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#Piraten im Regen

09 Jul

Hannah Beitzer schrieb gestern auf dem #btw13-Blog der Süddeutschen:

Denn das größte Problem der Piraten ist nicht – wie anfangs gedacht – der Mangel an starken Themen. Das widerlegt der Prism-Skandal gerade auf eindrückliche Art und Weise. Vielmehr sind es die Strukturen der Piraten als Partei, die sich als zu unfertig, zu zerstörerisch erwiesen haben.

Beitzer attestiert zwar den Piraten, es gelinge ihnen „zunehmend, ihre Leute in den wichtigen Talkshows und Online-Medien zu platzieren“ und lobt die Flughafen-Aktion vom Wochenende. Dennoch,

[d]ie Piraten nach all ihren Skandalen und Skandälchen jetzt in den Bundestag zu wählen, hieße, ihnen einen enormen Vertrauenszuschuss zu gewähren. Es hieße, womöglich für vier Jahre voller kommender Skandale und Skandälchen mitverantwortlich zu sein – und diesmal nicht nur in Länderparlamenten, sondern auf der ganz großen Bühne. Vielen Wählern ist dieses Risiko offenbar zu hoch und den Piraten bleibt nur noch wenig Zeit, das zu ändern.

Die Meisten ‚da draußen‘ gewinnen ihr Parteibild aus den MSM – Tagesschau, heute, Presse, Radio: weil sie im Internet bloß einkaufen und weil es bequem ist, sich die eigene Meinung durch die Zeitung der Wahl zuverlässig bestätigen zu lassen. Mit dem printmediengenerierten Wissen von den parteiinternen Querelen im Hinterkopf werden dann die Fernsehauftritte beurteilt: Na, diese Domscheit-Berg macht doch einen ganz vernünftigen Eindruck, aber die sollen ja alle furchtbar zerstritten sein —

Genau so, wie die Herrschaften bei der CDU, CSU, FDP, SPD und Linken zerstritten sind. Vielleicht gehen die cooler damit um, vielleicht können sie Gemeinheiten netter verpacken, wahrscheinlich haben die „vielen Wähler“ sich aber einfach nur daran gewöhnt. Jedenfalls wüsste ich auf Anhieb niemanden, der mehr als mild angeödet wäre, wenn Seehofer, Brüderle oder Gabriel mal wieder „auf der ganz großen Bühne“ ausfällig wurden. Das gehört dazu. Sie werden wiedergewählt, obwohl sie sich – zumal im Wahlkampf – zanken wie die Kesselflicker. Keine Zeitung würde ihnen deswegen ihren politischen Einfluss absprechen.

Die Piraten aber sind die ausgeguckten Lieblingsbuhmänner und -frauen, stets für ein paar saftige Zeilen gut: Ach, das ist nur Henry. Auf den schießen wir immer. Um der politischen Meinungsbildung willen wird jemand weder die Tweets der Piraten noch die anderer, etablierterer Politiker mitlesen, sicher nicht, um von „persönlichen Machtkämpfen“ zu erfahren. Wer das im Netz tut, liest auch andere, handfestere Informationen. Hannah Beitzer gehört zu denen, die sich früh mit der neuen Partei auseinandergesetzt haben. Schade, dass gerade sie die Probleme der Piraten hier einfach auf „Skandale und Skandälchen“ herunterbricht.

Natürlich reizt es, die Piraten aufgrund ihrer unbestreitbaren Andersartigkeit als Partei zu exponieren. Vor einigen Tagen forderte deshalb Daniel Schwerd, u.a. Sprecher für Wirtschaft, Netz- und Medienpolitik der Piratenfraktion im Landtag NRW, erbost:

Tun Sie Ihre Arbeit! Wir tun unsere.

Gemeint sind die Journalisten, die nach Schwerds Meinung „im Moment lieber weghören“. Gleichzeitig widerlegt er damit die aparte These von der Unfähigkeit zu wüten.

Noch einmal Hannah Beitzer:

Das reicht nicht, damit sich die Piraten in den Köpfen der Menschen von der Chaostruppe in eine ernstzunehmende politische Alternative verwandeln.

Eben. Es ist auch Sache der Medien. Denn sie tragen wesentlich zur Meinung in den Köpfen der Menschen bei.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 9. Juli 2013 in Journalismus, Medien, Netzpolitik, Politik, Web 2.0

 

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2 Antworten zu “#Piraten im Regen

  1. vilmoskörte

    9. Juli 2013 at 17:33

    Zum letzten Satz hat E. A. Rauter schon vor Jahrzehnten das Wesentliche geschrieben: Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht.

     
 
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