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Sterbende Dörfer

12 Jun

Bis vor Kurzem habe ich in einem 900-Einwohner-Dorf in Rheinland-Pfalz gewohnt. Vor 30 Jahren gab es dort eine Grundschule, eine Landmetzgerei, zwei Bäckereien, einen Tante-Emma-Laden und vier Kneipen. Vor 10 Jahren gab es noch 3 Kneipen und eine kleine Edeka-Niederlassung. Jetzt gibt es nur noch eine Kneipe. Die Menschen klagen, dass sie für jedes Brot, jedes abgepackte Kotelett, jeden importierten Salat und jede Flasche Wasser nun die 5 Kilometer bis zum nächsten Penny fahren müssen. Für Alte und Menschen ohne Auto ist das Geschäft kaum erreichbar, weil es weit außerhalb der Ortschaft und abseits der Buslinie liegt. Der Bus fährt ohnehin nur zweimal täglich.

Bäuerliche Kleinbetriebe rentieren sich nicht mehr. Das Land haben wenige Großbauern aufgekauft, es wird auf das Modernste mit computergesteuerten Melkanlagen, Satellitenüberwachung des Anbaus, Bayer und Monsanto bewirtschaftet. Wer dort ein Hühnchen, Eier, ein Stück Rindfleisch oder Gemüse zu kaufen erwartet, hat Pech gehabt. Er bekommt stattdessen Wiesenhof, Eier aus Bayern oder Polen, den Braten zu 8,99 aus der Großschlachterei, wo zu Niedrigstlöhnen geschlachtet wird, und Gemüse aus Spanien oder Übersee. Beim Discounter.

Der nächste gut sortierte Supermarkt mit Bäckerei, Frischfleisch-, Wurst- und Fischtheke ist 25 Kilometer entfernt, der Einkauf dort nicht billig. Die Kreisstadt, zu der er gehört, hat am Stadtrand eine großkotzige Shopping Mall mit C&A, Schuhgeschäften und Drogeriemarkt gebaut, seitdem ist die hübsche alte Innenstadt die Anfahrt nicht mehr wert – Leerstände, Billigheimer und ein paar Apotheken verlocken nun mal nicht zum Window-Shopping. Da Trier nur 45 Kilometer entfernt und man von dort aus auch in 15 Minuten in Luxemburg ist, ziehen die Meisten diese Möglichkeit vor. Nicht allzu häufig, weil die Frau dann immer noch bummeln gehen will und das teuer werden kann, aber das Geld, das ausgegeben wird, wird dort ausgegeben. Ein, zwei Mal im Jahr fährt man für einen Tag nach Köln, zum Klamotten kaufen.

Die Anbindung ans Internet ist ebenso schlecht wie die an die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Jungen ziehen weg, obwohl viele ererbtes Wohneigentum besitzen und die Mieten billig sind. Platz für Kinder wäre genug vorhanden, aber keine Arbeitsplätze, die den Unterhalt einer Familie sichern. In der Stadt oder ihrem Nahbereich ist es so viel bequemer, zum Arbeiten, Shoppen und Ausgehen, mit den Öffis, dem Schulbus, und überhaupt. Mit den Dörfern stirbt auch Lebensqualität. Den Kleinen wird sie nicht fehlen. Sie werden sie ja nicht mehr kennen.

  • Kristian hat das auf G+ geteilt, lest mal, sehr unterschiedliche, interessante Reaktionen
  • Hab das nach längerer Abwesenheit dort auch mal wieder beim Freitag crossgepostet

 
40 Kommentare

Verfasst von - 12. Juni 2014 in Europa, Leben, Politik

 

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40 Antworten zu “Sterbende Dörfer

  1. AlterKnacker

    12. Juni 2014 at 12:36

    Für die Jugend war der Zug hin zur Stadt immer sehr stark … denn auf dem Land ist in vielen Fällen nun mal tote Hose.

    Wir Älteren gehen den Weg inzwischen genau umgekehrt, weil wir unsere Ruhe wollen … nur mit unserer „ach so großzügig bemessenen Grundsicherung“ haben viele von UNS dann doch wieder die Arschkarte gezogen.

     
  2. opalkatze

    12. Juni 2014 at 13:12

    Jou, wenn du Glück hast und ein Arzt in der Nähe ist … Dort ist noch einer, aber der geht bald in den Ruhestand. Dann kannst du im Notfall auf den Hubschrauber warten, falls du noch in der Lage warst, dich entsprechend mitzuteilen.

     
  3. Kristian Köhntopp

    12. Juni 2014 at 14:26

    Eventuell hat sich auch einfach nur die Definition von Lebensqualität geändert.

    Meine erste Frau hat gerne im „Widerhaken“ in Kiel eingekauft, eine sehr exklusive Einkaufskooperative, sehr öko, mit Warteliste. Ich war sehr froh, als wir das nicht mehr gemacht haben, weil das eingeschränkte Angebot, die schlechte Haltbarkeit und die unhygienischen Verarbeitungsbedingungen (Käse- und Wursttheke nicht sauber getrennt, kein getrenntes Personal für beides, etc) mindestens genervt haben (und im Fall der Wurst-Theke auch mit Grund illegal waren).

    Ich kaufe jedenfalls sehr viel lieber in einem Supermarkt ein, der groß genug für ein vielfältiges Angebot ist, und bei dem die Waren aktuellen Standards entsprechend verarbeitet und aufbereitet angeboten werden – ich bin halt kein Mutterkornlutscher, tut mir leid.

    Ich habe auch gerne VDSL wo ich kein Gigabit kriegen kann, und lebe gerne wo LTE verfügbar ist, und habe auch gerne ein funktionierendes ÖPNV-Angebot mit Flatrate (aka Monats-Umweltkarte) und U-Bahn Haltestelle vor meiner Tür.

    Es mag Leute geben, bei denen das anders ist, aber es scheinen immer weniger zu werden.

     
  4. opalkatze

    12. Juni 2014 at 14:47

    Nö, für mich ist Hardcore-Öko auch nix, und was meinste, weshalb ich jetzt in Hannover wohne?

    Da geht aber eine Kulturform unter, weil man sie bewusst kaputtgehen lässt. Die jungen Leute haben keine Wahl, weil die Infrastruktur einfach irgendwann nicht mehr gepflegt wurde. Agrarkonzerne haben die Bauern platt gemacht, und irgendwann gibt es eben keine Kartoffeln aus heimischem Anbau mehr. Großbritannien geht es auch nicht besser, weil sie jetzt keine Industrie mehr haben – die Entwicklung ist die gleiche.

     
  5. Joachim

    12. Juni 2014 at 15:31

    Für mich sind Städte ein Versuch der Rationalisierung. Leben und Wohnen wird industriealisiert oder „optimiert“, ganz genau wie überall in der Wirtschaft. Das hat sicher auch Vorteile. Nur wo endet das, wenn die letzte Tante Emma wegoptimiert wurde? Tatsächlich hat Kristian Köhntopp recht, „Tante Emma“ (oder seine Kooperatve) bringt es nicht – das ist einfach eine Frage des Geldes, der Macht großer Firmen und natürlich des Verbraucherverhaltens.

    Was die tote Hose angeht, so dürften Kinder das (zum Teil) anders sehen. Statt spielen gibt es Chinesisch-Kurse, statt Hütten bauen Verbotsschlider und Regeln.

     
  6. opalkatze

    12. Juni 2014 at 15:50

    Klar hat Kristian Recht, deshalb gefällt mir die Geiz-ist-geil-Entwicklung aber noch lange nicht.

     
  7. Joachim

    12. Juni 2014 at 18:07

    „gefällt mir die Geiz-ist-geil-Entwicklung … nicht“:

    Amen, ganz besonders auch zu Deinem Kommentar auf Kristian.

    Allerdings ist das die Folge unseres Verhaltens und unseres Konsums. Das gilt selbst dann, wenn wir das täglich, etwa im TV/Medien, vorgelebt bekommen uns selbst dann, wenn wir Sachzwängen ausgesetzt sind. Es gibt Ursachen und „Schuldige“. Nur muss man fragen, warum Michel Klein das nicht darf, was Otto Groß schon lange tut. Es ist ein Teufelskreis, bei dem es kaum eine faire Wahl gibt. Dummerweise hat z.B. die „dritte Welt“ hier weder eine faire noch eine unfaire Wahl. Unser Komfort beruht zum großen Teil darauf.

    Wir wollen eben mit Gewalt raus aus der Steinzeit und katapultieren uns dazu promt in Steinwüsten.

     
  8. Kristian Köhntopp

    13. Juni 2014 at 11:26

    Mit Geiz hat das alles nicht viel zu tun.

    Es hat viel mit anderen Ansprüchen zu tun – anderen Ansprüchen an die Qualität der Waren, die wir erwerben, und die Tante Emma nicht leisten kann, schon gar nicht in der erwarteten Zeit und Vielfalt. Aber auch anderen Ansprüchen an die Interaktivität unserer Umgebung und auch dort der Vielfalt des Angebotes.

    Ich bin in den 80er Jahren groß geworden, 1968 geboren. Ich kenne drei Programme, und habe Schulfernsehen im 3. gesehen, auf einem Schwarzweiß-Fernseher, wenn ich krank war. Wir hatten daheim ein Telefon, mit Wählscheibe, und ich kann die Nummer 0431-69071 heute noch aufwendig.

    Mein Sohn (2010) kann die Krankheiten, die ich gehabt habe und wegen derer ich mit Schulfernsehen daheim war, nicht bekommen, weil er geimpft ist und die Impfung verifiziert Antikörper produziert hat.

    Er guckt gar kein Fernsehen, nie, und erwartet, daß man Werbung in Aufnahmen überspringen kann, daß jeder Film auf jedem Bildschirm im Haushalt (Sein Handy, mein Handy, mein Tablet, mein Rechner und der Mac mini am Fernseher) verfügbar ist, und das Ansehen an der Stelle fortgesetzt wird, wo man es auf dem anderen Screen unterbrochen hat. Er versucht, Fotos auf meinem Handy zu starten und das Konzept der Stillfotografie („Kein Video?“) war für ihn lange schwer zu verstehen.

    Er erwartet, mit allen seinen Omas und Opas jederzeit und überall skypen oder hangouten zu können, und ihnen die Fotos von Papas Telefon im Videofonat zeigen zu können. Das Konzept Bandbreite und Mobilfon-Kontingent ist ihm noch nicht geläufig.

    Er hat neulich ein Telefon mit Wählscheibe gesehen, in einem Museum, und es nicht als Telefon erkannt. Schon das Konzept „Hörer“ findet er komisch, und das Konzept „Kabel“ sowieso („Wieso machen die das nicht mit Funk so wie unsere Telefone?“).

    Dieses Kind wird das Leben auf einem Dorf niemals akzeptieren, weil das Leben dort nach seinen Erwartungen und Maßstäben kaputt ist – kein Netz, keine Läden, keine Auswahl, keine garantierte Qualität? Das ist etwas, das man vielleicht auf einer Wanderung im Harz für ein paar Stunden in Kauf nimmt, oder vielleicht mal für einen Campingurlaub.

    Aber es ist definitiv keine akzeptable Grundlage für eine dauerhafte Existenz, wenn man 2010 geboren worden ist. Vollkommen unakzeptabel.

    Ich verstehe ihn da gut.

     
  9. opalkatze

    13. Juni 2014 at 12:01

    @Kristian

    natürlich verstehe ich dich; wie gesagt – ich wohne ja auch jetzt in der Stadt.

    Es gibt genügend Menschen, die gerne auf dem Land leben würden – wenn es nicht die absolute Herunterstufung allen Komforts bedeutete. Aber das ist doch das Ergebnis einer langen, forcierten Entwicklung.

    An irgendeinem Punkt (Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger) hätte die Möglichkeit bestanden, beides, Stadt und Land, bäuerliche und städtische Lebensweise, miteinander zu vernetzen und damit jedem die Wahl zu ermöglichen. Stattdessen wurde viel Geld in Stadt- und Infrastrukturentwicklung gesteckt, während auf dem Land nichts passierte. So wurde die Entkopplung eingeleitet, die wir heute sehen und die nur noch auf „besser“ und „schlechter“ hinausläuft.
    Um es naiv auszudrücken: Irgendwoher müssen auch das Fleisch, das Gemüse, das Brot kommen. Der Mensch lebt nicht von Elektrizität. (Btw, was machen die Jungen, wenn die mal ausfällt? Upps.)

    Ich hab ziemlich dystopische Vorstellungen von Megacitys, an deren Rand die Tagelöhner hausen dürfen, jeder in seinem Ghetto. Das Beispiel ist überspitzt, doch was Wohn- und Lebensumfeld und die Zukunft der Arbeit angeht: So oder ähnlich sähe die Konsequenz aus der fortgesetzten Optimierung und Reglementierung aller Lebensbereiche aus.

     
  10. Björn Weber

    13. Juni 2014 at 12:07

    Für mich ist der Schlüsselbegriff hier „keine Arbeitsplätze“. Ich persönlich würde gerne wieder in einem freistehenden Einfamilienhaus mit echtem Grundstück (also keine 300qm Parzelle) drum herum wohnen. Aber dann müsste ich wieder zum Pendler mutieren, denn in den meisten deutschen Unternehmen herrscht ja Anwesenheitspflicht, auch wenn die meiste Arbeit eh im Netz stattfindet. Und so lange sich das nicht ändert, gibt es auch keinen (politischen) Bedarf für den flächendeckenden Breitbandausbau. Und mit Mitte 40 ist es auch nicht mehr ganz so trivial sich ‚mal eben‘ einen ähnlich gut bezahlten Job nur mit besseren Konditionen zu suchen.

    So überaltern die Dörfer und stecken in einer Abwärtsspirale fest, weil nur die Städte entsprechende Infrastruktur bieten und die ‚Gesellschaft‘ da auch keine Alternativen zulässt. Übrig bleiben die, die nicht weg können oder kein Interesse haben dass sich die Lage ändert. Also Renter und Arbeitslose, die wenigstens in dem Haus der Familie unterkommen und zugereiste Neureiche, die ohnehin Ruhe und keine Nachbarn haben wollen und somit alle Anstrengungen die Infrastruktur zu verbessern torpedieren.

    Der kulturelle Vorteil, den die Stadt bietet, besteht für mich in Zerstreuung bei irgendwelchen Veranstaltungen. Klar ist es praktisch, wenn ich mit dem Fahrrad oder der Strassenbahn zum Maschseefest fahren kann. Nur wenn ich ohnehin keinen Alkohol trinke, kann ich auch die Anfahrt mit dem Auto machen.

    Und die ‚Kneipenkultur‘ stirbt ebenso weg, wie die Dörfer. Das ‚Feierabendbier‘ ist verpöhnt und so werden aus den alten Eckkneipen Dönerbuden oder es gibt wahlweise verwässerten Espresso mit Zuckersirup oder furztrockenen Rotwein vom anderen Ende der Welt, bei dem sich die Kreativen dann gegenseitig beweisen wie weltgewandt sie doch sind. Aber da kommt nur das Arbeiterkind in mir hoch ;)

     
  11. Volker König

    13. Juni 2014 at 12:19

    „Dieses Kind wird das Leben auf einem Dorf niemals akzeptieren, weil das Leben dort nach seinen Erwartungen und Maßstäben kaputt ist – kein Netz, keine Läden, keine Auswahl, keine garantierte Qualität? Das ist etwas, das man vielleicht auf einer Wanderung im Harz für ein paar Stunden in Kauf nimmt, oder vielleicht mal für einen Campingurlaub.“

    Ja, das trifft es, Kristian.

    Ich bin ja selber in der Großstadt (ok, Düsseldorf) aufgewachsen und aus verschiedenen Gründen aufs Land gezogen, und obwohl mein „Dorf“ eigentlich eine Kleinstadt mit über 5000 Einwohnern ist, haben wir (bis auf das Netz) schon heute diese Probleme.
    Und das ist ein politisches Fiasko.

    „Wir“ wurden in der Gebietsstrukturreform in den 70ern mit der nächsten größeren Stadt in eine künstliche Verbundgemeinde zusammengeschlossen. Als ich 1997 dorthin zog, da gab es in den größeren Stadtteil mit den Einkaufsmöglichkeiten und den weiterführenden Schulen und den vielen Ärzten und dem Krankenhaus exakt drei Busse pro Tag. In die anderen Nachbarstädte gab es stündliche Verbindungen. Immerhin haben wir noch eine Grundschule und drei Kitas ohne Existenzängste.

    Der „Landliche Bereich“ wird vernachlässigt, obwohl immernoch viele junge und nicht arme Familien dorthin drängen. Industriegebiete schaffen zwar Arbeitsplätze, aber was wollen junge Menschen, die allein durch ihren familiären Hintergrund Abi machen und eine qualifizierte Ausbildung suchen, mit einer Großmetzgerei, einem Bäckereizulieferer oder einem Dachdeckerbedarfshändler als Arbeitgeber? Das sind nach Schließung der Weberei bei uns die drei großen Arbeitgeber. Die Flucht der nächsten Generation in die Städte ist vorhersehbar.

    Immerhin haben wir noch einen Supermarkt, zwei Bäckereien und zwei Bankfilialen. Noch. Bis 2003 waren es zwei Supermärkte und drei Bäckereien.

    Nachdem die drei Busse, die täglich fuhren, von den Verkehrsbetrieben als ausreichend angesehen wurden (es fuhr ja kaum jemand mit), wurde um 2000 rum ein Bürgerbusverein gegründet, der die Stadtteile beinah stündlich mit ehrenamtlichen Fahrern verbindet. Dass die drei Busse der Verkehrsbetriebe seitdem noch weniger Fahrgäste haben und eine der Fahrten auf der Kippe steht könnte natürlich damit zusammenhängen, aber was wissen wir dummen Dorfbewohner schon.

    Gerade wird bei uns (mal wieder) ein neues Baugebiet vorbereitet. 15 Parzellen am Dorfrand gelegen. Die Planungen zeigen, dass die einzige Zufahrtstraße direkt an eine der Hauptverkehrsstraße führt, direkt hinterm Ortseingangsschild. Also alles andere als organisch an das Dorf angebunden. Wer zum Einkaufen in den Luftlinie 300m entfernten Supermarkt 1,2km mit dem Auto fahren muss, der fährt auch gleich die 6km ins Einkaufszentrum im Nachbarort, wo er einen großen Supermarkt, Drogerie, Schuhgeschäft, Bekleidungsladen und noch mehr findet. Solche Planungen könnten natürlich der Grund sein, aus dem die Stadt keinen zweiten Supermarkt überreden kann, eine Filiale zu eröffnen, aber natürlich sind wir ja keine Profis und können das nicht beurteilen.

    Aber der Bürgerbus. Das ist glaub ich ein Modell für die einzige Chance, wie wir die ländliche Infrastruktur wieder geradeziehen: Eigeninitiative.

    EIn Bürgernetz mit ausreichend Breitbandkapazität.

    Einkaufskommunen (die durchaus hygienisch sein können), um Supermärkte zu ersetzen.
    Schulen mit einem abgesetzten Klassenzug, der dann halt auf dem Dorf ist und organisatorisch von Ehrenamtlern betreut wird.

    Denn – ganz im Ernst – hier im Rheinland ist die nächste Stadt nicht weit, lässt einen aber mit ihrer Hektik, ihrem Lärm und Stress in Ruhe. Deshalb lebe ich gerne auf dem Land.

     
  12. opalkatze

    13. Juni 2014 at 12:20

    @Bjoern

    Damit hast du den Hintergrund beschrieben, den ich meine. Aber ein bisschen mehr als Maschseefest [soso] ist es schon …

     
  13. Klaus Kaiser

    13. Juni 2014 at 12:21

    Ich bin Jahrgang 1975 und wohne in einem Dorf mit 120 Einwohnern. Im Umkreis von 8km gibt es keinen Laden und keine Kneipe. Viele Familien leben in unserem Dorf mit großen Häusern auf großen Grundstücken. Die nächste Stadt ist 35km entfernt.

    Wenn wir Freunde in der Stadt besuchen verstehen meine Kinder nicht, dass man vor dem Haus kein Lagerfeuer machen darf. Sie verstehen nicht, dass sich viele Familien freiwillig ein Haus teilen ohne sich genauer zu kennen. Sie verstehen nicht, warum die Leute ihre Hunde mit ins Bett nehmen. Sie verstehen auch nicht, warum in den Parks keiner auf Bäumen klettert und warum man im Garten hinterm Reihenhaus keinen Krach machen darf und warum Spielplätze eingezäunt werden.

    Uns Erwachsene nervt, dass wir uns in kleinen Wohnungen während des Besuchs dauernd gegenseitig auf den Füßen herumtreten.

    Wenn uns Freunde aus der Stadt besuchen gucken deren Kinder für die Dauer ihres Besuchs ihre Handys und Tablets nichtmal an, obwohl wir ausgezeichnet mit Netzen aller Art versorgt sind. Fernsehen und Internetvideos spielen keine Rolle, obgleich die verfügbar sind. Die Kinder sind von den Pferden nicht wegzubekommen. Klettern auf Bäumen herum. Machen die Scheune unsicher. Ärgern den Hund, der sie dann kneift. Essen Obst direkt vom Baum, ohne es abzuwaschen. Fallen in die Brennesseln. Werden von Wespen gestochen. Zerreissen sich die Hosen, Fangen Frösche. Machen sich dreckig. Werfen den Bumerang, holen sich blaue Flecken.

    Die Erwachsenen besiedeln den ganzen Garten und freuen sich über das große Gästezimmer.

    Die Freunde aus der Stadt sind definitiv öfter bei uns als wir bei ihnen. Meine Bastelwerkstatt ist über 100 Quadratmeter gross, und in der Werkstatt hängt an der Frtzbox am VoIP anschluss ein Analogtelefon mit Wählscheibe! Wir besuchen Omas und Opas persönlich, oder sie besuchen uns. Wohnen ja auch ganz in der Nähe. Das Konzept von übers Land verstreuten Familien ist uns Fremd. Ich habe lange genug in der Stadt gewohnt (Gelsenkirchen). Nie wieder! :D

     
  14. opalkatze

    13. Juni 2014 at 12:26

    @Volker

    Ich weiß, wo du wohnst, da haben sie seit Anfang der Siebziger ja extrem abgeholzt.

    Bürgerbus? Haben wir versucht, wurde verboten – kein Personenbeförderungsschein.

    Bürgernetz? Wollte ich per Funk in den Kirchturm setzen. Diözese war einverstanden, Bürgermeister hat abgewinkt. Wegen der Wartung, und überhaupt. Thema durch.

     
  15. opalkatze

    13. Juni 2014 at 12:29

    @Klaus

    Wenn du gutes Netz hast, macht das einen gewaltigen Unterschied. Ich weiß nicht, wie oft ich hier rumgeheult hab, dass ich max. 780 kBit/s konnte. Mit einem Online-Arbeitsplatz —

     
  16. Volker König

    13. Juni 2014 at 12:42

    @opalkatze: Das meinte ich: Bei unseren 5000 Einwohnern würde das klappen.
    Die Sache mit dem fehlenden Personenberörderungsschein klingt so, als ob da weniger Wege als vielmehr Gründe gesucht wurden. Rechtlich ist das easy:

    „Die Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung bekommt, wer
    einen EU-Führerschein Klasse B besitzt,
    mindestens 21 Jahre alt ist und seinen Führerschein seit mindestens zwei Jahren besitzt,
    seine körperliche Eignung gemäß Anlage 5 zur FeV sowie das ausreichende Sehvermögen nachweist und
    mit einem Führungszeugnis seine persönliche Eignung nachweist.“
    (http://www.pro-buergerbus-nrw.de/index.php?id=fahrererlaubnis&type=rss)

    Wir sind aber auch erst langsam dabei, den Politikern, die ja zum größten Teil die BürgerInnen des größeren Ortsteils repräsentieren, deutlich zu machen, dass wir früher der Flächenort mit vielen Äckern waren. Und dass all ihre tollen Neubaugebiete am Hauptort eigentlich laut Kataster zu unserem „Dorf“ gehören. Langsam aber sicher wirkt es. Zwei SPDler aus dem Dorf haben ihre Wahlkreise komplett „gewonnen“, das war eine Premiere. Die SPD hat Stimmen gewonnen (meine Grünen sind leider ein ganz anderes Thema).

    Die kritische Masse, ab der sowas möglich ist, liegt offenbar irgendwo zwischen 900 und 5000 Einwohnern.

     
  17. Joachim

    13. Juni 2014 at 12:43

    Kristian, so ganz glaube ich das nicht. Also in dem Sinn, dass dies nur die halbe Wahrheit ist.

    Netz, Läden und Auswahl oder garantierte Qualität werden relativ, wenn man selbst kreativ ist. Kinder müssen spielen. Dauerhafte Existenz beruht nicht auf Technik und schon gar nicht auf Konsum (im weitesten Sinn). Und was Björn Weber beschreibt, ist einfach unfair.

    Grundlage für dauerhafte Existenz bilden Gemeinschaftsgefühl, Sozialkompetenz, Kreativität und Bildung. Dazu muss man wissen, wie sich ein Baum anfühlt. Denn sonst lernt man nie, wie sich ein Mensch anfühlt. Übrigens, ein Smartphone fühlt sich dazu relativ scheiße an.

    Gerade Skype und Hangout sind problematisch, nicht nur für Kinder. Das/die (Kommunikations-) Bedürfnis(e) der Menschen zu kommerzialisieren ist wesentlicher Teil der Probleme des Internet. Konsumverhalten und blinder Klick, weil Geiz geil ist, ist prima Voraussetzung, wenn man sein Gerät neu aufsetzen möchte.

    Dein Sohn scheint mir klug. Irgendwo habe ich das Gefühl, Du unterschätzt ihn. Vielleicht wird der einmal in ein Dorf ziehen (und so die Dinge wieder richten). Nette Grüße an ihn. Der macht das schon :-)

     
  18. opalkatze

    13. Juni 2014 at 12:49

    @Volker

    War ich wieder zu kurz. Wurde nicht gewährt, weil sich der Taxiunternehmer aus der Kreisstadt beschwert hat. Nicht offiziell, natürlich. Wozu gibt es Kegelbahnen?

     
  19. Björn Weber

    13. Juni 2014 at 12:51

    @opalkatze

    Nachdem ich meinen Text abgeschickt hatte, habe ich bemerkt, dass Du quasi einen Kommentar vor mir das gleiche geschrieben hattest. Aber da wollte ich das auch nicht mehr zurückziehen. Und die 768kBit/s kenne ich auch noch vom Dorf. Und da war es besonders Schwierig, da sich Springe, Hildesheim und Pattensen um jeweils einen Teil der Verwaltung gekümmert haben.

    @Joachim

    Was konkret ist an meinem Text unfair? Ich habe da eigentlich nur aus meinen eigenen Erfahrungen geplaudert. Dass meine subjektive Sicht natürlich nicht allgemeingültig ist sollte klar sein.

     
  20. opalkatze

    13. Juni 2014 at 12:54

    @Joachim, schließe mich @Bjoern an: Was ist daran unfair? So isses doch.

     
  21. Volker König

    13. Juni 2014 at 13:00

    Haha, klar, das Klüngelmonster. Da braucht man keinen Kegelclub, man ist ja verwandt. ist bei uns der Bauunternehmer mit dem Schwager in der CDU. Neubaugebiet wird ausgeschrieben, er kriegt den Zsuchlag, gründet GmbH zur Realisierung und die GmbH beauftragt ausschließlich seine Firmen. Dann stellt sich raus, dass die Preise zu hoch angesetzt wurden, alle maulen, die GmbH wird insolvent und die Fertigstellungsversicherung springt ein. Die Häuser werden auf Versicherungskosten fertiggebaut und unter dem angesetzten Preis verkauft, er hat alle Profite eingestrichen und keine Gewährleistung am Hals.
    Solche Netzwerke gibts leider überall, auch in der Großstadt. Das „Schiebedach“ der Ex LTU-, jetzt ESPRIT-Arena in Düsseldorf musste leider vom einzigen Unternehmer, der sowas kann, gebaut werden. Es war natürlich reiner Zufall, dass er auch der Schwiegervater des OB war.
    Aber zurück zu Deinem Dorf: bei 900 Einwohnern, von denen mehr als die Hälfte im Rentenalter sein sollten, wirst Du einfach nicht viel bewegen können. 1.500 oder 2.000, da sehe ich Chancen.

     
  22. Klaus Kaiser

    13. Juni 2014 at 13:02

    Euch ist aber schon bewusst, dass es nicht nur Dörfer gibt, in denen keiner wohnen will. Fast jede Stadt hat Teile, in denen die Leute lieber wegziehen, und das, obwohl es da Internet und Schulen und öffentlichen Nahverkehr gibt. Stadt lebt, Dorf stirbt – so einfach ist es offensichtlich nicht :)

     
  23. opalkatze

    13. Juni 2014 at 13:16

    @Volker

    Ja, eben: Es sind zu wenig Junge da. Und ich weiß nicht, ob der Kampf nicht schon verloren wäre, wenn er jetzt stattfände. Bei dir hängt noch alles nahe zusammen, das ist ja ziemlich dicht besiedelt, aber RP ist ein Flächenland, da ist der Zug wohl abgefahren.

     
  24. opalkatze

    13. Juni 2014 at 13:18

    @Klaus

    Das ist aber ein anderes Thema, Gentrifizierung. Nachzulesen in voller Schönheit bei Andrej Holm.

     
  25. Joachim

    13. Juni 2014 at 13:41

    Björn Weber, @opalkatze
    genau, so isses doch. Der Text (von Björn) war überhaupt nicht unfair, der beschreibt nur, was letztlich unfair ist.

    Die Situation der Dörfer und der kleinen Städte hat eben (u.A) damit zu tun, dass sich die Kommunen verpflichtet fühlen, mit allen Mitteln Geschäfte und Industrie anzusiedeln. Nur kann nicht jede kleine Kommune ein neues Einkaufzentrum ansiedeln und meinen, das tägt sich, obwohl die Nachbarstadt das schon lange hat. Industie und Firmen anzusiedeln ist ja ein netter Versuch, doch wenn die Privilegien, mit denen man sie lockte, ausbleiben, sie dann wieder weg sind, dann hätte man doch vielleicht besser in den Einzelhandel oder das Handwerk investiert.

    Ich weiß nicht, ob sich die kleinen Kommunen nicht anders definieren sollten. Ich denke, es macht keinen Sinn dem Hype der Städte hinterherzulaufen. Z.B. Naherholungsgebiete hätten auch ihren Wert und bei geschicktem Angeboten können sie Kommunen (auch finanziell) aufwerten. Natürlich muss das nicht immer (wie beim Bürgerbus…) klappen. Doch eine Gemeinde lebt von ihren Bürgern.

    Anmerkung: ich kritisiere hier niemanden. Die Kommetare hier betrachte ich als Mehrwert; insbesondere auch die von Kristian, Björn und Volker. Bedankt.

     
  26. opalkatze

    13. Juni 2014 at 14:09

    [Wenn der @Joachim hier kritisiert, trifft es mich. Seit Jahren. ,)]

    Das mit dem Einzelhandel bemerken sie gerade. Die Kreisstadt war mal ein Wochenendparadies für Koblenzer, Kölner und Bonner. Schnuckelige Altstadt, schöne Plätze mit Restaurants und Cafés; kleine, feine, nicht eben billige Fachgeschäfte: Schneiderinnen, Wäsche, Porzellan und Hausrat, Kunsthandwerk, mehrer schicke Parfümerien, Wein und Feinkost, vier Juweliere, drei davon sehr edel … Hat sich auch rentiert, weil in der Umgebung eine Reihe Industrieller Jagden haben. Sie und ihre Gäste haben da ordentlich Geld ausgegeben.

    Dann kamen die Investoren, haben die besten Objekte weggekauft und die Mieten kräftig erhöht. Der Bürgermeister musste sich unbedingt mit dieser hässlichen, nicht einmal attraktiv besetzten Shopping Mall ein Denkmal setzen. Perdu, die ganze Herrlichkeit – davon ist nichts mehr da. Wirklich nichts. Innerhalb zehn Jahren haben sie die Innenstadt restlos platt gemacht.

    In der Mall ist wenig Betrieb, man geht da durch zum Parkplatz oder zum Busbahnhof, Läden wie „Das Depot“ und ein paar bessere Schuh-, Klamotten- und Wäscheläden sind längst wieder zu. Übrig sind C&A, Reno, eine Schnellbäckerei, ein Drogeriemarkt und ein Goldankäufer. Das war’s. Jetzt auf einmal bekommen sie Sehnsucht nach den wirtschaftlich guten alten Zeiten. Tja.

     
  27. Joachim

    13. Juni 2014 at 14:58

    Nein Katze, das siehst Du vollkommen flasch. Ich liebe Deine Texte (ups, ist das nun Kritik?).

    (Mal ein ganz privater Rock’n’Roll: „please understand, I don’t wana critisize you. All I’ve got to say is: I’ve got that green light“… Irgendwann bekommst Du es zu hören, machs’te nix dran;)

    Zum Thema: Auch wenn Deine Beschreibung des Einzelhandels vollkommen klassisch ist, es sogar ganz wesentlich auf den Punkt bringt (und dazu IMHO sehr gut geschrieben ist):

    Wir wissen, dass dies nicht die einzige Ursache des Problems ist. Kommunen haben kein Geld, sie haben nicht die Spitzenpolitiker (was nun sicher kein automatisches Bashing ist!) und sie haben nur sehr wenig politischen Einfluss. Die „Macht“ geht hier nicht von unten nach oben. Sie geht von oben nach unten. Dummerweise leben die Meisten aber in Kommunen, manchmal in Kommunen, ganz weit unten.

    Irgend etwas da ist falsch.

     
  28. Jörg

    13. Juni 2014 at 15:41

    Aber eigentlich ist es doch ganz einfach: wenn genügend Menschen im Dorf leben möchten (leben, nicht nur wohnen) wird es rentabel für Kaufleute dort Geschäfte zu unterhalten, Kabel zu verbuddeln, LTE-Versorgung herzustellen usw.

    Wenn die Geschäfte schließen und Infrastruktur eher ab- als aufgebaut wird haben offensichtlich nur noch wenige Menschen Interesse an einem dörflichen Leben. Im der Folge sterben die Dörfer – und gemäß der vorigen Aussage dürften auch nur sehr wenige Menschen sie vermissen.

    Jörg

     
  29. opalkatze

    13. Juni 2014 at 15:57

    @Jörg

    Katze → Schwanz

     
  30. Jörg

    13. Juni 2014 at 16:05

    @Opalkatze: Andersrum: Geschäfte und Infrastruktur waren ja da, wurden aber trotzdem so wenig genutzt dass sie unrentabel wurden. Natürlich ist es jetzt unwahrscheinlich dass das dörfliche Leben zurückkommt…

     
  31. Wolfgang Messer (@Fastvoice)

    13. Juni 2014 at 17:10

    Wenn Ihr einen Blick in unsere Zukunft wagen wollt, müsst Ihr nur einen Streifzug durch die ländlichen, gering besiedelten Regionen Frankreichs machen. Da seht Ihr seit Jahren überdeutlich, wohin extremer Zentralismus führt: Mehr Ruinen als Häuser, derart menschenleere Dörfer, dass sich wahrscheinlich nicht mal mehr die Wartung der Wasser- und Stromleitungen lohnt.

    Von Internet, Mobilfunk, Tankstellen, Schulen, Kindergärten oder „Alimentation“-Läden abseits der großen Verkehrsadern könnt Ihr da nur träumen. Selbst für’s tägliche Baguette sind weite Wege nötig – und dort, wo man’s dann bekommt, wurde es natürlich nicht gebacken. Sondern zentral in der nächsten größeren Stadt. Besonders weit sind wir von solchen Verhältnissen m. E. nicht mehr entfernt.

     
  32. opalkatze

    13. Juni 2014 at 17:22

    @Jörg

    Weiß ich nicht. Es ist versucht worden, die Geschäfte auf den Dörfern zu Kleinversionen der städtischen Supermärkte umzubauen. Dabei hat z. B. niemand darüber nachgedacht, dass es keine Riesen-Gemüseabteilung braucht, wenn alle einen Gemüsegarten haben. Werte das eher als Versäumnis, sich auf andere Bedürfnisse einzustellen. So what – letztlich hast du Recht.

     
  33. opalkatze

    13. Juni 2014 at 17:23

    @Wolfgang

    Kann ich nur sagen: rischtisch. Ähnlich in den nordöstlichen Bundesländern, da ist es schon so weit.

     
  34. Volker König

    16. Juni 2014 at 10:11

    Ich hol mal etwas weiter aus. Auch die Städte sind nämlich dem Tode geweiht.
    Zumindest die Städte, wie wir sie kennen, als (Einkaufs-)Zentren.

    Was Ihr hier mit der Ladenstruktur in den Städten schon schreibt, das hab ich auch an anderen Stellen schon diskutiert. Da ging es aber um „Das Internet macht unsere Einkaufszentren kaputt“ und ist ziemlich falsch.

    Die frühere Vielfalt der Einkaufszentren lag an lokalen Geschäften, die ein auf den Ort und das Publikum zurecht geschneidertes Sortiment hatten. Das begann mit Lebensmittelläden und reicht bis hin zur Technik- und Bekleidungsläden.
    Wo ist denn der kleine, unabhängige PC-Laden aus den 1980ern? Wo ist denn der „Herrenausstatter“ (ich liebe dieses Wort), der nicht zu einer Kette gehört, sondern ein breites Angebot an Marken anbietet? Richtig: Auch dieser Herrenausstatter ist inzwischen eine Kette wie z.B. P&C. Die einzigen Läden, wo ich Bekleidung verschiedener Marken kaufen kann, sind die großen Kaufhäuser, die aber auch wieder ein gleichgeschaltetes Sortiment führen.
    Dazu kommt eine gewisse „Nur was da hängt“-Mentalität des Großteils der Ketten.
    Abverkauf als Geschäftsmodell, da lobe ich die Ehrlichkeit von Primark, die „was weg ist ist weg“ zum Geschäftsmodell machen und ganz offen die Reaktanz des Publikums nutzen.

    Wenn man aber zum dritten Mal auf der Suche nach Schuhen das Modell in der richtigen Farbe nur in der falschen Größe (und umgekehrt) findet, ein gezieltes Beschaffen des Schuhs aber im Konzept der Kette nicht eingeplant ist, dann bestellt man das, was man haben will, bei Amazon oder Zalando. Die Größe konnte man ja im Laden ermitteln. Und das liegt nicht daran, dass das Internet so böse ist, sondern, dass es dem Konsumenten eine weitere Wahlmöglichkeit gibt.

    Die Cities von Krefeld, Düsseldorf, Moers und Köln unterscheiden sich nur noch durch die Anzahl und das Spektrum der Läden, ESPRIT, MANGO, H&M & Co als Markenketten und Kaufhof, Siemes, Palm, P&C als Sortimentketten sind nahezu überall.

    Überall gleich.

    Und ein paar Kilometer entfernt in Roermond sind alle Marken nochmal im Outlet.
    So kann bald keine Stadt mehr Einkaufspublikum in die Zentren locken. Wenn überall derselbe Kram angeboten wird und derselbe schlechte Service dahintersteckt, dann zählen nur noch Verfügbarkeit (Internet) und Preis (Internet, Outlets) als Kriterium, wo ich kaufe.
    Wenn eine Kette es schaffen würde, Online und Offline vernünftig zu verzahnen, z.B. durch QR-Codes auf Preisetiketten, über die ich z.B. eine nicht vorräte Größe des Artikels nahtlos per Internet bestellen kann, ohne dass das Ladengeschäft vom Onlineshop kannibalisiert wird, das wäre möglicherweise ein Knaller.

    Und wenn die Innenstädte bald nur noch aus Apotheken, Drogerien, Handy- und 1€-Städten bestehen, spielt es auch keine große Rolle mehr, ob wir auf dem Land oder in der Stadt leben. Hauptsache, der Netzausbau ist ok.

     
  35. opalkatze

    16. Juni 2014 at 10:50

    Erlebe ich genauso. Mit ausgelöst hat diesen Trend die Geiz-ist-geil-Mentalität der Käufer und der Listeneinkauf der Ketten – was nicht auf deren Bestell-Liste steht, gibt es nicht.

    Das dem Internet anzulasten, ist Unfug – eine sehr schlichte Verwechslung von Ursache und Wirkung.

     
  36. Jörg

    16. Juni 2014 at 13:07

    Aber ist das denn ein Problem? Normalerweise kaufe ich im Internet ein; wenn das nicht geht (z.B. weil ich die Ware mal „anfassen“ möchte oder meine Frau „bummeln“ möchte) lande ich – je nach Warenart – im Outlet-Center oder der nächsten Shopping-Mall. Alles an einem Ort, einheitliche Öffnungszeiten, ausreichend (kostenlose!) Parkplätze. Innenstadt steht praktisch nicht mehr auf dem Programm.

    Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Bedarfs? Real-Markt o.ä., natürlich auf der grünen Wiese.

    M.E. ist das Konzept „Innenstadt“ tot, es haben nur noch nicht alle gemerkt. Würde die Mehrheit anders „ticken“ als hier beschrieben wäre das wohl anders, aber am Sterben der Innenstädte ist doch das mangelnde Interesse an dieses ablesbar.

    Jörg

     
  37. opalkatze

    16. Juni 2014 at 13:40

    Das meinst du nicht ernst, dass es die Menschen nicht interessiert, wie ihre Innenstadt aussieht, oder? Die werden doch gar nicht gefragt.

     
  38. Wellithi

    16. Juni 2014 at 15:48

    Der Artikel ist auch hier verlinkt, http://wellethi.blogspot.de/ Dieser Blog widmet sich den Herausforderungen des ländlichen Raums. Wichtig sind die Entwicklungen von geeigneten Problemlösungen, diese können notfalls auch außerhalb.der Dörfer kommen.

     
  39. Jörg

    19. Juni 2014 at 10:04

    Doch, die werden gefragt. Die stimmen über ihr Kaufverhalten ab. Das Ergebnis ist – für „Innenstadtfans“ – ziemlich ernüchternd.

    Natürlich interessiert es die Menschen, wie „ihre“ Innenstadt aussieht. Allerdings betrachten zunehmend nur diejenigen die als „ihre“ Innenstadt die auch da – in der Innenstadt oder in Zentrumsnähe – wohnt. Den meisten anderen ist das m.E. vergleichweise egal, da Malls die bessere (erreichbarere, konzentriertere, oft preiswertere) Alternative darstellen.

    Jörg

     
  40. Andreas Moser

    21. Juni 2014 at 11:50

    Ich finde es normal, daß sich Strukturen ändern. Es gibt keinen Grund, warum jedes Dorf oder auch jede Stadt für immer überleben muß. Daß politische Entscheidungen die Dörfer kaputtmachen, sehe ich nicht unbedingt so. Die Pendlerpauschale z.B. hielt Dörfer über Jahrzehnte am Leben, weil man ohne sie die eingesparte Miete beim Tanken wieder voll verloren hätte.

    Ich habe in kleinen Dörfern, in Metropolen und in mittleren Städten gewohnt. Mein Hauptproblem am Dorf sind nicht die Einkaufsmöglichkeiten oder die Infrastruktur, sondern die Leute. Jeder weiß alles über jeden. Ich spüre keine Privatsphäre, sondern blanke Neugier. „Ach, Sie sind der, der nicht arbeitet,“ höre ich nach zwei Wochen schon von Wildfremden. Doch, ich arbeite schon, aber eben von zuhause aus. Deshalb sitze ich manchmal tagsüber auf dem Balkon.
    Und wenn man homosexuell oder Ausländer ist, dann spürt man die Abneigung in einem 1.000-Einwohner-Dorf mehr als in einer Großstadt, wo die Quote der Intoleranten vielleicht gleich hoch ist, aber man eben zahlenmäßig noch genug Gleichgesinnte findet.

    Manche kleinen Dörfer haben nur eine Zukunft als Filmkulisse.

     
 
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