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Bemerkenswert beleidigt

28 Nov

In einem offenen Brief an die Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr beklagt die 56-jährige Journalistin Gabriele Riedle ihre Entlassung aus der GEO-Redaktion. G+J baut Stellen ab, und die Idee, ausgerechnet die Leute zu entlassen, die sich mit ihrer Zeitschrift identifizieren und deren Gesicht prägen, ist nicht besonders clever. Doch darum geht es nicht. Es geht auch nur vordergründig um soziale Ungerechtigkeit und drohende Altersarmut. Mich befremdet die Klammer aus Larmoyanz, mit der Riedle ihre sachlichen Vorwürfe einfasst.

Es ist immer hässlich, seine Stelle zu verlieren, mit Anfang 20 („nach der Journalistenschule“) nicht weniger als mit 40 oder 56. Aber mit welcher Berechtigung beklagt sich Riedle bei Julia Jäkel über ihre eigene Blauäugigkeit, nicht vorgesorgt zu haben? Unsere Generation kennt noch diese „ewigen“ Arbeitsverhältnisse. In den letzten 20 Jahren haben die meisten allerdings mitbekommen, dass die Arbeitswelt sich verändert. In dieser Zeit hätte es Riedle dämmern können, dass fürsorgliche Arbeitgeber, sichere Arbeitsplätze und die Aussicht auf eine auskömmliche Rente zu immer weniger Ausnahmen wurden. Jeder musste sich nun Gedanken machen, wie er im Alter leben möchte, und was er für seine Absicherung tun kann. Dass Arbeitgeber keine verlässlichen Partner mehr sind, sollte einer Journalistin auffallen.

Wie viele andere, habe ich lange Jahre mein gutes Gehalt mit vollen Händen ausgegeben. Es war herrlich. Natürlich tue ich mir auch manchmal furchtbar leid, weil ich so saudumm war, nichts zurückzulegen. Dann höre ich traurige Musik, bade heiß und trinke zu viel Rotwein. Am nächsten Tag geht es weiter, Leben ist so. Einen Jammerbrief schreiben? Offen auch noch? Beleidigt sein, weil schlimme Dinge nur anderen passieren? Weil ich zu kurz gedacht habe? Oft lohnt es sich, die eigene Nase einer aufmerksamen Begutachtung zu unterziehen.

  • Jürgen Kalwa hat auf American Arena u. a. über die Entstehung dieses Besitzstandsdenkens geschrieben

 
34 Kommentare

Verfasst von - 28. November 2014 in Journalismus, Leben, Menschen

 

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34 Antworten zu “Bemerkenswert beleidigt

  1. madameflamusse

    28. November 2014 at 14:24

    Ich habe manchmal so das Gefühl das genau diese Generation und vorallem die die Geld verdienen (gut verdienen), nicht wirkleich eine Ahnung haben was in der Realität sonst so vor sich geht zum Thema Arbeit und Geld. Rente? Keine Ahnung was das sein soll, also ich werd so wie es jetzt aussieht keine bekommen.

    Auf der anderen Seite kann ich den Schock schon gut verstehen, vorallem wenn man dachte man gehört wo dazu nd jetzt wird man ohne Rücksicht aussortiert, das tut weh.

     
  2. opalkatze

    28. November 2014 at 14:31

    Ja, natürlich, darum geht bei meiner Kritik aber nicht. Finde es schwierig, andere für meine eigenen Fehler verantwortlich zu machen.

     
  3. madameflamusse

    28. November 2014 at 14:33

    Ja na sicher, generell ist das immer wieder ein Thema. Selbstverantwortung. Mir ist beim lesen des Textes aber das jetzt gar nicht so entgegengesprungen. Aber ich hab auch nur quergelesen weil mir das zu lang war.

     
  4. opalkatze

    28. November 2014 at 14:39

    Vielleicht ist es mir aufgefallen, weil ich es mit meiner und der Situation anderer Kollegen vergleiche. Ich kenne beides, die über Jahre gesicherte Stellung mit wirklich gutem Verdienst, und die Arbeit als ältere Freie. Da hast du das Problem dauernd, entweder läuft es, oder du musst überlegen, wie du das Katzenfutter bezahlst.

     
  5. madameflamusse

    28. November 2014 at 14:50

    Meistens fällt einem das auf was mit einem zu tun hat. Ja. Geld, jip grade im Dezember ein mieses Thema. Ich bin schon lange Arbeitslos und so mit nebenselbstständig ist auch nicht der Hit. Ich weiß also ungefähr von was Du sprichst.
    Ich versuche grade an meinen Glaubenssätzen bezüglich Geld zu arbeiten und überhaupt hab ich mich die letzten 1,5 Jahre viel mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Bewertung von Geld und Arbeit, was Arbeit ist, und wie ich weg komme von den monatlichen Panikattacken. Es läuft ganz gut, macht aber Arbeit *hihi* der Kreis shließt sich fast immer. Vielleicht bewirbst Du Dich auch bei „Mein Grundeinkommen“, ich werds wieder versuchen. Oder vielleicht doch ein Kredit – zumindest seit ich das Buch „Raus aus dem Geldspiel“ so ca. 2/3 gelesen habe, macht mir das nicht mehr soviel Angst.
    Ich wünsch Dir schon mal einen schönen ersten Advent!

     
  6. Erbloggtes

    28. November 2014 at 16:45

    Ich finde das schon auffällig und bezeichnend, wenn Journalisten und Journalistinnen an „fürsorgliche Arbeitgeber, sichere Arbeitsplätze und die Aussicht auf eine auskömmliche Rente“ glauben wollen. Die Realitätsverleugnung, die da drinsteckt, betrifft ja nicht nur sie selbst, sondern auch die Berichterstattung, zum Beispiel über Arbeitskämpfe und fiese Gewerkschaften usw. Und nach meinem Eindruck stehen Journalisten der Gewerkschaftsbewegung überwiegend ebenso fern wie z.B. wissenschaftliche Mitarbeiter an Unis (die auch gerade den Arsch hoch bekommen?). Diese Berufsgruppen haben ein ähnliches gesellschaftliches Bewusstsein wie Beamte. Nur ohne deren ökonomische Absicherung durch den Staat.

     
  7. ninjaturkey

    28. November 2014 at 16:58

    Ich habe auch jemanden in der Familie, der sich auf übelste über streikende Piloten und Lokführer aufregt. Selbst war er ehemaliger Angestellter der unteren Mittelklasse in einem internationalen Konzern. Schon vor seinem 60sten ging er abschlagsfrei und mit einer zusätzlichen betrieblichen Altersversorgung in den Ruhestand (damals gab es noch Geschenke, wenn man die Mitarbeiter vor der zeit rausgekantet hat). Dass sich die Zeiten dramatisch geändert haben, übersieht er seit 20 Jahren aktiv. Und dass nicht er sich seine satte Rente erarbeitet hat (die ich ihm wirklich gönne), sondern wir (alle) das Monat für Monat tun, versteht er auch nicht.
    BTW – bin seit über 25 Jahren selbständig und kenne alle Höhen und Tiefen des Daseins ohne Netz und doppelten Boden. Nach all der Zeit kratzt zwar immer noch ab und zu das Konto am unteren Ende des Dispos, aber man lernt damit umzugehen und der altgediente Kundenbetreuer meiner Bank hat Nerven wie Stahlseile (bekommen). Manchmal kommt man auf einer Party mit gut versorgten Angestellten ins Gespräch und fühlt sich dann wie Chuck Norris mit den Teletubbies. ;-)

     
  8. opalkatze

    28. November 2014 at 17:17

    @Erbloggtes
    Guter Gedanke. Zu der teils abgehobenen Berichterstattung kommt vielleicht noch das Bewusstsein, „vierte Gewalt“ zu sein. Auch das verändert sich ja.

    Gewerkschaften sind im Journalismus ein Thema für sich. Der DJV hat ca. 36.000 und die dju (ver.di/DGB) ca. 22.000 Mitglieder. Wie weit man deren Handlungen in den letzten Jahren als gewerkschaftlich im herkömmlichen Sinn einstufen möchte, überlasse ich dem interessierten Rechercheur (z.B. LSR). Hat Gründe, dass ich bei den winzigen, aber frechen :Freischreibern bin (sie nehmen nur Freie auf).

     
  9. schneeschmelze

    28. November 2014 at 20:32

    Ja, Realitätsverleugnung. So würde ich es auch sehen. Wenn man bis 56 braucht, um zu bemerken, daß „alles umsonst war. Nicht nur die jahrzehntelange journalistische Erfahrung, der Hochschulabschluss, die Kenntnis mehrerer Sprachen, die journalistischen und literarischen Preise, die mir in dieser Hinsicht nun nichts mehr nützen“. Und so, wie sie über sich schreibt, lasen sich ja auch immer die Stücke, die das Blatt, für das sie gearbeitet hatte, eben so brachte. Die Edelfedern im Wolkenkuckucksheim bekommen mal etwas frische Lust zu spüren, während das halbe Volk schon seit zehn Jahren auf Sozialhilfe gesetzt worden ist. Ob aber Gewerkschaften dagegen helfen? – Karsch wiegte skeptisch den Kopf.

     
  10. opalkatze

    28. November 2014 at 20:47

    Nahmt, @Karsch :)
    Journalistengewerkschaften eher nicht, allerdings sind auch die Klunckers ausgestorben. Die Gewerkschaften haben viel zu viel freiweillig hergegeben und sind auf ihrer Schröder-Gläubigkeit wie auf einer ekligen Bananenschale ausgerutscht.

     
  11. schneeschmelze

    28. November 2014 at 21:07

    Schröder-Gläubigkeit war ja auch immer ein Wahrzeichen des Hauses G+J, das da so angegangen wurde. Je länger mir der Text von der Dame durchn Kopf geht, umso mehr verstehe ich übrigens, wie solche Zeitungen zustande kommen. Die glauben das wirklich, nicht nur, weil sie dafür bezahlt werden. Sondern sie werden in dieser Weise dafür bezahlt, damit sie dieses Leben Marke Freie Welt (Franz Josef Degenhart) zu ihrem Leben gemacht haben. Ideologisches Bewußtsein der Bourgeoisie hatte das mal einer genannt – wer was das noch gleich? Das gibt es, in aller Öffentlichkeit. Und das braucht nun keiner mehr. So wie der Sozialstaat der Bonner Republik sich ja auch nach 1989 überlebt hatte und endlich abgeschafft werden konnte. Samt den Gewerkschaften. Was aber bei Frau Riedle 25 Jahre lang nicht angekommen war. Die müssen dort ja wie in einem Parallel-Universum gesessen haben. Als hätte die Zeit stillgestanden in den Redaktionen bei G+J. – Das ist ja Realsatire, wirft Korsch aus dem Hintergrund ein. – ?! … ! – Karsch wandte sich ab.

     
  12. dorabella

    28. November 2014 at 21:50

    Einspruch. Wer verleugnet hier die Realität? Von den KollegInnen, die ich kenne – Disclaimer: bin selber Journalistin, zum Glück noch fest angestellt – tut das keine/r. Die Medienkrise hat ja nicht erst vorgestern begonnen, und sie trifft vor allem diejenigen, die mehr oder weniger frei arbeiten. Und zwar auch diejenigen, die, wie die Kollegin Riedle, gefragt waren und sind, weil sie ihr Handwerk verstehen. Seit über einem Jahrzehnt schmelzen die Honorare dahin wie die Eisschollen im Nordpolarmeer, und die Arbeitsbedingungen werden auch nicht besser. Und das nicht nur bei den gebeutelten Tageszeitungen, sondern auch bei den Medien, die finanziell noch ganz gut gepolstert sind. Wisst ihr, was die ehrwürdige ZEIT für ein Dossier zahlt? Oder der ÖR-Funk für ein Dreiviertelstunden-Feature? Ganz bestimmt kann man mit solchen Beträgen kein Leben in Wolkenkuckucksheim finanzieren, und nur mit Glück bleibt am Ende des Monats noch was für die Altersversorgung übrig. Ich finde, man darf auf diese Tatsachen hinweisen, ohne gleich als „larmoyant“ beschimpft zu werden.
    Ja, natürlich kann man jetzt sagen: Wenn ihr nicht genug verdient mit dem Job, sucht euch halt einen anderen. So geht Marktwirtschaft. Aber ehrlich: Wäre es wirklich wünschenswert, dass Journalismus, der freie vor allem, nur noch ein prekärer Berufsstand ist? Oder ein Hobby für die Kinder gut situierter Eltern? Wer gerne gut recherchierte und geschriebene Geschichten liest oder anhört – sie müssen ja nicht gleich als „Vierte Gewalt“ daherkommen – kann doch eigentlich nichts dagegen haben, dass die auch anständig bezahlt werden.

     
  13. opalkatze

    28. November 2014 at 22:03

    @Karsch
    Versteh mich bitte richtig: Die sachlichen Anwürfe gegen G+J finde ich völlig verständlich. Es wird seit ca. zwei Jahren eine Redaktion nach der anderen aufgelöst und ein Blatt nach dem anderen zum Zombie. Dagegen ist jeder Protest mehr als berechtigt.

     
  14. opalkatze

    28. November 2014 at 22:19

    @dorabella
    Auf der ganzen Linie einverstanden. Du beschreibst aber eine ganz andere Einstellung, als Frau Riedle in ihrem Brief. Diesen Frust kennen und haben viele von uns.

    Gerade den Freien und den Jüngeren ist klar, dass das alles eine wacklige Angelegenheit ist. Dennoch halten erstaunlich viele Journalist/in zu Recht immer noch für den tollsten Beruf der Welt – obwohl sie immer wieder gefragt werden, ob sie sich das wirklich antun wollen. Das ist eine ganz andere Haltung.

     
  15. Joachim

    2. Dezember 2014 at 13:53

    Bei aller Zustimmung muss ich doch sagen, es ist nicht nur hässlich seinen Job mit >50 zu verlieren. Es ist das „Todesurteil“ oder wenigstens seit Jahren mit erheblichen Einschränkungen verbunden. Es ist Tatsache, dass “ewige” Arbeitsverhältnisse von sogenannten Arbeitgebern (wer gibt eigentlich seine Arbeit?) bevorzugt werden, solange man davon profitiert (und ja, manchmal auch, weil der „Arbeitgeber“ Verantwortung zeigt – es gibt niemals nur eine Seite). Ich habe meinen Chef gefragt: „Dein Haus, Dein Auto, Dein …“ wer hat’s erarbeitet? Er so wenig alleine, wie ich. Sakrileg und Unverschämt?

    Kein Sakrileg ist es, gekündigt zu werden weil die Redaktion nur noch 5% einbringt und damit geschlossen wird? Du redest von Larmoyanz. Ich würde sagen, dass ist eine Konzession an den Arbeitgeber, damit ihm nicht gleich der A***h auf*****en wird. Nicht weil man selbst gekündigt wurde. Sondern weil das Management die Dinge vor die Wand fuhr und nun die Schuld an den „kleinen Angestellten/Arbeiter“ delegiert. Der Kleine, der wenigstens mehr als 1/3 des Tages, seines Lebens hergibt, auf seine Familie, seine Kinder verzichtet, stets loyal ist, die „Schläge“ einsteckt wenn er ob seiner Sachkenntnis warnt und dann plötzlich, nicht mehr sexy, nicht mehr jung und dynamisch, mit viel zu viel Lebenserfahrung um Unsinn noch zu dulden, geschasst wird.

    Aus dieser Sicht ist Larmoyanz eine Gnade.

    Aber Recht hast Du schon. Larmoyanz ist der Glaube daran, das es anders hätte gehen müssen und dass es Gerechtigkeit gibt. Es gibt sie nicht. Grund genug, ein wenig zu weinen.

     
  16. opalkatze

    2. Dezember 2014 at 14:38

    @Joachim
    Dann lies mal, was im letzten Jahr bei G+J/Bertelsmann abging. Vor die Wand gefahren? Eher Jammern auf höchstem Niveau – „lerne klagen, ohne zu leiden“.

     
  17. Joachim

    2. Dezember 2014 at 15:30

    @opalkatze, ja. Meine Anspielung bezog sich auf eine lokale Redaktion, die (schon vor Jahren) aufgekauft wurde und sofort wegen nur 5% Gewinn die Leute entlassen wurden. Die Krise der Medien ist zu einem guten Teil eine Managementkrise nach dem Motto: wer keine 20% erwirtschaftet ist ja doof…

    Manager haben niemals ein ewiges Arbeitsverhältnis. Die rotieren nach wenigen Jahren automatisch. Jedes mal dann, wenn sie nach aktueller Bilanz ganz gut dastehen hinterlassen die ihrem Nachfolger verbrannte Erde. Damit der dann später auch „gut“ dasteht werden dann z.B. Leute entlassen, Lager aufgelöst, Tafelsilber verkauft und irgendwie gespart, koste es was es wolle. Nach mir die Sintflut. Man meint, das sei sogar „logisch“, denn die anständige Konkurrenz überlebt das nicht. Dummerweise macht die es genau so und dummerweise geht die Qualität derart den Bach runter, dass niemand mehr das „Produkt“ kaufen will. Interessanterweise schafft man dann das unwirtschaftliche Produkt (+Belegschaft) ab…

    Ach ja, sorry, „Jammern auf höchstem Niveau“. Du sagst es. Nur irgendwie werden die Zeitungen nicht besser…

     
  18. opalkatze

    2. Dezember 2014 at 17:56

    @Joachim
    – aber so bleibt mehr Geld, entweder für die Aktionäre, oder, bei Bertelsmann, für weitere Zukäufe. Ist das nicht schön? Und unterdessen denken sie nach, wie man das ganz ohne feste Angestellte machen kann, denn das kostet ja nur.

     
  19. Joachim

    3. Dezember 2014 at 12:23

    @opalkatze, Vorweg, sorry für meine andere Sicht. Ich will Dich nicht kritisieren.Das ist nur eine andere und nur eine persönliche Sicht, zu der auch Du mir verholfen hast.

    Gerade habe ich mir den offenen Brief noch einmal durchgelesen. Ich würde sagen, Riedle ist eine Meisterin ihres Fachs. Sie schreibt sehr persönlich, nutzt ich-Botschaften und bringt Fakten aus ihrer Perspektive. Und sie beschreibt, was die Kündigung mit einem macht. Diesmal nicht aus der Sicht einer Bäckersfrau, das sind wir ja schon „gewohnt“, sondern aus der Sicht eines Menschen mit Hochschulabschluss, mehrere Sprachen sprechend, ein Preisträger, jemand, der es geschafft haben sollte und dessen Welt nun zerbröselt. Und sie schönt nichts. Sie kritisiert unsere ganze „optimierte“ Arbeitsgesellschaft, ohne direkt anzuklagen.

    Natürlich, der „Bäckersfrau“ geht es schlimmer. Es ist richtig, sie hätte vorsorgen müssen, sich etwa die reduzierte Arbeitszeit nicht gefallen lassen dürfen. Sie hätte vielleicht mehr Ellbogen ihren Kollegen gegenüber haben müssen, statt in Afghanistan herumzukriechen an ihrer Karriere arbeiten müssen. Dann hätte sie Leute entlassen können, statt selbst entlassen zu werden. Bei Geld hört Freundschaft eben auf.

    Mir scheint, das alles ist nicht ihr Ding. Mir scheint diese Frau menschlich. Und mir scheint, dass es vielen, besonders Frauen, so geht. Es ist eine emanzipatorische Sache. Emanzipatorisch, nicht nur, aber sicher auch aus der Sicht der Rechte von Frauen. Es geht darum, dass jeder Mensch das Recht hat, wertgeschätzt zu werden. Nicht wegen der Leistung seines Bankkontos, viel mehr leisten die „durchschnittliche“ Leistungsträger selten, sondern wegen eines menschlichen Selbstverständnisses. Bleibt Wertschätzung aus, wird man sogar gekündigt, so nagen Selbstzweifel, Schuldgefühle und die Frage „hätte ich doch“. Vielleicht liebte sie einfach ihren Job und trauert auch deshalb? Ich denke, sie darf das.

    Ich weiß nicht, ob ich Frau Riedle verstehen würde, ich weiß nicht, ob ich mit ihr reden wollte und ob ihre Sicht der Welt etwas mit der Meinen zu tun haben könnte. Ich weiß nicht einmal, ob sie ihr Schicksal vielleicht doch „verdient“ hat weil sie dem Verlag zu wenig einbringt. Ich denke auch, dass sie immer noch in einer elaborierten Position ist, so sie ihre Selbstzweifel in den Griff bekommt.

    Denn „Richtig“ zu sein scheitert immer und gleichzeitig niemals und irgendwo scheint sie mir „richtig“.

    Selbst wenn sie irgendwo naiv wäre, dann gehört es zu ihrer Persönlichkeit. Wäre das ein Verbrechen? Eine Rechtfertigung sie „rechtzeitig“, vor Ablauf der 15-Jahre zu entlassen? Oder ist das nur die Möglichkeit, mit ihr so umzuspringen?

    Ich weiß auch, dass das Wort Solidarität in Deutschland gestorben ist. Ich weiß, dass besonders Frauen darunter leiden, besonders einfach Nachteile, geringeren Lohn, weniger Aufstiegsmöglichkeiten und frühere Kündigungen erfahren. Möglicherweise kommt daher die „Larmoyanz“ und vielleicht ist sie weiblich. Dann ist sie eine Stärke und keine Schwäche. Vielleicht kommt „Larmoyanz“ daher, dass sie nicht „zuschlagen“ will. Ich sagte schon, dann ist sie eine Gnade für die, die eben nicht „richtig“ sind.

    Möglicherweise sollte man den Hut vor ihr ziehen.

     
  20. opalkatze

    3. Dezember 2014 at 15:44

    @Joachim
    Kann mit Selbstmitleid nichts anfangen, hilft niemandem. Alle anderen Punkte okay, aber die Mischung macht’s. Und nein, Larmoyanz ist nicht weiblich. Guck dir mal Kerle mit Erkältung an: Mit dem gleichen Aufwand kriegen Frauen Kinder.

     
  21. Joachim

    3. Dezember 2014 at 16:43

    Halt halt, Katze, das war ein Missverständnis. Meine Schuld. Larmoyanz ist sicher nicht weiblich. (…emanzipatorische Betrachtung gestrichen … bin da leider als Mann nur unzureichend kompetent)

    Es ist nur der Effekt, dass Aggression, die nicht nach außen dringen kann oder darf sich nach innen richtet. Natürlich ist das ein „Fehler“. Allerdings ein vollkommen logischer Fehler. Ein Fehler, der in der Regel den Aggressor schont – was es sicher nicht besser macht.

    Muss ich noch sagen, dass ich Deine Einstellung im den Blogtext trotzdem und gerade nachvollziehen kann? Dass sie vollkommen richtig ist, wenn es darum geht, dass es weiter gehen muss. Keine Frage.

     
  22. opalkatze

    3. Dezember 2014 at 18:01

    @Joachim
    Fand @Erbloggtes‘ https://opalkatze.wordpress.com/2014/11/28/bemerkenswert-beleidigt/comment-page-1/#comment-17615 und @Schneeschmelzes https://opalkatze.wordpress.com/2014/11/28/bemerkenswert-beleidigt/comment-page-1/#comment-17618 Kommentare interessant bzgl. des Zusammenhangs mit der Weltsicht, die auch Berichte beeinflusst.

     
  23. Joachim

    3. Dezember 2014 at 19:14

    @opalkatze: Also eine gerechte Strafe? dafür, dass die Redaktionen über Jahre in der einer Art Blase, in der eigenen Weltensicht-Cloud sitzen und geschockt sind, wenn sie selbst betroffen sind? Strafe dafür, dass die Verlage diese Blase geschaffen haben und so für ihr eigenes Sterben verantwortlich sind? Strafe für Gier, die schon lange Grund für die Situation eines großen Teils der Menschen verantwortlich ist?

    Da ist was dran, ist mir (nicht nur) in letzter Zeit gerade bei (meinem geliebten) Radio aufgefallen. Besonders wenn sie sich in das Internet wagen und in der „Toeranzwoche“ drohen, Kommentare zu „Intolerieren“. Dann noch berechtigte Rügen vom Presserat an das TV. Dazu sind ehemals wirklich legendäre Zeitungen heute unbrauchbar für mich oder ganz verschwunden. Heute frage ich mich aber auch, ob sie jemals brauchbar für mich waren. In meiner Erinnerung fing das damals mit der WZ an. Dann hier zwei konkurrierende örtliche Zeitungen, die zusammen aufgekauft wurden und das links, rechts Spielchen nur noch zum Schein aufrecht erhielten. Es gibt sie noch. Aber eigentlich gibt es sie nicht mehr.

    Das werden die Redakteure, selbst wenn sie entlassen wurden, wenigstens zum Teil anders sehen. Es ist schon schwierig mit der Objektivität, selbst dann, wenn einen die Realität einholt.

     
  24. opalkatze

    3. Dezember 2014 at 19:50

    @Joachim
    Eine Entlassung wegen Expansionsgelüsten des Arbeitgebers kann niemals gerecht sein, erst recht nicht, wenn die entlassen werden, die den Erfolg geschaffen haben. Nein, ich meinte den Gedanken, dass sich das Besitzstandsdenken auch in der journalistischen Arbeit abbildet. Du denkst immer gleich zwei Nummern größer. ,)

     
  25. Joachim

    4. Dezember 2014 at 10:32

    @opalkatze, mag sein. Doch diesmal meinte ich das (auch) genau so. Lässt sich das genauer definieren? Was ist der konkrete Vorwurf? Wie verändern sich Nachrichten durch Besitzstandsdenken? Und wie legitim ist das vielleicht, wenn man mal etwa den Münchener Merkur betrachtet? Wer kann aus seiner (politischen) Haut raus?

     
  26. opalkatze

    4. Dezember 2014 at 17:59

    @Joachim
    Dass jeder mit seiner eigenen Agenda im Kopf unterwegs ist – klar, das ist aber nicht der Punkt. @Erbloggtes hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht durch seine Vorgabe Besitzstandsdenken ↔ Ablehnung sozialer Bewegungen, mangelnde Empathie. Darauf kaue ich jetzt mal rum.

     
  27. Joachim

    5. Dezember 2014 at 11:37

    „mangelnde Empathie“, ja ja, das ist ein Thema. Ich frage mich nur, ob Menschen nicht so sind und frage, ob das überhaupt mit Journalismus zu tun hat. In Utopien werden oft genug Gesellschaften beschrieben, die blind dem System angepasst sind, solange sie darin leben. Und dann kommt jemand, in der Regel der „Held“, plötzlich nicht mehr damit zurecht. In der Schlussszene geht dann die Sonne an einem neuen Morgen auf.

    Eine elaborierte Position ist immer ungerecht. Sie verändert immer das eigene Denken. Eine Revolution schafft neue elaborierte Positionen. Und der Kreislauf fängt von vorne an. Möglicherweise ist es nicht falsch, mal zwei Nummern größer zu denken. So ganz praktisch, was Arbeitslosigkeit bedeutet etwa. Einfach jemanden an die Hand zu nehmen, weil es einfach richtig ist.

    Aber gut, dann kau mal, spuck’s aus und lass es uns wissen.

     
  28. Fred

    7. Dezember 2014 at 09:38

    Tut mir echt leid, aber mein Mitleid haelt sich in grenzen. Ist doch ihr weinerlicher, voller selbstmitleid geschriebener Brief auch jetzt noch, wo sie selbst die Bitterkeit des Praekariats zu spueren bekommt, voller abgehobener akademischer Standesduenkel und Entsolidarisierung.
    „…denn warum trifft es gerade mich?“ Ja warum nicht- Gegenfrage…
    Ihre Frage ist ein klassisches Beispiel der abgehobenen Mittelklasse (oder die, die sich dafuer halten) die sich jahrelang, als es ihnen noch gut ging, in Selbstgerechtigkeit gesuhlt haben. Denn es trifft ja immer die „Anderen“, nie einen selbst da man ja „hoechst Qualifiziert“ (Generalisiert) ist. Mit so einer Wahrnehmung hat man sich dann genuesslich Entsolidarisiert gegenueber dem „Pack“, dem „Poebel“.
    Wie heisst das noch gleich? Hochmut kommt vor dem Fall…

    PS: Versuchen sie mal mit akadem. Anschluss (damals 40 Jahre alt, da zweiter Bildungsweg) auch tatsaechlich einen relativ gutdotierten Job zu bekommen, von einer „Arbeit“ will ich garnicht erst reden.
    Wenn ich heute via Leiharbeit irgendwo im Lager arbeite, dann verschweige ich meine zwei Ausbildungen im CV da du deine Einstellung gleich vergessen kannst. Nebenbei habe ich trotzdem vorgesorgt, das reicht zwar fuer Deutschland nicht aus, aber die Welt ist ja, sie wissen das ja, ziemlich gross.
    PPS: Auch sehr „schoen“ wie sie Arbeit definieren, erzaehlen sie diesen Quatsch mal einem Menschen der seit Jahren in der Produktion arbeitet und dessen Arbeit bei weitem nicht so spannend, dennoch nicht weniger wichtig, ist.

     
  29. Jürgen Kalwa

    7. Dezember 2014 at 14:33

    Habe den obigen Artikel übrigens verlinkt (https://americanarena.wordpress.com/2014/12/06/ausholzen-am-baumwall/). In einem Text, der sich mit der Denkkultur von angestellten Journalisten bei Gruner & Jahr beschäftigt.

     
  30. opalkatze

    7. Dezember 2014 at 22:26

    @Jürgen Kalwa
    Artigen Dank!

     
  31. Wolfgang Wegener

    15. Dezember 2014 at 12:01

    Als Nicht-Journalist kenne ich mich bei Geo zwar nicht aus. Ich habe aber hier ein wenig Kontakt zu einer eher ausgedünnten Lokalzeitungsredaktion, die jeden Tag gefüllt werden will, und deren Mitarbeiterprofil durch den Begriff Multitasking-Fähigkeit nur unzureichend beschrieben ist.

    Ich finde jedenfalls den Satz Gabriele Riedels: „Gerade deshalb, weil ich hochqualifiziert bin und sich der Kreis möglicher Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum damit auf eine Handvoll beschränkt. Ein Lokalblatt wird keine ehemalige Geo-Reporterin einstellen.“ irgendwo zwischen Dünkelhaftigkeit und Ahnungslosigkeit angesiedelt.

     
  32. Elsa

    5. Januar 2015 at 22:38

    „Journalismus ist nicht nur ein Beruf, es ist auch eine Art, zu leben“, hat mal ein Kollege gesagt, dessen Namen mir entfallen ist. Mit 56 Jahren zieht Frau Riedle, die im Gegensatz zu vielen anderen freien Journalisten auf über 14 Jahre Festanstellung und viele spannende Reportagereisen zurückblicken kann, nun eine bittere Bilanz: „Alles umsonst.“ Wie sie dazu kommt, ist absolut unverständlich. Sie hat weder „umsonst“, also ohne Honorar, Texte verfasst noch empfindet sie hoffentlich ihre bisherige Arbeit als vergebens.Julia Jäkel ist sicher nicht für einen ganz persönlichen Lebensentwurf verantwortlich zu machen, der auf eine Alimentierung durch G+J bis zum Rentenalter setzte. Aber die Beamtenmentalität der festangestellten Journalisten auf den Fluren der ARD-Anstalten und Verlagshäuser ist zum Gruseln. Wie man mit einer solchen Haltung in Dritte-Welt-Ländern unterwegs ist und Texte schreibt, will man sich als Kollegin und Leserin dann nicht vorstellen. Wer als Journalistin den Anspruch hat, das eigene (Berufs)Leben sollte fern aller Verunsicherung in geregelten Bahnen verlaufen, der hat wirklich umsonst gelebt und geschrieben.

     
  33. opalkatze

    13. Januar 2015 at 12:50

    @Elsa
    Ich glaube, da gibt es (mittlerweile?) bei Freien ein ganz anderes Bewusstsein als bei Festen (das mit der Beamtenmentalität ist zwar fies, passt aber). Die Jüngeren scheinen das realistischer zu sehen, jedenfalls die, die ich kenne. Die sagen „trotzdem“ und machen einfach, weil sie von vornherein wussten, dass sie einen unsicheren Beruf haben. „Was kann mir schon passieren?“ halte ich für die gesündere Einstellung. ,)

     
  34. opalkatze

    13. Januar 2015 at 12:52

    @Wolfgang
    Hm, zwischen diesen beiden Alternativen läge noch die Ignoranz …

     
 
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