RSS

Frauenmangel: Gender Gap bei Wikipedia

16 Mrz

Es wird beklagt, dass bei der Wikipedia zu wenige Frauen mitmachen. Ich kenne viele kluge Frauen, die in ihren jeweiligen Wissens- und Fachgebieten eine Menge qualitativ hochwertiger Inhalte zur Wikipedia beitragen könnten. Aber mal ehrlich: Wer tut sich das freiwillig an?

Wer schon mal in eine der Diskussionen über einen Beitrag geguckt hat, stellt schnell fest, dass sie das wirklich nicht braucht. Es gibt auch sehr ruhige und sachlich geführte Debatten, die Erkenntnisgewinn bringen oder zum Nachdenken anregen. Sie werden aber überlagert von den Threads, in denen es nur darum zu gehen scheint, Recht zu behalten: Ich hab den Längsten!

Da setzt sich Frau also hin und schreibt was. Opfert Freizeit, gibt sich Mühe, formuliert sorgfältig. Weil sie aufmerksam die Gebrauchsanweisung gelesen hat, verlinkt sie, belegt und zitiert mit Quellenangaben; alles, wie es sein soll. Nach kurzer Zeit geht es los: Dies und das sei nicht korrekt zitiert, unter diesem und jenem Link werde das ganz anders dargestellt, es gebe dazu mindestens zwei andere, kontroverse Quellen, „du hast ja nicht mal vorher das und das gelesen“, und, wenn es ganz dicke kommt: „Das ist nach den Wikipedia-Kriterien irrelevant“ – das absolute Totschlagargument.

Und tschüss. Wenn man Schraubenschlüssel wichtiger findet als Stricknadeln, ist das eine Weltsicht. Aber kein Relevanzkriterium.

Pavel Mayer hat das 2009 in 99% aller Deutschen sind irrelevant wunderbar auseinanderklamüsert. An dieser Beschreibung hat sich nichts geändert, es ist seitdem eher noch schlimmer geworden. Nicht nur die Selbstbespiegelung ist mühsam erträglich. Von regelmäßig schreibenden, langjährigen Mitgliedern wird sogar von regelrechtem Mobbing berichtet. Beim Lesen vieler Diskussionen ist das sehr glaubhaft.

Das eigentliche Problem besteht in den unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Sichtweisen und Beurteilungskriterien von Frauen und Männern. Daraus folgen schon zwangsläufig Debatten über die „richtige“ Position und Auslegung. In einer gewachsenen, männlich dominierten Umgebung manifestiert sich darüber hinaus diese einseitige Weltsicht, gegen die man – auch – bei der Wikipedia ankämpfen muss. Ihr kennt das: Wenn nur eine Hälfte der Menschen auf einem Podium sitzt, wird die Diskussion eben auch nur aus dem Blickwinkel dieser Hälfte geführt. Diese spezielle Form der Ausgrenzung in Union mit der üblichen Überheblichkeit brauche ich nicht.

Es ist zu spät für „mehr Frauen bei Wikipedia“. Das ist schlimm, weil viel Wissen deshalb dort gar nicht erst aufgeschrieben wird. Aber ich muss nicht auch dort noch versuchen, Verhaltensmuster aufzuweichen. Meinen Frust kann ich mir ebensogut woanders holen. In meiner Freizeit mache ich dann lieber was Sinnvolles.
 


 

 
16 Kommentare

Verfasst von - 16. März 2013 in Frauen, Web 2.0, Wissen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

16 Antworten zu “Frauenmangel: Gender Gap bei Wikipedia

  1. opalkatze

    16. März 2013 at 13:05

    Ah, danke, hatte ich noch nicht gesehen. Bin aber auch kaum noch da unterwegs … siehe oben.

    Nachtrag: Das ist aber auch nicht die Diskussion, die ich führen möchte.

     
  2. Johannes

    16. März 2013 at 13:33

    Ich auch nicht, mensch muss keine Frau sein, um die Diskussionskultur und die Machtstrukturen abstoßend zu finden. Die Hintergrundabläufe bei Wikipedia erinnern mich sehr an einen der vielen ortsansässigen Kleingartenvereine. Ich hatte die URL noch rumliegen, bin vor eingen Wochen über die femgeeks oder Katrin Rönickes blog(s) drübergestolpert. Zwar geht’s dort mehr um den Umgang mit feministischen Themen in der Wikipedia, es gibt aber auch eine Schnittmenge mit der Frage nach mehr weiblicher Beteiligung dort.

    Eine Freundin von mir sagt bei tagesaktuellen Debatten häufig spöttisch, sie wolle noch den Wikipedia-Artikel dazu lesen, um auch eine dezidiert männliche Perspektive einzubeziehen. ;)

     
  3. opalkatze

    16. März 2013 at 13:44

    Ja, die Schnittmenge, die du ansprichst, ist, was ich meine. Mit dem Genderaspekt setze ich mich nur sehr teilweise auseinander, weil ich vieles anders sehe. Oder, wie Antje Schrupp sinngemäß sagt: Jetzt sollen andere kämpfen.

     
  4. Max Kuckucksvater

    16. März 2013 at 16:30

    Die deutsche Wikipedia ist von Manipulation durch Feministinnen/-en betroffen. Es gibt genügend Beispiele siehe Wiki-Artikel „Arne Hoffmann“ etc. Ob weltweit Frauen nur wegen der Editwars weniger Lust haben wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich hängt das mehr mit dem durchschnittlich anders gelagerten Interesse der Frauen zusammen. Das hier auszuführen würde den Rahmen jedoch sprengen. Empfehlen kann ich – für die, die mehr darüber wissen wollen – den Blog von „Alles Evolution – von Christian Schmidt“.

    Wer die Aktion für ein ideologiefreies deutsches Wikipedia mit unterstützen möchte, kann dies u.a. mit einem Like auf FB tun: https://www.facebook.com/IdeologiefreieDeutscheWikipediaJetzt

    Das englishe Wikipedia geht wissenschaftlicher und somit professioneller und offener mit Informationen um.

     
  5. opalkatze

    16. März 2013 at 16:45

    Lass mal die Femistinnen in Ruhe. Die haben ihre Meinung, ich hab meine, siehe oben. Ja, Frauen haben genau wegen dieser Editwars null Nerv, da mitzumachen. Jedenfalls nicht die zwei oder drei, die ich kenne. Den Rest habe ich versucht, im Text auszudrücken.

     
  6. Max Kuckucksvater

    16. März 2013 at 17:43

    Auch ich habe dort aufgehört mitzuschreiben. Es macht so einfach keine Freude. Die Beteiligung – gleich Mann oder Frau – würde bei Wikipedia größer sein, wenn es dort nicht diese Machtspiele gäbe. Unter den Moderatoren sind auch Frauen, die ihren negativen Teil dazu beitragen.

    Wenn diese Editwars aufhören würden, glaube ich nicht, dass sich die prozentuale Beteiligung der Frauen sich signifikant verändern wird, da anzunehmen ist, dass auch gleich eine Menge mehr Männer – darunter auch ich – sich beim deutschen Wikipedia beteiligen werden.

     
  7. Johannes

    16. März 2013 at 18:40

    Nunja, viel weiter bringt uns das nicht, weil jeder Editwar für jeden Beteiligten stets ein „Freihalten von Ideologie“ ist – weil die Gegenseite grundsätzlich falsch liegt und einer „Ideologie“ (Feminismus, Antifeminismus, Klerikalismus, Antiklerikalismus, Ökologie, Kapitalismus, Sozialismus, …) das Wort redet, während die eigene Position richtig und realitätsbasiert ist (und nicht ideologisch), sonst würde man sie ja nicht vertreten können, ohne sich massive kognitive Dissonanz einzuhandeln.

     
  8. Tante Jay

    16. März 2013 at 19:46

    Relevanz und Wikipedia. Yay. Der Vorsitzende des Kleingartenvereins entscheidet: Rosen sind relevant und dürfen nur in Buschform angepflanzt werden. Wer in seinem Garten Lilien pflanzt, ist irrelefant.

    Ich hab so einen Editwar im Rahmen der Zensursula-Debatte einmal mitgemacht, musste mir dann vorwerfen lassen, ich wär ein Kinderschänder und Pädophiler. Ja, männliche Form, obwohl mein Wiki-Profil ziemlich deutlich weiblich ist.

    Jungs, macht ihr mal. Eure Spielwiese. Aber jammert auch nicht rum, wenn Menschen mit mehr als zwei emotionalen Hirnzellen den Mist nicht mitmachen.

     
  9. Florian

    17. März 2013 at 17:03

    Wikipedia ist nicht der Ort, um Meinungen oder Lebenserfahrung niederzuschreiben. Die Relevanz- und Qualitätsriterien sind in keiner Weise geschlechtsspezifisch interpretierbar. Klar, wenn ich einen liebevoll gestalteten Eintrag über meine Lieblings-Garagenband schreibe, oder über den von mir bewunderten Großvater (Oberstudienrat in Posemuckel), dann kriege ich u.U. die Relevanzkriterien um die Ohren gehauen und bin erstmal angepisst. Es ist doch aber kindisch, diesen Ärger dann gegen die ach so undurchschaubaren Hierarchien zu wenden, oder über die angebliche Benachteiligung von Frauen / Älteren / Whatever zu sinnieren.

     
  10. Max Kuckucksvater

    18. März 2013 at 15:56

    Sehr interessante Argumentation und es stimmt, dass viele einfach noch nicht wissen, wie man einen neuen Artikel aufbaut und einfach draufloslegen und dann sich wundern, dass die Artikel geschreddert werden. Es ist auch nicht leicht, gleich damit anzufangen, einen Artikel dort einzustellen. Ich kann jedem nur raten, erst einmal sich an Korrekturen – erst Rechtschreibung und dann später Inhalt zu wagen. Solange es nichts politisches ist, geht das in den meisten Fällen ganz gut. Man kann sich dort auch Mentoren suchen, die einem dabei helfen, seinen ersten Artikel so aufzubauen, dass er die Kriterien bedient.
    Kommt man aber in den Bereich, der politisch ist, dann wird es schnell zum Minenfeld und auch wenn selbst die Info relevant und richtig ist, wird es schwer sein, diese hineinzu bekommen, wenn sie den Gender- und Standpunkttheorien des Radikalfeminismus entgegenstehen.

     
  11. Max Kuckucksvater

    18. März 2013 at 16:01

    @johannes, wenn es verschiedene Standpunkte gibt, die in der Wissenschaft nebeneinander bestehen, da keiner davon widerlegbar ist werden beide Standpunkte aufgeführt. In der englischen Wikipedia ist dies auch bei feministischen und masculistischen Themen der Fall. In der deutschen Wikipedia hingegen fehlt diese Qualität. Gute Info zu diesem Thema: http://genderama.blogspot.de/2012/08/wikipedia-irrsinn-erste-auenstehende.html

     
  12. Max Kuckucksvater

    18. März 2013 at 16:18

    „weil jeder Editwar für jeden Beteiligten stets ein Freihalten von Ideologie ist“

    Editwars können von einer Seite aus dem Antrieb der politischen Ideologie heraus betrieben werden und von der anderen Seite einfach nur, um das zu machen wofür Wikipedia-Artikel gedacht sind: zu informieren. Doch genau diese Informationen, die informieren, stehen der Sorte von Ideologien entgegen, die nicht schlüssig oder gar widerlegt sind. Das kann jemanden, der diese Ideologie vertritt nicht gefallen und wird dagegen alles unternehmen, damit diese Informationen nicht in Wikipedia gelangen werden. Solche Untriebe werden in der englischen Wiki erfolgreich unterbunden, in der deutschen Wikipedia hingegen werden Autoren auf Lebenszeit gesperrt, die sich für ideologiefreie Informationen eingesetzt haben.

     
  13. opalkatze

    19. März 2013 at 17:46

    Hallo?! Ich spreche ganz gewiss nicht von Opas in Posemuckel, sondern von Fachleuten, die in ihrem Thema fit sind und auch anderweitig veröffentlichen. Nein, nicht im Anzeigenteil des Nordseekuriers (nix gegen den Nordseekurier!).

     
  14. Sudelblog (@Sudelblog)

    21. März 2013 at 21:56

    Ich fände es sinnvoll, mal auf Beispiele von angeblich gelöschten und revidierten Wikipedia-Beiträgen zu verlinken. Sonst hängt die Debatte in der Luft, denn pauschale Behauptungen dazu kann jeder aufstellen. So heißt es immer: Die guten und kompetenten Neuautoren werden von den bösen und ideologisch verblendeten Platzhirschen und Administratoren rausgedrängt. Aber woran es genau liegt, bleibt immer offen. Meist gibt es gute Gründe, sich über bestimmte Bearbeitungen zu streiten, von den Relevanzkritierien ganz abgesehen. (Siehe dazu auch: http://www.freitag.de/autoren/friedhelm-greis/ich-habe-loschen-lassen). Vermutlich ist der Anteil von Männern und Frauen, die sich wegen der Kritik an ihren Beiträgen aus der Wikipedia zurückziehen, ungefähr gleich groß. Aber es gibt deutlich mehr Männer, die sich überhaupt als Autoren einbringen wollen. Das war von Anfang an der Fall, so dass es sicher ein falscher Schluss ist, den “gender gap” mit der heutigen Situation in der Wikipedia zu erklären. Die Wikipedia freut sich über jede kluge Frau, die ihr Wissen einbringen will.

     
  15. sensiblochamaeleon

    30. März 2013 at 13:58

    Die Gender Imbalance ist einer von vielen Kritikpunkten, die einen Strukturwandel von Wikipedia bewirken sollten. Die Essenz all dieser Mankos in ihrer Gänze spielt eine immense Rolle, da Backlinks von Wikipedia den Pagerank einer dort verlinkten Webseite und damit ihre Auffindbarkeit und Popularität innerhalb der SERPs (Suchmaschinenergebnispositionen), ergo die Gestaltung des öffentlichen Bewusstseins, enorm steigern. Mit den Worten des Information Retrieval gesprochen: Wikipedia hat viel mehr Autorität als andere Webseiten. Darum bitte mit mehreren Formen des Wikipedia-Qualitätsmanagements auseinandersetzen:

    Filtern von Spam, Löschwahn, ELKE (Akronym für Extrem-Löschkandidating-Exzesspoints), Löschmeister, Unterschriftenliste für eine liberale Löschpraxis, Umgang mit Neulingen, Wiederherstellungswünsche, von statistischen Physikern modellierte Konflikte auf Wikipedia, Edit-Wars, Wikistress, Wikipedia-Bots und Archivbots, Qualitätssicherung.

    Zusammenfassung der zugehörigen Wikipedia-Einträge in http://sensiblochamaeleon.blogspot.de/2013/02/zur-situation-von-wikipedia.html

    Das Ringen um Qualität betrifft auch kleinere Wikis: Seit einigen Monaten beobachte ich ratlos die Überforderung der Betreiber des bayrischen Subkulturwikis http://www.sub-bavaria.de/wiki/Spezial:Letzte_%C3%84nderungen durch hunderte Neuanmeldungen von Spammern.

     
 
%d Bloggern gefällt das: