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Paneuropäischer Journalismus ist gut – ein verbindliches Auslandsjahr noch besser

27 Mai

Wolfgang Blau postuliert die Notwendigkeit eines paneuropäischen Journalismus: „Kontinentaleuropa ist zwar der weltweit stärkste Wirtschaftsraum, hat aber keine starke journalistische Stimme, die – jenseits der Presseschauen – international oder auch nur innerhalb Europas wahrgenommen wird. […] Den meisten Zeitungshäusern fällt es […] schwer, Redaktionen zu rekrutieren, die nur annähernd die ethnische Zusammensetzung ihrer Heimatmärkte widerspiegeln […]“ (Video, 1:18:11)

Diese Forderung erheben auch Euroblogger wie @kosmopolit oder @ronpatz beharrlich seit Jahren, und sicher kann man sie unterschreiben. Dennoch: Was kann – außerhalb des Wirtschaftsressorts – über die Nationalstaaten hinausreichender Journalismus bewirken? Letztlich würden doch wieder nationale Unterschiede diskutiert und Polemiken verfasst – nur eben mehrsprachig und plattformübergreifend. Dieses erweiterte Angebot wäre für Gebildete interessant, doch die informieren sich auch jetzt schon umfassend. Andere blieben weiterhin draußen, weil ihnen für eine gewinnbringende Nutzung Voraussetzungen wie Sprachkenntnisse fehlen. Gerade sie gilt es aber, zu erreichen.
 

Ein Auslandsjahr für alle

Dieser Tage sprach ich mit dem Vater einer 16-jährigen Tochter, die eben zu ihrem zweiten Auslands-Halbjahr aufbricht. Er würde mit Kusshand Steuern bezahlen, um so etwas allen Jugendlichen zu ermöglichen, dann hätte es mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit schnell ein Ende, sagt er. Ihn regt auf, dass diese Möglichkeit für die Kinder gut situierter Eltern besteht, aber nicht für Kinder aus sozial schwächeren Milieus, die häufig ohnehin schlechteren Zugang zu Bildung haben. Um diese Chancengleichheit herzustellen, würde er freiwillig mehr Steuern zahlen, „wenn die Regierung sich schon nicht kümmert“. Mit der Zeit würden die Kosten durch Einsparungen an Rüstung und „Sicherung“ der europäischen Außengrenzen schon ganz von alleine sinken.

Das ist vielleicht ein wenig zu optimistisch, doch die Idee eines Auslandsjahrs für alle ist bestechend: weil sie so einfach ist.

In den Siebzigern haben im Rahmen der Städtepartnerschaften ganze Schulklassen ein paar Wochen oder Monate im Jahr in Gastfamilien und an Schulen in einem der europäischen Nachbarländer verbracht. Dieser Austausch wurde finanziell vom Staat unterstützt, so dass auch Kinder aus ärmeren oder bildungsferneren Familien teilnehmen konnten. Wer selbst erlebt hat, dass anderswo ebenfalls ganz normale Menschen leben, folgt nicht mehr so leicht populistischen Rattenfängern — denen aus der Politik nicht, und nicht denen aus den Medien.

Für ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr irgendwo auf der Welt zur Schule zu gehen, sich an andere Menschen, eine fremde Sprache und unbekannte Umgangsformen zu gewöhnen, setzt ein bisschen Leidensfähigkeit und viel Toleranz voraus. Das gegenseitige Verständnis von Gästen und Gastgebern wird gefördert, denn beide müssen sich mit Neuem, Andersartigem arrangieren. Wer bereits als Jugendlicher das eigene Land von außen betrachtet, lernt, Vergleiche anzustellen, hinterfragt vieles kritischer und kann sich sein eigenes Urteil bilden. Solche Erfahrungen sind auch ein gutes Fundament für medienkompetente Rezipienten und die Journalisten von morgen. Womit wir wieder bei Wolfgang Blau wären.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 27. Mai 2014 in Europa, Leben, Menschen, Politik, Welt, Wissen

 

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2 Antworten zu “Paneuropäischer Journalismus ist gut – ein verbindliches Auslandsjahr noch besser

  1. gsohn

    27. Mai 2014 at 17:49

    Hat dies auf http://www.ne-na.de rebloggt.

     
  2. monopoli

    28. Mai 2014 at 00:05

    Hat dies auf monopoli rebloggt.

     
 
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