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#tag2020: Noch eine Diskussion zur Zukunft der Zeitung?

13 Aug

Einige Journalisten stöhnen, das sei nun schon die zweitausensiebenhundertneunzigste Diskussion über dieses Thema. Mindestens. Im Prinzip: ja, aber es ist endlich eine, die wenigstens versucht, auch „draußen“ anzukommen, außerhalb unserer cozy little Schurrnalissmuswelt. Da, wo die Leser sind. Die haben von den seit Jahren engagiert und mit vielen guten Argumenten geführten Debatten nämlich nichts mitgekriegt. Dabei sind sie es, die auch künftig für Journalismus bezahlen sollen, daher hätte es eigentlich schon längst nahegelegen, sie mit einzubeziehen. Meist dürfen sie aber nur die neue Typografie eines gedruckten Blatts oder deren neu!-neu!-neu!en Onlineauftritt gut finden.

Typografie ist wichtig, aber bestimmt nicht der Grund, weshalb Leser eine Zeitung haben wollen. Bei der Zeitung, in Rundfunkgremien und Fernsehräten gibt es ein Problem: null Transparenz. Die Betroffenen werden nicht gefragt. Die Handelnden in den Presse-Universen oszillieren vor sich hin, dann wird alles par ordre de Mufti neu und anders gemacht. Ob es tatsächlich besser ist, fragt niemand; weshalb etwas so und nicht anders gemacht wurde, bleibt ein Geheimnis. Praktisch kann heute jeder senden, deshalb ist es höchste Zeit, dass Leser ihre Wünsche auch äußern, und nicht wieder nur die Bewohner der cozy filter bubble (die das natürlich trotzdem tun).

Irgendwo muss es Plätze geben, wo eine breite Öffentlichkeit außerhalb von zerfasernden Blogs und Foren, neben eingezäunten Communitys wie Facebook und Google+, diskutieren und sich politisch verständigen kann. Das werden vermutlich nicht Zeitungen in der Form sein, wie wir sie kennen. Aber Zeitungen haben Zugang zu Informationen und einige Übung im Transportieren wichtiger Themen. Leider stecken sie in einer Glaubwürdigkeitskrise (jedenfalls ist das die Krise, welche die Leser interessiert). Ihrer Aufgabe als vierte Gewalt werden sie nicht mehr gerecht, dazu gibt es zu viel offensichtliche Kumpanei. Toll geschriebene Artikel oder gar Reportagen liest man kaum noch, weil niemand sie mehr bezahlt. Die Aktualität ist nicht mehr gegeben, weil das Netz einfach schneller ist. Unpraktisch sind sie auch: ein Pad oder Tablet ist einfacher zu handhaben und besser zu verstauen. Was muss also eine Zeitung können, damit ich sie haben will?

Es ist in Ordnung, dass die Autoren ihrer Blattlinie folgen, aber sie dürfen sich nicht mit Politik oder Wirtschaft gemein machen. Ich will ein bissiges Blatt, Investigation und Aufklärung. Ich erwarte Einordnung, Hintergrund, die Erklärung schwieriger Zusammenhänge. Ich möchte, dass die Autoren wissen, worüber sie schreiben, und nicht das Gleiche, unterschiedlich formuliert, in fünf anderen Zeitungen und im Netz lesen. Ich möchte auch nicht überall dieselbe Titelgeschichte haben. Ich will keine kopierten dpa-Meldungen und keine Rechtschreib- oder Grammatikfehler. Ich erwarte Links und die Möglichkeit, im Netz kommentieren und die Meinungen anderer lesen zu können. Und wenn auf der Website Texte verändert werden, will ich das wissen.

Viel wichtiger aber: Wir müssen uns überlegen, wie und wo wir künftig über Themen von allgemeinem Interesse erfahren und reden wollen. So schön es ist, dass jeder seine eigene Ecke im Internet finden kann: Vereinzelung in immer mehr selbstverstärkende Zirkel ist Gift für die Demokratie. Wir beklagen uns, dass „die Politik“ nicht mehr mit uns spricht, und laufen Gefahr, den gleichen Fehler zu machen.

Das wäre ein guter Grund für Zeitungen, sich auf das zu besinnen, was sie leisten könnten, egal, ob sie das auf Papier oder im Netz tun. Glaubwürdigkeit und Transparenz sind dem Leser wichtiger als journalistische Qualität, die sowieso jeder anders definiert, allen voran die Journalisten selbst. Wir brauchen starke Medien, die zuhören: Die Debatte muss nicht von einem einzelnen Blatt mit eingeladenen Fachleuten, sondern in und mit der Gesellschaft geführt werden. Wenn Diskussionen nur noch von Spezialisten in winzigen Nischen geführt werden, ist niemandem geholfen. Die Leser sind viel zu lange nur als Zahlende vorgekommen, und auch jetzt ist, was sie betrifft, nur von (kundenunfreundlichen) Paywalls die Rede – nicht aber davon, was sie für Ansprüche haben und welche Inhalte sie wollen. Wie wäre es, wenn die vereinte Publizistik ihre Kampagnenfähigkeit für den Dialog mit ihren Rezipienten einsetzte? Den Versuch wäre es wohl wert.
 
***
Spiegel-Redakteur Cordt Schnibben hat am 4. August aufgerufen, die Diskussion plattformübergreifend zu führen:

Wir freuen uns über Ihre Vorschläge im SPIEGEL-ONLINE-Forum, via Twitter mit dem Hashtag #tag2020, über Facebook oder per Mail an tag2020@spiegel.de.

Was jedenfalls schon mal geklappt hätte. Am Ende soll eine Auswertung stehen:

 
7 Kommentare

Verfasst von - 13. August 2013 in Blogs, Journalismus, Kultur, Medien, Web 2.0

 

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7 Antworten zu “#tag2020: Noch eine Diskussion zur Zukunft der Zeitung?

  1. AlterKnacker

    13. August 2013 at 15:24

    Ach Vera, ich weiß, dass es Dir so gar nicht passt, als Reklametafel in den Kommentaren her zu halten, aber dieser Beitrag (http://freies-in-wort-und-schrift.info/2013/08/04/vom-denken-zum-text/) ist eher als Diskussionsbeitrag zu Deinem Beitrag hier gedacht … wenn er nicht genehm ist, schmeiß ihn halt einfach wieder raus bzw. schalte ihn nicht frei.

     
  2. opalkatze

    13. August 2013 at 15:26

    Es kommt immer drauf an, wie und was wer verlinkt. :)

     
  3. lokielie

    13. August 2013 at 19:25

    Mich stört schon länger, was du auch schon selbst im Text hast, fehlende Aktuallität der Meldung, weil schon alles Gestern gelesen und nichts neues dazu gekommen (nicht mal fachlich/ sachlich) und inzwischen massig Rächtschreipfähler, von plötzlich im Satz endenden Texten ganz zu schweigen. Dabei können doch gelernte Journalisten nicht nur Schreiben, sondern recherchiert berichten. Und ökologisch gesehen ;-) kann man viele Bäume retten, wenn man die neuen Medien endlich einmal richtig nutzt. Dann wird dafür wahrscheinlich auch gern etwas bezahlt, weil es nicht nur Abklatsch vom Papierblatt ist. Und… Lesermeinungen kommen schneller zum Artikel – natürlich passend ausgewählt, damit es kein Endlosgelaber wird. 1,50 für einen Packen Werbung lohnt sich wirklich bald nicht mehr….

     
  4. opalkatze

    13. August 2013 at 19:53

    Ach lokielie, sind ja nur unsere dünnen Stimmchen. Hab das mal @schnibben weitergetwittert und würde mir wünschen, dass ganz Viele konstruktive Kritik üben.

     
  5. Kyrosch Alidusti

    19. August 2013 at 09:35

    Ich sehe einige Punkte ein wenig anders:
    – ich bin immer wieder erstaunt, was für ein Bild Schreiberlinge von sich selbst haben: stilistisch perfekt, grammatikalisch sicher, und auch sonst fehlerfrei. Das sind lediglich Exklusions-mechanismen der Branche (der Bildungsbürger (Bourdieu würde eher von -Kleinbürger schreiben)), die ihr/wir fleißig übernehmen, damit der mit Schreibschwächen geschlagene nichts schreibt, sondern nur verschämt in der Ecke zum Konsum verdonnert ist. Nur, liebe JournalistInnen, ihr seid auch nichtfehlerfrei und das ist gut so, dass wissen eure/unsere Leser sowieso, sehts lockerer. Solange sich diese Fehler nicht häufen, sind sie Bagatellen und machen nur ein Beiwerk in der Diskussion um Qualität aus.
    – mich persönlich würde es gar nicht stören, wenn es nur Wochenzeitungen gebe. Den „Wettlauf“ um die Geschwindigkeit und „Tiefe“ von kann die Zeitung ja gar nicht gewinnen. Zum einen haben Blogs keinen Redaktionsschluss und können sämtliche Zeitungen um 22 Uhr locker an Aktualität überholen und spätestens seit dem Aufkommen spezialisierter Nachrichtenkanälen in der Glotze, kann die Aktualität kein Kriterium für Zeitung sein.
    – entscheidender finde ich die Auswahl der Themen. Wäre diese wirklich das Ergebnis einer professioneller Selektion auf der Grundlage der Relevanz, müsste man uns zur Qualität der Zeitungen gratulieren. Die Finanzierung der Medien spielt hier aber, eine größere Rolle als Wichtigkeiten (warum sonst war Merkels Besuch in einer Schule, als „Lehrerin“, ein (print)mediales Thema?) – Zeitungen können sich genausowenig mit einer geringen Auflagenhöhe zufrieden geben, wie professionelle Blogs mit geringen Klickzahlen. Also werden Abweichungen in der Themenwahl und all zu hohe Komplexität vermieden – Infotainement – und dies wird dann auch noch als Zugeständnis an das Publikum ausgegeben. Es wäre aber erfrischend, wenn man die verschiedenen Zeitungen aufgrund ihres Profils deutlich unterschiedlichere Selktions-mechanismen entwickeln würden und dadurch ihre Leser überzeugen.
    – Die Zerfaserung sehe ich, wie du weißt, auch als Problem. Aber entweder funktioniert der Selektionsmechanismus, dann müssten wir uns nicht wundern, dass (fast) überall nur das Gleiche zu finden ist und wir hätten die gemeinsame Info-Plattform als gesellschaftliches Grundlagenwissen – oder aber es gibt Raum für scheinbar Abseitiges und Unwichtiges.
    Is länger geworden als gedacht – so long.

     
  6. opalkatze

    21. August 2013 at 10:37

    Whoaaah. War ja nur ein paar Tage unterwegs, muss aber jetzt meine Mailfächer und Netzwerke mit dem Laserschwert lichten. Geht schweinlich schneller, wenn wir am Wochenende mal telefonieren, bitte um dein Verständnis. Note to self: Nie wieder ohne mobiles Internetz verreisen.

     
 
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