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Die Wahl haben

28 Aug
SpOn_130828

Mit dieser Schlagzeile aus dem Phrasenmixer begrüßt SpOn heute Morgen seine Leser, und woanders ist es nicht viel besser. Allüberall geht es nur noch um den Bundestagswahlkampf, um die Präsentation, die glatte Oberfläche und den schönen Schein.

Kleines Problem, mittleres, großes? Außenpolitik, NSA, Giftgas? Keine Bange, wir kriegen den Bezug zur Bundestagswahl schon hin! Vielleicht ist dieser Wahlkampf auch deshalb so todtraurig. Alles wie immer, nur die Dosen wurden nochmals erhöht. Mehr Geld für die Reichen, Muttis Extrempragmatismus fürs Volk. Schwäbische Hausfrau, marktkonforme Demokratie oder irgendeine Wende irgendeiner Wende – die Großmeisterin der Simplifizierung kann einfach alles verkaufen. Der Blazer hat die jeweils angemessene Farbe. Wer merkt, dass es gar nicht um Anzugjacken geht, ist immerhin noch nicht tot.

Schlampige Gesetze, offener Lobbyismus, geduldete Korruption: die finanzielle Durchsetzungskraft der Marktradikalen, die nach Möglichkeit fortgesetzt werden soll, hat die Generation Perspektivlos hervorgebracht. Die neuesten Klamotten und Gadgets müssen es reißen. So lange Aussehen und Auftreten stimmen, kann gar nichts schiefgehen. Wen kümmert das zweite, dritte, vierte Praktikum? Familie, ja, später mal, wenn alles in trockenen Tüchern ist. Bis dahin noch zwei, drei Praktika, irgendwann muss sich ja mal was ergeben. Solide Lebensplanung eben.

Was kann man von jungen Leuten erwarten, die ein Drittel ihres Lebens in einer Scheinwelt verbracht haben? Wie wirkt sich die tägliche Vorführung von gebrochenen Versprechen und unterlaufenen Gesetzen auf das Erwachsenwerden aus? Unglaubwürdigkeit hat einen eigenen Wert entwickelt: Je besser du täuschen kannst, umso eher bekommst du einen Job. Wie in der vorgelebten Politik geht es längst nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Darstellung. Die nicht mithalten wollen oder können, sind schon über den Rand gefallen und gehen uns nichts mehr an. Und die glatten Jungen glauben nicht, dass sie auch mal faltige Alte werden und ihre Zukunft jetzt gestalten müssen. Hat ihnen ja auch keiner beigebracht, schließlich ist Gestaltung das Gegenteil von Konformität.

Wir bekommen das jetzt noch mal vier Jahre. Weil die Jungen, wenn überhaupt, das wählen, was sie kennen und was ihnen die besten persönlichen Aussichten verspricht. Weil die Alten wählen, was sie immer gewählt haben. Der Rest kriegt den Hintern nicht hoch, weil die Umfragen sagen, es sei eh alles schon gelaufen, oder findet es schick, gar nicht zu wählen, nicht mal ungültig. Das sind die, die hinterher sagen, sie haben es ja gleich gesagt.

Ich tippe auf eine Wahlbeteiligung zwischen 60 und 65 Prozent. Straft mich Lügen. Aber ich glaube nicht an Wunder.

 
Drei Beiträge, die ich unterschreiben kann:

 
Im Übrigen bin ich der Meinung, wir sollten verdammt dankbar sein, dass wir eine Wahl haben. Ihr regt euch doch sonst so auf, dass das anderswo nicht so ist – ist das nicht ein bisschen inkonsequent?
 

 
13 Kommentare

Verfasst von - 28. August 2013 in Politik

 

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13 Antworten zu “Die Wahl haben

  1. AlterKnacker

    28. August 2013 at 09:15

    Solche ‚Kleinigkeiten‘ wie ‚Extrempragmatismus‘ können einem den ganzen Tag versauen … … hab ich vorab schon mal bei G+ so veröffentlich …

     
  2. opalkatze

    28. August 2013 at 09:31

    Ich mach das doch nicht für nix. :]

     
  3. AlterKnacker

    28. August 2013 at 10:20

    Du bist entschuldigt … ‚grinZ‘

     
  4. Wolfgang Messer (@Fastvoice)

    28. August 2013 at 13:08

    Ja, so um die 65% könnte hinhauen, zumal dieses Jahr nur eine Landtagswahl gleichzeitig stattfindet – statt zwei wie 2009 (70,8%). Und das doofe Gefühl, nur die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben, scheint mir aktuell noch stärker zu sein als üblich.

     
  5. Thomas

    28. August 2013 at 13:19

    „Der Rest kriegt den Hintern nicht hoch, weil die Umfragen sagen, es sei eh alles schon gelaufen, oder findet es schick, gar nicht zu wählen, nicht mal ungültig.“

    Ich gehe zwar immer wählen, weiss aber nicht wirklich warum. Im Grunde könnte ich es auch bleiben lassen – denn ich glaube nicht daran, dass sich diese verkrustete Verwaltung, dieses marode System, dieser festgefahrene Staat von innen heraus merklich erneuern kann.

     
  6. opalkatze

    28. August 2013 at 13:37

     
  7. ein anderer Stefan

    28. August 2013 at 19:15

    Tja, es gehen deswegen so wenige zur Wahl, weil sie der Meinung sind, dass sie entweder in Wahrheit keine Wahl (mehr) haben oder ihre Stimme sowieso keinen Unterschied macht. Es scheint sich eine tiefe Resignation breitgemacht zu haben. Erinnert mich ein bisschen an manche Menschen, die leicht depressiv sind: äußerlich ist noch alles intakt, sie lassen sich mitziehen, halten ihre Fassade aufrecht – aber im inneren nur Leere und Resignation. Vielleicht hat die „Politik“ der letzten Jahre die Menschen in eine Art Politdepression gestürzt.

    Ich war ja auch schon drauf und dran, von meinem Wahlrecht keinen Gebrauch zu machen, weil ich momentan keine der Parteien irgendwie akzeptabel finde. Ich werde aber wählen, und sei es nur, um die braunen zu verhindern. Allein die Plakate, die ich von denen so sehe, sind schon widerlich.

     
  8. opalkatze

    28. August 2013 at 19:23

    Genau. Ich kann das auch verstehen, aber nicht wählen geht wirklich nicht. Sprich mit all deinen Freunden, und sag ihnen, sie sollen auch wieder mit ihren Freunden sprechen. Ein bisschen geht immer.

     
  9. vilmoskörte

    28. August 2013 at 22:18

    Danke auch für die Linksammlung am Ende des Artikels. Und selbstverständlich gehe ich wählen.

     
  10. opalkatze

    28. August 2013 at 22:43

    Eigentlich hatte ich mir bei dir darüber auch keine Gedanken gemacht. :)

     
  11. Joachim

    29. August 2013 at 15:29

    Ich kann ja fast alles von Dir unterschreiben. Nicht aber, dass Jugendliche in einer größeren Scheinwelt leben als die Alten. Ich will Euch daran erinnern, dass früher nicht alles besser war. Die Jugendlichen mit denen ich täglich zu tun habe sind kompetent(er als mancher Alte).

    Ich verzichte mal auf die Liste der „Probleme“ seit Adenauer und erwähne nur exemplarisch die Korruption beim konstruktivem Misstrauensvotum gegen Brandt (1972).

    Und heute? Ich kann heute keine Partei mit ruhigem Gewissen wählen. Und nu?

     
  12. opalkatze

    29. August 2013 at 15:32

    Öhm, wo sag ich das?

     
  13. Joachim

    29. August 2013 at 16:20

    Wirklich keine Kritik von mir an Dich (ne wirklich!). Aber Du hast gefragt. Du sagtest:

    „Was kann man von jungen Leuten erwarten, die ein Drittel ihres Lebens in einer Scheinwelt verbracht haben?“

    Mir ist schon klar was Du meinst. Dein Satz ist trotzdem missverständlich. Es ist zudem seit vielleicht 15000 Jahren so (oder schlimmer).

    Das zu ändern geht nur mit den nächsten Generationen. Die bekommst Du aber nur kooperativ. Sie defakto für desinteressiert oder irreal zu erklären ist nicht kooperativ. Möglicherweise ist konstruktives kooperatives Verhalten Jugendlichen gegenüber weit wertvoller und wichtiger, als z.B. zur Wahl zu gehen. Ich mag mich jedenfalls (nur exemplrarisch) Pofallas Pipi-Langstrumpf-„Realismus“ nicht anschließen, gehe lieber mit Jugendlichen eine Runde zocken – und dann können wir auch über Politik sprechen. Die Wichtigkeit dieser selbsternannten Leistungsträger ist nur relativ. Respekt muss man sich verdienen. Gerade auch bei Jugendlichen.

    Was ich sagen will – und ich schätze da sind wir einig: Menschlichkeit
    Die Politik „abstrahiert“ massiv davon. Schwerer Fehler. Diese Politik ist für „Institutionen“ und Interessen gemacht und nicht für Menschen. So kommt man dann auf weniger als 25% und eine Wahlbeteiligung zwischen 60 und 65 Prozent. Wehe jetzt erwähnt jemand die netten Familien oder Blaumänner auf den Wahlplakaten! Lies lieber den Artikel oben noch einmal. Die Plakate sind der Beleg dafür. Diese Plakate sind übrigens psychologisch wirklich Interessant…

    Ist Dein Artikel mit meinem letzen Abschnitt so vielleicht überraschend, jedoch halbwegs korrekt übersetzt?

     
 
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