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Ist Roboterjournalismus wirklich schlimmer als Maschinenwäsche?

15 Apr

Am Dienstag fand in Frankfurt zum 11. Mal der alljährliche Tag des Online-Journalismus statt. Einen der ausnahmslos informativen und anregenden Vorträge hielt Saim Alkan, der in seiner aexea GmbH Software für die automatisierte Produktion von Online-Texten entwickelt.

Viele Journalisten hören das Wort Roboterjournalismus nicht gerne, und so stellte sich Alkan gleich offensiv vor: „Ich bin der, der als Feind kommt und hoffentlich als Freund geht.“ Er erklärte, was er entwickelt und wohin die Reise gehen soll. Zur Zeit ‚kann‘ seine Software 10 Sprachen und wird hauptsächlich für Routineaufgaben wie Wetter-, Verkehrs- oder Polizeiberichte und Zusammenfassungen von Sportereignissen eingesetzt. Sie soll einmal in 36 Sprachen verfügbar sein und eignet sich besonders für die folgenden journalistischen Aufgaben:

Screenshot HR/FTOJ, Min. 20:09

Screenshot HR/FTOJ, Min. 20:09

Viele Auftraggeber möchten übrigens nicht, dass über ihre Zusammenarbeit mit aexea gesprochen wird. Das bestätigt unausgesprochen die Vorbehalte gegen, aber auch den Diskussionsbedarf über Textautomation in Verlagen und Redaktionen.

Auf die Frage nach möglichen personellen Konsequenzen sagt Alkan, aktuell könnten „50 Prozent der Inhalte einer überregionalen Tageszeitung standardisiert wiedergegeben“ werden. „Wenn das von 50 Prozent der Menschen geschrieben wird, ist es traurig“, allerdings frage sich, „ob das so viel Schaden ist, wenn 50 Prozent der Menschen 50 Prozent der Inhalte schreiben“.

Quelle: HR Hessischer Rundfunk/FTOJ

Die Angst des Journalisten vor der Wegrationalisierung

Fast jeder besitzt eine Waschmaschine, und niemand käme heute noch darauf, die Wäsche mühsam zu schlagen und zu walken. Als meine Familie die erste Waschmaschine bekam, jubelten die Frauen über die schönen Sachen, die sie nun an dem frei gewordenen wöchentlichen Waschtag würden unternehmen können.

Nachdem ich gut die Hälfte meines Lebens in einem Unternehmen für spezialisierte Softwareentwicklung gearbeitet habe, aber erst seit ein paar Jahren „was mit Medien“ mache, fällt mir die Beschäftigung mit gewöhnungsbedürftigen Ideen vielleicht ein bisschen weniger schwer, als vielen meiner heutigen Kollegen. Software war für mich immer etwas, das mir Routinen abnimmt, lästige, ständig wiederkehrende Arbeitsabläufe automatisiert, kurz: die tägliche Arbeit einfacher macht und mir Zeit für neue, interessantere, nützlichere Tätigkeiten schafft.

Journalisten denken etwas anders. Da kommt plötzlich ein Automat auf den Markt, der (wenn er einen gut gepflegten Datenbestand hat) fehlerfrei arbeiten kann, wozu Menschen bekanntlich nicht in der Lage sind. Die Vorstellung vom Beruf des Coders (oder, altmodisch, des Programmierers) mag bei Jüngeren eine ziemlich genaue sein, in älteren Köpfen spuken jedoch noch Bilder von pizzavernichtenden riesenbebrillten Nerds bis zu knochentrockenen Technokraten herum, die in Sprechblasen aus Nullen und Einsen kommunizieren, wenn überhaupt. Datenpflege ist jedenfalls etwas, das mit originär journalistischer Arbeit aber schon gar nichts zu tun hat und folglich auch nicht in die journalistische Zuständigkeit fällt.

Können wir uns so eine Einstellung noch leisten?

Nun, man hat es nicht gerne, dass einem irgendwelche Maschinen die Arbeit abnehmen, macht aber unbewusst doch einen Unterschied zu elektrischen oder elektronischen Haushaltshelfern. Das erinnert ein wenig an die lange Zeit der Gewöhnung an Twitter: Die dagegen sind, sagen, in 140 Zeichen könne man sich unmöglich präzise ausdrücken, während die Befürworter meinen, die Kürze zwinge erst recht zur Prägnanz. Abgesehen von denen, die daraus eine sture Glaubensfrage machen, weil sich Vorurteile so schön darauf fokussieren lassen, haben sich mittlerweile alle so weit beruhigt, dass Twitter wenigstens nicht mehr als Hauptkampflinie gilt.

Delegieren lernen

Zu den Vorbehalten gegen Textautomation haben auch Journalisten beigetragen, die sich für Datenjournalismus begeistern, in ihrem Überschwang aber versäumten, die skeptischen Kollegen mitzunehmen und sie mit sehr speziellen Diskussionen verschreckten. DDJ, Data Driven Journalism, hört sich auch, zugegeben, ein bisschen nach wild gewordener Kampfmaschine an, dabei fristen die armen Rohdaten ohne kundige Menschen doch nur ein ganz und gar harmloses, farb- und geruchloses Dasein. Immerhin hat es trotz Krise Jahre gedauert, bis traditionelle Journalisten begannen, sich für die unschätzbaren Möglichkeiten der Datenvisualisierung zu erwärmen – das, obwohl auch vor dem Internet jeder den Wetterbericht angeschaut hat. Die eben errungene Akzeptanz steht bereits wieder zur Disposition, seit das böse Wort von der Allmacht der Algorithmen in Mode gekommen ist. Und vielleicht spielt auch die alte Konkurrenz zwischen Geisteswissenschaftlern und Praktikern eine kleine Rolle; schließlich hat niemand Politologie studiert, um nachher Datenbanken zu pflegen.

Können wir uns so eine Einstellung leisten?

Berufe verändern sich [das abwertende „Jobs“ mag ich nicht benutzen], wir scheinen uns dem – Gewohnheitstiere, die wir sind – aber nur ungern anzupassen. Es mögen sich doch all die fragen, die immer schon zu Weiterbildungen oder in den Bildungsurlaub gereist sind, was sich denn, verflixt noch mal, geändert hat? Sich über Daten Gedanken zu machen – etwa, welcher Pflege sie bedürfen, wie man sie nutzbringend auswerten und verknüpfen kann -, war lange Zeit Sache der Agenturen, die diese Probleme spätestens mit Einführung der elektronischen Kommunikation angegangen sind und stetig weiter an Verbesserungen arbeiten. Jetzt aber hat fast jeder außer den Hardcore-Verweigerern irgendein Device bei sich, mit dem in kurzer Zeit und mit minimalem Aufwand ganze Reportagen verfasst und aufbereitet werden können.

Fehlen wirklich irgendwem die Ü-Wagen? Ja, die Arbeit müssen wir jetzt selber machen, da ist nicht mehr die Kollegin vom Ton oder der Kollege vom Schnitt, die sie uns abnehmen. Umso folgerichtiger, dass wir künftig anderswo Entlastung suchen und uns besonders lästig wiederzukäuende Arbeiten von anderer Stelle abnehmen lassen. Wer jetzt sagt, er schreibe aber wirklich am aller-, allerliebsten den Verkehrsbericht – ja nun. Es gibt auch dafür Bedarf. Er ist verschwindend gering. Vermutlich wird aber auch dieser Kollege nicht mehr von Hand waschen.

 
17 Kommentare

Verfasst von - 15. April 2015 in Journalismus, Kultur, Medien, Wissen

 

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17 Antworten zu “Ist Roboterjournalismus wirklich schlimmer als Maschinenwäsche?

  1. AlterKnacker

    15. April 2015 at 16:48

    Wenn ich an ÜBERSETZUNGEN von Google und/oder MICROSOFT denke, dann bleibe ich doch beim altbewerten EIGENDENKEN und somit EIGENSCHREIBEN …

     
  2. opalkatze

    15. April 2015 at 16:55

    @AlterKnacker
    Nein, das kannst du nicht vergleichen (Vortrag bitte anhören und -sehen, gute Beispiele).

     
  3. latita

    15. April 2015 at 17:03

    Wenn der Roboter so weit fortgeschritten ist, dass er über aktuelle individuelle Ereignisse berichten kann, dann werden vielleicht auch wieder journalistische Standards und Regeln eingehalten :)

     
  4. opalkatze

    15. April 2015 at 18:38

    Das würd ich jetzt nicht beschwören. Eine Maschine kann immer noch nur das, was man ihr beibringt. ,)

     
  5. Markus

    15. April 2015 at 21:31

    Hab mir von der PR Veranstaltung nur die ersten Mintuen gesehen und mir den Rest erspart.
    Dafür ist mir die Zeit zu Schade.

    Die Angst vor Wegrationalisierung ist berechtigt.
    Heute sind es noch Wetter- und Verkehrsberichte.
    Schon morgen sind es anspruchsvollere Texte.
    Wieviele Journalisten braucht man dann noch?
    Seit Snowdens Enthüllungen ist alles technisch Denkbare auch machbar – und damit früher oder später bittere Realität.

    Entlastung von Routinaufgaben?
    Zwangsäufig auf Kosten von Stellen!
    War immer so, wird immer so bleiben, weil das der ganze Sinn des Systems ist.

    Vom Waschmaschinenvergleich ganz zu schweigen…..

     
  6. Zeilenende

    15. April 2015 at 21:33

    Danke für den Input, den Vortrag werde ich mir anhören, wenn ich munterer bin. Aber Skepsis und Neugierde sind schonmal geweckt, weil ich dem Delegierenlernen gern zustimme, bei manchen Themen-Potentialen des Robo-Journalismus hingegen spontane Widerspruchslust gespürt habe. Aber erstmal Zeit nehmen.

     
  7. opalkatze

    15. April 2015 at 22:08

    @Markus
    Sind die Stellen bei G+J oder Funke (etc.) wegen Textautomation gestrichen worden? Siehste. Dass Verlage nicht mehr in Journalismus investieren, hat viel gravierendere Folgen.

    Mit jeder neuen Technologie sind hier Stellen weggefallen, dafür anderswo entstanden. Natürlich sind Ängste berechtigt. Wenn man sich aber für Neuerungen lieber gar nicht erst interessiert, weil ja doch alles Käse oder eben PR ist, vergisst man wohl auch: Neugier ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für guten Journalismus.

     
  8. opalkatze

    15. April 2015 at 22:15

    @Zeilenende
    Ich glaube nicht, dass gute, neugierige Journalisten überflüssig werden. Die Frage lautet eigentlich: Wie lange ist eine demokratische Gesellschaft ohne vielfältigen informierenden, einordnenden, auch meinungsstarken Journalismus lebensfähig? Da muss man über ganz andere Sachen nachdenken.

     
  9. write2gether (@write2gether)

    16. April 2015 at 10:38

    Den Vortrag habe ich gestern auch mit großem Interesse verfolgt. Der Witz ist ja der, dass sich vor allem die Texte hervorragend halb- oder vollautomatisieren lassen, mit denen sowieso kein Geld mehr zu verdienen ist. Es handelt sich ja – logisch – immer um Zweitverwertung von Infos, die sowieso bereits im Netz oder anderen Datenquellen vorhanden sind. Das sind genau die Commodity-News, für die es keine zahlenden Kunden mehr gibt und deren Neuigkeitswert auch Minuten später schon wieder verblasst.
    Wenn man es betriebswirtschaftlich betrachtet, werden damit Ressourcen frei für höherwertige journalistische Tätigkeiten. Wo momentan ein Verleger noch in Personal investieren muss, um die gute alte Basis-Versorgung aufrechtzuerhalten, kann er das Geld künftig in differenzierende Produkte investieren, z.B. in Eigenrecherche, Interviews, Reportagen etc. Ich weiß nicht, was daran schlecht sein soll. Die Automatisierung von allem, was sowieso nur Commodity ist, kann nur helfen.
    Falls es Journalisten geben sollte, die nie etwas anderes gemacht haben als eben diese schablonierten Schreibleistungen herunterzuschrubben und „richtigen“ Journalismus gar nicht im Repertoire haben, dann bekommen die jetzt nur das Problem, das sie immer schon gehabt haben: Sie haben die Berufsbezeichnung „Journalist“ getragen, aber nie ausgefüllt.

     
  10. opalkatze

    16. April 2015 at 10:55

    @write2gether
    Tief empfundenes „ja“. Ist aber schwierig in die Köppe zu kriegen, scheint mir. Hatte ein paar böse Mails von Leuten, die nicht mal Beispiele gesehen haben, aber das alles per se schlecht finden. Zumindest befassen sollte man sich damit (siehe auch https://opalkatze.wordpress.com/2015/04/15/ist-roboterjournalismus-wirklich-schlimmer-als-maschinenwasche/comment-page-1/#comment-17687).

     
  11. Daniel Schultz

    16. April 2015 at 22:34

    Danke für das Teilen des Vortrags und die Einschätzung dazu. Das Beispiel mit den Waschmaschinen finde ich insofern nicht passend, da die Journalisten sich mehr über die Tätigkeit definieren als das es eine Last wäre. Im Gegensatz dazu habe ich rückblickend den Eindruck, dass die technischen Errungenschaften geschickt beworben wurden: Wenn die Frau jetzt noch dieses oder jenes technische Gerät bekommt, kann sie sich mehr um den Mann kümmern und sich für ihn hübsch machen. Der Mann sollte ja schließlich das Geld dafür auf den Tisch legen. Insofern war die Einführung von Tecknik nicht mit einem möglichen Anerkennungsverlust verbunden. Außerdem stand dabei nicht zur Diskussion, die Frauen könnten durch Maschinen ersetzt werden.

    Vielleicht hängen manche auch am Bratwurstjournalismus und haben daher Vorbehalte.

     
  12. opalkatze

    17. April 2015 at 10:15

    @Daniel
    Ja, vielleicht hätte ich mir was mit Autos als Vergleich suchen sollen, aber ich bin immer für einfach.

    Mich stört an den verbreiteten Einwänden, dass dahinter sehr viel Besitzstandswahrung und sehr wenig Pragmatismus zu stehen scheint. Es ist in Ordnung, dass Menschen Angst vor dem Verlust ihres angestammten Betätigungsfeldes haben, aber die Augen zuzumachen und einfach nicht hinzugucken, löst kein einziges Problem – die Neuerungen kommen trotzdem, dann setzt man sich besser damit auseinander.

    Das ist noch so eine Sechzigerjahredenke, dass jetzt die Roboter (in den Fertigungen) kommen und alle Arbeiter ersetzen. Die sich damals neu orientierten (was in Teilen von der öffentlichen Hand unterstützt wurde), haben den Wandel einigermaßen knautschfrei überstanden; das gilt genauso für die Einführung der EDV etwas später.

    Ich sehe nicht ein, weshalb für studierte Leute andere Maßstäbe gelten sollten, das ist schon lange bloß noch Wunschdenken. Der Wert der Arbeitskraft wird nicht (mehr) durch hehre Geistesleistungen definiert – gegen die Verflachung hat sich aber kaum einer gewehrt, weil es common sense war, dass Geistesarbeiter „immer“ besser gestellt waren als einfache Arbeiter. Und wenn etwas immer so war, wird es auch so bleiben. Wer so denkt – was ich bei Journalisten erschreckend finde -, muss sich an die eigene Nase packen, aber nicht Automaten die Schuld geben. Das muss man nicht gut finden, es ist einfach so.

     
  13. Markus

    17. April 2015 at 10:44

    @opalkatze
    „Mit jeder neuen Technologie sind hier Stellen weggefallen, dafür anderswo entstanden…“

    Aber nicht 1:1 – und das ist der Punkt.
    Zurecht zucken deshalb die Menschen bei „Neuerungen“ oder „Reformen“ zusammen.
    Den eigentlichen Profiteuren (den Investoren) geht es ziemlich gut. Aber auch nur denen.

    Wo war die journalistische Neugier zu diesem Themengebiet?
    Dürfen sie überhaupt noch neugierig sein?
    Hier liegt wohl das eigentliche Problem.

     
  14. opalkatze

    17. April 2015 at 10:58

    @Markus
    Natürlich nicht 1:1, denn die, die sich nicht neu orientieren wollten, muss man ja schon mal abziehen. Über Verleger schreibe ich immer wieder, das war hier nicht das Thema.

     
  15. nilzeitung

    29. April 2015 at 00:26

    Hat dies auf Nilzeitung rebloggt.

     
 
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