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Die falsche Empörung

19 Feb

Ich bin außer mir. Das geht ja gar nicht. Dabei weiß ich nicht einmal, ob mich Amazons Arbeitsbedingungen und Kontrolltruppen oder das mit dem Pferdefleisch mehr empören. Und natürlich werde ich …

Gar nichts werde ich. Genauso, wie die meisten anderen auch.

Bei vielen ist es Bequemlichkeit, Amazon durch Bestellungen einfach weiter zu finanzieren. Für mich ist es außerdem praktisch, weil ich weit weg von der nächsten Stadt wohne. Für Dinge, die ich über die Grundversorgung hinaus benötige oder haben möchte, bin ich einen ganzen Tag unterwegs und muss den Kram dann auch noch schleppen. Für mich ist Amazon auf der ganzen Linie günstiger.

Es ist unwahrscheinlich, dass eine genügend große Menge Kündigungen zusammenkommt. Ich werde weiterhin mit schlechtem Gewissen bei Amazon kaufen und es mir schön lügen, weil ich lieber ein paar Klamotten weniger kaufe, dafür aber angemessene Preise bezahle und nicht zu kik oder ähnlichen Billigläden gehe.

Beim Pferdefleisch habe ich es besser, denn es gibt einen guten Metzger in der Nähe. Dem schaue ich zwar auch nicht in die Schlachträume, aber bei seiner in Generationen erworbenen Reputation, seinem Eintreten für regionale Waren und nicht zuletzt seinen Preisen gehe ich davon aus, dort ordentliche Qualität zu bekommen. Und schließlich bin ich in der Lage, bei einem frischen Stück Rind- von Pferdefleisch zu unterscheiden. Wie viele Antibiotika da drin sind? Prinzip Hoffnung …

Aber das ist auch nicht das Problem.

Es ist piepegal, ob eine Hemdennäherin in Bangladesh oder ein Leiharbeiter in Deutschland zu wenig Geld für ihre Arbeit bekommen. Der Vergleich hinkt nicht so sehr, wie es auf den ersten Blick aussieht. Anständig leben, und vor allem: ein Leben planen, können beide nicht.

Es ist nichts an Leiharbeit auszusetzen, solange sie ordentlich bezahlt und nicht zum Ersatz für reguläre Arbeit wird. Doch beinahe zeitgleich mit der Liberalisierung der Leiharbeit verschwand das Wort Beruf. Ebenso wie dessen Wortsinn wurde er durch „Jobs“ ersetzt – bis dahin galt als Job etwas, das man zeitweise und kurzfristig ausübte. Die Entwertung der allgemeinen Berufstätigkeit drückt sich in der Umwertung im Sprachgebrauch aus.

Das führt unter Anderem dazu, dass viele sich eben auch Rindfleisch nicht mehr leisten können. Lassen wir uns aber bitte nicht einreden, der Werbeslogan eines großen Elektronikhändlers habe die Änderung unserer Einkaufsgewohnheiten herbeigeführt. Nein, daran ist zuvörderst die Tatsache schuld, dass das Einkommen nicht mehr reicht, um sich das Luxusgut Qualität erlauben zu können. Dass schon zu Preußens Zeiten Sparsamkeit als hohe Tugend galt, mag dazu beitragen, dass wir uns über Schnäppchen freuen, aber ehrlich: Wer würde nicht die bessere Qualität wählen, wenn er sie sich leisten könnte?

Die sogenannten Leiharbeiter bei Amazon tun jetzt die Arbeit, die morgen „Wanderarbeiter“ aus Sachsen oder Brandenburg tun werden. Die politischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte haben die Weichen dafür gestellt. Immer mehr Menschen müssen nehmen, was ihnen angeboten wird – ganz egal, ob miese Arbeit oder mieses Fleisch.

Der Aktionismus der Hü-und-Hott-Ministerin Aigner wird wieder vor der geballten Marktmacht der Lobbyisten kuschen – wäre die Empörung echt, gäbe es ja längst entsprechende Gesetze: für Lebensmittelkontrollen, für Arbeitsbedingungen, für die soziale Verpflichtung von Unternehmen hier und im Ausland. Die sind jedoch bisher immer noch rechtzeitig entschärft worden oder – auf dem Umweg über die EU-Bürokratie – gar nicht erst zustande gekommen.
Wir brauchen keine EU-Institutionen, denen selbst Jugendarbeitslosigkeit von über 40 Prozent in den eigenen Mitgliedsländern egal ist. So stärkt man die Ausbreitung von Organisationen, die jetzt noch für Amazon „Aufsicht“ führen. Wer machtlos ist, ist für jede Hilfe dankbar.

Es ist viel von Work-Life-Balance die Rede. Doch wir müssen über eine Preis-Leistungs-Balance verhandeln, über Anständigkeit und über Menschenwürde. Wegsehen hilft nur eine Zeitlang. Wir beschäftigen uns mit Nebendingen und schweigen unsere eigene Zukunft tot.
 

Nachtrag

  • Amazon hat sich im Lauf des Tages von dem in der Sendung erwähnten Sicherheitsdienst distanziert. In der Erklärung war nur die Rede von Festangestellten (sollte das jemandem entgangen sein). Übrigens wurde in der Presse durchgehend nur von „die Leiharbeitsfirma“ gesprochen. Auch interessant.
  • Frau Aigner will eine bessere Kenzeichnungspflicht. Was will sie denn da alles draufschreiben? (Eine Freundin hat mal gesagt, mit ISO 900n kannst du auch Sch* zertifizieren.) Solange schwarze Schafe nicht benannt werden dürfen, passiert jedenfalls nichts. Vielleicht sollten wir auch mal drüber nachdenken, ob Globalisierung für Lebensmittel gut ist.

 

 
16 Kommentare

Verfasst von - 19. Februar 2013 in Kultur, Medien, Politik, Umwelt, Wissen

 

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16 Antworten zu “Die falsche Empörung

  1. Lichtecho

    19. Februar 2013 at 00:20

    Natürlich ist es bequem via Internet zu bestellen, aber es gilt eben nicht Amazon = Internet. Es gibt noch viele andere Anbieter, die denselben Service anbieten und nein, die sind nicht alle genauso miese Ausbeuter wie Amazon. Die Bequemlichkeit liegt also nicht darin, im Internet zu shoppen, sondern nicht auch einfach mal um die Ecke zu surfen :-)

     
  2. jfenn

    19. Februar 2013 at 01:56

    Lichtecho kann ich nur zustimmen. Ich habe noch nie bei Amazon bestellt. Es gibt genügend andere Anbieter, die einen sehr guten Service haben. Und wegen der immer kürzeren Backlist bei den Verlagen und der immer kurzatmigeren Anschaffungspolitik der Bibliotheken, bin ich sowieso immer mehr auf die Antiquariate angewiesen, die in aller Regel von Luft und Liebe leben, fernab von den Gewinnmargen eines Amazon-Konzerns. Was ich nicht umgehen kann, sind dabei leider die Arbeitsbedingungen bei den Paketdiensten. Über die sollten wir dann vielleicht als nächstes schreiben…

     
  3. altautonomer

    19. Februar 2013 at 08:33

    „Wer würde nicht die bessere Qualität wählen, wenn er sie sich leisten könnte?“

    Auch da gibt es die krassesten Gegensätze. Einerseits die LOHAS, biodynamische Vollwerthausfrauen und-männer, die mit ihrem Understatement-Corsa im Biomarkt sich und die Kleinen versorgen und andererseits die hormongesteuerten, stets unter Stress stehenden Kampfmütter, (scherz) die den BMW X5 auf dem Weg zu Kita mal schnell vor ALDI parken, um den Kofferraum mit „Grundnahrungsmitteln“ für mehrere Wochen vollzustopfen.

     
  4. pantoufle

    19. Februar 2013 at 19:05

    Da wollte ich doch auch meinen Senf dazugeben, sehe aber bei Fuck You, i`m human schon genau das stehen, was ich sagen wollte.
    Tja, nächstes Mal :-)

     
  5. opalkatze

    19. Februar 2013 at 19:11

    Üben. :]

     
  6. pantoufle

    19. Februar 2013 at 19:13

    Ich übe sowas von…

     
  7. martinlindner

    20. Februar 2013 at 12:25

    gerade einem link gefolgt, wo eine der hauptzeuginnen des ard-berichts interviewt wurde. da stimmt einiges nicht an dem bericht, wie es scheint: http://kreisanzeiger-online.de/2013/02/19/218419/

     
  8. opalkatze

    20. Februar 2013 at 12:39

    Danke für den Hinweis!

     
  9. Christian Buggisch

    20. Februar 2013 at 14:05

    Work-Life-Balance, Preis-Leistungs-Balance, Anständigkeit, Menschenwürde – genau darum geht es. Oder kurz gesagt: um menschenfreundliche statt menschenfeindliche Unternehmen und Unternehmer (denn nur die interessieren sich für die genannten Dinge). Das Faszinierende ist ja: Es gibt sie. Und zwar nicht nur in den kleinen lokalen Vor-Ort-Bio-Tante-Emma-Läden wie in den guten alten Zeiten, sondern auch in globalen Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern und zig Milliarden Umsatz. Götz Werner zum Beispiel, Chef von dm, den früher alle ein bisschen für einen spinnerten Wohlfühl-Unternehmer gehalten haben – seit der Pleite von Schlecker hat sich das geändert. Ich habe spaßeshalber mal dem Amazon-Chef Jeff Bezos ein paar Werner-Zitate in den Mund gelegt, das ergibt eine spannende Utopie: http://buggisch.wordpress.com/2013/02/19/amazon-chef-jeff-bezos-im-interview-die-mitarbeiter-sollen-sich-wertgeschaetzt-fuehlen/

     
  10. opalkatze

    20. Februar 2013 at 14:28

    Gelungen. Leider …

     
  11. tolu

    24. Februar 2013 at 17:05

    Letztlich heisst bei Amazon zu kaufen seine eigenen Interessen mit Füßen zu treten.
    Die zahlen kaum Steuern – auf ebooks 3% MwSt und das in Luxemburg.
    Das muss ich nicht mitmachen.
    Zumal man Bücher inzwischen bei jedem kleinen Händler auch online bestellen kann.
    Auch für den Rest gibts genug andere Händler.

     
 
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