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Udo Vetter, sein Blog und die ARAG

12 Sep

Um direkt aufzuräumen: Natürlich bin ich neidisch. Ich hätte auch gerne einen tollen Vertrag, der mir Zeit zum Recherchieren und Bloggen und Fotografieren kauft. Da ich aber nur 50 und nicht 50.000 Leser am Tag habe, ist das ohnehin utopisch, und wir können uns dem Eigentlichen zuwenden. Ich wollte es nur gesagt haben.

Die Anwaltskollegen lächeln mehr oder weniger gezwungen zu dem Deal. Witzig, dass es bei den bekannteren Law-Bloggern wie Thomas Schwenke (I Law it) oder Sebastian Dramburg (Lawbster; beide vormals Spreerecht) ganz still ist, und nur Thomas Stadler schreibt:

Vielmehr möchte ich meine Leser fragen, wie dieses Engagement gesehen wird. Ist es in Ordnung, dass ein langjähriger Qualitätsblogger wie Udo Vetter auf diese Weise jetzt auch mal die Ernte einfährt oder bringt das die Unabhängigkeit seines Blogs in Gefahr?

Darum geht es, nicht darum, wieviel der Handel einbringt (Thomas‘ Frage gebe ich übrigens gerne weiter). Jedem Blogger ist eine lukrative Kooperation zu gönnen, denn er hat sie sich – meist in vielen Jahren – ehrlich erschrieben, viel Zeit, Geld und Nerven investiert, manche völlig fruchtlose Diskussion geführt, Kommentare noch und nöcher gelöscht und oft das Bloggen netteren Beschäftigungen vorgezogen, auch, wenn er wirklich lieber was Anderes gemacht hätte. Such is blogging.

Der casus knaxus ist die Glaubwürdigkeit, und das ist besonders in diesem Fall eine vielschichtige Angelegenheit. Über Standesrecht und Schleichwerbung sollen sich Berufenere auslassen, davon verstehe ich nichts. Ich meine auch nicht die unter Bloglesern weit verbreitete automatenhafte Abwehrhaltung gegen so ziemlich alles, was nach Werbung aussieht. Beispielsweise wurde ich kürzlich auf einem anderen Blog angegriffen, weil unter meinen Texten ein „gefällt mir“-Button steht – dass der von WordPress ist und nicht von Facebook, hat der Meckerer gar nicht registriert; allein die beiden Worte sorgten schon für den Zwergenaufstand. Ähnlich ist es um die meisten derartigen Werturteile bestellt: Werbung, egal wie und wofür, ist bäh. Das ist unrealistisch, zumal, wenn der Blogger gleichzeitig Unternehmer ist.

Es geht also erst einmal um den Blogger Udo Vetter. Sehr viele Kommentare bei ihm und auf anderen Blogs gehen in die eben beschriebene Richtung. Darüber kann man hinwegsehen.

Die meisten Menschen aber brauchen irgendwann einmal juristische Hilfe, und da wird zunächst das Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant den Ausschlag geben. Nun verlangt man in so einem Fall als Kunde ja ohnehin schon einen sonderbaren Spagat: Der Rechtsberater soll möglichst sieben Mal chemisch gereinigt sein, alle Fiesigkeiten dieser Welt kennen und im Umgang mit der gegnerischen Partei auch anwenden, im Umgang mit uns aber dem gütigen Großpapa gleichen, der es schon richten wird. Das Verhältnis zum Anwalt ist also immer ambivalent: Man muss ihm zwar vertrauen – es bleibt einem ja nichts anderes übrig -, gleichzeitig vermutet man aber per se eine gewisse Doppelzüngigkeit.

Wahrscheinlich habe ich auch deshalb mit der Konstellation Probleme: Ein bekannter Strafverteidiger und eine Versicherung – das fühlt sich einfach nicht richtig an. Vetter will alles sehr offen und transparent handhaben, das wird sich längerfristig in praxi erweisen, und dass die ARAG nicht sehr beliebt ist, hat sie mit vielen Branchengenossen gemein. Machte Udo Vetter allerdings Werbung für ein Reiseunternehmen – bekanntlich reist er gerne – hätte ich diese Probleme überhaupt nicht. Es ist die Nähe zum Beruf, die misstrauisch macht und unwillkürlich die Frage aufwirft: Ob der wirklich so unabhängig bleiben kann? Die Kenntnis des eigenen Charakters macht die Sache nicht leichter: Wenn etwas sich lohnt, Annehmlichkeiten irgendwelcher Art verschafft, würden wir nur ungern wieder darauf verzichten. Vielleicht sind es nur winzige Zugeständnisse, aber diese kleine Schramme bekommt die Unabhängigkeit eben doch.

Und was ist mit Artikeln, die sich – wie es auf dem Law Blog bisher gelegentlich der Fall war – kritisch mit Versicherungen auseinandersetzen? Spätestens da liegt es ausschließlich an der Souveranität der werbenden Firma, was sie zulassen kann und will. Damit wird die Schramme schon tiefer, denn Unabhängigkeit bedeutet nicht, bestimmte Aspekte einer Sache einfach per Schere im Kopf auszuklammern, sondern tun zu können, wozu man lustig ist – uneingeschränkt.

Auch die Form ist problematisch. Es sind eben keine (wie Udo Vetter sagt, nervenden) Werbebanner, nein. Aber die wären auf einem Blog leichter zu ertragen als fremde Texte, von jemand anders als dem gewohnten Schreiber im gewohnten Duktus erstellt, mit anderen Inhalten und Gewichtungen. Auf einem Blog, das man gerne liest, will man eine bestimmte, vertraute Handschrift – keine ‚fremden‘ Artikel. Der Wechsel zwischen berichtenden, erzählenden oder glossierenden Beiträgen ist angenehm. Reine Werbetexte, seien sie noch so sachlich, sind dazwischen Fremdkörper. Und dass eine PR-Abteilung eigens für ein einziges Blog, sei es noch so viel gelesen, Texte erstellt („eigene, extra für das law blog konzipierte Beiträge“) …

Angeblich haben die PR-Leute von ARAG Zugriff auf das Blog – falls das stimmt, hätten sie damit auch Zugriff auf die Löschfunktion, und das wäre eine sehr weitgehende Bevollmächtigung. Ich halte nichts von dem ‚Argument‘, dass Löschen mit Zensur gleichzusetzen sei, in so einem Fall wäre es das allerdings: Es würde dafür gesorgt, dass unliebsame und damit ein wichtiger Teil der Kommentare verschwinden. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das so ist, doch damit hätte der Blogbetreiber seine Unabhängigkeit aus der Hand gegeben.

Die Mischung macht’s, die Nähe, in der sich Beruf und Werbepartner befinden, ob ein Leser sich mit einer Kooperation wohlfühlt oder nicht. Udo Vetter kann ganz sicher auf ein paar Leser verzichten – trotzdem: ein Reiseveranstalter wäre besser gewesen.

 
21 Kommentare

Verfasst von - 12. September 2012 in Blogs, Marketing, Web 2.0

 

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21 Antworten zu “Udo Vetter, sein Blog und die ARAG

  1. Sabine Engelhardt

    12. September 2012 at 23:03

    Ich hab mich darüber schon bei Alex ausgelassen: Ich sehe es zumindest skeptisch. Und mehr als skeptisch, nach­dem ich erfahren habe, daß sachliche Kritik am Kooperationspartner ARAG gelöscht wurden.

    Ob ein Reiseunternehmen unproblematischer wäre? Ich weiß nicht so recht. Im Prinzip könnte theoretisch jeder Kooperationspartner irgendwann einmal Mandant oder Gegner sein, gewesen sein oder in Zukunft werden. Udo Vetter ist zwar auf Strafrecht spezialisiert, aber das heißt ja nicht, daß er ausschließlich in diesem Bereich tätig ist. Und spätestens, wenn das Reiseunternehmen Rechtstipps für (Auslands-)Reisen posten darf, wird’s wieder schwierig.

     
  2. Angela

    12. September 2012 at 23:18

    Ein guter ‚Geschaeftsmann‘ muss kein schlechter Blogger werden. Ich finde CKappes beispielsweise ausgesprochen ‚geschaeftstuechtig‘, dennoch haut er seine qualifizierte Meinung raus. Mal abwarten…

     
  3. Thomas Wiegold

    12. September 2012 at 23:19

    Natürlich wäre ein Reiseveranstalter besser gewesen. Aber der ist halt nicht scharf auf das juristisch geprägte/interessierte Umfeld…

    Ist eine verdammt schwierige Abwägung, die jeder für sich selbst treffen muss. Ich hätte (vermutlich, nicht ausprobiert) nicht so große Probleme, interessierte Unternehmen aus der Rüstungssparte zu finden. Aber die will ich, falls nötig, (pardon) auch irgendwohin treten können… und deshalb habe ich so was gar nicht erst versucht. Aber auch bei mir kommt ja kein Reiseveranstalter…

     
  4. -daMax-

    12. September 2012 at 23:38

    Wenn man und frau die Kommentare unter Thomas‘ Artikel liest, kommt frau und man schon ins Grübeln, ob das so ein smoother move von Herrn Vetter war. Wenn da tatsächlich irgendwelche Hanseln (1-Euro-Jobber sage ich ganz klar nicht) sitzen und wie von der Tarantel gestochen kritische Kommentare löschen, dann ist das eine ganz üble Kiste. Allerdings wird udo dann auch recht schnell merken, was er davon hat.

    Mein Feedreader zeigt mir inzwischen eh immer nur noch den im Moment letzten Artikel an (passiert mir leider auch bei vielen anderen Blogs [z.B. Netzpolitik], ich müsste wohl echt mal einen anderen nehmen), deshalb bekomme ich in letzter Zeit gar nicht mehr so genau mit, was im Lawblog so passiert. So gesehen würde mir der Abschied von Udo wahrscheinlich nicht mal sonderlich schwer fallen.

    tl:;dr: Der Shitstorm wird’s schon richten.

     
  5. opalkatze

    12. September 2012 at 23:38

    Öhm – hatte ich doch auch nicht behauptet? Darum geht es mir wirklich nicht.

     
  6. opalkatze

    12. September 2012 at 23:47

    Mich irritiert einfach die Nähe zum Beruf, ich hab ja versucht, das zu erklären. Bei dir wäre es noch anders, weil deine – sehr speziellen – Leser damit vermutlich keine oder höchstens sehr geringe Probleme hätten. Journalisten haben allerdings das leidige Rabattproblem – ich finde es übrigens gut, dass immer mehr unter ihr Blog / ihre Impressumseite schreiben, was sie in Anspruch nehmen. Dafür misstraue ich nur sehr wenigen nicht, die sagen, sie nutzten keine.

     
  7. opalkatze

    12. September 2012 at 23:50

    Darf ich dir den altmodischen, aber sehr brauchbaren und gut einstellbaren Feedreader empfehlen? Das Einzige, was ich ihm vorwerfen kann, ist, dass die Inhalte besser sein könnten ,)

    Gut, dass das mit dem Schreibzugang stimmt, kann ich nicht belegen. Wenn es so wäre, böse Sache. Und die Schere im Kopf ist sehr schnell eingerichtet.

     
  8. Tante Jay

    13. September 2012 at 03:50

    Zumindest was die Zugriffe auf Löschfunktionen betrifft, kann ich dich, selbst ohne Kentnisse des Maschinenraums von Udo Vetter, beruhigen. ;)

    Du kannst Autorenzugriffe gewähren, die Leute können dann Artikel erstellen, haben aber keinerlei weitergehende Rechte. Insbesondere keine Löschrechte.

    Das kannst du selbst sehen, wenn du mal in die Adminoberfläche gehst.

     
  9. opalkatze

    13. September 2012 at 07:25

    Ja, natürlich, aber das macht es nicht besser. Bei Thomas Stadler und anderswo berichten Leser, es seien recht massiv Kommentare gelöscht worden.

     
  10. -daMax-

    13. September 2012 at 08:12

    @opalkatze: Hey danke für den Tipp. Der taugt echt was! Jetzt bräuchte ich bloß noch eine entsprechende Freeware-Alternative für meinen Mac und dann wäre ich glücklich.

     
  11. Angela

    13. September 2012 at 08:22

    „Ein guter ‘Geschaeftsmann’ muss kein schlechter Blogger werden.“ sollte auch heißen:
    „Ein guter ‘Geschaeftsmann’ kann ein unabhängiger Blogger bleiben“. Ok, ich hoffe natürlich auch, dass das mit der ‚Unabhängigkeit‘ klappt, @Vera. ;)

     
  12. Publicviewer

    13. September 2012 at 21:15

    Bei „Netzpolitik.org“ werden und wurden auch Kommentare gelöscht, aber das interessiert ja auch keinen.
    Gerade eben chon wieder…:-(

     
  13. Jo

    15. September 2012 at 15:21

    Was die Löschungen angeht: Rausgenommen wurde ungefähr alles, was sich kritisch mit der Kollaboration auseinandersetzt. Von mir z.B. ein Kommentar, in dem einfach stand, ich könne das Monetarisierungsinteresse nachvollziehen, hätte jedoch Werbebanner bevorzugt, weil solche Zeitungsklickstrecken-esken Texte einen krassen Stilbruch darstellen. Wenn UV das selbst macht (und nicht die ARAG-Leute), machts das wirklich nicht besser.

     
  14. Jo

    15. September 2012 at 15:46

    Nachtrag: Natürlich zwingt mich keiner, das Lawblog zu lesen, und ich habe auch nicht das Recht, da Ansprüche zu stellen. Aber in der neuen Form fühlt es sich dort ziemlich unbehaglich an und ich verzichte auf das Angebot.
    Auch frage ich mich, ob sich die ARAG da einen Gefallen getan hat. Beliebter macht sich der Laden so wohl nicht, wenn auch präsenter, und die alte Schleichwerbungsgeschichte (http://www.rsv-blog.de/einstweilige-verfugung-gegen-die-arag) wird auch nochmal hochgekocht…

     
  15. opalkatze

    15. September 2012 at 16:01

    Zwischenbilanz:

    Es gab beides. Spammer waren genauso beteiligt wie ernsthafte Kommentatoren. Von Beiden wurden Kommentare gelöscht. Das ist mein Sachstand nach ziemlich vielen mails mit sehr unterschiedlichen Menschen.

    Sie legen nahe, dass auch sachliche Kommentare gelöscht wurden, aber, tut mir leid, ich kann das nicht belegen. Ich habe nur die Angaben befreundeter Menschen (Blogger und Journalisten). Screenshots kann man glauben, aber man muss es nicht; ist ein bisschen wie Statistik: Ich glaube nur solche, die ich selbst gefälscht habe.

     
  16. Jo

    15. September 2012 at 18:03

    Stimmt schon. Ich will hier auch niemanden (de-)missionieren, ich hake das Lawblog für mich persönlich aber erstmal ab. Vielleicht gibt’s ja eine Stellungnahme von Udo Vetter.

    (Ich möchte damit nicht ausdrücken, dass er irgendjemandem eine schuldig wäre. Aber freuen würd‘ ich mich schon.)

     
  17. gibra

    17. September 2012 at 13:22

    Hallo

    umgekehrt wird´n Schuh draus: Auf Vetters „Lawblog“ wurde mal vor Monaten ein Qualitätsjournalist als SS-Typ beschimpft … von wegen Vetter´n Qualitätsblogger.

     
  18. Lauscher

    24. September 2012 at 10:27

    Du kennst den Spruch: „link or it didn’t happen“?

     
 
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