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Plusterquacksprech

14 Sep

Ist das nicht ein schönes Wort? Leider nicht von mir, sondern von Einem, den man niemals daran erinnern muss, dass Deutsch eine reiche, bunte und schöne Sprache ist. Möglicherweise hören sich Liebeslieder auf Italienisch besser an, Beschreibungen diffiziler Gefühlslagen auf Französisch und Sonette auf Spanisch. Deutsch ist keine ’schöne‘ Sprache, aber man kann in ihr alles sagen, darstellen und beschreiben, was man möchte. Und wenn man Kitsch nicht scheut, auch den.

Wozu also wurden in den letzten dreißig Jahren all diese Kunst- und Plastiksprachen geschaffen, die seitdem so unendlich nerven? Neusprech für die Politik, Beratersprech für ganze Branchen von Werbefuzzis bis zu Lobbyisten, selbst Blogger übernehmen den schrecklich steifen Nachrichtenstil, von dem sie meinen, das sei gutes Deutsch.

All dieser Aufwand, um sich neben den wirklichen Fachsprachen eigene Begriffswelten zu zimmern; um, je nachdem, singulär, unique oder als Solitär dazustehen. Selten passen die Begriffe. Noch seltener stehen dahinter Begrifflichkeiten, die man anfassen kann, bei denen ein Gefühl für etwas entsteht. Spätestens nach der dritten Firmenbroschüre müssten gebildete Leute eigentlich genug haben – aber nein, sie gewöhnen sich daran und beherrschen das spätestens nach einem halben Jahr druckreif, in Hochglanz, 16 Farben. Mich schüttelt es.

Es war schlimm genug, als Ende der Sechziger Dialektik schick wurde und in jedem Satz neben sieben Kommas fünf Versatzstücke aus (mindestens) Sartre oder dem kommunistischen Manifest und deren diversen Kommentierungen in Mode kamen. Schlimm genug, als die Fremdwortwelle uns erfasste, in den Achtzigern, und jeder von Prunkstücken wie „Sie sind mir sehr synthetisch“ oder der „Syphilisarbeit“ berichten konnte.

Mittlerweile umschreiben wir die Umschreibung, indem wir immer noch größere, längere, kompliziertere Wortungetüme erfinden. Dabei wäre es so einfach. Jeder kann seine Äußerungen einmal einen halben, gesprächsreichen Tag lang aufnehmen und sich das abends in Ruhe anhören. Journalisten können in den Ferien ihren Textbausteinkasten ausmisten, überhaupt müssen die Schreiberlinge dringend über Floskeln nachdenken und sie sinnvoll ersetzen. Damit könnten sie gleich hier beginnen, Bilder anschauen und ein paar kurze Sätze lesen reicht für den Anfang.

Die sogenannten Leitmedien regen sich ja so gerne auf, zum Beispiel über die Verdummung, die von Twitter oder der abgekürzten SMS-Sprache ausgeht. Packt euch mal an die eigene Nase: schlampig redigierte Texte, Orthographie- und Grammatikfehler, Dopplungen, Stereotype, Wiederholungen, Auslassungen – meint ihr, das bliebe ohne Einfluss? Das mit dem Glashaus … Und nein, es reicht nicht, dass ein studierter Mensch den Text verfasst hat: Er soll gefälligst auch so schreiben, nämlich a. richtig, und b. verständlich.

Anspruch fängt mit der Sprache an, in der er erhoben wird. Sprecht eure Anliegen so aus, dass sie verstanden werden; schreibt auf, was ihr meint. Nur, bitte, hört auf mit diesem Plusterquacksprech.
 

  • Allen, die sich mit Sprache beschäftigen möchten, sei Klaus Jarchows Buch „Nach dem Journalismus“ allerwärmstens ans Herz gelegt. Über den Inhalt könnt ihr euch hier informieren, und wenn ihr noch ein bisschen Geduld habt, gibt es auf Carta auch eine Rezension dazu (von mir). Ebenfalls dringend, noch vor dem ersten Kaffee, ist Klaus‘ Sargnagelschmiede zu empfehlen, das Fachblog für bissige Kurzbemerkungen und Ungereimtes.

 
22 Kommentare

Verfasst von - 14. September 2012 in Kultur, Marketing

 

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22 Antworten zu “Plusterquacksprech

  1. pantoufle

    14. September 2012 at 15:23

    Doppelplusgut, dieser Artikel, das!

     
  2. opalkatze

    14. September 2012 at 15:26

    Pappnas.

     
  3. daetschemol

    14. September 2012 at 15:49

    Danke, dass das mal jemand schreibt! Oder besser, geschrieben hat. Ich denke ja seit Jahren schon, nur mir würde das auffallen und ich sei da wohlmöglich etwas pingelig….
    Von daher kann ich mich pantoufle nur anschließen!
    Doppelplusgut! (Schönes Wort übrigens… ;o) )

     
  4. opalkatze

    14. September 2012 at 16:03

    Och, such mal auf G+ nach ’sprache‘ oder ‚deutsch‘ – es gibt doch einen ziemlich großen Fanclub. Leider sind es oft gerade nicht die, von denen man es qua Beruf erwarten muss.

     
  5. altautonomer

    14. September 2012 at 16:33

    Anglizismen. Von Dieter Nuhr in einer Zeit, als er noch nicht übergelaufen war, hervorragend parodiert:

     
  6. opalkatze

    14. September 2012 at 16:35

    Ja, weiß ich noch. *grusel* Genug davon ist auch in Beratersprech verlinkt.

     
  7. Publicviewer

    14. September 2012 at 17:12

    Dein Titel erinnert mich doch stark an „Plumpaquatsch“ http://youtu.be/6Rc1M9Uq4Es
    Passt aber wenn man sich das kurze Video anschaut…;-)

     
  8. pantoufle

    14. September 2012 at 17:23

    Gar kein schönes Wort: George Orwell, 1984. Neusprech. Es dient vorangig zur Verhinderung von Gedankenverbrechen. Es funktioniert durch Reduktion von Begriffen und der Abkopplung der Sprache von emotionalen Gehalten.
    Beispiele:
    „Verbrechenstop (auch „Delstop“): Eine Methode, Gedankenverbrechen zu vermeiden, indem man den Gedankenstrom automatisch umlenkt, wenn er regierungskritische, ungute Themen berührt.“
    „Quaksprech : (engl. duckspeak): buchstäblich sprechen, ohne zu denken, oder wie eine Ente zu schnattern. Wenn man Unsinn redet und lügt, so spricht man Quaksprech. Je nach Anwendung ein Lob (bei Personen mit gleicher, regierungstreuer Meinung) oder eine Beschimpfung (bei Personen mit anderer Meinung als der des großen Bruders“
    „Entsorgungspark : Die Zusammenführung von drei unvereinbaren Begriffen. Wörtlich: Die Beseitigung von Sorgen innerhalb eines grün bewachsenen Geländes – wahlweise auch mit See und quakenden Enten (s.O.). Dort wird kein Müll abgekippt, sondern Sorgen, die dort enden.“

    Die Umwandlung von Altsprech in Neusprech sollte nach Orwell 2050 abgeschlossen sein – auch in diesem Punkt liegt er im Zeitplan.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Neusprech

     
  9. opalkatze

    14. September 2012 at 17:34

    Ach? Kenn ich gar nicht.

     
  10. t.h.wolff

    14. September 2012 at 22:42

    Es gibt sie aber noch: die bodenständige Politikerin, die mit KDW (klaren deutschen Worten) unprofessionellen Unfug reden kann. Natürlich bei den Spezialdemokraten:

     
  11. bel

    16. September 2012 at 11:43

    plusterquacksprech werde ich sofort in meinen wenig elaborierten wortschatz aufnehmen, um es alternierend zu schwurbelschwampf zu verwenden ,-)
    Oder muß ich da ein leistungsschutzrecht beachten?

     
  12. rundertischdgf

    16. September 2012 at 18:33

     
  13. thepersonalist

    18. September 2012 at 09:54

    Ganz und gar! Elende Sprachvergewaltiger und Sinnentsteller. Alle von denen haben das Gefühl für die Wörter verloren, deswegen stellt man allem Super- und Mega-voran.
    Ich lobe mir Max Frisch und Schiller. Megageil! ;)
    Und wenn ihr mal Synonyme sucht, dann schaut doch mal hier: http://www.wumababa.org

     
  14. Lakritze

    25. September 2012 at 17:26

    Aus der Seele.

     
  15. opalkatze

    25. September 2012 at 18:08

    Schön, dich mal wieder zu sehen :) #hierkommssejazunixmehr

     
  16. Lakritze

    25. September 2012 at 18:19

    Ja — seit Twitter mich nur noch manchmal ranläßt, muß ich von Hand auf dem Laufenden bleiben. Ich lese Dich gerade. :)

     
  17. opalkatze

    25. September 2012 at 18:30

    Upps, was ist denn bei dir los?

     
  18. Lakritze

    25. September 2012 at 18:44

    Nix — nur ein alter Rechner und neues Skripting. Der Sysadmin ist schon dran. :)
    Außerdem hatte ich Ferien, aber die sind jetzt auch rum.

     
  19. opalkatze

    25. September 2012 at 19:56

    Dann hast du sie hoffentlich genossen :)

     
  20. GrooveX

    30. September 2012 at 20:15

    und ja, ‚und nein,…‘ geht schon mal gar nicht. das macht keinen sinn.

    oh ja, das ist die geschichte mit dem glashaus und den steinen. wir entgehen der sprachlichen kannibanalisierung einfach alle nicht.

     
  21. opalkatze

    30. September 2012 at 20:22

    Die Frage ist aber auch, ob wir eine lebendige Sprache wollen oder lieber mit einem Fossil leben.

     
  22. GrooveX

    30. September 2012 at 21:58

    so ist das mit dem sprachgefühl, jeder hat eins, auch wenn es manchmal zu einem lebendigen fossil zu gehören scheint.

     
 
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