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Das Erste erklärt, warum Schwarz-Gelb so gut abschneidet

02 Aug

Alles richtig, was der Herr Schönenborn da schreibt – dass der Inhalt von Antworten von der Formulierung der Fragen abhängt. Worüber er nicht spricht: dass solche Umfragewerte auch etwas mit der Berichterstattung in den MSM zu tun haben.

88 Prozent der Deutschen halten die Fernsehnachrichten für eine bedeutende Informationsquelle, und die ARD mit ihrer Tagesschau hat die Nase vorn. Doch egal, ob etwas dort oder in der ZDF-heute gesagt wird, diese Informationen werden ‚geglaubt‘, ganz der Vertrauenstradition entsprechend, mit der wir uns früher empörten: „Es hat doch in der Zeitung gestanden!“

Nachrichtliche Meldungen sollen objektiv, wertfrei, sein, das lernt jeder Journalistenschüler. Doch selbst die, die es von Berufs wegen sein sollen, schaffen es nicht, weil auch sie Menschen mit einer Geschichte, Prägungen und Erfahrungen sind. Ein gutes Beispiel für das Scheitern dieser angeblich goldenen Regel gibt die 19-Uhr-heute vom 01. Juni 2013: Im Abstand weniger Minuten wird der Polizeieinsatz im Istanbuler Gezi-Park und das vergleichbare Verhalten der Sicherheitskräfte während der Blockupy-Proteste am selben Tag in Frankfurt kommentiert – und bewertet: Während die Härte des Einsatzes in Istanbul implizit verurteilt wird (ab 4:15), scheint die Frankfurter Aktion, ebenso implizit, ganz in Ordnung zu sein (ab 6:20). Die Anmoderation stimmt auf die folgenden Bilder ein, die Bildsprache der Reportage wird vom Gehirn schneller aufgenommen und verarbeitet als die Kommentierung.

Nun kann man darüber streiten, wie objektiv schon die Planung eines Bildberichts ist: Abgabefristen sind einzuhalten, die Sendezeit ist begrenzt, und die vom Sender bestellte Information muss in ein sehr kurzes Zeitfenster gepackt werden. Der Beitrag will sorgfältig vorbereitet sein, kein Journalist spaziert einfach mit Kamera und Voice Recorder los. Es ist hauptsächlich die Sichtweise des federführenden Journalisten, die über Kamera- und Tonaufnahme entscheidet, und auch die später hinzugefügte Kommentierung spiegelt trotz angemessen sachlicher Diktion die Eindrücke des berichtenden Menschen. Dabei ist von Rücksichtnahme auf die Senderlinie, auf Personen oder die eigene Karriere noch keine Rede.

Die Fernsehnachrichten dienen 88 Prozent der Bevölkerung zur Bündelung und Einordnung dessen, was sie über ein Thema sonst noch gehört haben. Die unmerklichen Wertungen der Berichtenden bestimmen das Bild, das die Zuschauer von einem Ereignis oder einer Situation bekommen. Doch kaum jemandem ist etwa bewusst, dass den Oppositionsparteien weniger Sendezeit zugestanden wird als den Regierungsparteien. Von Großereignissen wird ausführlich berichtet, möglicherweise mit zusätzlichen Sondersendungen, dabei fallen andere Themen wegen der Kürze der Zeit unter den Tisch. Themen, die den Menschen nah sind, für die weder Aktienbesitz noch ein Studium nötig sind, kommen kaum vor, dafür gibt es die bunte Meldung am Ende der Sendung. Vertiefende Dokumentationen werden spätabends gesendet, wenn die meisten schon ins Bett müssen, doch in der Prime Time gibt es einen Brennpunkt über die Hitze (die an diesem Tag übrigens gar nicht herrschte). Sogenannte soziale Randgruppen kommen überhaupt nicht zu Wort – über sie wird nur berichtet. Schlimmstenfalls unter Weitergabe so haarsträubender Bemerkungen wie die Westerwelles über die „spätrömische Dekadenz“ von Hartz IV-Empfängern. Auch das Weggelassene bildet die öffentliche Meinung.

Und nun ist Wahlkampf. Zwischen Sportschau und Sonntagabendkrimi bekommt der Zuschauer, zusätzlich zur wöchentlichen Alltagskost aus News und Talkshow-Politainment, die Sommerinterviews serviert. Schöne Kulisse, lässig gekleidete Politiker und sommerlochgenervte Journalisten, da müsste doch mal jemand die Gelegenheit nutzen. Was sehen wir denn täglich? Politikerstatements, denen wir sowieso nicht mehr zuhören, nette Grafiken, die Miniausschnittchen großer Probleme wie die Eurokrise auf ein paar bunte Linien herunterbrechen, und eben die Bewertungen des jeweiligen Sender-Personals. Und sonntags mehr davon. Die Möglichkeiten zur Nachfrage werden aus der Hand gegeben. Lieber keinem auf die Füße treten, sonst müssen wir demnächst an den Katzentisch.

Man will es sich mit keinem verderben, das ist verständlich. Doch die Politiker sind auf die Gelegenheit zur fernsehkompatiblen Selbstdarstellung angewiesen. Die Journalisten bekämen ihre Sendungen auch ohne sie zusammen. Personalisierung macht nicht selig, sondern ist bloß eine Gewohnheit. Wenn das Nichtnachfragen schon Programm ist: Es gibt unendlich viele Fachleute, die etwas Weiterführendes sagen könnten, wenn man sie nur ließe. Es wären sogar Diskussionsrunden mit wirklichen Experten denkbar, die den Zuschauer wirklich informieren könnten. Das Primat von Sport und Stadel besteht nur, weil die Sender es vorgeben – es ist schwer vorstellbar, dass 88 Prozent das tatsächlich wollen. Aber sie kriegen nichts anderes. Sie werden auch nicht gefragt. Und so konsumieren wir eben nach guter deutscher Art, was man uns vorsetzt. Der Teller wird leer gegessen.

Das uns dargebotene Bild stromlinienförmiger, erfolgreicher Politiker ist nicht das von ‚richtigen‘ Menschen, die auch mal aus dem Anzug springen oder Kummer haben. Die stetige Wiederholung ihrer Plattitüden wirkt so gut, dass die Kanzlerin ihre gesamte Selbstvermarktung darauf gründet. Das Geschäftsmodell wird für ihre Wiederwahl sorgen – weil wir dem glauben, was wir zu sehen bekommen.

„Nein, leicht zu begreifen ist das wirklich nicht.“ Herr Schönenborn meint die guten Werte der Regierungskoalition.
 

 
6 Kommentare

Verfasst von - 2. August 2013 in Journalismus, Medien, Politik

 

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6 Antworten zu “Das Erste erklärt, warum Schwarz-Gelb so gut abschneidet

  1. Hackentrick

    2. August 2013 at 21:42

    Ich bin da ganz bei Lothar Dombrowski (eine Figur des Kabarettisten Georg Schramm), der einmal sinngemäss sagte: „Ich warte auf den Tag, an dem ein Moderator einer Polit-Talkshow einem seiner Gäste das Mikrofon abdrehen lässt mit dem Hinweis, dass er – wenn er nichts anderes als inhaltsleere Worthülsen zum Thema abzusondern hat – bitte das Studio verlassen soll. Das wäre eine Sternstunde des deutschen Fernsehens!“

     
  2. opalkatze

    2. August 2013 at 22:05

    Ach. Den Herrn Dombrowski kannte ich noch gar nicht. ,)

    Weißt du, was echt Sch* ist? Dass du beim Warten alt und grau wirst. Ich weiß das.

     
  3. Hackentrick

    3. August 2013 at 03:04

    Du kennst den Zornbürger Dombrowski noch nicht? Dann bitte 3’54“ Minuten Zeit nehmen, um das Original zu sehen! http://www.youtube.com/watch?v=UCeRXwLPWpQ

    (Und: Nein – wir werden nicht grau vom Warten. Bald kracht es gewaltig)

     
  4. altautonomer

    3. August 2013 at 09:11

    Auch das ZDF promotet die FDP auf unverschämte Art und Weise, indem sie Markus Lanz bei der Gästauswahl bestimmte Politiker vorschreibt:

    „Die FDP dümpelt laut Umfragen auf Bundesebene seit langem so bei Werten zwischen 4% und 5% herum. In der Sendung von Markus Lanz stellt sie seit dem 11.6. aber jeden zweiten Politiker, der als Gast im Studio saß. Das Wort “überrepräsentiert” wäre an dieser Stelle eine Untertreibung. Mit Markus Söder und Wolfgang Bosbach war zudem je ein Vertreter von CDU und CSU zu sehen. Das macht 7 von 10 zugunsten von Schwarz-Gelb. Auf der anderen Seite kam man nur in den Genuss eines Vertreters/einer Vertreterin von SPD und Grünen, sowie einer Piratin. Von der Linkspartei, die nach Umfragen immerhin noch 1-4% stärker als die FDP ist, war in dieser Zeit niemand bei Lanz. Kurz zuvor, am 6.6., hieß einer der Gäste Gregor Gysi, was ich fairerweise hinzufügen muss, aber zu diesem Auftritt später noch ein wenig mehr.“

    http://www.neopresse.com/politik/dach/markus-lanz-und-die-fdp/
    (nicht in Deiner Liste der LSR-Unterstützer)

     
  5. opalkatze

    3. August 2013 at 12:33

    Nö, dass sie ihm die vorschreiben, glaube ich nicht, aber da sind schon Präferenzen zu erkennen.

    Über diese Liste muss ich die Tage wohl noch mal was schreiben: Das sind die, die sich dafür stark gemacht haben, zu 98 Prozent mittlerweile wieder bei Google News gelistet. Die Intention ist eine andere.

     
  6. opalkatze

    3. August 2013 at 13:41

    Sssss. Ironie. Wie kann man denn Schramm und seine Inkarnationen nicht kennen, wenn man a. im Netz unterwegs und b. links ist?

    Dein Wort in Gottes Gehörgang, aber ich BIN darüber definitiv alt und grau geworden.

     
 
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