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Plädoyer für den Schierlingsbecher

03 Sep

Ich bin dafür, endlich letztschlüssig über die Frage nachzudenken, ob man nicht vielleicht den Schierlingsbecher wieder einführen sollte. Der 79. Geburtstag böte sich an (bei Frauen evtl. der 84.), spätestens aber, wenn die Arbeitskraft und/oder irgendein sonstiger, verwertbarer Nutzen nicht mehr nachzuweisen sind.

Dazu empfehle ich dringend die Erstellung eines Verwertbarkeitszertifikats, das mitzuführen und auf Verlangen vorzuweisen ist. So könnte jederzeit schnell und unbürokratisch (und damit kostensparend!) nachgewiesen werden, ob sich beispielsweise nach einem Unfall eine Reparatur noch lohnt. Auch der Einbau von Ersatzteilen wie Zahn- oder Gelenkprothesen könnte so auf das tatsächlich notwendige Minimum – nur zur notwendigen Instandhaltung – reduziert werden. Es sollte auch überlegt werden, ob nicht die Implentierung eines RFID-Chips mit einem Verfallsdatum sinnvoll wäre, das ab dem 50. Verwertungsjahr nach einer Generaluntersuchung durch die zuständige Zentralwerkstatt sukzessive um jeweils zwei Jahre verlängert werden kann.

Als weitere Maßnahmen schlage ich vor:

Arbeitnehmer werden verpflichtet, in ihrer Nichtarbeitszeit ausschließlich solchen Betätigungen nachzugehen, die der Funktionserhaltung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten dienen. Von gefährlichen Tätigkeiten (Verkehrsteilnahme, Verlassen der Arbeitsstadt) ist abzusehen, soweit sie nicht unmittelbar dem Aufsuchen der Arbeits-/Verwertungsstelle dienen. Fortpflanzen sollen sich nur Individuen, die genetisch nachweislich bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften gemäß branchenspezifischem Anforderungskatalog haben. Jede Frau sollte möglichst viele Kinder gebären, sofern dies ihre Arbeitsverwertung nicht nachteilig unterbricht. Längerfristig wäre in vitro-Reihenfertigung sinnvoll.

Sozialverhalten, Nahrungsaufnahme und Schlafbedürfnis werden genetisch optimiert. Lebensmittel, vorzugsweise aus arbeitnehmereigenem Anbau, sollen nahrhaft und bekömmlich sein. Kleidung aus heimischer Produktion ist einfach, zweckmäßig und einheitlich. Auf Importe kann verzichtet werden, sofern sie nicht dem Unterhalt der Verwalter dienen.

Der volkswirtschaftliche Nutzen liegt auf der Hand: Die Zentralstelle zur Verwaltung des Nachweises der Verwertbarkeit (ZVNV) würde Krankenkassen und Versicherungsgesellschaften ersetzen. Das Problem der niedergelassenen und Landärzte wäre ebenfalls gelöst: Zentralwerkstätten stellen die Versorgung der Arbeitsstädte sicher. Sachversicherungen werden überflüssig, da die genormte Habe für alle gleich ist und aufgrund einfachster Beschaffenheit und geringer Kosten bei Verschleiß vom Staat ersetzt wird. Friedhöfe werden ebenfalls obsolet, die Reste werden rückstandslos entsorgt.

Die frei werdenden Gelder werden für Anlage, Pflege und Sicherung der Wohnstätten der Verwalter in landschaftlich reizvollen Gegenden verwendet, um so deren ungestörte Bemühungen um das Gemeinwohl sicherzustellen. Diesen Eliten ist jederzeit respektvolle und pflegliche Behandlung sowie jeglicher erdenkliche Luxus zu gewährleisten, sind sie doch die Garanten des Systems.

 
17 Kommentare

Verfasst von - 3. September 2012 in Glosse, Kultur, Politik

 

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17 Antworten zu “Plädoyer für den Schierlingsbecher

  1. R@iner

    3. September 2012 at 22:07

    Vorsicht Vera. Solche Texte sind unbedingt zu kennzeichnen. Bei einigen der nachgewachsenen Generation könnte deine Worte auf fruchtbaren Boden fallen. Wie soll denn z.B. ein Rösler deine Worte deuten, wenn nicht als bedenkenswerten Maßnahmenkatalog.

     
  2. bee

    3. September 2012 at 23:21

    Sollte man die rückstandsfreie Entsorgung noch durch eine Phosphatrückgewinnung ergänzen, hätten wir eine ökologisch runde Sache, die auch Aldous Huxley prima fände.

     
  3. R@iner

    3. September 2012 at 23:29

    Die „yes-Men“ hatten doch den Hausmeister zu einer Kerze verarbeitet.

     
  4. Publicviewer

    4. September 2012 at 00:02

    „Soylent Green“ und Logan’s run lassen grüßen…

     
  5. opalkatze

    4. September 2012 at 04:45

    @bee
    Unbedingt! Ich sollte Huxley überhaupt mal wieder lesen …

     
  6. opalkatze

    4. September 2012 at 04:47

    Hätte ich nicht geschrieben, wenn ich den Verdacht hätte, ich verrate Geheimnisse.

     
  7. ninjaturkey

    4. September 2012 at 08:07

    Ja, an Soylent Green habe ich auch sofort gedacht.
    Wenn man sich zudem Harry Harrisons Aussage zu seinem dem Film zugrunde liegenden Roman (in dem es übrigens noch keine Menschenverwertung gibt) anschaut, dann sieht man, WIE visionär und zutreffend dessen Geschichte 1966 war:
    „…Sein Hauptziel sei dagegen gewesen, zu zeigen, wie pervers die Welt der Superreichen in der Zukunft sein würde…“

    Aber so, wie die Realität schon Orwell weit überholt hat, so wird sie auch vor Harrison nicht halt machen.

     
  8. Joachim

    4. September 2012 at 11:23

    Zuerst dachte ich, was für eine böse Satire. Mit der Überlegung, wann Krankenkassen bestimmte Leistungen – etwa eine Hüftgelenksoperation – noch bringen, wie sicher die Rente ist, was an Gesetzen zur Mitarbeiterüberwachung geplant ist, wie Daten der Menschen – Facebook verkauft Telefonnummern zusammen mit persönlichen Daten – umgegangen wird, dann ist momentan nur die Einführung des Schierlingsbechers noch etwas überspitzt.

    Wie wär’s, hier einmal eine real-live Übersetzung des Artikels zu bringen. Das ist notwendig, denn sonst mag man es gar nicht glauben. Ich fang mal an:

    1) Erstellung eines Verwertbarkeitszertifikats = elektronische Krankenversichertenkarte

     
  9. opalkatze

    4. September 2012 at 15:00

    Ja, du ahnst, was da alles eingeflossen ist, sollte kaum jemand besser wissen als du.

     
  10. Hackentrick

    5. September 2012 at 09:57

    Das Lachen über die Satire gefriert einem im Gesicht, wenn man sich darüber bewusst wird, dass es heute schon geläufige Bezeichnungen wie „Humankapital“, „Human Resources“, usw., gibt!

     
  11. opalkatze

    5. September 2012 at 12:44

    Mir war beim Schreiben auch gar nicht satirisch zumute.

     
  12. elsflethBarbara

    6. September 2012 at 00:00

    Ihm könnte man als einem der ersten den Testbecher reichen. Er denkt zwar er ist zu etwas nützlich, aber das glauben selbst seine Parteikonsorten nicht mehr.

     
  13. opalkatze

    6. September 2012 at 11:36

    Es gibt doch diesen schönen Spruch, wenn man merkt, dass das Pferd tot ist, soll man absteigen. Er berücksichtigt nicht, dass man es erst merken muss.

     
  14. Publicviewer

    8. September 2012 at 14:58

    Haben deine User vor Schreck alle aus dem „Schierlingsbecher“ getrunken?
    Keine Angst, ich halte Dir die Stange…;-)
    Btw, hast Du den Bericht auf „Arte“ gesehen?
    Hier über Feynsinn:http://feynsinn.org/?p=15366

     
  15. opalkatze

    8. September 2012 at 17:23

    Meinen Link bei flatter nicht gesehen? Der ist zu dem Goldman-Film vom ORF.

     
  16. Publicviewer

    8. September 2012 at 20:58

    Asche auf mein Haupt…
    Nummer 9….obwohl ich fast alle Kommentare dazu gelesen habe…;-)
    Aber schaden tut es sicher nicht, wenn der Beitrag hier nochmal Erwähnung findet.

     
 
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