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Wo wir gerade bei Hellersdorf sind …

21 Aug

Am Freitag habe ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit Hass gefühlt. In einem ICE sprach mich ein kleiner, verzweifelter Mann auf Französisch an, der aus Nordafrika zu kommen schien. Sie hatten ihm irgendwo drei Bögen Papier in die Hand gedrückt und ihn dann in einen Zug gesetzt, sichtlich, ohne ihm irgendwelche sonstigen Hilfen mitzugeben: etwa einen Zettel, auf dem für ihn verständlich beschrieben wurde, wie man in Deutschland Zug fährt, überhaupt von A nach B kommt, oder wo man eventuell Hilfe findet. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte.

Auf einem Papier stand der Fahrplan, der eine Reiseroute von über 12 Stunden von Nord nach Süd auswies und mehrmaliges Umsteigen erforderte. Aus dem zweiten ging hervor, dass seinem Asylantrag entsprochen worden war und er sich nach der Ankunft am Ziel da und da zu melden habe. Das dritte war die Fahrkarte. Aus lauter Angst, einzuschlafen und die nächste Zwischenetappe zu verpassen, hatte er seine alte Digitaluhr so eingestellt, dass sie alle 10 Minuten piepste. Außerdem hatte er eine kleine Sporttasche, eine Flasche Wasser mit einer französischen Aufschrift und sehr wenig Geld bei sich. Seine Hände und Arme sahen aus, als seien sie früher verätzt und verbrannt worden.

Wer in Deutschland Asyl bekommt, muss schon Einiges hinter sich haben. Nachweislich, natürlich, alles streng nach Auswahlkriterien, die sich Bürokraten ausgedacht haben, die niemals in ihrem Leben auch nur in die Nähe von persönlicher Not gekommen sind. Schließlich könnte da ja jeder kommen, irgendwo muss man ja eine Grenze ziehen, und wir sind auch ein so armes Land, dass wir Menschen in Not nicht mit durchziehen können.

Schön, dass alle Deutschen, die im Ausland Urlaub machen, die jeweilige Landessprache sprechen und die Sitten und Gebräuche kennen und beachten. Weil wir so perfekt sind, können wir natürlich unmöglich tolerieren, dass jemand etwas so Selbstverständliches nicht beherrscht. Deshalb müssen wir auch nicht helfen, sondern schimpfen und uns über die dreckigen Ausländer aufregen. Wir könnten ja niemals in solch eine Situation kommen, und selbst, wenn es einmal kritisch würde, könnten wir uns immer noch Hilfe kaufen.

Wir standen mit dem Schaffner im Gang des ICE-Großraumwagens. Die Empörung war groß, dass sich eine der Ihren, eine Deutsche, mit „dem da“ gemein machte. Die Herrschaften hatten es alle sehr, sehr eilig und konnten fünf Minuten vor Einfahrt keinesfalls warten, bis wir geklärt und übersetzt hatten, dass wir jetzt zusammen zur Bahnhofsmission gehen würden und sehen, ob sie dort helfen können. Die verächtlichen Blicke, die kränkenden Bemerkungen, die Ignoranz, das Herrenmenschenverhalten, das da zutage kam, waren kaum auszuhalten. Da habe ich gehasst.

Wir hatten sehr großes Glück: Bei der Bahnhofsmission war nicht nur eine fröhliche, gar nicht herablassende Dame – ja, das muss man wohl erwähnen -, sondern sogar ein Arabisch sprechender Mensch, und sie wussten sofort, worum es ging und was zu tun sei. Den Blick und die arabische Dankesgeste, die Hand erst zum Mund, dann zum Herzen, mit denen sich der kleine Mann verabschiedete, werde ich nie vergessen. Seitdem fühle ich mich hundsmiserabel.

 
59 Kommentare

Verfasst von - 21. August 2013 in Europa, Kaffeesatz, Kultur, Menschen, Politik, Unterwegs

 

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59 Antworten zu “Wo wir gerade bei Hellersdorf sind …

  1. believeryoung

    6. September 2013 at 19:37

    Ja, ja, es wäre schön, wenn Äpfel wirklich Äpfel wären und wenn Birnen nicht mehr Birnen wären. Schon klar! Wenn du schon mit „bedeutenden Psychologen“ aufwarten musst, anstatt selbst zu denken … die sind übrigens auch oft sehr durcheinander .. das sagen jedenfalls dann diejenigen ihrer bedeutenden Kollegen, die anderer Meinung sind. Good luck weiterhin! Du kannst’s brauchen!

     
  2. believeryoung

    6. September 2013 at 20:08

    Wir sind bei dieser Form der Kommunikation hier an Sprache gebunden und sogar allein an die Schriftsprache. Da funktioniert es nicht, wenn jemand für ein und dasselbe Wort zwei verschiedene Begriffe einführen will. Du müsstest dann schon das eine Selbstverständliche vom anderen Selbstverständlichen sowie das eine Besondere vom anderen Besonderen klar abgrenzen. Ich hab‘ ja weiter oben schon bemerkt, dass es dann kompliziert wird. Deshalb sollten wir es beim beim eigentlichen Selbstverständlichen und beim eigentlichen Besonderen belassen, nicht wahr?

     
  3. Ellen

    7. September 2013 at 00:38

    Zitat: …anstatt selbst zu denken …
    oder … Good luck weiterhin! Du kannst’s brauchen!

    Schade, aber das ist aus meiner Sicht so gar keine Basis für eine, wenngleich kontroverse, dennoch freundliche Diskussion.
    Aber es ist o.k., ein jeder nach seiner Facon…das wusste bereits der olle Fritz ;)
    In diesem Sinne…

     
  4. believeryoung

    8. September 2013 at 11:05

    Genau …“so“ gar keine Basis. Sach ich doch! Bedeutende amerikanische, wenngleich behavioristische Psychologen sagen: …

     
  5. believeryoung

    8. September 2013 at 11:35

    Nur nebenbei: Skinner, zumindest aber sein Buch „Verbal Behavior“ ist von Noam Chomsky fundiert und sogar vernichtend kritisiert und widerlegt worden. Der „bedeutende“ Linguist widerlegt den „bedeutenden“ Psychologen und wer recht hat entscheidet, na klar, Ellen. Vom Behaviorismus ist es nicht weit zum Objektivismus (z.B. einer Ayn Rand) und von da ist es nur ein kleiner, logisch geradezu zwangsläufiger Schritt zum Faschismus.

     
  6. opalkatze

    8. September 2013 at 15:34

    Uh. Geht es eine Nummer kleiner?

     
  7. believeryoung

    8. September 2013 at 17:56

    Ich habe den „bedeutenden“ Psychologen Skinner hier nicht eingeführt. Das war deine Freundin Ellen.

     
  8. Ellen

    8. September 2013 at 19:02

    believeryoung, eine Frage:
    Warum ständig diese völlig unbegründeten Seitenhiebe wie, Zitat:
    „…und wer recht hat entscheidet, na klar, Ellen“
    Habe ich mit einer Silbe beansprucht, die „Wahrheit“ für mich gepachtet zu haben?
    Diese „persönlichen Einlassungen“ sind es, die es mir schwer machen, mich mit Dir auszutauschen.
    Man kann, so man es will, alles mißverstehen…

    Die von mir bejahte „Vision“ Skinners – durchaus auch basierend auf Konditionierung, die aber unter dem Blickwinkel der positiven Bestärkung positives Verhalten zur Folge hat – ist noch immer eine Vision.
    Die Diskussion darüber, ob und wer „manipulativ“ einwirken darf und wer bestimmt, was positiv oder negativ ist, ist schon so alt wie das Buch selbst, vermutlich sogar älter.
    Das ist eine grundsätzliche Frage des Standpunktes.
    Lehnt man den Gedanken an positive Konditionierung ab, weil damit in die vermeintliche Freiheit des Willens eingegriffen wird, muss gezwungenermaßen darauf vertraut werden, dass der Mensch von sich aus ethisch handelt, andere fühlende Wesen respektiert und nichts und niemandem schadet.
    Davon sind wir aber wohl noch Lichtjahre entfernt…

    Vermeintliche Freiheit des Willens übrigens deshalb, weil (jenseits operanter Konditionierung) jeder Mensch ab dem Tage seiner Geburt permanenter Manipulation unterworfen ist. Wohin dies führte, sehen wir tagtäglich.
    Zerstörerische, egoistische (objektivistische) und faschistische Tendenzen nehmen rapide zu, ganz ohne den ohnehin in Vergessenheit geratenen Behaviorismus

     
  9. bertrandolf

    10. September 2013 at 17:01

    „Wir standen mit dem Schaffner im Gang des ICE-Großraumwagens. Die Empörung war groß, dass sich eine der Ihren, eine Deutsche, mit “dem da” gemein machte. Die Herrschaften hatten es alle sehr, sehr eilig und konnten fünf Minuten vor Einfahrt keinesfalls warten, bis wir geklärt und übersetzt hatten, dass wir jetzt zusammen zur Bahnhofsmission gehen würden und sehen, ob sie dort helfen können. Die verächtlichen Blicke, die kränkenden Bemerkungen, die Ignoranz, das Herrenmenschenverhalten, das da zutage kam, waren kaum auszuhalten. Da habe ich gehasst.“

    Ich kann die Perspektive der Wartenden aber auch vertehen, da stehen sie extra früh auf um sich ganz nah an der Ausgangstür zu platzieren um als erste auszusteigen und ganz fix aus dem Bahnhof zu kommen. Kann schon nachvollziehen, das die sich drüber geärgert haben, egal und unabhängig was für ein Landsmann den Gang blockiert.

    Ansonsten finde ich die Tat wirklich super, Problem mit einem menschlichen Blick erkannt und direkt angepackt.

     
 
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