RSS

Zurück in die Sechziger

01 Mai

Schön war die Zeit. Wirtschaftswunder, kräftige Konjunktur, Arbeit für alle, endlich genug zu essen, sozialer Wohnungsbau, schlagkräftige Gewerkschaften und eine starke D-Mark. Die Nazis, die im Bundestag oder in Verwaltungs- und Richterämtern saßen, und die in der eigenen Familie wurden großzügig ignoriert, die Deandln warn sittsam, die deutsch-französische Freundschaft besiegelt, und alle Welt wollte Waren Made in Germany kaufen.

Hach.

Nach solchen Zeiten kann man schon Sehnsucht bekommen: Heintje wurde digitally remastered („80 der größten Erfolge und 16 unveröffentlichte Aufnahmen!“), das Weiße Rössl neu verfilmt. Eine Neufassung des Königlich Bayerischen Amtsgerichts gibt es auch. Leider lässt der moderne Vorsitzende die schlitzohrige Klugheit des Fernsehvorbilds vermissen.

Es gibt eine Partei, die die D-Mark wiederhaben will, Journalisten, die von der kommenden Vollbeschäftigung träumen, und die Telekom wäre lieber wieder Deutsche Bundespost. Die Erfahrung im Ignorieren von Nazis erweist sich wieder als nützlich.

Protestbewegungen sind zum Glück unmodern oder mit den eigenen Innereien beschäftigt. Die Politik ist alternativlos und die Zustimmung für die Neuentdeckerin des machiavellistischen Prinzips erreicht Werte, die es so für Politiker ebenfalls zuletzt in den Sechzigern gab. „Wir sind wer“ bedeutet dem deutschen Wähler mehr, als die sachliche Betrachtung realpolitischer Wirklichkeit. Er lässt sich gerne straff führen. Die da oben wird’s schon richten.

Der Schrebergarten ist wieder schwer in Mode. Die Wiedereinführung des Schwarzweißfernsehers wäre vielleicht ein wenig übertrieben. Aber über Rassentrennung könnte man sicher reden. So ein Königspaar wäre auch schön.
 

 

 
13 Kommentare

Verfasst von - 1. Mai 2013 in Kultur, Politik

 

Schlagwörter: , , , , , ,

13 Antworten zu “Zurück in die Sechziger

  1. AlterKnacker

    1. Mai 2013 at 14:51

    … und ich schreibe mir gerade die Finger wund über Religion … muss ich dämlich sein …

     
  2. Tante Jay

    2. Mai 2013 at 09:02

    Ne, gibt genug Royals, wo die Deutschen sich drüber freuen können. Mal sehen, vielleicht erweist sich der Zombie auf dem Britenthron ja doch noch vor dem altersbedingten Ableben als einsichtig und läßt die Welt eine andere Krönung feiern. ;)

    An dieser Stelle mal einen dicken Knuddler Richtung Opalkatze. ;-)

     
  3. Klaus Jarchow

    2. Mai 2013 at 10:18

    Nee – wat biste wieder fies: Wir leben doch in der besten aller Welten. Frag mal deine Kanzlerin oder ersatzweise den Fiepsi …

     
  4. opalkatze

    2. Mai 2013 at 12:07

    :)

     
  5. opalkatze

    2. Mai 2013 at 12:09

    Ich les immer in der Sargnagelschmiede, was die anstellen. Mit denen red ich nich‘.

     
  6. altautonomer

    5. Mai 2013 at 08:07

    Hach jaaah, die Sechziger, da gerät so manch Erzkonservativer ins Schwärmen:

    Ehefrauen durften noch straffrei vergewatigt werden, der Mann konnte das Arbeitsverhältnis seiner Frau ohne deren Wissen kündigen, Schwulsein war strafbar (§ 175 StGB), die Prügelstrafe bei eigenen Kindern war legitim, Frauenbundesliga hat meine Augen noch nicht beleidigt und bei Nierensteinen wurde man noch richtig tief aufgeschnitten (heute: Unblutige, extrakorporale Stosswellentherapie).

     
  7. opalkatze

    5. Mai 2013 at 11:30

    Ah, ich sehe, du verstehst mich. Dass Frauen ihren Gatten bis 1977 (!) überhaupt um Genehmigung bitten musste, arbeiten gehen zu dürfen (schriftliche Einwilligung zur Vorlage beim Arbeitgeber), hast du noch vergessen. Immerhin durften sie seit 1957 ein eigenes Bankkonto haben.

     
  8. altautonomer

    5. Mai 2013 at 12:15

    Hab ich noch im erfolgreich abgebrochenen Jurastudium als „Schlüsselgewalt“ der Ehefrau kennengelernt. Außerdem gab es ja damals noch die gesetzliche Entschädigung nach § 1300 BGB, das sogenannte „Kranzgeld“ für den immateriellen Schaden durch die „Bescholtenheit“ einer ehemaligen „Jungfrau“, falls die Entjungferung nicht zur Ehe führte.

     
  9. opalkatze

    5. Mai 2013 at 12:30

    – wurde auch erst 1998 abgeschafft. Der Kuppeleiparagraph §180 StGB immerhin schon 1974.

     
  10. ClaudiaBerlin

    6. Mai 2013 at 01:15

    Guter Rant!

    Als „schrebergärtnernde“ Babyboomerin sag ich dazu: Naturnah Gärtnern. noch dazu in einer klassischen Kleingartenanlage, ist heute ein politischer Akt des Widerstands gegen überkommene Strukturen und Traditionen, ist aktives Verweigern des auch im Gartensektor durchschlagend erfolgreichen Konsumismus und Widerstand gegen die totalitären Ansprüche und Vorgehensweisen von Konzernen wie Monsanto & Co.! :-)

     
  11. opalkatze

    6. Mai 2013 at 11:09

    Ja, das verstehe ich auch so, gebrauche es aber hier im Sinn von Rückzug ins biedermeierlich Bürgerliche.

     
 
%d Bloggern gefällt das: