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Lasst sie doch ersaufen. Zur Abschreckung

06 Okt

Hans-Peter Friedrich, der hier öfter vorkommt, hat wieder einen besonders bemerkenswerten Fehlschluss gezogen:

„Fest steht, dass wir noch stärker die Netzwerke organisierter und ausbeuterischer Schleusungskriminalität bekämpfen müssen“, sagte der CSU-Politiker der Welt am Sonntag laut Vorabbericht. Die Schleuser brächten die Menschen mit falschen Versprechungen in Lebensgefahr und führten sie oft in den Tod.

In schöner Unbekümmertheit verkennt Friedrich dabei – oder möchte es lieber nicht wahrhaben? -, dass nicht üble Schlepper die Schuld am Ersaufen von mindestens 130 Flüchtlingen tragen, sondern der zunehmende Ausbau Europas zu einer Festung. Die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen, auf Französisch passender mit Frontex abgekürzt, sorgt dafür, dass keiner reinkommt, der nicht erwünscht ist. Und um erwünscht zu sein, muss man schon Einiges an Vorleistungen erbringen. Keine Chance für bettelarme Nordafrikaner.

Die Europapolitik und insbesondere die italienische, griechische, französische, britische und deutsche Innenpolitik haben in den vergangenen Jahren viel dazu beigetragen, die Abwehrhaltung ihrer Bevölkerungen gegenüber Fremden und Fremdartigem zu fördern und zu stärken. Hasskommentare unter Berichten über Ausländer und Flüchtlinge in durchaus seriösen Zeitungen sind keine Seltenheit mehr, so weit, dass die Verantwortlichen sich zu Löschungen veranlasst sehen.

Fremdenhass beginnt nicht in Solingen, Berlin-Hellersdorf oder München. Fremdenfeindlichkeit beginnt mit Fernsehen und Zeitungslektüre. Über 8000 Menschen sind zwischen 1998 und 2008 „an den europäischen Außengrenzen gescheitert“. Die Jagd auf Flüchtlinge in Griechenland durch die rechtsradikale „Goldene Morgenröte“, auf Roma und Obdachlose in Ungarn findet – vielleicht – irgendwo auf Seite 13 statt. Die Pressezensur durch die Regierung Orbán wird großzügig toleriert. Doch so weit brauchen wir gar nicht weg: Die geschönten deutschen Polizeistatistiken, bei denen rechtsextremistische Hintergründe für Straftaten alljährlich hintenüber fallen, die NSU-Morde, für die zunächst die Opfer verantwortlich gemacht wurden – was ist von einer Staatsmacht zu erwarten, die schon ihren eigenen Bürgern zutiefst misstraut?

Dass Menschen ertrinken, sehen wir nicht. Wir sehen nur die Bilder, auf denen einigen Überlebenden anscheinend geholfen wird. Wir lehnen uns auf dem Sofa zurück und finden uns großartig.

Die taz hat das Vorgehen der erzdemokratischen Europäer im April ganz trocken beschrieben:

Je mehr Flüchtlinge dabei sterben, umso besser die Abschreckung.

Der Unterschied zwischen einem unerwünschten armen Somalier und einem unerwünschten neugeborenen Kätzchen ist genau: keiner.

 

 
26 Kommentare

Verfasst von - 6. Oktober 2013 in Europa, Kultur, Leben, Politik, Welt

 

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26 Antworten zu “Lasst sie doch ersaufen. Zur Abschreckung

  1. Sabine Engelhardt

    6. Oktober 2013 at 18:04

    Doch, es gibt einen Unterschied zwischen Somaliern und Kätzchen: Die Aufregung wäre wesentlich größer gewesen, wenn jemand 130 Katzen im Mittelmeer ersäuft hätte.

     
  2. opalkatze

    6. Oktober 2013 at 18:10

    Richtig.

     
  3. Arnd J. Kästner

    6. Oktober 2013 at 18:27

    Der letzte Satz stimmt leider nicht. Mit einem Kätzchen hätte man wahrscheinlich mehr Mitleid.

     
  4. Sternenguckerin

    6. Oktober 2013 at 19:37

    „…Wir lehnen uns auf dem Sofa zurück und finden uns großartig.“

    Ich rutsche auf dem Sofa unbehaglich hin und her… und fühle mich beklommen.
    Immer wieder bei solchen und ähnlichen Meldungen.
    Es ist so grässlich, wie wieder die Schuld hin und her geschoben wird.
    Es ist furchtbar, dass die Hoffnung der Menschen, die keinen anderen Weg sehen als Ihre Heimat zu verlassen, so doppelt und dreifach enttäuscht wird.

     
  5. Eike

    6. Oktober 2013 at 20:15

    Das je mehr, desto mehr gilt freilich nur dann, wenn dieses Wissen auch in den entsprechenden Ländern massenkompatibel propagiert wird. Evtl. gibt es hier ja eine Art Verschwendung von Deutschen Steuergeldern? Ansonsten bleibt Asyl Menschenrecht und mir ist es auch Rille, ob jemand gefoltert wurde oder ob er sonst nicht überleben kann in seiner Heimat. Die, die es tatsächlich schaffen, hier anzukommen, entsprechen doch schon dem Survival of the fittest. Mehr Anspruch kann doch auch ein rechter Deutscher kaum haben? Und Nein, ich lehne mich nicht im Sofa zurück. AI ist nur eine Möglichkeit sich zu engagieren. Niemand ist illegal.

     
  6. kultgenosse

    6. Oktober 2013 at 21:32

    is doch schön, dass der Wahlkampf gerade erst vorbei ist, der ach so themenlose Wahlkampf, hätte ja ein Thema werden können. Ich fordere den Friedensnobelpreis für die Einwohner von Lampedusa überreicht vom Vorjahrespreisträger der EU, von mir aus auch vom kleinen Schulz.

     
  7. theomix

    6. Oktober 2013 at 21:49

    Das ist von den Tatsachen her zu herb um „Gefällt mir“ zu klicken. :-/

     
  8. opalkatze

    6. Oktober 2013 at 21:57

    Das wird knapp bis Freitag.

     
  9. opalkatze

    6. Oktober 2013 at 21:57

    Oh, wird demnächst noch herber. Dann such dir schon mal ’n nettes Modeblog aus. Da kann man nix falsch machen.

     
  10. theomix

    6. Oktober 2013 at 22:13

    Kann ich was dafür, dass es gut geschrieben ist?

     
  11. opalkatze

    6. Oktober 2013 at 22:24

    Wenn du das mit älteren Sachen, die ich mit wesentlich mehr Zeit geschrieben habe, vergleichst, ist es das nicht. Aber das braucht man nicht zu diskutieren. Nur so viel: Je kälter es ‚da draußen‘ wird, desto herber wird es hier.

     
  12. R@iner

    6. Oktober 2013 at 22:40

    Ich bin gerade schreibfaul, aber die Geschichte vom letzten März verdient Beachtung: Uhupardo – Bilder eines angeblichen Unfalls: Polizeischiff rammt Flüchtlingsboot.
    Nützlich sind auch die Erläuterungen über SIVE, das Überwachungssystem für das Mittelmeers.

    Dass die Guardia Civil gerne „Welle macht“ und Boote zum Kentern bringt, ist nichts neues. Zufällig war ich 1993 auf einer kleinen Demo in Madrid, auf der ein Sprecher genau das erzählte.
    Ach ja, und dass die Leute – einmal in Spanien angekommen – gerne auch mal auf den Polizeistationen mißhandelt werden, dürfte auch der Realität entsprechen.
    Da habe ich auch selbst mitbekommen dürfen, was für Rassisten z.B. an der costa de la luz bei der policía local arbeiten.

    Schade, dass die arte/zdf-Doku „Essen aus dem Plastikmeer“ von youtube entfernt wurde, sonst könntet ihr euch angucken, wie die, die es geschafft haben, unser Gemüse anzubauen helfen. Manche arbeiten dort für eine lauwarme Mahlzeit. In der Doku aus dem Jahre 2001 wird auch davon gesprochen, dass aus Flugzeugen Insektizide über den Plastiktreibhäusern versprüht wurden, während die Leute am arbeiten waren.
    Das kennt man ja von den schwangeren Frauen aus Ecuador, die Schnittblumen für den europäischen Markt herstellen. Die Bilder der Föten ähneln manchmal denen aus Tschernobyl.
    Daran muß ich immer denken, wenn gewisse Supermarktketten mit „Wir lieben Lebensmittel“ werbn.
    Na gut, dann gibt’s kein gemütliches Video von mir, aber die sz hatte mal was zu El Ejido in der Provinz Almeria.

    Ach, was ein toller Planet. Aber seine Bewohner…

     
  13. opalkatze

    6. Oktober 2013 at 23:02

    Hab das Schimpfwort mal geixt.

     
  14. kultgenosse

    6. Oktober 2013 at 23:10

    Lass mir doch die Hoffnung, am Ende wird es wirklich Putin ;-(

     
  15. R@iner

    6. Oktober 2013 at 23:17

    Können wir uns auf den ersten Teil des Substantivs einigen?

     
  16. opalkatze

    6. Oktober 2013 at 23:21

    Ehrlich? Würde mich auch nicht mehr wundern.

     
  17. opalkatze

    6. Oktober 2013 at 23:21

    Neien. Mann, ich schaff das doch auch ohne. Übt mehr Deutsch.

     
  18. R@iner

    6. Oktober 2013 at 23:23

    Alla gud!

     
  19. opalkatze

    7. Oktober 2013 at 00:33

    Ich erklär’s dir. Weil ich die Kommentare selbst freischalte, bin ich auch dran, wenn sich irgendjemand beklagt. Abmahnung, Haftung, Zahlemann & Söhne. Dagegen hab ich was. (Das deutsche Recht ist so intelligent, dass das bei freien Kommentaren keine Rolle spielt.)

     
  20. altautonomer

    7. Oktober 2013 at 07:38

    Ich möchte Dir auch für diesen Text danken (schleim!) und dass mit dem Kätzchen noch toppen. Der Supergau für den medial steuerbaren Empörungsbürger wäre, wenn an einem Wochenende die Bundesligaspiele ausfielen.

    Bei Plasberg -Hart aber fair- und im Blog der Aktuellen Stunde WDR (Thomas Heyer) ist Lampedusa auch das Thema. Ich habe mal die Kommentare auf beiden Webseiten überflogen und finde mal wieder empirisch bestätigt, wie hartnäckig sich Rassismus in der MItte der Gesellschaft hält. Tenor der meisten Kommentare: „Das Boot ist voll!“ oder „Man muss den Menschen in ihren Heimatländern helfen. Rrrrrrrichtig (Paul Panzer): Passiert doch schon längst. Mit der Lieferung von Handfeuerwaffen und Leopardpanzern zur Unterstützung totalitärer Regime. Und niemand gäbe mir auch nur einen Cent, wenn ich mich überwunden hätte, weiterzulesen oder dort gar zu kommentieren. Es wurde dann doch unerträglich.

    In den 90er Jahren -so erzählte mir eine Journalistin der WAZ- wurden Leser“meinungen“ mit rassistischem Inhalt sofort in den Rundordner befördert. Heute läuft Rassismus des Bildungsbürgers bei den Mainstreamjournalisten vermutlich unter „Toleranz“.

     
  21. R@iner

    7. Oktober 2013 at 09:14

    Das ist freundlich von dir, aber für mich war alles in Ordnung. Du mußt mir auch nix erklären. Erstens aktzeptiere ich ausnahmslos alle Blogbetreiber als diejenigen, die das letzte Wort haben. Blogs, deren Inhalte mich wirklich nerven würden, frequentiere ich nicht. Des weiteren versuche ich mich in 99,999% aller Äußerungen an meine eigenen Prinzipien zu halten, die meist mit der Umgebung korrelieren. Ich bin noch nie irgendwo gesperrt worden und fliege – was mir noch viel wichtiger ist – auch im normalen Leben nirgendwo raus. Ist eine konstruktive und argumentenbasierte Diskussion mit Menschen nicht möglich, dann lasse ich es relativ schnell, wenn ich merke, dass es nur Verlierer geben kann.

    Darüber hinaus aber – und das ist der Grund, warum ich überhaupt noch antworte, denn die klitzekleine Debatte war für mich völlig zufriedenstellend beendet – greift deine Argumentation nicht, da ich niemals jemanden so direkt benenne, dass ein anderer dafür haftbar gemacht werden könnte. Dazu respektiere ich die Blogbetreiber, deren Inhalten ich folge und auch in Zukunft folgen möchte, zu sehr, um meinen etwaigen momentanen Verdruß über ein Thema zu sehr in den Vordergrund zu stellen.
    Manchmal wäre es mir am liebsten, man könnte einfach ein paar Links hinterlassen, die das Thema aufgreifen und – da kommt dann meine Sicht auf die Welt zum Tragen – erweitern und in einen größeren Zusammenhang bringen können.

    Außerdem sollte es doch immer um die Sache gehen. Wenn ich nichts zum Artikel beizutragen habe, dann halte ich meistens die Klappe. (Na gut, bei flatter schlage ich manches Mal mit meinen OT-Einwürfen über die Strenge, aber auch dafür habe ich eine gemeinsame Lösung gefunden: Ich lasse es einfach.)

    Also: Wenn es hier um Menschenleben geht, werde ich einen Teufel tun und mich wegen ein paar Wörtchen streiten. Das erschiene mir lächerlich und würde meine ursprüngliche Absicht gehörig infrage stellen, n’est-ce pas?
    Oder noch weiter gefasst: Wenn ich mir eine bessere Welt wünsche, dann kann ich bei mir selbst schon mal damit anfangen.

    In diesem Sinne: Einen angenehmen Tag.

     
  22. opalkatze

    7. Oktober 2013 at 11:47

    Ja, deshalb hat Stefan Plöchinger ja auch bei der Süddeutschen gelöscht. Es ist so schwierig geworden, weil alle sich einer vermeintlich politisch korrekten Sprache bedienen, so kommen dann u.a. diese berüchtigten Sätze „ich bin ja kein Rassist, aber …“ zustande. Und wenn du löscht, bist du der böse Zensor. Ja nee, is‘ klar.

     
  23. Sternenguckerin

    7. Oktober 2013 at 23:02

    Dieser Satz:
    “Man muss den Menschen in ihren Heimatländern helfen.“ – der taucht ja regelmässig auf, wenn solche Sachen passieren.
    Also – worauf warten?
    Ich geh`mal gleich morgen los, baue ein paar Brunnen oder Schulen und schubse die ganzen korrupten Landesbosse von ihren dicken Ledersesseln runter…und die bösen Schleuser packe ich in eine Einweg-Weltraumkapsel. Weg damit.
    Bei allem Sarkasmus: Ich finde, dass man in vielen dieser Debatten, egal ob in den Medien oder im privaten Umfeld, ganz oft Ohnmacht und Hilflosigkeit zu spüren ist. Mein Eindruck ist, dass viele (dazu zähle ich mich auch) sich die Frage stellen: „Wenn denn die Politik so handelt wie sie es aktuell tut – was kann man denn machen???“
    Und wenn dann noch der Papst in Assisi herum tönt, dass „die Menschen“ kaltherzig und gleichgültig sind, dass ihnen ihre leidenden Mitmenschen „egal sind“ – dann gehe ich echt in die Luft, denn das ist schlicht und einfach nicht wahr.
    Es kann mir ja im Grunde egal sein, was irgendein Papst zu irgendwelchen Leuten sagt, aber mich würde durchaus interessieren, welche konkreten Handlungsvorschläge für den konkreten Fall „il Papa“ so parat hat.
    In einem „mare“-Heft war übrigens schon vor etlichen Jahren ein Artikel über Lampedusa.
    Traurige Tradition…

     
  24. opalkatze

    7. Oktober 2013 at 23:36

    Ebenso dämlich wie das Argument, „du kannst ja die Flüchtlinge bei dir aufnehmen“. Vornehmlich von Leuten, die über die jeweiligen Lebensumstände nichts wissen. Ich bin froh, dass ich das aufschreiben kann, wenn ich wütend bin, das ist ein gutes Ventil. Und den Einen oder die Andere erreicht es sogar.

     
  25. Michi

    8. Oktober 2013 at 14:19

    Friedrich haut nochmal einen raus. Gefunden bei der Tagesschau:

    Zugleich plädierte Friedrich für mehr Härte gegenüber wirtschaftlichen Migranten. Er forderte die EU-Kommission auf, gegen Armutseinwanderung aus Europa, vor allem aus Bulgarien und Rumänien, härter vorzugehen. Der wachsende Missbrauch der Freizügigkeit innerhalb der EU bereite immer mehr Städten und Kommunen in Deutschland Probleme, sagte Friedrich der „Welt“.

    Konkret verlangte Friedrich die Einführung einer Wiedereinreisesperre für ausgewiesene Menschen: „Wir müssen die Möglichkeit schaffen, bei Missbrauch des Freizügigkeitsrechts auszuweisen und die Wiedereinreise von Ausgewiesenen zu verwehren. Die Freizügigkeit umfasst nicht das Recht, Leistungen zu erschleichen.“

    Das seit 2004 geltende Recht auf Freizügigkeit gebe nur denjenigen Personen das Recht, nach Deutschland zu kommen, die hier studieren, arbeiten und ihre Steuern bezahlen wollen. „Wer sich aber nur aus den Sozialkassen bedienen will, kann sich nicht auf das Freizügigkeitsrecht berufen“, sagte der Minister. Freizügigkeit sei wichtig für die gemeinsame Entwicklung Europas, „aber Freizügigkeit heißt nicht, die Freiheit zu haben, nur wegen höherer Sozialleistungen das Land zu wechseln“.

    Wer Geld mitbringt, wird mit Kusshand genommen, der Rest kann sehen, wo er bleibt (am besten da, wo er herkommt). Ekelhaft.

     
  26. opalkatze

    8. Oktober 2013 at 14:35

    Eben.

     
 
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