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Man muss Twitter nicht mögen

23 Sep

Man kann Blogs ablehnen. Man kann Rammstein oder Telemann, Immendorf oder Watteau grässlich finden. Hinz und Kunz brauchen ihre Antipathien nicht zu begründen. Von einem Journalisten, vom Leiter des Medienressorts der FAZ hingegen darf man Informationsgewinn erwarten.

Michael Hanfeld, der selbst gern austeilt, klagt über die „Motzkis der Republik“ und meint, „in den Netzwerken schweigen die Wähler“ – demnach wären die Onliner Nichtwähler, „die sich den Tag damit vertreiben, zu bloggen oder zu twittern“?

Das ist so falsch, wie von einem Franz-Josef Wagner auf einen Frank Schirrmacher zu schließen: Beide schreiben für raschelndes Papier, doch weiters trennen sie Welten. Natürlich gibt es Schmuddelecken, im Netz wie auf Papier, und ebenso selbstverständlich gibt es unzählige wunderbare, intelligente, inspirierende Beiträge.

Twittertussis wie „Ingo Zamperoni“, der „uns ein paar Tweets vorliest“ wurden erfunden, um Menschen über etwas außerhalb ihrer alltäglichen Wahrnehmung zu informieren. Ebenso, wie sie durch die politische Berichterstattung – die auch nicht immer relevant ist – erfahren, was in Berlin vor sich geht oder in Moskau oder La Paz. Es ist journalistische Praxis und staatlicher Auftrag, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen zu unterrichten. Dazu gehören auch Berichte über sie und mit ihnen, dazu gehören auch der „Blogger Sascha Lobo“ und die vielen, vielen Menschen, die ins Internet schreiben, zeichnen, musizieren und für es fotografieren.

Witzig ist Hanfelds Empfehlung, „lieber auf die Tortenkönige Jörg Schönenborn und Theo Koll“ zu hören, „deren Vorträge zwar etwas unfreiwillig Komisches, aber wenigstens Hand und Fuß haben“. Die Komik der selbst zitierten Tweets fällt ihm nicht auf: All das gefällt ihm nicht, er hat eine andere Vorstellung von Kultur und nimmt die neu entstehende ungern zur Kenntnis. Das sei ihm unbenommen, diese Art Kritik hat es bei Kulturwechseln immer gegeben. Ein altgedienter Journalist darf so reagieren, wenn das vertraute Medium angegriffen wird, mit dem er seit Jahrzehnten sein Brot verdient. Die Erkenntnis, wir „stecken in der „Filterblase“ und merken es nicht einmal“ gilt jedoch auch und besonders für die schreibende Zunft.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 23. September 2013 in Blogs, Kultur, Medien, Web 2.0

 

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5 Antworten zu “Man muss Twitter nicht mögen

  1. R@iner

    24. September 2013 at 00:06

    Ich weiß gar nicht mehr, was man überhaupt über die Leute oder zu ihnen sagen könnte. Ich bin seit 19 Jahren online. Vor dem Web gab es Compuserve und Aol und davor existierten btx und datex-p. In Frankreich wurden in den Achtzigern (habe jetzt nicht genauer recherchiert) statt Telefonbüchern Minitels verteilt, die von den Menschen zum online-Dating benutzt wurden.
    Mein Rat an die alten Haudegen wäre ein ironisches „Bald können Sie sich ein Auto kaufen. Ich glaube, sie funktionieren inzwischen recht gut.“
    Mal im Ernst. Tatsächlich ist es doch so, dass die mit der dezentralen Struktur nicht klarkommen und es bedauern, dass ihre Meinungsmacht dahinschwindet. Als Resultat davon wird zuerst das Ego angekratzt und dann geht die Papierbude auch noch langsam pleite, was dann gar keiner mehr versteht.
    Leistungsschutzrecht, Patentrecht und die Raubmordkopiergesetze sollen doch nur den Status Quo der Alten sichern. Ein Neugeborenes muß erschrecken, sobald ihm klar wird, dass es sich Zeit Lebens nur noch mit Echoforschung auseinandersetzen darf und dass der Raum für wirklich Neues immer kleiner wird.
    Natürlich birgt internet @ your fingertips die Gefahr, dass das Wissen vom Denken befreit wird, aber das ist eine andere Geschichte.
    Und es gibt keine Geschäftsmodelle mehr, die auf viele Jahre ein planbares und garantiertes Auskommen sichern. Das ist halt der Fluch der Zeit.

    …Ich schreibe das doch nur, weil ich ein „Happy Blogday“ loswerden will.

     
  2. opalkatze

    24. September 2013 at 00:29

    Ja, ich weiß auch kaum, wie ich die letzten 25 Jahre heil und ganz überstanden habe, immer in diesem unterirdischen Medium unterwegs, und sogar Geld damit verdienend. Ts ts ts. Über „Leistungsschutzrecht, Patentrecht und die Raubmordkopiergesetze“ können wir uns noch mal unterhalten, wenn ich die #btw13 verdaut hab. Brauch erst mal Schlaf.

     
  3. Erbloggtes

    24. September 2013 at 02:54

    Twitter muss man nicht mögen. Aber die Vorstellung, die konservative Medieneliten vom Politischen haben, die darf man nicht mögen. Ich weiß nicht, ob es nach Metternich nochmal eine so reaktionäre Grundorientierung gegeben hat. Dass bei diesem Ding mit Parlament und Demokratie ein paar mehr Leute mitreden würden, wird bei der FAZ wohl verdrängt, so lange es geht.

     
  4. XA

    24. September 2013 at 11:52

    Ehrlich gesagt: Ich finde es immer furchtbar, wenn irgendwelche Twitter-Nutzer zitiert werden. Das ist einfach schlechter Journalismus.

     
  5. opalkatze

    24. September 2013 at 12:20

    DU kennst Twitter, ein großer Teil der Bevölkerung kennt es nicht. Ich finde es gut, dass sie so wenigstens davon erfahren, auch wenn das für ‚uns‘ ein bisschen komisch ist.

     
 
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