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„Reiche willkommen, Arme müssen draußen bleiben“

07 Okt

So lautet die Überschrift eines SpOn-Artikels über die Einreisepolitik europäischer Staaten. Zunächst hört sich das recht logisch an: Schließlich bringt es einer Stadt, einem Staat, dem Gemeinwohl mehr, wenn reiche Menschen dort wohnen, als Arme, deren Aufenthalt mit Steuergeldern subventioniert werden muss. Doch das ist ein Trugschluss.

Am Beispiel Berlin lässt sich studieren, was passiert, wenn Reiche oder Superreiche etwa den zur Verfügung stehenden Wohnraum aufkaufen. Die Mieten steigen, die Mieter können sie nicht mehr bezahlen und müssen notgedrungen ausziehen. Der soziale Wohnungsbau wurde – nicht nur in Berlin – in den letzten Jahrzehnten zugunsten vom Gesetzgeber erwünschter Vermögensbildung und Eigentumsförderung immer weiter zurückgefahren. So finden die Mieter nur schwer eine neue Wohnung, schon gar nicht im vertrauten Viertel oder auch nur in einem Wunschbezirk. Soziale Strukturen in gewachsenen Umfeldern verändern sich vollständig. Ganze Ghettos für Bezieher geringer Einkommen entstehen, von – ebenfalls weitgehend geschützten – Vermietern vernachlässigt, oft ohne jegliche Infrastruktur und mit hohen Kriminalitätsraten. In den Innenstädten, in den bevorzugten Wohnlagen, wohnen die Reichen, an den Stadträndern in heruntergekommenen Wohnsilos die Armen. Niemanden interessiert, ob die sauteuren, schicken Appartements in den gentrifizierten Stadtteilen dauernd oder nur als repräsentativer Hotelersatz von einem Geschäftsmann genutzt werden.

Ein noch extremeres Beispiel ist die Insel Sylt. Sylt ist schick, mondän und leicht zu erreichen. Der Ruf der Insel ist legendär, und immer mehr Gutbetuchte haben sich dort über die Jahre eingekauft. Erst wurden die Mieten, dann die Grundstücke immer teurer, und viele Landbesitzer konnten nicht widerstehen, um des schnellen Reichtums willen in eine Wohnung auf dem Festland zu übersiedeln. Mittlerweile ist die Lage dramatisch: Die Einwohner ziehen nach und nach weg. Nicht einmal die vielen Saisonkräfte, die zur Aufrechterhaltung des luxuriösen Betriebs nötig sind, finden eine erschwingliche Bleibe. Wenn sie sehr viel Glück haben, ergattern sie über eine Warteliste ein Zimmerchen mit 11 qm und Etagendusche für 30 Euro pro Quadratmeter. Andere schlafen im Wohnwagen oder gleich im Zelt, nach 12 oder mehr Stunden harter körperlicher Arbeit. Die Bürgermeisterin klagt zwar – entgegenzusetzen hat sie dem nichts.

In der WDR-Dokumentation „die story: Ausverkauf einer Luxusinsel“ kann man sich das alles ansehen. Anschließend könnte man überlegen, was daran nachahmenswert sein soll, dass „jeder, der Immobilien für mindestens 50.000 Lats (rund 70.000 Euro) in der Provinz oder das Doppelte in Großstädten wie Riga kauft“, „de facto grenzenlosen Zugang zum Schengen-Raum“ erhält. Oder, einfacher: wem die Verdrängung zugute kommt.

 
14 Kommentare

Verfasst von - 7. Oktober 2013 in Europa, Politik, Welt

 

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14 Antworten zu “„Reiche willkommen, Arme müssen draußen bleiben“

  1. madameflamusse

    7. Oktober 2013 at 18:24

    Fand dies bezüglich auch einen Bericht über München und seine Neubauten auf BR vom 26.9 ganz interessant. Steht noch in der ARD Mediathek/Sendung Capriccio. Ansich hat dieses Thema jede größere Stadt. Oft gibt es sogar Vorgaben gegen eine Getthoisierung. Aber wo findet diese denn nicht statt? Städte haben sich immer schon gewandelt. Aus Innvierteln, werden Reichenviertel. Und die Politik und auch die Städte vernachlässigen aufs sträflichste dieses Thema und sozialer Wohnungsbau wird immer mehr zum Fremdwort. Ich bin noch dabei den Gedanken zuende zu denken wenn ich mir vorstelle wie die Innenstädte nur noch aus Luxuswohnungen bestehen, wie dann die Innenstadt eigentlich aussieht…ich glaube ziemlich tot…

     
  2. opalkatze

    7. Oktober 2013 at 18:35

    Google mal Andrej Holm, und vielleicht das hier: http://www.carta.info/45966/das-digitale-in-analogen-raumen-teil-1-2/ von Stefan Urbach.

     
  3. madameflamusse

    7. Oktober 2013 at 18:42

    Interessanter Link. Wozu genau hast Du mir den geschickt? ;-)

     
  4. opalkatze

    7. Oktober 2013 at 19:01

    Weil du sagtest, du wollest nachdenken, hatte verstanden, über gentrification.

     
  5. madameflamusse

    7. Oktober 2013 at 20:26

    Ahh, für mehr Input, alles klar, Ok ;-)

     
  6. ein anderer Stefan

    7. Oktober 2013 at 22:50

    Das Ganze ist auch ein Ergebnis neoliberaler Politik der letzten 20 oder 30 Jahre. Immobilien werden nicht mehr danach beurteilt, ob sie Wohnraum bieten, sondern ob sie Rendite bieten. Auch hier ist die Monetarisierung aller Lebensbereiche spürbar. Alles erhält einen Wert, ob nun in Euro, Dollar oder Rubel, ist egal. Sozialwohnungen werden nicht mehr gebaut, weil es sich nicht rechnet. Überraschung: das hat es sehr wahrscheinlich nie, aber es wurde als Investition wenn nicht in menschenwürdige Lebensverhältnisse, dann zumindest in sozialen Frieden gesehen. Aber solche Dinge lassen sich ja nicht bepreisen, also existieren sie auch nicht, bzw sind irrelevant. Das Ergebnis sind dann Reichenghettos, am besten als gated communities, und Armenghettos. Dazwischen wird die europäische Stadt zerrieben, die Innenstädte bestehen aus glitzernden Shopping Malls auf der einen und Discountern und Ein-Euro-Läden auf der anderen Seite. Das, was eine Stadt ausmacht – die soziale Mischung aller Menschen – entfällt. Ob dies nun Ursache oder Wirkung der Tendenz unserer Gesellschaft zur Spaltung und Grüppchenbildung ist, sei dahingestellt.

    Da ist es zynisch konsequent, die Flüchtlinge zu zehntausenden ersaufen zu lassen und jetzt, weil mal 150 oder 200 auf einmal verreckt sind, Krokodilstränen zu weinen. Wenn ich den Friedrich heute in der Tagesschau schon wieder schwafeln höre, Italien müsse seine Aufgabe erfüllen, dann irgendwelche Flüchtlingszahlen herumbläst, wird mir echt übel.

     
  7. opalkatze

    7. Oktober 2013 at 23:33

    Was meinste, warum ich das gestern geschrieben hab? So ’n Hals …

     
  8. altautonomer

    8. Oktober 2013 at 08:46

    Chaostage auf Sylt!
    1986: http://www.zeit.de/1986/33/sylt-eine-insel-und-zweihundert-punks

    1995 Das waren noch Zeiten (schluchz):
    http://www.nadir.org/nadir/archiv/Kultur/Punk/PRESSEdoku_Chaostag_SYLT.html

    Aufruf: Reif für die Insel. Ergebnis: No go Area.

     
  9. Joachim

    8. Oktober 2013 at 17:04

    Die Beispiele ließen sich ergänzen und Ursachen lassen sich identifizieren. Dabei wird die Problematik nur noch eindringlicher bestätigt. Gentrifizierung ist Teil eines Teufelskreis…

    Da wir Gemeinden und Städte nur als Wirtschaftsunternehmen betrachten wird sich das nicht bessern. Die Theorie, dass „reiche Bürger“ Arbeitsplätze schaffen, damit also alle davon etwas hätten stößt hier an klare Grenzen. Segregation als Folge der Gentrifizierung führt zu ungleicher Bildung und sozialen Konflikten bis hin zu offener Kriminalität. Die Chancen werden immer ungerechter verteilt. Es entstehen kaum mehr zu kontrollierende Sozialkosten und soziale Brennpunkte. Die Verwaltung versucht dem durch den Verkauf des Tafelsilbers, Anhebung von Gebühren, Ansiedlung von Industrie und die Ausweitung des Einzugsbereichs des Handels, Tourismus entgegenzuwirken. Oft genug sind die Folgen grotesk … Selbst wenn die Maßnahmen kurzfristig wirken sollten sind sozial Schwache ausgegrenzt. Eine schicke Stadt hat eben auch schicke Preise.

    Auf die Idee Städte primär als Kooperativen ihrer Bürger zu betrachten kommt wirklich niemand mehr. Keinerlei Identifikationsmöglichkeit mehr, zu ineffektiv für die „Leistungsträger“, kein Schnitt für Shareholder. Die aktuelle Politik erlaubt diese Option nicht.

     
  10. opalkatze

    8. Oktober 2013 at 17:09

    Sachma, da gab es doch bei der bpb (glaube ich) mal einen sehr langen, ausführlichen und bitterbösen Bericht drüber – Kommunalpolitik, kommunale Finanzen, etc. Hast du zufällig den Link noch?

     
  11. Joachim

    8. Oktober 2013 at 17:25

    Thx für diese Frage. Etwa das?
    http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/151125/basislager-der-demokratie

    Vielleicht nicht. Aber auch sehr interessant…

     
  12. opalkatze

    8. Oktober 2013 at 17:50

    Ja, ist interessant, war es aber nicht. Das war ein ganz trockener und böser Text, ich meine, von zwei Verfassern, und noch länger.

     
  13. Joachim

    8. Oktober 2013 at 18:26

    Ich hab‘ hier noch eine PDF „Aus Politik und Zeitgeschichte, 7–8/2011 · 14. Februar 2011“
    sechs Artikel. Politische Bildung ist wohl ähhm – zeitaufwändig.

    Link: http://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33475/kommunalpolitik

     
  14. opalkatze

    8. Oktober 2013 at 22:24

    Danke! Nein, da ist es auch nicht bei, aber die Richtung stimmt schon mal. Mal weiter wühlen …

     
 
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