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No Spy, No Fun

15 Jan

Digitalien, schönes weites Land – nein, das habe ich nie geglaubt. Dazu habe ich dem Netz zu lange aufs Bit geschaut. Auch, wenn das lange her ist, es hat gereicht, um früh misstrauisch und vorsichtig zu werden. Mein Arbeitgeber hat unter anderem Sicherheitstests für Unternehmen durchgeführt. Mitte/Ende der 1980er-Jahre waren dafür noch Kenntnisse erforderlich, wie man sie beispielsweise als Elektrotechniker, Mathematiker oder im Amateurfunk erwirbt. Ready-to-use-Onlinewerkzeuge gab es nicht, alles musste selbst, mit Freunden und Kollegen entwickelt und programmiert werden. Die Nächte waren lang, der Erkenntnisgewinn immens. Er lautete: Ein vernetzter Rechner ist extrem anfällig, und auch ohne Netzanbindung gibt es keine Sicherheit. Nicht mal ein Notizbuch oder Terminkalender auf Papier sind sicher.

Mit fast 55 bin ich fünf Jahre älter als der Altersdurchschnitt der Bundestagsabgeordneten. Es ist schwer vorstellbar, dass niemand von ihnen sich damals für Computer und das aufkommende WWW interessiert hat. Erweitert man den Kreis auf die Mitarbeiter der Ministerien, oder nur allein auf die Ebene der Staatssekretäre: Da soll kein Mensch begreifen, was seit dem Sommer 2013 passiert? Und dann veranstalten sie völlig ahnunglos im Bundestag die n-te Neuauflage der parteilinearen Fragestunde und reden von „gemeinsamen Werten“? Fordern – das allerdings gut verständlich – auf, den US-Amerikanern die Stiefel zu lecken?

Ich bin nicht gekränkt wie Sascha Lobo, auch nicht technologisch-verständnisvoll wie Evgeny Morozov. Ich bin nur sauer, dass ich so für dumm verkauft werde. Diese Truppe mutet mir die Annahme zu, sie sei restlos verblödet, kocht derweil stillvergnügt in geheimdienstlichem Halbdunkel ihr Süppchen und verkauft die Grundrechte der gesamten Bevölkerung. Das ist so abgefeimt, da muss man erst mal drauf kommen. Man könnte es auch Täuschung nennen. Wenn man arglistig wäre.

 

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13 Antworten zu “No Spy, No Fun

  1. Atari-Frosch

    15. Januar 2014 at 19:46

    Hach, Du drückst Dich immer so schön höflich aus, wo ich schon ganz andere Begriffe auspacken würde. ;-)

    Der Verschwörungstheoretiker in mir sagt, daß die Regierungsmitglieder längst mit „Kompromat“ aus diesen Datensammlungen erpreßt werden, um den Skandal unter der Decke zu halten und den Geheimdiensten nicht den Stinkefinger zu zeigen. Welche Gründe sollten sie sonst haben, um sich so naiv-dümmlich hinzustellen und zu erklären, das sei alles schon geklärt und „beendet“?

     
  2. opalkatze

    15. Januar 2014 at 19:51

    Hab ich ja schon woanders gesagt: Weil es zweckdienlich ist.

     
  3. DFranzenburg

    15. Januar 2014 at 20:21

    Alle Politiker sind Klone made by NSA. Wenn die was gegen die USA zu hören bekommen, wird das Programm „Boot lickers and ass kissers“ gestartet. Das funktioniert etwa so wie es in dem US-Thriller „Telefon“ dargestellt wurde. Alles eine Frage der Konditionierung.

    @Frosch
    Erpresste Politiker? Du und Dein Verschwörungskram. Gesundes Neues sei Dir gewünscht!

     
  4. Der Aufstand

    15. Januar 2014 at 21:55

    “ Welche Gründe sollten sie sonst haben, um sich so naiv-dümmlich hinzustellen und zu erklären, das sei alles schon geklärt und „beendet“?“
    Ganz einfach, die glauben diesen Mist. Die schmoren im eigenen Saft indem sie sich gegenseitig die Taschen vollhauen wie genial sie selbst sind. Daraus entstehen dann solche Begriffe wie „Elite“, was auch immer das bedeutet.

     
  5. Olaf

    15. Januar 2014 at 22:00

    Nein Vera, man muss nicht arglistig sein, um das Tun der Politik Täuschung zu nennen. Was man aber braucht ist eine gute Portion Misstrauen und Realitätsinn, damit man die Täuschung erkennen kann. Leider interessiert das Thema nur jene, die sich auch damit auseinandersetzen und nach dem Warum und Weshalb fragen. Die große Masse, die sich nicht drum juckt, aber trotzdem wählt, ist mit Konsum beschäftigt und oder meint, nichts zu verbergen zu haben. Die Politik weiß das, weshalb sie den für sie einfachen Weg geht und die paar Fragesteller ignoriert und täuscht.

     
  6. Hajo

    15. Januar 2014 at 22:06

    Vera, wer gibt Dir eigentlich das Recht unsere werten Politiker blöd zu nennen? …wollte ich eigentlich schreiben…

    Vera, die Zeit, die Du und ich damit verbracht haben, zu verstehen, wie das Netz funktioniert, was man damit produktiv machen kann und welche Folgen sich daraus für uns und den Rest der Gemeinde ergeben, haben andere genutzt, um Karriere in Bonn und Berlin zumachen. Will sagen, die haben es wirklich nicht, noch nicht einmal ansatzweise verstanden. Das ist keine böse Absicht … Höchstens die Absicht, die Ahnung ihrer Unwissenheit zu verschleiern.

    Den beiden Protagonisten der Faz , ich habe in der letzten Zeit zu diesem Themau nichts Langweiligeres gelesen, versuchen nun Politik oder Philosophie oder etwas Aehnliches zu machen
    , aber hier fehlt den beiden Herren die praktische Erfahrung, die unsere Politiker im Laufe ihrer Karriere machen durften.

    Liebe Vera, Funkamateure haben ihre aktive weltweite Kommunikation immer mit dem Wissen betrieben, dass sie jederzeit abgehört werden. Also nicht viel Neues unter der Sonne. Aber das wusstest Du alles schon.

    Noch einen Satz: Mir macht es immer noch Spass mich weltweit mit anderen Menschen zu einem Thema austauschen zu können, wenn es geht an Open Source Projekten.

    Wie immer ein allerletzter Satz: Meine größte Angst habe ich immer noch vor Privatfirmen, die unsere kritischen Daten „besitzen“

    Nachsatz: Ich erinnere mich ca. 1984 als die Personaldatenverbeitung einer grossen deutschen Automobilfirma ausgegliedert wurde und anschliessend die Kranken- und Fehldaten Bestandteil der Personalplanung wurden.

    Ich schweife ab.

     
  7. ein anderer Stefan

    15. Januar 2014 at 23:42

    Die Politik hängt am Gängelband der großen Finanz- und Wirtschaftskonzerne – und die Herren verdienen prächtig am Geschäft mit der Angst, die die Staaten dazu treibt, uns zur „Sicherheit“ zu überwachen. Da hat sich eine Unheilige Allianz zwischen berufsparanoiden Geheimdienstlern und gierigen Kapitalisten gebildet, die sich ihre schöne neue Welt doch nicht von ein paar Bedenkenträgern schlecht machen lassen wollen – und schon wird, wenn es wirklich mal nötig wäre, die Stelle des Bundesdatenschutzbeauftragen mit einer Gestalt besetzt, die sicher keine Aufregung produzieren wird. Die Politk spielt doch dabei nur mehr ne Nebenrolle und darf ein bisschen Demokratie inszenieren.
    Richtig Angst kriege ich, wenn ich mir klar mache, dass die Geheimdienste auch auf die umfangreichen Daten privater Firmen zugreifen – mehr ausspähen geht nun echt nicht. Ich komme mir allmählich vor wie bei Shadowrun.

     
  8. lawgunsandfreedom

    16. Januar 2014 at 00:11

    Ich komme mir allmählich vor wie bei Shadowrun.

    Dann wird’s langsam Zeit für den großen Geistertanz, oder?

    Tatsache ist: „Wer das Geld hat, hat die Macht“. Daran wird sich nichts ändern. Die Welt gehört den Banken, den Konzernen und den politischen Seilschaften (bzw. deren Ideologien, wenn man es abstrakter mag). Wir sind nur Spielbälle, die man beliebig manipulieren kann. Die paar wenigen, die sehen (wollen/können) was abgeht, haben wenig Chancen.

     
  9. Erbloggtes

    16. Januar 2014 at 02:01

    Ich würde Hajo zustimmen, dass keine böse Absicht der zentrale Punkt ist. Aber es ist auch nicht bloß Blödheit oder Unverständnis, sondern eine bestimmte Perspektive, die man sich aneignen musste, um in Bonn (wo das noch klarer erkennbar war als in Berlin) Karriere zu machen:

    Das System muss funktionieren. Ein Hinterfragen, das nicht die Optimierung des Systems zum Zweck hat, kann es nicht geben. Alle sind Rädchen im System, es kommt nur darauf an, ob du ein Rädchen in der Druckerpresse (Qualitätszeitungen, Banknoten, Gesetze, Formulare, …) oder in der Abwasserpumpe (ich zähle nicht auf, was da so durchkommt) bist.

     
  10. Klaus Jarchow

    16. Januar 2014 at 09:33

    Über die Sache mit den ‚gemeinsamen Werten‘ würde ich noch mal genauer nachdenken. Wir haben dabei ja immer irgendwas Schönes im Kopf – Demokratie, Menschenrechte und all so’n bemoostes Zeug. Es könnten aber auch ganz andere ‚gemeinsame Werte‘ sein, die gar nichts mit unseren Nostalgien zu tun haben …

     
  11. dot tilde dot

    16. Januar 2014 at 09:53

    habe ich bereits angemerkt, dass „no spy“ egentlich „mit dabei“ heißt?

    das anti-spionageabkommen soll ja ein mit-spionierabkommen sein. der katzentisch der dienste ist ein bollwerk bundesdeutschn staatswohls.

    .~.

     
 
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