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#TTIP: Freier Flug für gechlorte Hähnchen

09 Jul

Nicht nur wird bei den – selbstverständlich geheimen – Verhandlungen über das unwiderrufliche Ende des Verbraucherschutzes entschieden, ganz nebenbei wird dabei auch endgültig klar, wer Koch und wer Kellner ist. Tipp: Die Amis haben eine hohe weiße Mütze auf.

Ich will weder bestrahltes Fleisch, im Chlorbad desinfiziertes Geflügel noch genetisch verändertes Irgendwas. Wenn der schöne neue Warenfluss einsetzt – wie werden Lebensmittel dann gekennzeichnet? US-Bürger müssen essen, was auf den Tisch kommt, eine Kennzeichnungspflicht, wie wir sie kennen, gibt es nicht. Und selbst, wenn sich dieses Problem lösen ließe: Wer sagt mir denn, was alles in meinem Schnitzel ist, das von Mutter Natur nicht dafür vorgesehen war und vom Produzenten nicht ausgewiesen werden muss? Die Antibiotika und Steroide werde ich höchstwahrscheinlich nicht schmecken, ebensowenig, wie mir die Monsanto-Herbizide im geklonten Kalbsfleisch auffallen werden. Allein das Wissen, so etwas könnte überhaupt auf meinen Teller gelangen, verdirbt mir restlos den Appetit.

Trotz vorgeschriebener Kennzeichnung weiß der gewöhnliche deutsche Supermarktkäufer oft nicht, was er da mit nach Hause nimmt: Die Menge der künstlichen Inhalts- und Aromastoffe ist bereits jetzt kaum überschaubar, und was alles in Fertig- und Tütenfraß enthalten ist, will ich gar nicht wissen. Meine Allergie gegen verschiedene Konservierungsmittel hat den klaren Vorteil, dass ich täglich frisch koche. Nein, ich weiß auch nicht, was in dem Selbstgekochen trotzdem noch alles drin ist, aber die Chancen stehen gut, dass ich auf diese Weise tatsächlich das eine oder andere chemische Blendwerk vermeide.

Wer wissen möchte, was schon jetzt alles in unserer Nahrung nicht gekennzeichnet ist – dank erfolgreicher Lobby-Bestrebungen und ministeriellen Totalversagens -, braucht sich nur aufmerksam bei Foodwatch oder Slow Food umzuschauen. Darf ich zum Nachtisch die EU-Lebensmittelrichtlinien empfehlen?

Eigentlich müssten alle Mütter Sturm laufen, wenn es schon der normale Konsument nicht tut. Wollen wir wirklich unsere Kinder mit diesem Zeugs großziehen? Bloß, damit die vereinigten Nahrungsmittelhersteller dieser Erde noch fetteren Reibach machen? Die kleinen Bauern, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben, kommen jetzt schon kaum über die Runden, und einer solchen Übermacht sind sie endgültig nicht mehr gewachsen.

Das hier wird unser aller Mutti jedenfalls nicht richten. Die lässt gerade unsere Verbraucherrechte an die Meistbietenden verhökern. Zur Verhandlungsmasse gehören auch die Datenberge der NSA – wir kriegen ein bisschen Datenschutz, dafür dürft ihr euer Genfleisch exportieren. Nach Europa.

Muttis guten Wahlaussichten wird das keinen Abbruch tun. Die Lobbyisten und Anwälte der Lebensmittelkonzerne werden dann dafür sorgen, dass auf unseren Tellern landet, was für ihre Klienten gut ist.

Und schließlich:

 
Na dann.
 

 
5 Kommentare

Verfasst von - 9. Juli 2013 in Europa, Kultur, Marketing, Politik, Welt

 

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5 Antworten zu “#TTIP: Freier Flug für gechlorte Hähnchen

  1. Jens Arne Männig

    9. Juli 2013 at 07:15

    Nicht nur Mutti wirds nicht richten, auch Tante Ilse nicht. Die Radio- und Fernsehtechnikerin Aigner hats ja nun auch nicht leicht. An der Spitze des Verbraucherschutzministeriums muss sie gleichzeitig für die Ernährung (-s-Lobby) und der zuliefernden Landwirtschaft (-s-Industrie) vertreten. Und jetzt auch noch die Interessen der entsprechenden US-amerikanischen Branchen und Wirtschaftsverbände. Das gute, alte, geflügelte Wort Man kann nicht zwei Herren dienen scheint nicht ganz ausreichend, um das Dilemma von Ilse Aigners Ministerium zu beschreiben.

     
  2. opalkatze

    9. Juli 2013 at 11:37

    Zwei Herren scheint mir noch arg wenig zu sein …

     
  3. Thomas Weiss

    9. Juli 2013 at 12:06

    Aber Vera, sieh‘ es doch mal positiv: All die schönen Gadgets, die wir dann online in den USA bestellen können und – zurück vom Weekend-trip aus NY – all die Jeans im Koffer, die dann nicht mehr für ein schlechtes Gewissen am Zoll sorgen, oder das geschmuggelte iPad 5. Das sind doch ganz handfeste Vorteile, die dem konsumierenden Wähler verstehen helfen, warum man beim Datenschutz gegenüber den USA dann auch mal Fünfe gerade sein ließ…

     
  4. opalkatze

    9. Juli 2013 at 12:16

    Und wenn ich Lady Liberty [har har har] für umme mitnehmen dürfte – wer an meinem Futter rummachen will, ist unten durch.

     
  5. Johannes Korn

    11. Juli 2013 at 13:20

    Und dann harmonisieren wir im Zuge des Abkommens noch schön die (Trivial-)Patent- und Markenlandschaft auf US-Niveau und gucken den profitierenden Mittelständlern zu, wie sie in Grund und Boden geklagt werden. Solche Skandalurteile gibt’s mit TTIP bestimmt nicht mehr, puh!

     
 
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