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Politisch korrekt und mausetot

13 Jan

Es ist hanebüchener Unfug, was der Thienemann-Verlag veranstaltet. Nicht nur stellt diese „Anpassung“ einen Eingriff in das Werk des Autors dar, sondern auch die Bewertung, was als pfui-bäh-Wort zu gelten hat. Ein Wort zu ersetzen, weil die Konnotation sich geändert hat, ist an sich nicht verkehrt, nur geschieht das üblicherweise in der gesprochenen Sprache von ganz alleine, und nicht mit der Brechstange von Verlagen oder selbsternannten Sprach-Gurus. Bücher wie „Die kleine Hexe“ werden heute noch gelesen, weil sie genau so geschrieben sind, wie sie geschrieben sind, weil die Sprache darin bildhaft und lautmalerisch Kinder anspricht, die sich darunter etwas vorstellen können. Sonst wären sie irgendwann verschwunden.

Wenn eine blutleere Ministerin meint, sie könne ihrem Kind keinen „Negerkönig“ zumuten, ist das ihre höchst eigene Entscheidung. Natürlich kann man alles ausblenden, was irgendwie nicht schön, gut und edel ist auf dieser Welt. Da ist es nur folgerichtig, mit der Sprache zu beginnen, denn kaum etwas ist uns näher, prägt und spiegelt unser Verhalten mehr. Wie weit einem Kind, das sich später in einer ganz und gar unkorrekten Welt zurechtfinden muss, mit dem Vorlesen in scheinbar „richtiger“ Sprache gedient ist, mögen andere entscheiden.

Hanebüchen müsste wohl ebenfalls ausgemerzt werden, es ist ja nicht mehr gebräuchlich. Fontane schreiben wir gleich mit um, weil seine mit französischen Begriffen durchsetzten Plaudereien heute kaum noch jemand versteht, und seine vielen zeitgeschichtlichen Bezüge sind dem modernen Leser unzumutbar, der sie nicht mehr kennt. Wendet man diese verquaste Lektorensicht konsequent auf Goethe, Shakespeare und die Ilias an, ist der Bücherschrank am Ende leer. Sprache ist ein lebendiges Ding im Kontext ihrer Zeit. Aber man kann sie totschlagen.

Als nächstes wäre dann deutsches Liedgut zu durchforsten: „Zehn kleine Negerlein“ etwa ist politisch so unkorrekt, dass es ganz schnell weg muss. Überhaupt enthält die deutsche Sprache so viele unkorrekte Wörter, dass man sie am besten im Ganzen erneuert. Die Fortschritte sind beachtlich: Das ist zu besichtigen an den gelungenen Versuchen der letzten beiden Jahrzehnte, sie immer weiter zu entpersonalisieren, wozu auch die Werbeindustrie ein kräftiges Scherflein beigetragen hat.

Politiker haben aus Müll Wertstoffe und aus kündigen freistellen gemacht. Im Ergebnis haben wir jetzt Politakteure, die niemand mehr versteht, ja, denen in dem Wissen, es kommen ohnehin nur Sprechblasen, kaum noch jemand zuhört. Sprache, die verschleiert, sagt über den Sprecher aus, dass er etwas zu verbergen hat. Das aber in dem Wortgeklingel zwischen Fachchinesisch und Marketingsprech ergründen zu wollen, ist eine zu hohe Anforderung an die Bürger. Wenn die Herrscher nicht mehr die Sprache des Volkes sprechen, ist das der Maßstab für ihre Entfernung von der Wirklichkeit.

Sprache sagt viel über die Kultur derer aus, die sie sprechen. Es sieht nicht gut aus.
 

 

 
57 Kommentare

Verfasst von - 13. Januar 2013 in Journalismus, Leben, Politik

 

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57 Antworten zu “Politisch korrekt und mausetot

  1. tolu

    15. Januar 2013 at 20:36

    Ich kann beim bestem Willen nicht verstehen was an Neger negativ sein soll – es heisst schlicht und einfach Schwarzer. Sollte sich dadurch ein schwarzhäutiger Mensch beleidigt fühlen?
    (Soll sich eine Blondine beleidigt fühlen, wenn auf ihre Haarfarbe in Zusammenhang mit gewissen Witzen angespielt wird ?)
    Der Meinung kann wohl nur ein Rassist sein.

    Sicher gab (und gibt) es Leute, die andere Menschen aufgrund aller möglichen und unmöglichen Eigenschaften für minderwertig halten. Aber derartiger Blödsinn verschwindet nicht indem man Wörter auswechselt und irgendwelchen Neusprech veranstaltet.

    Wir würden ja gar nicht nachkommen die Wörter auszusortieren, die irgendwer für unkoscher halten könnte – darf man unsere südwestdeutschen Mitbewohnern noch Schwaben nennen oder ist das jetzt eine Beleidigung, weil sie ja alle (zumindest aus Sicht einiger Berliner) besenschwingende, wegglefressende Dorfbewohner sind ? Darf ich einen Bayer noch „alte Lederhose“ nennen oder werde ich dadurch zum Rassisten.

    Noch was :
    wenn wir die sprachlichen Spuren tilgen, dann freuen sich wohl manche, dass damit auch manch anderes vergessen werden wird.
    Wenn es keine Neger gibt, dann hat es ja vielleicht auch keine Niggersklaven gegeben – oder zumindest können wir das dann leichter vergessen.
    Das käme bestimmt manchem zupass.

    Und wenn wir das Wort Zigeuner (das sicher schlimmer ist als Neger, da sich die Betroffenen nicht als solche sehen) können wir auch vergessen was mit ihnen im 3.Reich geschah.

     
  2. anna

    15. Januar 2013 at 20:53

    … na es ging hier ja wohl auch nicht um die Amtssprache oder die Entwicklung der Sprache überhaupt…. Es geht um die Frage ob vorhandene Werke von Fremden Händen und Köpfen verändert werden dürfen… Wo zieht man die Grenze… und Patrick, man muß auch nicht von Fall zu Fall diskutieren… Grundsätzlich ist es eine Urheberrechtsfrage…. Außerdem, wenn man damit beginnt, Du glaubst doch wohl nicht das weitere Fälle zur Diskussion gestellt werden? Still und leise wird man mit der Verfälschung fortfahren… und wo endet das? Robinson Crusoe wird dann wohl komplett verschwinden, sonst kommen diese ganzen im Schongang erzogenen Kinder noch auf die Idee sich einen Freitag anzuschaffen… ES GEHT UM LITERATUR!!!! und nicht um eine Tageszeitung…

     
  3. opalkatze

    15. Januar 2013 at 21:06

    @anna @Patrick
    Nein, Patrick hat schon Recht, das ist in der Tat nur ein Ausschnitt aus einem Riesenbild. Hier geht es mir aber um Literatur, allerdings ausnahmsweise mal nicht ums Urheberrecht (obwohl das noch ein Ausschnitt ist), und um die Rechtfertigung der Veränderung von Information.

     
  4. Vonfernseher

    17. Januar 2013 at 02:41

    Als kleine Hilfestellung, weil „alle“ „immer“ von der fiesen Änderung am Werk der Autoren reden, die sich angeblich nicht mehr wehren können, aus Faulheit aus der Wikipedia:

    Otfried Preußler lebt heute als freier Schriftsteller in Haidholzen bei Rosenheim.

    (Die kleine Hexe ist übrigens aus gar nicht so grauer Vorzeit: von 1957.)

     
  5. opalkatze

    18. Januar 2013 at 02:06

    Über Preußler wird gesagt, die Idee zu den Änderungen sei nicht von ihm ausgegangen, aber auch das Gegenteil wird behauptet. Man weiß es nicht, ich werde ihn deshalb nicht anrufen.

     
 
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