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Springer: Keinesfalls kurzsichtig

01 Aug

Springer hat erst das Leistungsschutzrecht durchgesetzt und zieht sich nun durch den Verkauf vieler seiner Druckerzeugnisse aus dem vormals scheinbar angestrebten Genuss seiner Rechte zurück. Die mächtige Axel Springer AG kriecht zu Kreuze.

Ach ja? Im Gegenteil: Es ist überaus vorausschauend und passt ganz in die erklärte Firmenstrategie der Ausweitung des Digitalgeschäfts. Wenn man sich Springers Beteiligungen ansieht, entsteht das Bild einer zielgerichteten, absolut zukunftsfähigen Aufstellung jenseits von Print.

Beteiligungen an Immonet, Mein Gutscheincode oder der 100-prozentige Besitz von StepStone sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Löwenanteil aus Rechten an Fernsehsendern, Radiostationen, Sportberichterstattung und Medien-Dienstleistungen besteht. Damit beweist Springer erheblichen Weitblick: Print wird zwar nicht gleich morgen sterben, aber auch nicht mehr wachsen – also sichert man sich rechtzeitig Geschäftsfelder, die künftiges Wachstum versprechen und den massenmedialen Einfluss Springers weiter stärken werden.

Mit Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts ist – auch durch die hemmende, allgemeine Rechtsunsicherheit – beiläufig dafür gesorgt, dass Startups keine Konkurrenz auf Springers Medienspielplatz werden, etwa bei der Schaffung eines aussichtsreichen deutschen Aggregators, oder, was störender wäre, durch Gründung neuer digitaler Nachrichten- oder Unterhaltungsmedien. Durch das LSR könnte der ehemalige Verlag solchen kleinen Firmen das Leben schwer machen, indem er sie, beispielsweise wegen unzulässiger Zitation, in Grund und Boden klagte – ob zu Recht oder nicht: Gerichtsverfahren verursachen Kosten, die ein Startup nicht einfach so vorlegen kann. Springer hat auf jeden Fall Zeit genug, um die im kalifornischen Tal gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen und seine Machtfülle mit der Neuorientierung auszubauen.

Das neue Gesetz ist einladend unpräzise formuliert und muss erst durch Musterurteile mit Leben erfüllt werden, doch es lässt sich zur scharfen Waffe machen. Wie nützlich Marktmacht sein kann, haben wir bereits im langen Entstehungsprozess des LSR gesehen, und sollte tatsächlich eine Verwertungsgesellschaft entstehen, wird das unter maßgeblicher Einflussnahme der Springer AG geschehen.

Wie Kanzler Schröder so vorausschauend sagte: „Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze.“ Springer auch. Und dieses Leistungsschutzrecht kann man sicher noch mal brauchen. Btw, Keese is back und teilt gleich Fausthiebe aus. Gutes Timing ist alles.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 1. August 2013 in Marketing, Medien, Web 2.0

 

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6 Antworten zu “Springer: Keinesfalls kurzsichtig

  1. landbewohner

    2. August 2013 at 05:52

    „Das neue Gesetz ist einladend unpräzise formuliert“

    würde mich nicht wundern, wenn das gesetz im hause springer entworfen wurde.

     
  2. opalkatze

    2. August 2013 at 12:23

    Ich schließe daraus mal, dass du die letzten drei Jahre eher nichts von der Entstehung mitbekommen hast. Bitte, hier, von Anfang an mit allem Komfort und -zurück: http://leistungsschutzrecht.info/

     
  3. Joachim

    2. August 2013 at 14:59

    Treffend, solide, mit viel Sachkenntnis und hinreichend knapp formuliert.

    Zwei Anmerkungen:

    1) Es ist Springer nicht vorzuwerfen, dass sie sich neue Geschäftsfelder suchen. Doch die Art wie sie das tun, wie sie definitiv lügen bzw. mit falschen Absichten/Tatsachen hantieren, Gesetze manipulierten, potentielle Mitbewerber ausschalten, keine Rücksicht auf die Gesellschaft nehmen, das geht gar nicht. Gut, was von Springer zu halten ist, das wusste ich auch schon vorher.

    2) Auch Google profitiert vom LSR. Googles Konkurrenz kann die Verlage nicht zwingen eine Einwilligungserklärung zu unterschreiben. Sie haben folglich einen Wettbewerbsnachteil. Ich schlage deshalb vor: das LSR wird so geändert, dass eine Einwilligung für Googles News als Wunsch der Verlage zur Veröffentlichung im Netz zu werten ist – freilich innerhalb der Regeln des Zitatrechtes – so weit Google sie auch einhält. Googles Macht ist so groß, dass eine solche Gleichsetzung zwischen „Internet“ und Google ausnahmsweise auch zu Ungunsten von Google möglich und sinnvoll ist.

    Wer da um die Einnahmen der Verlage fürchtet:
    1) der Zwang zu de-publizieren generiert auch keine Einnahmen.
    2) Einmal im Netz, immer im Netz
    3) Verweise auf Quellen (innerhalb des Zitatrechts) nutzt den Werbeeinnahmen der Verlage.
    4) kritische Auseinandersetzung und Erwähnung im Netz sollte von offenen Medien gewünscht sein und als Qualitätskennzeichen verbucht werden. (Oh, dann wäre „Bild“ nicht so „schlecht“)
    5) Zur Förderung des europäischen Binnenmarktes, zur Stärkung von KMU auch durch die Entwicklung europäischer Suchmaschinen, zur Stärkung der Unternehmen im Wirtschaftsraum Internet, zur Etablierung des Mehrwert schaffenden Qualitätsjournalismus gegenüber unprofessionellen Blogs im Internet, also zur Erreichung einer angemessen positiven Diskussion im Netz zu Gunsten der Kommission ist eine solche Regelung europaweit im Rahmen einer Richtlinie durchzusetzen.
    6) … kein Platz mehr

    (Ups, 5 ist natürlich ein versuchter Scherz auf Kosten der EU-Kommission…, 6 ist Selbstver…)

     
  4. opalkatze

    2. August 2013 at 15:10

    @Joachim
    I) Nein, werfe ich ihnen nicht vor, sondern moniere die Berichterstattung à la „Springer zieht den Schwanz ein“.
    II) Natürlich, Frank Westphal bei Rivva etwa hat schlicht nicht das Personal, so eine Auswertung anzuleiern und durchzuziehen. Google in die Pflicht zu nehmen, ist sicher richtig.
    4) Zwischen kritischer Auseinandersetzung und Erwähnung im Netz liegen aber Welten.
    5) Do luur op, seggen se in Mölln.

     
  5. Joachim

    2. August 2013 at 18:26

    ACK 100%. Ich sage Dir gerne die drei wunderbaren Worte: DU HAST RECHT. Aber das weißt Du sowieso. Du hörst es nur so gerne? Bitteschön. Es ist verdient.

    Nur ehrlich, ich weiss sonst nicht, wie das (nicht nur) mit dem LSR noch weiter gehen soll. Es ist ein Hammer. Gesetze zu Gunsten von Springer und Google zum Nachteil einer Mehrheit nach all diesen massiven und eindeutigen Warnungen der Zivilgesellschaft. Geht es nur noch um Geld und Neusprech? Wir werden überschüttet mit Mist, so dass wir kaum mehr reagieren können. Schlimm ist, dass sie nicht einmal blöde sind.

    Sehr of topic (sorry, ich ärger‘ mich gerade so sehr darüber), aber bezeichnend: Neuerdings z.B. heißt die Rüstungsindustrie nun Verteidigungsindustrie, Drohnen und Spionage werden vorgeschlagen um „mit militärischen Missionen zur Stabilisierung der Lage in Krisengebieten beizutragen“ und die Begründung ist Wirtschaftsförderung, Beschäftigung und der europäische Binnenmarkt. Wie korrupt, Geisteskrank oder Menschenverachtend kann man denn sein? Peng, Du bist tot. So einfach ist das. Einfach per Fernsteuerung. Klar, sind alle Anderen tot, so kann man wirklich von Stabilität sprechen. Und Hunger gibt es auch nicht mehr. Springer und Google zu stützen, das ist eine Sache. Doch bei http://ec.europa.eu/enterprise/sectors/defence/files/communication_defence_en.pdf fange ich an über Deinen Vorschlag an anderer Stelle zum Widerstandsrecht nachzudenken.

    Aber halt, ich bin Pazifist. Es muss anders gehen… Es muss einfach. Irgendwie…
    Da passt ja fast meine Assoziation OT2:

    „Do luur up“? Übersetzt „Watch out“ the world’s behind you ;-) ?
    Singtipp: The Velvet Underground – Sunday Morning

    viele nette Grüße, Joachim

     
  6. opalkatze

    2. August 2013 at 18:41

    Nee, ich will nicht Recht haben. Leider kann ich nicht mehr tun, als zu schreiben. Und wenn viele schreiben, hilft es schon ein kleines Bisschen. Denk ich mir.

    Wie, du bist gegen das Gottesgnadentum der freien Märkte? Pfui über dich, und noch mal Pfui.

    Do luur op – Darauf kannst du lange warten (da lauere drauf)

     
 
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