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Teure PR: Garantien gegen Jugendarbeitslosigkeit

06 Dez

Jugendgarantie heißt das Konstrukt, das sich EU-Arbeitskommissar Laszlo Andor ausgedacht hat. Es soll

den Betroffenen laut Kommission „ein gutes Angebot für eine Arbeits-, Ausbildungs- oder Praktikumsstelle beziehungsweise für eine Weiterbildung“ zusichern. (ARD)

Den Jugendlichen wird das keinen Deut helfen. Es ist reiner Aktionismus, PR, gemacht für ein europaskeptisches Publikum in der Krise.

Nehmen wir etwas, das alle kennen: eine Familie in einem Dorf. Der Verdiener in dieser Familie wird unerwartet arbeitslos. Die Familie kann ab sofort weniger Geld ausgeben als bisher, sie muss sparen. Das heißt, ihre Kaufkraft sinkt. Weil das Dorf in einer strukturschwachen Gegend liegt, in der es nicht viele Arbeitsplätze gibt, ist diese Familie nicht die einzige, der es so ergeht. Der Kaufmann in dem Dorf verdient also weniger Geld, weil die Menschen billiger und weniger einkaufen. Sie bekommen nicht mehr häufig Besuch, feiern seltener, alles „Überflüssige“ und bestimmte Einkäufe sind nicht mehr möglich. Statt der Markenmarmelade für EUR 1,79 kaufen sie jetzt die No-Name-Marke zu -,89 Cent, teurer Aufschnitt oder Käse, viele Fleisch- und Fischprodukte bleiben liegen. Als Folge werden bestimmte Waren nach und nach bei dem Kaufmann ausgelistet, d.h., er kann sie nicht mehr bestellen. Die Zentrale der Handelskette, zu der der Dorfladen gehört, sieht in ihrem Wareninformationssystem, welche Produkte sich nicht umsetzen.

Wie in diesem Dorf geht es auch in anderen Dörfern, weitere Kaufleute sind betroffen. Sie bestellen weniger Nachschub bei den Direktlieferanten (etwa Bäcker, Fleischer, Geflügelzucht, Gemüsegärtnerei), und sie bekommen weniger Waren vom Zentrallager ihrer Supermarktkette. Das Zentrallager wiederum bestellt weniger bei seinen Lieferanten, den Großhändlern und Herstellern. Das wirkt sich auf die Lieferbedingungen und Skonti aus und verteuert auf Dauer die Einzelhandelspreise.

In der Verwaltung, im Lager und im Versand der regionalen Zentrale wird nach und nach weniger Personal gebraucht, weil nicht mehr genug zu tun ist. Ein Lkw erledigt die Lieferungen, für die vorher mehrere Laster nötig waren, Kühlhäuser werden teilweise abgeschaltet und Lagerflächen verringert. Irgendwann werden die Regionallager zu einem großen zusammengefasst, weil durch die nachlassenden Bestellungen Touren überflüssig geworden sind und die Arbeitsabläufe rationalisiert werden können. Das bedeutet, dass noch mehr Menschen arbeitslos werden.

Sparen ist nicht per se verkehrt. Doch es besteht ein Riesenunterschied zwischen Sparsamkeit und Kaputtsparen. Je mehr Menschen nur Geld für das Nötigste haben, desto schneller kommt zwangsläufig die Kettenreaktion in Gang, die alles noch schlimmer macht. Sie ist hier stark vereinfacht dargestellt, doch das Ergebnis leuchtet ein: Mit immer geringeren Einkommen werden immer weniger Produkte und Dienstleistungen nachgefragt. Die Wirtschaft schrumpft. Es gehen Arbeits- und Ausbildungsplätze verloren, weil keine Arbeit mehr zu tun ist. Eine üble Spirale.

Seit einiger Zeit können wir in Griechenland und Spanien verfolgen, wohin das Spardiktat der Austeritätspolitik führt. In diesem Zusammenhang ist eine groß angekündigte Initiative gegen Jugendarbeitslosigkeit nicht einfach eine alberne Farce: Sie ist zynisch und nutzlos. Teure Kosmetik für die europäische Idee, die auch durch solche Aktionen immer mehr Strahlkraft verliert.
 

[Ich hab das schon mal irgendwo geschrieben, finde es aber nicht mehr.]

 
2 Kommentare

Verfasst von - 6. Dezember 2012 in Europa, Politik

 

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2 Antworten zu “Teure PR: Garantien gegen Jugendarbeitslosigkeit

  1. Johannes

    6. Dezember 2012 at 11:22

    „Sparen“ bzw „Sparpolitik“ ist m.E. eine unpassende, wenn auch verbreitete Übersetzung dessen, was unter dem Stichwort „austerity“ in Europa abläuft. Das Wort „sparen“ impliziert, dass man weniger Geld ausgibt und dadurch am Ende mehr übrigbehält, im Spar-Schwein zum Beispiel. Und wer Schulden macht, gibt offensichtlich zuviel aus, muss also mehr sparen als bisher, das kennt man aus der Alltagserfahrung. Ansonsten lebt der-/diejenige offensichtlich über die eigenen Verhältnisse (und solche Leute kann ja keiner leiden, mh?)

    Staaten / Volkswirtschaften sind aber, wie Du ja schon schreibst, keine Privathaushalte, mit dem wichtigen Unterschied, dass bei Staaten die (Steuer-)Einnahmen von den Ausgaben nicht unabhängig sind. Wenn durch „austerity“-Maßnahmen wie Lohnsenkungen, Sozialabbau usw (plakativ gesagt) keiner mehr Geld ausgibt, brechen dem Staat die Einnahmen aus Umsatzsteuer, Unternehmenssteuer usw weg.

    Was in Europa gerade unter „austerity“ abläuft, wäre daher meiner Meinung nach besser mit „Kürzungspolitik“ beschrieben. Wobei das positiv, vernünftig, nüchtern konnotierte „sparen“ ein riesiger Glücksgriff für diejenigen ist, die diesen unverantwortlichen Kurs vertreten. Eigentlich ein Fall für’s Neusprechblog.

    Was aber „ein gutes Angebot für […] eine Weiterbildung“ ist, sehen wir hierzulande ja schon seit Jahren wunderbar an den Blüten, die das „Maßnahmensystem“ der Bundesagentur für Arbeit treibt. Mit Schrittzählern und verpflichtenden Rauchentwöhnungskursen…

     
  2. opalkatze

    14. Dezember 2012 at 20:40

    Denk ich an Deutschland (nicht nur) in der Nacht …

     
 
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