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Herrmann: Bei Depression Berufsverbot

10 Apr

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ist schon häufiger durch originelle Ideen aufgefallen. Sein neuester Vorschlag: Depressiven sollte – natürlich erst nach gründlicher Prüfung – doch einfach ein Berufsverbot erteilt werden können.

Wir haben bis jetzt in Deutschland genau einen bekannt gewordenen Fall, dessentwegen über solchen Unfug überhaupt laut sinniert wird. Ohne jegliches Maß wird eine große Personengruppe ganz bewusst stigmatisiert. Schlimmer noch: All die winzigen Fortschrittchen, die es bei der Akzeptanz von Depressionen seit dem Freitod des Fußballers Robert Enke gab, werden damit negiert. Für einen bairisch-markigen Spruch werden den leidvollen persönlichen Einschränkungen durch die Krankheit nun auch noch Existenzangst und der Stempel des potentiell Kriminellen hinzugefügt. So viel Verantwortungslosigkeit können sich nur Schreihälse leisten, in deren Weltbild die Befindlichkeiten echter Menschen schon lange dem Vorrang des Dauerwahlkampfs gewichen sind.

Wie viele unter ständigem Druck stehende Politiker mögen wohl selbst betroffen sein? Immer ängstlich auf der Hut, dass niemand „was merkt“? Sicher ist jedenfalls, dass in jedem bayerischen Festzelt mindestens ein Depressiver mit am Stammtisch sitzt. Der wird sich nun auch lieber still davonmachen, statt Hilfe zu suchen. Pfui, Herr Herrmann, schämen Sie sich.

 
Wer sich informieren möchte:

@Fischblog hat noch eine sinnvolle

ICD ist die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, die Zahl bezeichnet die jeweils geltende Version (10 = Ausgabe 2012)
 

 
14 Kommentare

Verfasst von - 10. April 2015 in Kaffeesatz, Kultur, Politik, Wissen

 

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14 Antworten zu “Herrmann: Bei Depression Berufsverbot

  1. Heide Helga

    10. April 2015 at 16:25

    Hat dies auf Heide Helga rebloggt und kommentierte:
    Das wäre dann ein hausgemachter Personalnotstand in allen Berufsgruppen. Die Sozialkassen würden sich freuen…

     
  2. opalkatze

    10. April 2015 at 16:38

    Eben. Im Prinzip ist das alles so bodenlos dumm, dass ich mich gar nicht aufregen sollte.

     
  3. atarifrosch

    10. April 2015 at 16:40

    Nicht berücksichtigt wird dabei auch, daß es unglaublich schwer ist, tatsächlich Hilfe zu bekommen. Gerade gestern ging der Blogartikel einer Frau über Twitter und andere Medien, die bereits seit NEUN JAHREN versucht, einen Therapieplatz zu finden: Eure Awareness kotzt mich an.

    Letztendlich ist das ja politisch gewollt. Die Krankenkassen dürfen vieles nicht (mehr) bezahlen, dazu gibt es viel zu wenig zugelassene Therapeuten. Und auch andere Hilfsmittel sind unerreichbar: Ich versuche schon länger, eine Lichttherapie-Lampe zu bekommen. Die Krankenkasse lehnte mehrfach ab: Die Wirkung sei angeblich nicht erwiesen. Das ist zwar gelogen, aber spart natürlich Geld.

    Davon, daß gerade Hochrisikogruppen (für Depression und Suizidalität) noch stärker ausgeschlossen werden, reden wir noch gar nicht. Wer Depressionen behandeln kann, kommt noch lange nicht auf Homosexualität, Transgeschlechtlichkeit oder Autismus klar (als Beispiele). Der bei Depressionen übliche Rat, doch mal unter Leute zu gehen, ist für Autisten beispielsweise eine Aufforderung, sich bewußt einer Überforderungssituation auszusetzen und damit direkt in den Overload und den Zusammenbruch zu laufen. Therapeuten kapieren das üblicherweise nicht.

    Der Hinweis, irgendwo anrufen zu können, ist übrigens gerade in schwereren Fällen meist eher fehl am Platze und hat etwa die gleiche Wirkung, wie wenn Du jemandem mit einem Beinbruch dazu raten würdest, zum Krankenhaus zu laufen: Es geht einfach nicht.

    Gruß, Frosch

     
  4. Volker König

    10. April 2015 at 19:06

    Ich fahre grade aus Franken heim. Als wir letzten Freitag her kamen, zweifelte Herrmann eine Studie an, nach der Bayern überdurchschnittlich ausländerfeindlich sei.
    Scheint am Wochentag zu liegen, wenn er Bullshit äußert.
    Hoffe ich jedenfalls.

     
  5. opalkatze

    10. April 2015 at 19:12

    @frosch
    Die Hinweise sind für Freunde und Verwandte gedacht, damit sie wenigstens wissen, dass es so was gibt. Hat in mehreren Notfällen schon geholfen. Wirklich hülfe nur Aufklärung, damit z. B. ein Ehepartner überhaupt merkt, was mit seinem Lebensgefährten los ist. Aber das ist dank dieser Geschichte ja erst mal wieder durch. Alle wieder ab in die Verschwiegenheit; bravo, liebe Politik.

     
  6. aquasdemarco

    10. April 2015 at 19:49

    Oh, dann wäre es in den Landtagen und im Bundestag bald leer, wenn es auch auf Politiker zutreffen würde.
    Und die Schüler könnten sich teilweise selbst unterrichten.

     
  7. lawgunsandfreedom

    10. April 2015 at 20:24

    Danke, Herr Herrmann, damit kriegt jeder ITler mit Burn-Out/Depressionen Berufsverbot. Unter ITlern ist der Anteil an Leuten mit Asperger ziemlich hoch und die neigen zu so was. Was geht noch? Busfahrer, Lehrer, Beamte, Müllfahrer, usw. So kann man die Infrastruktur auch nachhaltig schädigen.

    Gut, daß es in vielen Städten einen sozialpsychiatrischen Notdienst gibt, der oft schnell und unbürokratisch weiterhelfen kann. Trotzdem gibt’s natürlich zu wenige Therapeuten und was wichtiger ist – zu wenige Gute.

    Noch ’n Tipp, wenn man sich eine ernsthafte Depression zugezogen hat: Versucht SSRI und andere Medikamente gegen Depression zu vermeiden. Die wechselnde „Wirksamkeit“ liegt nur ca. 10% über Placebo und die gar nicht so selten auftretenden Nebenwirkungen können ziemlich gravierend sein (bei Jugendlichen und Leuten mit Asperger oder anderen Autismusformen sogar gehäuft). Außerdem gibt’s inzwischen Forschungen, die belegen, daß SSRI eigentich gar keine positive Wirkung haben und die Pharmafirmen ihre Studien massiv geschönt haben sollen. Gesprächstherapie ist definitiv hilfreicher als die Chemie (da habe ich Erfahrungen – nicht nur im Bekanntenkreis – gesammelt).

    Kurzschlußhandlungen wie Suizid – auch erweiterter Suizid – beim einstellen und absetzen von SSRI kommen weit öfter vor, als in den offiziellen Zulassungsstudien der Pharmafirmen zugegeben wird.

    Da gibt’s eine ausführliche 3-teilige Doku zu:
    https://www.artimus.se/whocaresinsweden.php

    Nebenwirkungen von Antidepressiva:
    http://lexikon.ppsk.de/lexikon/politik/suizidpraevention/

    Rund 5000 Fälle gesammelt:
    http://ssristories.org/old/index1.php

    @opalkatze Wenn der Beitrag nicht passt, oder Du ihn für VT hältst, dann kannst Du ihn gerne löschen. Allerdings habe ich das Problem mit den Psychopharmaka im Bekanntenkreis mehrfach miterlebt. Das sind vielleicht nur Einzelfälle und Zufall, daß das in meinem Umfeld gehäuft auftritt. Es gibt aber inzwischen unabhängige Forschungen, die das bestätigen, auch wenn die noch nicht im Mainstream angekommen sind.

     
  8. opalkatze

    10. April 2015 at 20:32

    @aguasdemarco
    Wieso sollte es irgendeine Gruppe nicht betreffen? Und ich würde wetten, dass Depressionen gerade unter Politikern ziemlich verbreitet sind.

     
  9. opalkatze

    10. April 2015 at 20:35

    @law
    Weißt doch, hier kann jeder seine Meinung sagen, solange er es höflich tut und keine üblen Dinge verbreitet. Wer nicht deiner Meinung ist, kann sich ja wehren oder dich nicht mehr grüßen.

     
  10. opalkatze

    10. April 2015 at 20:36

    @Volker
    Sehe eher einen kausalen Zusammenhang mit dem Erscheinungstermin großer deutscher Presseerzeugnisse. :]

     
  11. aquasdemarco

    10. April 2015 at 21:04

    Ich wollte mir nicht die Mühe machen alle aufzuzählen

     
  12. opalkatze

    12. April 2015 at 15:03

    anonym:

    [Ich habe Vera gebeten, meinen Kommentar anonym schreiben zu dürfen. Ich möchte damit zum einen jegliche Stigmatisierung meinerseits vermeiden, zum anderen bin ich außerstande, mich hinzustellen und öffentlich zu bekunden, psychisch krank zu sein.]

    Den Kommentar von lawgunsandfreedom halte ich zumindest für äußerst fraglich.

    Ich leide seit Jahrzehnten an immer wieder aufflackernden mittelgradigen depressiven Episoden. In frühester Kindheit war ich zum ersten Mal in einer psychiatrischen Klinik, als Jugendlicher ebenso. Mit 18 Jahren habe ich mich verweigert bzgl. der psychiatrischen Kliniken. Statt dessen war ich nun manchmal bei Therapeuten.

    2012 ist eine gesicherte Diagnose erstellt worden: Borderline, mittelgradige depressive Episoden, komplexe posttraumatische Belastungsstörung.

    Der Satz „[…] wenn man sich eine ernsthafte Depression zugezogen hat: Versucht SSRI und andere Medikamente gegen Depression zu vermeiden“ ist in meinen Augen ganz üble Panikmache. Natürlich hilft eine Verhaltenstherapie weitaus besser, aber bis es bei Therapien zu messbaren Wirkungen kommt, vergeht einige Zeit. Dies können Wochen, Monate, evtl. sogar ein ganzes Jahr oder darüber hinaus sein. Jetzt zu sagen, dann taugt der/die Therapeut/in nicht ist zu einfach. Genausogut kann die Störung des Patienten so komplex sein, daß auch die beste Therapie ihre Zeit benötigt, um Wirkung zu zeigen. Und für diese Zeitspanne: Erkennen daß eine behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt und Wirksamkeit der (Verhaltens-)Therapie sind Medikamente fast unumgänglich.

    Ich wohne in Berlin und für mich gibt es – selbst im Großraum Berlin – nur sehr wenige infrage kommende Therapeuten, nämlich genau acht! Glücklicherweise habe ich jetzt, nach Suche und mehrjähriger Warterei auf einen freien Platz, eine Therapeutin gefunden, mit der ich nun auch schon knapp 15 Stunden hatte.

    Ich nehme seit einigen Jahren Elontril und möchte wirklich nicht wissen, wie es ohne Medikamente ausgegangen wäre.

    Kurz noch zu http://lexikon.ppsk.de/
    Autor der Website ist Dr. Hans Ulrich Gresch. Er schreibt selbst „Der Verfasser berät oder behandelt keine Menschen, die sich als psychisch krank empfinden.“ Wie er dann allerdings zu seinen Aussagen kommt, würde mich schon interessieren. Er ist – in meinen Augen – ein typischer Verschwörungstheoretiker. Hypnose ist z. B. ohne freiwillige Einwilligung nicht möglich, selbstverständlich sagt der Verschwörungstheoretiker das Gegenteil. Und wenn ich dann lese, er sei auch noch „Heilpraktiker für Psychotherapie“ …

     
  13. lawgunsandfreedom

    12. April 2015 at 16:57

    @anonym
    Well, ich habe in meinem Beitrag geschrieben, daß ich im Bekanntenkreis mehrere Personen mit Burn-Out und Depressionen habe. Die meisten sind auch Aspies (ärztlich diagnostiziert). Ganz anderes Krankheitsbild als bei Dir. Daß es speziell für Dich wenige Therapeuten gibt, wundert mich nicht. Wenn Du meinst, daß Dir das Medikament geholfen hat, dann ist das so. Punkt.

    Man sollte aber im Bewusstsein behalten, daß dem Placebo-Effekt, je nach Versuchsanordnung, zwischen 20 und 70% „Wirksamkeit“ attestiert wird und ein Medikament zugelassen werden kann, wenn es 3% über Placebo-Effekt bei der vorgeschriebenen Doppelblindstudie liegt. Das sind die offiziellen Zulassungskriterien, die man im Arzneimittelgesetz nachlesen kann. In einer reinen Placebo-Doppelblindstudie wurde festgestellt, daß Placebos eine „Wirksamkeit“ von erstaunlichen 47% haben, was von anderen Forschern, in ähnlichen Versuchs-Setups, bestätigt werden konnte. Gibt genügend Berichte – auch in den Mainstream-Medien – darüber.

    Elontril (Wirkstoff Bupropion) ist übrigens kein SSRI sondern ein NDRI. Ganz andere Baustelle, da völlig anderes Medikament, mit größtenteils anderer Wirkung auf die Gehirnchemie und natürlich teilweise anderen Nebenwirkungen. Ja, ich hätte nicht „und andere Antidepressiva“ schreiben sollen, weil ich vor allem Wissen über SSRI habe, aber nur einen einzigen Fall in meinem Umfeld mit NDRI. Ich habe unzulässig pauschaliert und entschuldige mich dafür.

    Die Nebenwirkungen von Antidepressiva sind ziemlich gut erforscht, aber nicht allgemein bekannt. Beginnend bei den trizyklischen Antidepressiva, über tetrazyklische Medikamente, bis hin zu den SSRI, NDRI und anderen. Zudem gibt es immer noch keine harten, wissenschaftlichen Beweise, daß Depressionen (und alleine auf diese beziehe ich mich) einem Ungleichgewicht der Hirnchemie entspringen. Es gibt mehr als genug seriöse Forscher, die das anzweifeln und auch entsprechende Belege haben. So gut wie alle modernen Antidepressiva können sogar Depressionen auslösen oder verstärken: http://www.ellviva.de/Gesundheit/Elontril-Tabletten-Nebenwirkungen.html

    Dr. Gresch ist klinischer Psychologe (Dipl-Psych). Ja, er hat zusätzlich einen Heilpraktiker-Schein, aber der Mann ist sicher nicht dem VT-Spektrum zuzuordnen. Der ist sehr radikal auf Empirie, vor allem aber auf wissenschaftliche Falsifikation nach Sir Karl Popper eingestellt. Etwas, was man in Psychologie und Psychiatrie eher selten findet und womit Gresch bei seinen Kollegen ziemlich aneckt. (Man braucht sich nur mal die geplanten Änderungen von DSM-IV auf DSM-V anzusehen. Wissenschaftliche Validität und Seriösität sieht anders aus).

     
 
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