch …“ dominieren.

     
  3. Jens

    24. August 2012 at 20:13

    Ich würde für ein taz 2.0 nicht im Voraus zahlen.

    Ein Portal nach dem Vorbild von http://spot.us/ wo ich einzelne Reportagen finanzieren könnte, würde mir hingegen sehr gefallen.

     
  4. opalkatze

    24. August 2012 at 20:25

    Ja, ich tippe mal, das sehen Viele so. Ich übrigens auch.

     
  5. opalkatze

    25. August 2012 at 12:12

    Ja, geht leider nicht, ohne ein Zusatzpaket zu kaufen (oder ich bin wieder zu doof). Hatte noch keine Zeit, mir was Besseres zu suchen, wird aber oben auf die to do-Liste gesetzt. Ich übernehme das dann in eine Exceltabelle. Hat aber auch einen Vorteil: Die Antworten sind bis jetzt sehr unterschiedlich. Ich glaube, dass man sich unbewusst von anderen Ergebnissen beeinflussen lässt.

    Na, es gibt ja noch reichlich andere Themen ,)

     
  6. opalkatze

    25. August 2012 at 12:21

    Mal so vorab: Ich bin ein böser Feind dieses ganzen Waffengedöns‘. Muss man aber nicht diskutieren, ich werde dich nicht überzeugen und du mich nicht.

    Ich gehe nicht davon aus, dass man eine Recherche startet, um ein „verlogenes, einseitig negatives Bild“ zu erhalten. Allerdings wird ein Rechercheteam im Ton seines Blatts berichten, dagegen ist nirgends ein Kraut gewachsen. Ebenso können auch tatsächlich Ergebnisse herauskommen, die nicht der Erwartung entsprechen. Und wenn eine Meinung dir nichtgefällt, ist sie deshalb noch nicht falsch. Deshalb gleich von Hetze und Manipulation zu sprechen, ist arg überspitzt. Dass die Qualität des Spiegel in der Tat, sagen wir, gelitten hat, ist eine andere Geschichte, passt aber ins Bild.

    Für „Randthemen“ sind DOKzentrum und Der blinde Fleck zuständig, die machen tolle Arbeit. Immer mal wieder dort reinschauen lohnt sich.

     
  7. lawgunsandfreedom

    27. August 2012 at 08:34

    Ich gehe nicht davon aus, dass man eine Recherche startet, um ein “verlogenes, einseitig negatives Bild” zu erhalten.

    Ich will das nicht vertiefen, aber ich kenne mich in dem Thema ausgesprochen gut aus und kann meine Behauptungen belegen.

    Es gibt aber mehr als genug andere Themen in denen ich mir eine gute Recherche und ausgewogene Berichterstattung wünschen würde, weswegen ich so ein Projekt gut fände.

     
  8. opalkatze

    29. August 2012 at 13:24

    Das ist Unfug. Wir alle lieben Meinungsjournalismus ja so sehr, dass es mittlerweile kaum noch Anderes gibt – das entscheidet der Leser per Abo oder am Kiosk. Der Verlag liefert, was der Leser will. Und auch ein Verlag hat eine Meinung, die er vertritt; mit verlogen hat das nichts zu tun, nur weil es nicht deiner Meinung entspricht.

     
 
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