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Liebe Wissenschaftler, tragt eure Debatten endlich nach draußen

18 Jun

Es gibt gerade im Medienbereich einen Haufen Probleme, die in den nächsten Jahren auch die Politik fordern und bestimmen werden. Vor allem die ungeklärten Fragen der Netz- und Medienpolitik, von den vielfachen Überschneidungen dieser beiden Bereiche bis zu verbraucherfreundlichen Lösungen für das Digitalzeitalter, müssen mit und in der Gesellschaft diskutiert werden. Doch debattiert wird nur in Fachkreisen. Die Verbraucher bekommen davon so gut wie nichts mit.

Natürlich gibt es viele Forscher, Institute und wissenschaftliche Einrichtungen, die sich mit allen Facetten dieser wichtigen Themen befassen. Sie tun das jedoch fast ausschließlich in einer völlig unzeitgemäßen filter bubble: Statt aktiv um Aufmerksamkeit zu werben und die Debatten nach außen zu tragen, lassen sie sich vom Kampf um Drittmittel und die Erwähnung in wissenschaftlichen Publikationen bestimmen. Forschungsaufträge, die Finanzierung von Projekten und die eigene Reputation sind wichtig, keine Frage. Wenn ihnen aber die notwendige Information einer breiten Öffentlichkeit untergeordnet und öffentlicher Konsens gar nicht erst gesucht wird, wenn Wissenschaft nur in einer abgeschirmten Parallelwelt stattfindet, läuft etwas gewaltig schief.

Es beginnt mit der Sprache, in der Veröffentlichungen gemeinhin verfasst sind: Sie ist rein fachbezogen, ‚akademisch‘, und damit nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich. Innerhalb der wissenschaftlichen Welt ist das in Ordnung. Aber: Muss man deshalb auch in populärwissenschaftlichen Artikeln Barrieren schaffen? Denkt niemand daran (von wenigen Ausnahmen abgesehen), dass die Öffentlichkeit sich für die Fragestellungen und mögliche Lösungsansätze interessieren könnte? Auch, wenn Universitäten die akademische Schreibe seit Generationen wie eine Monstranz der Absonderung vor sich her tragen: Akademiker sind doch intelligente Menschen. Sie können lernen, wieder einfaches Deutsch zu schreiben, um im Zweifel einen zweiten Text für Elli und Otto Normalleser zu verfassen. Schließlich liegt es in ihrem eigenen Interesse, Unterstützer zu finden. Notfalls müssen Übersetzer her, die das Fachchinesisch in lesbare, anschauliche Fakten und Sätze transponieren. Und Grafiken müssen nicht zwingend Balken und ein kleines „t“ rechts neben der x-Achse haben. Man kann sie auch einleuchtend und optisch ansprechend gestalten. Das Werkzeug dafür liegt überall im Netz herum.

Zweites Kommunikationsproblem: Viele Fachbereiche und -organisationen haben (immerhin!) Social-Media-Buttons auf ihren Websites – jedenfalls, wenn sie Websites haben, auf denen etwas anderes steht als Abstracts oder das Curriculum Vitae des Institutsleiters. Nur sind das ganz unsoziale Einbahnbuttons: Mit ihnen kann man den Artikel liken oder sonstwassen, aber eine eigene Twitter-, Google+- oder Facebook-Präsenz sucht man vergeblich dahinter. Selbst im seltenen Sonderfall werden nur Links zu Publikationen von Kollegen oder Veranstaltungshinweise getwittert, vorzugsweise in englischer Sprache. Das eigene Projekt wird kaum beworben. Lediglich im Twitterprofil steht verschämt ein Link zur ‚Homepage‘. Der verweist wiederum auf – na? Richtig, das Profil des Profs oder dessen ellenlange, aber gänzlich unverlinkte Liste der Veröffentlichungen und Vorträge.

Sogar Autoren, die eigene Social-Media-Profile haben, verstecken sich bei der Angabe von Website oder Twitteraccount lieber hinter den Webadressen ihres Instituts. Als ansprechbare Menschen hinter der akademischen Fachkraft kommen sie nicht vor. Diskussionen wird so wirksam aus dem Weg gegangen. Wenn man auch nur ein wenig über die deutsche Wissenschaftsszene weiß, ist das allzu verständlich. Wissenschaftsblogger Florian Freistetter beschreibt einen besonders krassen Fall:

Wer sich mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt oder ein [sic] gar ein Blog schreibt, der schadet damit im schlimmsten Fall der eigenen Karriere.

Liebe Rektoren, Präsidenten, Professores, Fachbereichsleiter und Prodekane, liebe Ministerin für Bildung und Wissenschaft: Ihr könnt es schon nicht mehr hören. Aber wenn so viele finden, dass die Amis das deutlich besser machen, könnte ja was dran sein, oder? Denkt doch noch mal ‚ergebnisoffen‘ darüber nach.

Kommt endlich aus euren Schneckenhäusern und in Fahrt. Wissenschaft wird, wenigstens noch teilweise, von Steuergeldern bezahlt. Sie ist interessant und kann sogar faszinierend sein. Wir sind nicht dumm, nur, weil wir eure Fachausdrücke nicht verstehen. Aber ihr seid mindestens ungeschickt, wenn ihr uns links liegen lasst und ein riesiges Potential einfach verschenkt. Jeden Tag warten wir im Internet begierig darauf, interessante Neuigkeiten zu lesen und zu teilen. Falls ihr das so nicht begreift: Mehr – öffentliche – Aufmerksamkeit bedeutet im Wissenschaftsbetrieb auch mehr Geld. Lasst uns endlich an euren Erkenntnissen und Plänen teilhaben. Sprecht mit uns. Erklärt, was ihr macht, und warum das wichtig ist. Begeistert uns!
 

Nachtrag, 16:05 (Link nachträglich oben eingefügt):

 

 
4 Kommentare

Verfasst von - 18. Juni 2014 in Kultur, Marketing, Medien, Web 2.0, Wissen

 

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4 Antworten zu “Liebe Wissenschaftler, tragt eure Debatten endlich nach draußen

  1. kultgenosse

    18. Juni 2014 at 18:05

    Ich glaube, das liegt einfach ein wenig an der Wissenschaftskultur der jeweiligen Fächern begründet. Meiner Erfahrung nach werden viele Arbeiten als Donwload angeboten. Die Transferleistung wird aber sicherlich auch dadurch verhindert, dass selbst bei sehr guten Schreibern die Fachsprache querschlägt und das zum Teil ungewollt. Auch konnte sich selbst der BdWi sich nicht durchringen, die Forderung nach der Gleichstellung der Veröffentlichungsorte (Zeitschriften. Bücher, Online-Dokumente) zu unterstützen. Aber ich denke, die Wissenschaft ist auf dem Weg.

     
  2. Stephan Goldammer (@StephGoldammer)

    19. Juni 2014 at 19:45

    Ich habe das vor einiger Zeit so formuliert: „Vorlesungsinhalte haben (noch) einen Vertrauensvorschuss, wenn aber dauerhaft Realität und Vorlesungsinhalt nicht in Übereinstimmung gebracht werden kann (z.B. in der Volkswirtschaftslehre, dort die sogenannte „Neoklassik“), haben beide Seiten verloren, die Öffentlichkeit verliert das Vertrauen und die Professoren ihre Glaubwürdigkeit. Welcher Wirtschaftswissenschaftler kann heute das Geld(system) so erklären, dass sich alle Widersprüche im Kopf auflösen? Wenn wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungsinhalte so gut sind, warum haben wir das ganze Finanz/Euro/Dollar/Shutdown/Staatspleite Schlamassel? Aus den Ökonomie-Studenten wurden die Führungskräfte von Wirtschaft und Politik. Auf welchem (stabilen?) Vorlesungs-Fundament steht die ökonomische Politik(beratung)? Die Vorlesungen müssen endlich Online sichtbar werden, denn über Unsichtbares kann man nicht diskutieren.“ http://goo.gl/0nLnx3

    Es müssen nicht zuerst die Diskussionen (psychologisch schwierig, da Abwehrhaltung) ins Netz, sondern die (fachlichen) Diskussionsgrundlagen, sprich die Vorlesungen + einer vernünftigen Kommentarfunktion. Eine 100-Seiten Vorlesungsskript lockt keinen hinterm Diskussions-Ofen hervor, eine Online-Vorlesung, wo die Worte direkt sichtbar einer Person aus dem Mund fließen, halte ich im Erstkontakt für viel ansprechender und für näher an dem, wie wir diskutieren wollen. Menschen wollen Menschen sehen.

    Gab es nicht von einem griechischen Philosophen den Spruch, er könne schriftlichen Texten nicht glauben, da er zur Wahrheitsfindung die Worte direkt von der Person hören muss (oder so ähnlich, ich finde die Passage auf die Schnelle nicht). Das ist natürlich Unsinn, aber vielleicht entspricht es eben mehr der Art, wie wir einen Diskussionseinstieg als angenehm empfinden. Also durch sichtbare Personen, nicht durch ihre Texte.

    Ein Blog ist eine Mischung, zwar viel Text, aber auch sehr viel Mensch mit drin. Ein Blog ist irgendwie raw, also rohes und direktes reden und diskutieren über Themen.

    Wichtig scheint mir vor allem die Zeitverzögerung, also nicht wie in der Vor-Ort-Realität, wo man immer sofort antworten muss, was gerade bei schwierigen Themen ein unsinniger Zwang ist. Eine Online-Vorlesung bietet mir eine diskussionsfördernde Kombination aus: 1. Ich sehe einen Menschen sprechen + 2. Ich kann auf seine Worte eingehen, muss aber nicht ad-hoc antworten, sondern kann erst mal selbst recherchieren + 3. Dritte können in den Dialog einsteigen.

     
  3. Joachim

    25. Juni 2014 at 12:46

    Oje Katze, was hast Du getan? ;-)

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/EU-Kommission-setzt-auf-Wissenschaft-2-0-2237711.html

    Wissenschaft 2.0, a) sei in Butter und b) wird nun alles noch besser. Noch mehr Studien? Wie die der Pharmaindustrie? War da nicht eine Diskussion um Kriterien und Objektivität von Studien? Oder auch eine Diskussion um Verlangsrechte an Wissenschaftlichen Arbeiten?

    Ich glaube, man kann jeden sinnvollen Gedanken in das Gegenteil verkehren.

     
 
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