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Spiegel-Gefechte

23 Aug

Weil Einige von euch gefragt haben: Ein Versuch, die Situation für Nicht-Medienmenschen zu beschreiben. [Update »]

Die Chefredakteure des Spiegel und Aust-Nachfolger seit 2008, Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo, mussten im April 2013 gehen: nach bereits bei Stefan Aust geübter Manier, puff! du bist raus, und vor staunender Belegschaft. Über die Hintergründe würde weiterhin spekuliert, wenn es nicht schon so ewig lange her wäre (ein Medienleutetag hat 48 Stunden, und sie nehmen die Nacht dazu, also kann man ruhig von Ewigkeit reden).

Jedenfalls waren sie sich u.a. wegen entgegengesetzter strategischer Ansichten nicht grün, denn seit 2011 war Mascolo für Print und Blumencron für die digitalen Angebote und Online zuständig, und ihre Ansichten über Bezahlmodelle gingen weit auseinander. Im Vertrag soll gestanden haben, wenn der Eine ginge, müsse auch der Andere gehen.

Im April also hub eine wilde Jagd nach dem Nachfolger an, und wer wurde da nicht alles gehandelt: Augstein, Prantl, Kurbjuweit, Brinkbäumer, Doerry, Ditz, Meckel, Steingart, Gloger, Reitz, …

Am 29. April wurde Wolfgang Büchner, bis dato Chefredakteur von dpa und von 2001 bis 2009 schon einmal beim Spiegel (Online), als neuer Chefredakteur für Print und Online ausgeguckt und mit einem großen Töröö! vorgestellt. Der verhielt sich erst mal ruhig, während sich Medienmedien und Presse fragten, ob er das besser hätte bleiben lassen und sofort anfangen sollen; ob er im Juli oder August käme, oder etwa erst im September? Leise Befriedigung, als der Antrittstermin 1. September bestätigt wurde – einerseits weiß man ja gerne, was Sache ist, andererseits sind Verlautbarungen „aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen“, vulgo Branchengetuschel, gut für die Auflage, die jetzt Klicks heißt.

Jetzt kommt Büchner, mit Blaulicht und Musik: Er bestellt ausgerechnet BILD-Mann Nikolaus Blome als Leiter des Hauptstadbüros und, was der eigentliche Knaller ist, als stellvertretenden Chefredakteur. Jens Berger gratuliert auf den Nachdenkseiten:

Nun ist der langjährige Transformationsprozess des ehemaligen Nachrichtenmagazins zur „BILD am Montag“ endlich abgeschlossen.

Am Mittwoch fand eine Mitarbeiterkonferenz statt, bei der Büchner die einfache Frage nicht verstehen mochte, ob Blomes Bestellung Einfluss auf die politische Blattlinie haben werde (dazu bemerkt René Martens im Altpapier süffisant, „[e]ine halbwegs intelligente Antwort wäre ja die Gegenfrage gewesen, was denn derzeit die politische Linie des Spiegel sei“):

Büchners Auftritt bei der 10-Uhr-Konferenz am Mittwoch hat viele Redakteure erschüttert. „Patzig“, „brachial“, „unwirsch“ sind die Bezeichnungen für die Art, in der der noch amtierende dpa-Chef Büchner die Personalie verkündete.

Nun sind die Besitzverhältnisse beim Spiegel ein wenig extravagant:

Der Spiegel gehört zu 50,5 Prozent der Mitarbeiter KG, zu 25,5 Prozent dem Verlag Gruner+Jahr und zu 24 Prozent den Erben des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein [..]

Deren Sprecher ist Jakob Augstein, Herausgeber des Freitag und Sparringspartner von – Nikolaus Blome im Phoenix-Format „Augstein und Blome“. Der findet Blome prima und meint, „[g]ute Leute bekommen immer Gegenwind“. Seine Schwester Franziska hingegen hält das „für eine verfehlte Personalentscheidung“. Und die über 700 stillen Teilhaber in der Mitarbeiter-KG fragen sich, ob das Ganze nicht eigentlich zustimmungspflichtig wäre, und scheinen sogar eine Klage zu erwägen.

Davon wäre nicht nur Blome betroffen, der seine Stelle dann vielleicht gar nicht anträte, sondern auch Büchner, dem das Gleiche blühen könnte. Und wenn es schon einmal ans Aufräumen geht, stünde womöglich auch Geschäftsführer Ove Saffes Posten zur Disposition.

Das Ganze hat noch keine Wagnerschen Ausmaße, der Unterhaltungswert nähert sich dem aber rasant.

  • 26.8.: Bericht von der heutigen Ressortleiterversammlung:

    Nicht nur die Ressortchefs, sondern auch die in der Mitarbeiter KG zusammengeschlossenen Redakteure lehnen Blome ab.

  • Ich bin jetzt nicht so der animated-gif-Fan, aber das hier hat Jannis Kucharz mit Liebe gemacht. Ein tumblr gibt es auch dazu.
 
3 Kommentare

Verfasst von - 23. August 2013 in Medien

 

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3 Antworten zu “Spiegel-Gefechte

  1. ein anderer Stefan

    23. August 2013 at 20:00

    Jedenfalls passt es perfekt in unsere Medienlandschaft, dass ein Bild-Mensch jetzt zum Spiegel geht. Damit ist der Spiegel meines Erachtens moralisch bankrott.

     
  2. Jannis

    27. August 2013 at 14:28

    Danke :)

     
  3. opalkatze

    27. August 2013 at 14:38

    Stimmt doch. :)

     
 
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